Spielplan 2018/2019

»Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.« Das ist die Lage für Prinz Leonce zu Beginn des Lustspiels »Leonce und Lena« von Georg Büchner. Am Ende des Stückes versinkt die ehrwürdige und langweilige Ordnung im Chaos und die Marx’sche Utopie der klassenlosen Gesellschaft (»heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden«) ist nur als Parodie denkbar, die der Diener Valerio in einem »Dekret« formuliert, indem »jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird«. Büchner nimmt im Jahre 1836 den ultimativen Hippie-Traum der Sixties vorweg: »Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur noch nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht«.

Man kann nicht umhin, im Jahr 2018 die gesellschaftlichen Umbrüche von 1848, 1918 und 1968 gedanklich zu streifen und die Frage zu stellen, was denn geworden ist aus den Träumen, für die so viele Menschen gekämpft und sogar ihr Leben gelassen haben. Und was sagt uns heute die Parole »Phantasie an die Macht«, die während der Pariser Mai-Unruhen 1968 an den Wänden der Universität Sorbonne auftauchte und die der Philosoph Jean-Paul Sartre nicht ohne Bewunderung als neue Handlungsqualität der jungen Generation protestierender Studenten zuschrieb. Auch im Jahr 2018 manifestiert sich ein Auf- und Ausbruch: weg von der analogen Welt in die digitale, in die Welt der Versprechungen von künstlicher Intelligenz, Robotik und universeller »Smartheit«. Neugierig wie immer spürt das Stadttheater diesen alten und neuen und Noch-Nicht Welten ebenso nach wie den verschlungenen Wegen der Phantasie und schließt sich den nicht schlechtesten Wanderführern an: Georg Büchner und Paul Lincke etwa mit seiner phantastischen Operetten-Reise zum Mond, Carl Zuckmayer (»Der Hauptmann von Köpenick«) oder Roland Schimmelpfennig, dessen hoch-poetisches Schauspiel »Die arabische Nacht« wie die wunderbare Erfüllung des Spielzeitmottos »Phantasie an die Macht« erscheint.

In Stücken, Projekten und »Down-Towns« spürt das Stadttheater der Frage nach, was war, wenn der Wille der Phantasie zur Macht aufbrach (»achtundsechzig« von Tobi Hofmann, »Träumer« – ein Down-Town über den Versuch der Dichter in der Münchner Räterepublik, die Geschicke der Gesellschaft zu bestimmen), was wurde aus den Phantasien der Sechziger (Houellebeque‘s »Ausweitung der Kampfzone«) oder was passieren kann, wenn die Phantasie sich z.B. bei zwei wunderbaren Polizisten hartnäckig weigert zu erscheinen (»Frohes Fest«). Oder wenn Phantasie tatsächlich wahr wird, anders, zu spät, zum Sterben schön (»Emmas Glück«).

Für das Junge Theater gilt die Forderung »Phantasie an die Macht« erst recht: Es ist deprimierend zu sehen, wie so oft im Zuge des Erwachsenwerdens die Phantasie verkümmert und vertrocknet zugunsten scheinbar pragmatischer Lebensentscheidungen. Dabei sind Phantasie und Kreativität entscheidende Eigenschaften für die Entwicklung von Persönlichkeit und damit auch für die Zukunft unserer Gesellschaft. Google und Amazon wissen das schon längst.

Mit dem Stück »Was heißt hier Liebe?« des Theaters Rote Grütze steht DER Klassiker des 68er Theaters auf dem Spielplan! Mutig und frech und für jede Generation immer wieder neu leistet dieses Stück nicht nur sexuelle Aufklärung und trägt bei zum selbstbewussten und angstfreien Erwachsenwerden. Denn das ist die Botschaft von »Phantasie an die Macht«: Die graue Welt bunt machen, angstfrei und offen in die Zukunft blicken,  gesellschaftspolitische Verknöcherungen aufbrechen und Engstirnigkeit, Kleingeistigkeit, Dumpfheit und Ressentiments mutig und unkonventionell bekämpfen. Phantasie an der Macht ist Voraussetzung für eine offene Gesellschaft. Das galt 1968 und gilt heute.

Die altgriechische Bedeutung des Begriffs »Phantasie« changiert im Deutschen zwischen »Traumgesicht« und »Gespenst«. Die MitarbeiterInnen des Stadttheaters haben sich eindeutig für die erste Bedeutung der deutschen Übersetzung entschieden, wenn sie über den Neubau der »Kammerspiele« phantasieren. Auch das stand an den Wänden 1968 in Paris: Le rêve est réalité. (Der Traum ist Wirklichkeit.)

                                                                                                                                      

Viel Spaß in der Spielzeit 2018/19 wünscht

 


Knut Weber

 

Großes Haus:

 

Leonce und Lena

Lustspiel von Georg Büchner

Regie: Christoph Mehler

Premiere: 29. September 2018

 

Frau Luna

Operette von Paul Licke

Regie und Musikalische Leitung: Tobias Hofmann

Premiere: 20. Oktober 2018

 

Frohes Fest

Schwarze Komödie von Anthony Neilson

Regie: Jochen Schölch

Premiere: 29. November 2018

 

Kleiner Mann – was nun?

Nach dem Roman von Hans Fallada

Regie: Brit Bartkowiak

Premiere: 01. Februar 2019

 

Antigone

Tragödie von Sophokles

Regie: Kathrin Mädler

Premiere: 22. Februar 2019

 

Siegfried – Der Weg des Helden (UA)

Musik: Bonfire • Text: Donald Berkenhoff

Regie: Donald Berkenhoff • Musikalische Leitung: Hans Ziller

Uraufführung: 29. März 2019

 

Die Arabische Nacht

von Roland Schimmelpfennig

Regie: Caroline Stolz

Premiere: 04. Mai 2019

 

Kleines Haus:

 

Gras drüber – Raising Martha (DSE)

Komödie von David Spicer

Regie: Sebastian Kreyer

Deutsch von Adina Stern

Premiere: 12. Oktober 2018

 

Achtundsechzig (UA)

Eine musikalische Gemengelage von Tobias Hofmann

Regie: Tobias Hofmann

Uraufführung: 06. Dezember 2018

 

Ausweitung der Kampfzone

Schauspiel nach dem Roman von Michel Houellebecq

Regie: Barish Karademir

Premiere: 31. Januar 2019

 

Skin Deep Song

Drama von Noah Haindle

Regie: Alexander Nerlich

Premiere: 22. März 2019

 

Irgendwie Anders (UA)

Singspiel für alle ab 6 Jahren nach dem Bilderbuch von Kathryn Cave und Chris Riddell • Musik: Nina Wurman • Libretto: Jean-Michel Räber

Regie: Knut Weber

Uraufführung: April 2019

 

Studio:

 

Emmas Glück

Nach dem Roman von Claudia Schreiber

Buch und Regie: Heiner Kondschak

Premiere: 06. Oktober 2018

 

Hildegard Knef: Für mich soll's rote Rosen regnen

Ein Liederabend

Regie: Mona-Julia Sabaschus

Premiere: Oktober 2018

 

Lauf doch nicht immer splitternackt herum

Farce von Georges Feydeau

Regie: Miguel Abrantes Ostrowski

Premiere: 07. Dezember 2018

 

Freilichtbühne im Turm Baur:

 

Der Hauptmann von Köpenick

Ein deutsches Märchen in drei Akten von Carl Zuckmayer

Regie: Andreas von Studnitz

Premiere: 28. Juni 2019

 

Gastspiele:

 

 

Dance Company Nanine Linning

Bacon

Choreografie: Nanine Linning

Musik: Jacob ter Veldhuis

Ab 13. Oktober 2018

 

Tatarische Staatsoper Kasan

Der Nussknacker

Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowski mit einem Libretto von Marius Petipa

Inszenierung: Rafael Samorukov & Vladimir Yakovlev

Ab Dezember 2018

 

Stadttheater Brno (Brünn)

Saturday Night Fever

Discomusical von Robert Stigwood, Bill Oakes, The Bee Gees und Ryan McBryde

Regie: Stanislav Moša

Ab 04. Januar 2019

 

Staatstheater Meiningen

Schwarzwaldmädel

Operette in drei Akten von Leon Jessel • Libretto von August Neidhart

Musikalische Leitung: Mario Hartmuth • Regie: Tobias Rott

Ab 16. Januar 2019

 

Staatstheater Meiningen

Tosca

Melodramma in drei Akten von Giacomo Puccini • Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem Drama »La Tosca« von Victorien Sardou • in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Chin-Chao Lin • Regie: Ansgar Haag

Ab 16. April 2019

 

Salzburger Landestheater

La Gazzetta

Dramma per musica in zwei Akten von Gioachino Rossini • Libretto von Giuseppe Palomba

Ab Juni 2019

 

Werkstatt/Junges Theater

 

Gegen den Hass (UA)

Eine Projektentwicklung von Mia Constantine nach dem gleichnamigen Essay von Carolin Emcke • 15+

Regie: Mia Constantine

Premiere: 05. Oktober 2018

 

Eine Woche voller Samstage

von Paul Maar • Wintermärchen • 6+

Regie: Julia Mayr

Premiere: 10. November 2018

 

Mein ziemlich seltsamer Freund Walter

von Sibylle Berg  • 8+

Regie: Donald Berkenhoff

Premiere: 01. Dezember 2018

 

Jump_Spring! (UA) (Arbeitstitel)

Auftragsstück von Reihaneh Youzbashi Dizaji • 11+

Regie: Reihaneh Youzbashi Dizaji

Uraufführung: Januar 2019

 

Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen

Kinderstück von Toon Tellegen • 3+

Regie: Linda Göllner

Premiere: Februar 2019

 

Was heißt hier Liebe?

Ein Spiel um Liebe und Sexualität • Für Leute in und nach der Pubertät vom Theater Rote Grütze • 13+

Regie: Ekat Cordes

Premiere: April 2019