Spielplan 2017/2018

Wir sind das Volk. Die wenigsten von denen, die diesen Satz so gerne und so aggressiv herausgrölen, dürften wissen, dass Georg Büchner, der große deutsche Dichter, diesen Satz erstmalig verwendete. Im Revolutionsdrama »Dantons Tod« argumentiert damit ein Bürger in schwindelerregender Logik gegen den Jakobiner Robespierre (»Der Wille des Volkes ist das Gesetz«). Das Volk besteht aus vielen Einzelnen und diese Einzelnen sind außerordentlich verschieden. Jeder einzelne Mensch repräsentiert das Volk. So sieht das auch die Bundeskanzlerin (»Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt.«). Wer mit dem Satz ein politisches Mehrheitsrecht in Anspruch nimmt, verwendet ihn populistisch-demagogisch, wie etwa der neue US-Präsident. Oder meint eigentlich: Völkisch.
Wie die AFD.
Auftritt: Georg Büchner. Der Autor Thomas Köck konfrontiert ihn in seinem sprachfuriosen Stück »kudlich« mit dessen eigener Revolutionsgeschichte. Und der Autor Köck wird in seinem eigenen Stück vom Volk zynisch gefragt, ob er denn auch so einer sei, der das Volk gegen ein anderes austauschen möchte. Das Volk spielt in dieser »anachronistischen puppenschlacht« eine Hauptrolle: Der historische Bauernführer Hans Kudlich forderte 1848 das Ende der Leibeigenschaft (und musste später, ausgerechnet, nach Amerika fliehen); die Leibeigenschaft wurde abgeschafft – aber die Bauern brauchten Kredite für ihre Höfe. Die Abhängigkeit von der Bank ersetzte die Leibeigenschaft. Das Stück ist eine gewaltige historische Travestie von 1848 bis heute. Als deutsche Erstaufführung ist es in der Spielplandramaturgie ein Kernstück.
Im »Fall der Götter« erleben wir den unglaublichen Aufstieg einer Industriellenfamilie »im Namen des Volkes«. In »Stella« sehen wir die atemraubende Geschichte einer Metamorphose vom Opfer zur Täterin; und »Hiob« ist die herzergreifende Menschenerzählung einer Flucht von Europa nach Amerika, eine Geschichte von Trauer und Erlösungshoffnung, von Entwurzelung und dem Verlust von kultureller Identität.
Das Theater und seine Autoren zeigen die Geschichten und Schicksale einzelner Menschen. In diesen Geschichten spiegeln sich eine Zeit und eine Gesellschaft, wird der »Natur«, wie Hamlet sagt, der Spiegel vorgehalten. Nicht nur in den Stücken über Herrn Biedermann oder Macbeth, auch in Komödien wie »Der nackte Wahnsinn« oder »Pension Schöller« spiegelt sich der Wahnwitz einer Gesellschaft. Das Theater ist reich an Geschichten und Erzählungen. Weil Erzählungen und Geschichten zum Menschsein gehören, wird es Theater geben, solange es Menschen gibt. Die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden, verändert sich. Auch die Räume, in denen »erzählt« wird. Aber die »Geschichte«, die »Fiktion«, das Eintauchen in fremde Welten und die fantasievolle Entdeckung und Erweiterung des eigenen Ich – das alles wird bleiben.
Insofern ist der Neubau der Kammerspiele eine fantastische Chance, einen Theaterraum für die Zukunft zu entwickeln. Ein Raum, der den neuen Anforderungen von Publikumserwartungen und Theaterleuten gleichermaßen gewachsen ist.
Ein offenes und transparentes Haus für die Bürgerschaft, das Spiel und Gespräch, Handwerk und neue Technologie, Probe und Partizipation für alle Generationen ermöglicht.
In Ingolstadt hat sich ein tolles Ensemble gefunden. Wenn ich das richtig sehe, wird die Theaterarbeit in dieser Stadt vom Publikum gemocht und geschätzt. Jedenfalls sagt uns das (nicht nur) die seit Jahren in etwa gleich bleibend hohe Zuschauerzahl. Dass jetzt endlich auch die Arbeitsbedingungen von Ensemble, Abteilungen und Gewerken durch den Neubau deutlich verbessert werden können, ist hoch erfreulich. Nur ein Fußballverein mit guter Infrastruktur und Sorgfalt für die Spieler und die Spielkultur hat langfristig eine Chance. Das versteht jeder. Letztendlich ist eine Investition in Kultur ja eine Investition in diejenigen, die diese Institutionen beleben – also in Künstler und das Publikum. Die Ingolstädter Bevölkerung ist der große Gewinner vom Neubau der Kammerspiele und der Generalsanierung des Stadttheaters. Also: das Volk. :-)

 


Knut Weber

 

Großes Haus:

 

Der Fall der Götter

Nicola Badalucco/Enrico Medioli/Luchino Visconti • für die Bühne bearbeitet von Tom Blokdijk

Regie und Bühne: Donald Berkenhoff

Premiere: 06. Oktober 2017

 

Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm

Ein deutsches Singspiel

Musik: Wolfgang Böhmer • Text: Peter Lund

Regie: Brian Bell • Musikalische Leitung: Walter Lochmann

Premiere: 21. Oktober 2017

 

In einem tiefen dunklen Wald

von Paul Maar

Regie: Tobi Hofmann

Premiere: 18. November 2017

 

Der nackte Wahnsinn

Komödie von Michael Frayn

Regie: Caroline Stolz

Premiere: 09. Dezember 2017

 

Lulu

Eine Monstertragödie in zwei Teilen • von Frank Wedekind

Regie: Frank Behnke

Premiere: 26. Januar 2018

 

Hiob

nach dem Roman von Joseph Roth • Bühnenfassung: Koen Tachelet

Regie: Jochen Schölch

Premiere: 17. Februar 2018

 

kudlich (DE)

von Thomas Köck • Projekt von Michael Simon und Tilman Neuffer

Regie und Bühne: Michael Simon • Dramaturgie: Tilman Neuffer

Premiere: 23. März 2018

 

Pension Schöller

von Carl Laufs / Wilhelm Jacoby • Schwank in drei Akten

Regie: Folke Braband

Premiere: 28. April 2018

 

Kleines Haus:

 

Biedermann und die Brandstifter

von Max Frisch • Ein Lehrstück ohne Lehre

Regie: Robert Besta

Premiere: 14. Oktober 2017

 

Dreamtime – Das schottische Stück

Ein Theaterspektakel nach Motiven von Shakespeares »Macbeth« • Musik und Songs: Martyn Jacques (The Tiger Lillies)

Regie: Knut Weber • Musikalische Leitung: Matthias Flake

Premiere: 8. Dezember 2017

 

Wasted

von Kate Tempest • Deutsch von Judith Holofernes

Regie: Donald Berkenhoff • Musikalische Leitung: David Rimsky-Korsakow

Premiere: 27. Januar 2018

 

Asche zu Asche//Tiefparterre//Stummer Diener

von Harold Pinter

Regie: Mona-Julia Sabaschus/Boris Brandner/Andreas Binner

Premiere: 27. April 2018

 

Studio:

 

Das lange Nachspiel einer kurzen Mitteilung (DSE)

 

von Magne van den Berg • (De lange nasleep van een korte mededeling) • Übersetzt von Eva M. Pieper

Regie: Maaike van Langen

Premiere: 13. Oktober 2017

 

Heilig Abend – 90 Minuten vor 12

von Daniel Kehlmann

Regie: N.N.

Premiere: 2. Dezember 2017

 

Turm Baur:

 

Der Besuch der alten Dame

von Friedrich Dürrenmatt • Eine tragische Komödie

Regie: Ansgar Haag

Premiere: 22. Juni 2018

 

Downtown:

 

Am Boden

von George Brant

Regie: N.N.

Premiere: 25. November 2017

 

Der futurologische Kongress

 

Frühjahr 2018

 

Musiktheater Gastspiele:

 

Konzertdirektion Landgraf

Hairspray – Das Broadway Musical

Musik von Marc Shaiman • Buch von Marc O’Donnell, Thomas Meehan • Liedtexte von Scott Whittman, Marc Shaiman • Deutsche Fassung von Jörg Ingwersen (Dialoge) und Heiko Wohlgemuth (Songs)

Basierend auf dem New Line Cinema Film, Drehbuch und Regie JOHN WATERS

Regie: Katja Wolff • Musikalische Einstudierung und Leitung: Heiko Lippmann • Choreografie: Christopher Tölle • Bühnenbild: Jan Freese

24 Darsteller, ca. 14 Musiker

Ab 27. November 2017

 

Stadttheater Brno (Brünn)

Titanic

Peter Stone & Maury Yeston • Schicksals-Musical

Regie: Stanislav Moša

Ab 04. Januar 2018

 

Theater Regensburg

Un ballo in maschera (Ein Maskenball)

Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi (1813–1901) • Dichtung nach Eugène Scribes Drama »Gustave III. ou le bal masqué« von Antonio Somma • In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Tetsuro Ban • Inszenierung: Matthias Reichwald

Ab 02. März 2018

 

Gauthier Dance Stuttgart

Nijinski

Musik: Frédéric Chopin, Alexander Glazunow, russische Volksmusik und russischer Punk

Choreografie: Marco Goecke

Ab 08. März 2018

 

Das Meininger Theater / Südthüringisches Staatstheater

Così fan tutte, ossia La scuola degli amanti (So machen's alle, oder Die Schule der Liebenden)

Wolfgang Amadeus Mozart • Dramma giocoso in zwei Akten • Text von Lorenzo da Ponte • In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Mario Hartmuth • Regie: Anthony Pilavachi

Ab 15. Mai 2018

 

Bayerisches Staatsballett

Portrait Wayne McGregor - Borderlands/Kairos/Kreation

Musik von Joel Cadbury und Paul Stone/Musik von Max Richter • Auftragschoreografie für das Bayerische Staatsballett

Choreografien: Wayne McGregor

Ab 06. Juni 2018

 

Werkstatt/Junges Theater

 

Rette Welt wer kann (UA)

Eine Projektentwicklung über Klimawandel, Verantwortung und Nachhaltigkeit  • 12+

Regie: Mia Constantine

Premiere: 07. Oktober 2017

 

Bessermenschen (Arbeitstitel) (UA)

Eine Science Fiction Tanztheater Ko-Produktion von SETanztheater, Nürnberg und dem Jungen Theater Ingolstadt • 10+

Regie und Choreografie: Sebastian Eilers

Premiere: 04. November 2017

 

Die Leiden des jungen Werther

von Johann Wolfgang von Goethe  • 14+

Regie: Julia Mayr

Premiere: 22. Dezember 2017

 

Die erstaunlichen Abenteuer der einzigartigen, ungewöhnlich spektakulären, grenzenlos mirakulösen Maulina Schmitt

nach einem Kinderbuch von Finn-Ole-Heinrich • 10+

Regie: Jule Kracht

Premiere: 03. März 2018

 

Dreier steht Kopf

von Carsten Brandau • Ein Sprachspiel über die Ordnung der Welt und wie sie wieder auf den Kopf gestellt werden kann • 4+

Regie: Julia Mayr

Premiere: 21. April 2018