Der Mann der die Welt aß

Schauspiel von Nis-Momme Stockmann

Er selbst inszeniert sich als Aussteiger, die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache: Ein Mann Mitte Dreißig verliert die wichtigsten Anker in seinem Leben. Er verlässt seine Frau und mit ihr die Kinder. Seine Arbeit wird ihm gekündigt. Und zu allem Überfluss sieht er sich auch noch gezwungen, sich um seinen demenzkranken Vater zu kümmern. Der namenlose Mann in ›Der Mann der die Welt aß‹ von Nis-Momme Stockmann sucht zwischen beruflichem Scheitern und Verweigerung gesellschaftlicher Erwartungen nach Orientierung in seinem Leben – und verliert dabei gnadenlos die Kontrolle. Die Menschen um ihn herum brauchen ihn – als Mann, als Vater, als Bruder und als Sohn. Doch genau von diesen emotionalen Anforderungen im Familiendickicht fühlt er sich eingeengt. Je mehr alle von ihm erwarten, desto weniger kann er geben. Kommunikationsversuchen seiner Frau verschließt er sich, an ihn gerichtete Hilferufe ignoriert er – soweit möglich. Einzig und alleine sein Vater fordert ohne Rücksicht die Verantwortung von ihm ein, die zu geben er scheinbar nicht in der Lage ist. Nis-Momme Stockmann beschreibt einfühlsam und berührend den Lebensmoment eines Menschen, der im Teufelskreis der Überforderung nicht mehr zwischen Eigenverantwortung und ihm zugefügten Unrecht unterscheiden kann. Die Ansprüche der Familie lassen sich weniger leicht zurückweisen als die der Gesellschaft. Der Vater zieht bei seinem Sohn ein – mit allen Konsequenzen. Der Mann, den Stockmann in seinem Debütstück nur »den Sohn« nennt, sucht nach Freiheit – und merkt nicht, dass er sie genau deshalb verliert, weil er nicht in der Lage ist, sich seiner Verantwortung zu stellen. So leicht entkommt man seinem Leben nicht. »Stockmann kann etwas Ungewöhnliches. Weil er das Gewöhnliche will. So zeigt er den Schrecken und die Abgründe ganzer Welten als Beziehung, Spannung, Anziehung, Abstoßung, Vernichtung, Sehnsucht, Verzweiflung: zwischen Menschen. Stockmann ist der Sanitäter, der schöne, durchaus poetengesalbte, manchmal kitschgetränkte, immer aber menschenfreundliche Wortwundverbände anlegt. Er ist der Mann, der die Welt schmeckt. Auch wenn nirgends Hoffung ist – wo Stockmann hintritt, wächst Gras. Vielleicht ist es das, was die Theater in hoffnungsarmer Zeit an ihm so entzückt.« (Gerhard Stadelmeier in der FAZ) Nis-Momme Stockmann, 1981 auf Föhr geboren, studierte in Hamburg und im dänischen Odense Medienwissenschaften. 2008 begann er an der Universität der Künste Berlin mit dem Studium ›Szenisches Schreiben‹. Für sein Debütstück ›Der Mann der die Welt aß‹ wurde Stockmann 2009 sowohl beim Heidelberger als auch beim Berliner Stückemarkt mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Seit der Spielzeit 2009/10 arbeitet er als Hausautor für das Schauspiel Frankfurt.
Regie: 
Thomas Oliver Niehaus
Ausstattung: 
Barbara Steiner
Dramaturgie: 
Lene Grösch
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 85 Minuten
Augsburger Allgemeine – 02.05.2011
Worte ändern alles und nichts
(Ingolstadt) Das Reden macht den Menschen zum Menschen. Der Mensch redet über das, was ihn umtreibt, und gleichzeitig treibt ihn das, worüber er spricht, um. Manchmal sind Worte der Auslöser für Taten, manchmal sucht man in der Sprache rückblickend nach deren Sinn. Nicht jede Rede findet dabei ihren Adressaten; aber ein Zuhause für alles Gesprochene, das gibt es: das Theater. In Ingolstadt standen am Wochenende zwei Premieren an, die zeigten, wie zeitlos gültig diese Weisheit ist: ein Stück aus der Gegenwart von Nis-Momme Stockmann, in dem alle Rede scheitert, weil nichts besser wird, und ein Stück aus der Schatztruhe der Überlieferung, Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, in dem auf komödiantische Weise die Liebe und das Reden über die Liebe zu immer neuen Verwicklungen führen. Vor den Shakespeare’schen Liebeshimmeln ging es erst einmal in Stockmanns Höllenwelt. Das sind in „Der Mann der die Welt aß“ (ohne Komma) die anderen und man selbst, in diesem Fall der namenlose Titelheld: gestresster Sohn, eifersüchtiger Ex-Mann, der mit seiner Frau auch die Kinder verlassen hat, überforderter älterer Bruder und – weil er es provoziert hat – seit Jüngstem auch noch arbeitslos. Dieser postmoderne Mann ohne Eigenschaften ist sich selbst mindestens so undurchsichtig wie den anderen. Sein Ausbruchversuch aus der Mechanik des Arbeitsmarkts und der Ehe geht aber gründlich in die Hose. Mit allen Mitteln wird am Protagonisten gezerrt Ralf Lichtenberg gibt bei der Premiere im Kleinen Haus den Aussteiger als unberechenbares Pulverfass. Er findet keinen Ausweg aus den Überresten seiner aufgekündigten Welt: Die Ex-Frau Lisa (Stefanie Breselow), der Freund Ulf (Peter Reisser) und der jüngere Bruder Philipp (Robert Augustin) sitzen an weißen Einzeltischen auf Podesten wie in der Schalterhalle und plärren die Dialoge in Mikrofone. Hinten an der Gardine thronen tragikomisch die Lettern „Out Now“ (Ausstattung: Barbara Steiner). Regisseur Thomas Oliver Niehaus lässt in seiner einfallsreichen Inszenierung mit einem gut aufgelegten, hintersinnigen Ensemble die anderen auf den Tischen herumhämmern und -turnen oder Froschgequake imitieren. Gezerrt wird mit allen Mitteln am Protagonisten. Die ganze Kommunikation kann das Scheitern des Titelhelden nicht verhindern. (Volker Linder)
Kulturkanal – 02.05.2011
kluge, exakte und glänzend gespielte Inszenierung
Der Mann, der die Welt aß ist einer, der sich satt gegessen hat an allem, was uns so wichtig scheint im Leben: super Haus, verständnisvolle Frau, reizende Kinder, gut bezahlter Job. Jetzt sitzt er vor dem leeren Kühlschrank. Der namenlose Protagonist, ein Mann Mitte 30, hat seine Frau und seine Kinder verlassen und seinen Rausschmiss aus der Firma provoziert. Aber die neue Freiheit des Aussteigerlebens gerät zum Fiasko. Es rächt sich, dass er offenbar in seinen Erfolgsjahren verlernt hat, sich in andere Menschen einzufühlen und auf andere Rücksicht zu nehmen. Sein Chef nimmt ihn nicht mehr, weil er die Firma mutwillig im Stich gelassen hat, seine Ex-Frau brüskiert er weiterhin, obwohl auch sie ihn eigentlich gerne wieder aufnehmen würde. Mit seiner beruflichen Selbständigkeit klappt es nicht, weil ihm sein bester Freund eine Bankbürgschaft verweigert, die Erkrankung seines jüngeren Bruders nimmt er nicht ernst, bis es zu spät ist. Und mit der Betreuung seines immer dementer werdenden Vaters ist er hoffnungslos überfordert. Armer Kerl auf Ego-Trip, der kein Gegenweltmodell für sein Aussteigertum hat und nicht kapiert, dass auch in menschlichen Beziehungen alles seinen Preis hat. Wenn du anderen nicht hilfst, ist dir auch nicht zu helfen. Wer sich von Verantwortung, Verlässlichkeit, Mitgefühl freimachen will, steht eben alleine da. Und so ist die Negativ-Spirale dieser Geschichte ziemlich vorhersehbar. Und wären da nicht wunderbare Schauspieler und ein anti-larmoyanter Regiezugriff wäre dies auch ein ziemlich selbstmitleidiger Blick auf die Wohlstands-Generation 30+ :Zuviel Austern gegessen und dann erstaunt über den Eiweiß-Schock jammern. Blöd gelaufen. Der 30jährige Autor Nis-Momme Stockmann kann sich übrigens gerade an Erfolg sattessen. Seit diesem Debütstück, das 2010 in Heidelberg uraufgeführt und an vielen Theatern nachgespielt wurde und seiner Wahl zum Nachwuchsautor des letzten Jahres spuckt er ein Theaterstück nach dem anderen aus. Sechs sind es inzwischen. Denn die Theater sind hungrig nach jungen Dramatikern. Solchen, die so gute, pointierte Dialoge schreiben können wie Stockmann und die Themen der Zeit, Arbeitslosigkeit, Beziehungsunfähigkeit, Altersdemenz aufgreifen – aber möglichst nicht im allzu tristen HartzIV-Milieu. Was ist schon passiert? Die Ex-Frau würde ihn gerne wieder nehmen, der Nachmittag am See war schon länger ohne den Asthmakranken Bruder, und Väter sterben nun mal irgendwann. Eine Prise Zynismus steckt dann doch in Stockmanns Alltagsgeschichte. Regisseur Thomas Oliver Niehaus treibt dem Stück von Anfang an jeden banalen Realismus aus. Sechs Tische für 5 (!) Personen mit Mikrofonen, an denen alle Darsteller – isoliert - in wechselnden Positionen immer präsent sind und mit ihren Aktionen den Kommentar und Subtext der Dialoge liefern. Die Kommunikation läuft in der Realität meist über Telefon mit Hintergrundlärm ab. Hier werden Störgeräusche mit den Handflächen auf dem Tisch getrommelt. Eine irreale Szene gruppiert alle um den geöffnet leuchtenden Kühlschrank. Sie singen sanft und verführerisch mit trügerischer Ironie, als der Aussteiger im Suff endlich einmal zu sich, das heißt zur Wahrnehmung seiner Realität zu finden scheint. Die tragische Geschichte dieses sozialen und menschlichen Abstiegs wird mit Distanz und Witz eingeleitet. Robert Augustin imitiert Fröschequaken und quietschenden Morast, wenn der Aussteiger am Seeufer alte Zeiten wiedererleben will. Komödiantisch ist auch die strenge Choreographie, mit der die Angestellten auf der Stuhlreihe ihrem Chef synchron mit den Blicken folgen, flugs auf die dem Boss zugewandten Stühle wechseln und auch mal zur Wand und zurück sprinten, um ihren dynamischen Einsatz zu beweisen. Man darf lachen und schmunzeln in dieser Aufführung, bevor einen immer wieder und immer stärker die Betroffenheit packt, etwa wenn der Anti-Held seinen nackten, hilflosen Vater schlägt. Rolf Germeroth liefert eine Glanzleistung als treuherzig sanfter, hilfsbedürftiger Vater, der mit pfiffigem Trotz den Sohn mit teuerstem Cognac besticht, ihn penetrant mit Vaterstolz überhäuft und ihn genauso hartnäckig als Erfolgreichen ansieht wie er vielleicht seine eigene frühere Brutalität verdrängt. Und Ralf Lichtenberg gelingt es mit großer Intensität und exakten Stimmungswechseln hervorragend, aus diesem Kotzbrocken eines Beziehungsverweigerers kein unsympathisches Monster zu machen. Sondern einen, der immer wieder in Situationen hineinschlittert, in denen er zu spät merkt, wie wenig er die Perspektive des anderen versteht. Stefanie Breselow, Robert Augustin und Peter Reisser als Ex-Frau, Bruder und Freund sind genau geführte Mitspieler. „Der Mann der die Welt aß“ überzeugt durch eine kluge, exakte und glänzend gespielte Inszenierung – keine leichte Kost. (Isabella Kreim)
Mittelbayerische Zeitung – 05.05.2011
Sozialdrama von Nis-Momme Stockmann
Ingolstadt. Das Wort „Scheiße“ und der trotzige Satz „Ich bin frei“ fallen häufig in der kleinen, bösen Alltagsgeschichte „Der Mann der die Welt aß“, mit der sich der gelernte Koch (sowie studierte Tibetologe, Medienwissenschaftler, Filmemacher und Installationskünstler) Nis-Momme Stockmann auf einen Spitzenplatz unter den jungen Theaterautoren katapultiert hat. 2010 wurde er zum „Nachwuchsdramatiker des Jahres“ gekürt. Und erst kürzlich wurde dem gerade einmal 30-jährigen Jung-Star der Friedrich-Hebbel-Preis mit der Begründung verliehen, dass er „die deutsche Theaterszene belebt“ habe. Mitleid könnte man haben mit dem namenlosen, schlicht „Sohn“ genannten Mittdreißiger, diesem „Mann der die Welt aß“. Den lukrativen Job hat er verloren, sich von Frau und Kindern getrennt, der asthmakranke Bruder ist ziemlich durchgeknallt und deshalb lästig. Und schließlich hat er noch den dementen Vater am Hals, der sich in seiner Wohnung einquartiert hat. Aber so wie Stockmann seinem Stücktitel das Komma verweigert, verweigert er auch die Festlegung auf ein Gut-und-Böse-Schema. Es gibt ein bisschen Kapitalismus-Schelte: Wer hätte nicht Verständnis dafür, wenn jemand einfach hinschmeißt, weil er die Schikanen durch einen zynischen Arbeitgeber nicht mehr erdulden will? Aber dann kristallisiert sich heraus, dass der „Sohn“ ganz und gar nicht zur Identifikationsfigur taugt. Er wird entlarvt als Egomane und als gekränkter Narziss voller Selbstmitleid, der sich aus seiner Verantwortung stiehlt und sein Versagen und seine mangelnde Empathie mit Großmäuligkeit zu kaschieren versucht – schuld an seiner Lebenskatastrophe sind immer nur die anderen. Ein kranker, kaputter Typ, ein Symbol für die Single-Gesellschaft von heute? Die gestörte Kommunikation: Regisseur Thomas Oliver Niehaus und Ausstatterin Barbara Steiner setzen im „Kleinen Haus“ des Ingolstädter Theaters auf strenge Stilisierung. Weiße Stühle und sechs Tische, ausgestattet mit Mikrophonen, vermitteln eine distanzierte, nüchterne Konferenz-Atmosphäre. Tatsächlich besteht ein guter Teil des Stückes aus Telefongesprächen. Das klingt langweilig, aber in diesem Arrangement steckt auch beklemmende Komik. Man beobachtet quasi simultan, wie das Darsteller-Quintett aneinander vorbei redet, sich in hohle Floskeln flüchtet, Ausreden findet, auch hemmungslos lügt. Ralf Lichtenberg spielt die Ambivalenz der Hauptfigur sehr überzeugend aus: Einerseits gibt er den forschen Blender, der sich mit seiner Aussteigerrolle brüstet, dann wird er zum unglücklichen, überforderten Würstchen, verliert sich – maßlos in seinen Ansprüchen - immer mehr in wehleidiger Egozentrik, bis sich seine ganze angestaute Wut in einem wüsten Aggressionsausbruch entlädt: Er prügelt auf den dementen Vater ein, der sich hilflos auf dem Boden krümmt. Regisseur Niehaus wechselt hier zu drastischem Realismus. Und so wird Rolf Germeroth in der Vaterrolle zur überragenden Gestalt dieses Theaterabends. Anrührend und mit einer schonungslosen Radikalität zeigt er den Verfall der Persönlichkeit. Liebenswert und sympathisch wirkt er in seiner Schusseligkeit, aber auch erschreckend, wenn er sich - von Ängsten geplagt - verstecken will, und verstörend, wenn er nackt und schutzlos über die Bühne irrt. Respektabel aber auch die anderen Darsteller: Stefanie Breselow als die leicht verbitterte Ex-Frau, Robert Augustin als überdrehter Bruder sowie Peter Reisser als der ungepasste und „funktionierende“ Freund Ulf. In Ibsen sieht Autor Stockmann ein Vorbild. Auch er will Lebenslügen demaskieren, gesellschaftliche Abgründe aufzeigen. „Der Mann der die Welt aß“ ist ein starkes Stück, die Ingolstädter Inszenierung schmackhaft durch die gelungene Mischung von Unterhaltung und Ernst. (Ulrich Kelber)
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