Amerika

Schauspiel nach dem Roman von Franz Kafka

»Kafka war sich bewusst und hob es gesprächsweise öfters hervor, dass dieser Roman hoffnungsfreudiger und ‚lichter’ sei als alles, was er sonst geschrieben hat. Es gibt Szenen in dem Buch, die unwiderstehlich an Chaplin-Filme erinnern.« Max Brod Der 16-Jährige Karl Rossmann lässt sich vom Dienstmädchen des elterlichen Haushalts verführen und zum Vater machen und wird deshalb von seinen Eltern nach Amerika abgeschoben. Seine Hoffnung, in der Neuen Welt sein Glück zu machen, wird enttäuscht. Gleich am Anfang, das Schiff hat noch nicht die Freiheitsstatue passiert, versucht Karl ob seines Gerechtigkeitsgefühls bei einem Streit zwischen dem Heizer und dem Kapitän zu vermitteln. Auch wenn das schief geht, hat er zunächst unwahrscheinliches Glück und wird von einem reichen Onkel in dessen Haus aufgenommen. Doch als dieser ihn grundlos wieder verstößt, beginnt sein Irrweg durch Amerika, mit falschen Freunden und ohnmächtigen Helfern. Karl wird von Landstreichern beraubt, als Liftboy entlassen, landet bei der Sängerin Brunelda und wird am Ende als Techniker beim »Naturtheater von Oklahoma« engagiert. Immer wieder wird er in Missverständnisse verwickelt, die er nicht aufklären kann, wird von fremden Menschen ausgenutzt und in dubiose Geschäfte verwickelt. Er, der ursprünglich Ingenieur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden wollte, scheitert verzweifelt an dem Versuch, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Kafka entwirft in seinem auch als ›Der Verschollene‹ (1914) bekannten Romanfragment eine frühe Version einer globalisierten Welt und kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. Ebenso wie in ›Das Schloss‹ und ›Der Prozess‹ sind Fremdheit, Isoliertheit unter den Menschen und die Einordnung des Einzelnen in die menschliche Gesellschaft das Grundthema. Kafkas Amerika war der Traum eines Autors, der nie in Amerika war, der Amerika nie beschreiben wollte, sondern nur die größtmögliche Fremde. Sein Amerika ist deswegen auch kein konkretes Land, sondern ein vielfach überlagertes Bild aus Mythen, Projektionen, Fakten und Phantasien.
Regie: 
Falco Blome
Ausstattung: 
Julia Ströder
Dramaturgie: 
Lene Grösch
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 110 Minuten
Kulturkanal – 24.01.2011
Erfrischend actionreich und grotesk-komisch
Franz Kafkas Roman „Amerika“ wurde von Falco Blome erfrischend actionreich und grotesk-komisch in der Ingolstädter Werkstattbühne inszeniert. Ein Laufsteg aus Metall, auf den sich ohrenbetäubend klopfen lässt, dahinter ein Vorhang aus Glitzerstreifen, durch den unvermutet Gestalten auftauchen, als könnten sie durch die Wand gehen. Wie in einem Traum. Oder einem Alptraum. Unter dem Laufsteg kriechend und robbend veranschaulicht Enrico Spohn als Hauptfigur die klaustrophobischen Ängste, sich in dunklen labyrinthischen Gängen zu verirren. Ein Podest-Wagen rollt unvermittelt auf Schienen auf diese jungen Mann zu, sodass er strauchelt, stolpert, sich durch einen Überschlag rettet oder mitgenommen wird: Dieses Amerika ist ein Land der Glamour-Verheißung und des rasanten technischen Fortschritts, dem Stand zu halten, schwer fällt. Bereits die Ausstattung von Julia Ströder zur Bühnenfassung von Franz Kafkas „Amerika“ lässt vieles assoziieren und gibt viele Spielmöglichkeiten für kafkaesker Situationen nicht fassbarer Bedrohungen vor. Denn dieses Amerika ist für den 16jährigen Karl Roßmann eher das Land der unbegrenzten Ängste, als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und die Hauptfigur geht auch nicht den Weg vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern stürzt immer wieder ab aus scheinbar gesicherten Verhältnissen. Was ihm widerfährt ist oft absurd-komisch und scheint dennoch dem unerbittlichen Gesetz zu folgen, dass auch Glücksfälle immer die schlimmstmögliche Wendung nehmen. Zwar trifft Karl Roßmann einen reichen Onkel, der verstößt ihn aber bald, weil Karl irgendetwas bei einem Ausflug mit Geschäftspartnern falsch gemacht hat. Was, durchschaut er nicht, wie fast alles, was ihm widerfährt. Der Alptraum beginnt bereits bei der Überfahrt auf dem Schiff. Der Passagier Karl Roßmann, von seinen Eltern verstoßen, weil er von einem Dienstmädchen verführt, diese geschwängert hat, verirrt sich in den unterirdischen Schiffsgängen, muss fürchten, seinen Koffer, seinen einzigen Besitz, nicht wiederzufinden und macht sich beim Kapitän erfolglos zum Fürsprecher für einen Heizer, kann sein Anliegen aber nicht verständlich machen. Eine typische Situation, die ihm noch öfter passieren wird. Er redet und redet, aber alles wird missverstanden oder gegen ihn verwendet. Auch später als Karl seine Stelle als Liftboy verliert, weil einer der beiden Ganoven, die ihn wie böse Geister verfolgen, auftaucht und ihm Scherereien macht. Und wieder wird alles zu Karls Ungunsten ausgelegt. Er will alles richtig machen in dieser verwirrenden, fremden Welt und kann doch nie seine Schuldlosigkeit beweisen. Ein Hauptproblem einer Visualisierung der kafkaesken Situationen einer undurchschaubaren Umwelt, sei es im Film oder auf dem Theater, liegt darin, das Unwirkliche, Surreale dieser Ereignisse deutlich zu machen. Regisseur Falco Blome gelingt dies ganz ohne düster-unheimliche Gruselsymbolik. Sondern ganz im Gegenteil durch eine erfrischend tempo- und aktionsreiche, grotesk-komische Spielweise, eine karikaturistische Überzeichnung der amerikanischen Typen, sowie einer Überblendung von Szenen und Schauplätzen und die nicht nur pragmatisch begründeten vielen Rollenwechsel der Darsteller. Bearbeiterin Katja Langenbach und Regisseur Falco Blome haben sich nicht für eine Bühnenfassung aus lauter Spielszenen entschieden, sondern Franz Kafkas Prosatext geht nahtlos in dialogische Spielszenen über. Enrico Spohn als Karl Roßmann ist die einzige durchgängige Figur: Die Idealbesetzung eines gutgläubigen, aufrichtigen, staunenden jungen Mannes, der nicht begreifen kann, was ihm geschieht. Die anderen Darsteller, Vera Weissbrod, Ralf Lichtenberg, Rolf Germeroth und Sascha Römisch spielen die wechselnden ca. 20 Rollen, sodass der arme Karl den Eindruck haben muss, als würden ihn immer die gleichen Gesichter aus der Vergangenheit verfolgen und ihm das Leben schwer machen. Und Männer spielen Frauen und umgekehrt. Die Mutter aus dem Foto, das dem Ausgewanderten geblieben ist, wird wunderbar ernsthaft gespielt von Rolf Germeroth. Er ist aber auch die den Jungen mit infam hypnotischer Zudringlichkeit umgarnende Oberköchin im Hotel. Wie überhaupt alle Frauenfiguren mit ihren sexuellen Ambitionen auf den jungen Mann beängstigend wirken! Ralf Lichtenberg, der undurchschaubare Kapitän kehrt auch als Gauner wieder, der Karl erst beraubt und dann zum Schuldigen erklärt und ihn schließlich als Lebemann und Lover einer abstrusen alten Sängerin und diabolischer Student erneut in ein Leben zieht, das er nicht führen will. Sascha Römisch, der kraftvolle Heizer vom Schiff, wird als fette, phlegmatische Sängerin wie ein grotesker Buddha herein geschoben. Die Erzählpassagen sind auf die vier Schauspieler verteilt, die mit dem Unterton der Rollenperspektive, die sie gerade darstellen, den Erzähltext zum mehrstimmigen Kommentar machen. Zudem ergeben sich auch aus dem deskriptiven Prosatext und der sehr körperlich „wörtlich genommenen“, illustrativen Spielweise komische Brechungen. Immer wieder zerren die Figuren an Karl, reißen ihn mit oder zu Boden und verhindern so sinnfällig, dass er seinen eigenen Weg finden kann. Vera Weissbrod lässt als Westerngirl Sascha Römisch einen Lolly lutschen, den dieser als amerikanischer Geschäftsmann mit weit herausgestreckter Zunge zwischen seinen Sätzen ableckt – komisch und gleichzeitig eklig genug für die den Jungen beängstigende schwül-erotische Bedrohung. Anschließend halten die Darsteller ihren Lolly als absurde Kerzenleuchter in die Höhe, wenn Karl von diesem Mädchen durch die dunklen Gänge gezerrt wird. Somnambul fährt Karl als Liftboy hinauf und hinunter, indem er sich von den beiden Livrierten an seiner Seite in Zeitlupen-Rhythmik in die Knie zwingen und wieder aufrichten lässt. Wie ein Dämon springt Vera Weissbrod als Ganove Robinson dem Karl auf den Rücken, klammert sich in akrobatischen Verrenkungen an ihn, reißt ihn um, spielt glänzend gleichzeitig Betrunkenheit und infame Berechnung. Falco Blome hat für sein ausgeklügeltes Regiekonzept hervorragende Darsteller, die pointierten Situationswitz mit wie improvisiert wirkender Leichtigkeit verbinden. Das Spiel wir immer exaltierter, slapstickhafter, grotesker, bevor mit dem Theater von Oklahama, einer Art utopischem Arbeitsamt, das für jeden das bestmögliche Lebensziel zu finden verspricht, eine positive Zukunftsvision sichtbar wird. Auch hierfür hat Falco Blome eine verblüffend einfache szenische Lösung gefunden: Die Engel dieses Theaters stehen mit bodenlangen Gewändern auf Stühlen, sodass ihre Köpfe in der Lamellendecke der Werkstattbühne verschwinden können: Theatergötter eben. Auch wenn manchmal die Gaudi an Klamauk und Rollentravestie selbst die Darsteller etwas aus der Kurve zu tragen und damit das Unheimliche, Bedrohliche von Kafkas Daseins-Fatalismus verloren zu gehen droht: Mit dieser Aufführung von „Amerika“ ist eine intelligente und sinnliche Bühnenadaption von Franz Kafkas Roman gelungen. (Isabella Kreim)
Neuburger Rundschau – 26.01.2011
Ein melancholisches Roadmovie
(Ingolstadt) Mit Franz Kafka ist das so eine Sache: Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Einen Mittelweg gibt es eigentlich nicht. Fast nicht. Denn jetzt könnten auch Leute, deren Sache der 1883 in Prag geborene Schriftsteller nicht ist, einen Weg zu ihm finden: In der Werkstattbühne des Theaters Ingolstadt hatte mit „Amerika“ eine von Katja Langenbach erstellte und von Hausregisseur Falco Blome inszenierte Fassung von Kafkas letztem, unvollendeten Roman „Der Verschollene“ Premiere. Sie ermöglicht einen guten, weil nachvollziehbaren Zugang zu der Gedanken- und Gefühlswelt des 1924 viel zu früh Verstorbenen. Blome – unterstützt von Dramaturgin Lene Grösch und von Ausstatterin Julia Ströder – lässt seine Version der Geschichte des jungen Karl Rossmann auf einem langen kargen Metallpodest und vor einem funkelnden, glitzernden Vorhang ablaufen. Der junge Mann musste wegen einer eigentlich lächerlichen Verfehlung auf Wunsch seiner Eltern nach Amerika fliehen. Es ist ein Bühnen-Roadmovie, das man da vorgeführt bekommt, intelligent szenisch aufbereitet, vor Lebendigkeit strotzend und – eigentlich verwunderlich bei dem tief depressiven Kafka – stellenweise sogar witzig. Und trotzdem: Das Verlorensein fern der Heimat – mit Amerika meinte Kafka nicht die Vereinigten Staaten, sondern die unbekannte Fremde schlechthin – stellt sich beim Zuschauer ein, wird deutlich ebenso wie die Melancholie der erst nach Kafkas Tod veröffentlichten fragmentarischen Romanvorlage. Mit Enrico Spohn als dem 16-jährigen Karl hat Blome einen idealen Hauptakteur gefunden: Ihm gelangen packende und rührende Momente ebenso wie skurrile Auftritte. Neben Spohn hatten Vera Weisbrod, Rolf Germeroth, Ralf Lichtenberg und Sascha Römisch die übrigen rund zwölf Rollen des Stücks übernommen – dies ohne Ausnahme glänzend und prägnant. „Amerika“ in Ingolstadt: Eine Inszenierung, die dank ihrer Ironie und spielerischen Leichtigkeit im Gedächtnis bleibt – und dies dennoch ganz im Geiste Kafkas! Regisseur Falco Blome ist seit zehn Jahren in Ingolstadt. Bislang war er hier überwiegend in der Experimentierbühne des Kleinen Hauses, der „Theater-Spielwiese“ am Brückenkopf aktiv. Nach „Die fetten Jahre sind vorbei“ vor zwei Jahren ist „Amerika“ nun seine zweite Regiearbeit für die Abonnenten des Theaters. Auf weitere Inszenierungen des 37-Jährigen darf man schon jetzt gespannt sein. (Peter Skodawessely)
Landshuter Zeitung – 26.01.2011
Vor Kafkas Gesetz
Wo unten ist, da gibt es keine Freiheit, und Gerechtigkeit schon gar nicht. Und wer brav und korrekt sein will, wird eben wegen seiner Bravheit und Korrektheit besonders dauerhaft geknechtet. In seinem Roman „Amerika“ zeichnet Franz Kafka Episode für Episode nach, wie die sozialen Umstände ein Individuum entmündigen und entwürdigen. Dass Kafka seinen blutjungen Protagonisten Karl Roßmann ausgerechnet im ach so gepriesenen Land der Freiheit wie eine Flipperkugel von Unfreiheits- zu Unfreiheitserfahrung schießen lässt, ist dabei natürlich besonders perfide, inklusive der Primär-Erfahrung auf seinem Auswandererschiff zu Füßen der Freiheitsstatue: Da herrschen unten im Maschinenraum ganz andere, letztlich undurchschaubare gesellschaftliche Regeln, als die Fackelträgerin da oben anpreist. Kafkas Weltsicht ist schmerzhaft: Er führt vor, wie der Mensch nicht nur ständig von eigentlich völlig befremdlichen, entfremdenden Situationen überwölbt wird, sondern darüber hinaus auch noch Gründe genug findet, sich daraus nicht befreien zu wollen. Das Thema ist die Selbst-Gefangennahme in einem absurden System von Abhängigkeiten, und damit diese Wahrheit nicht gar so schmerzt, tarnt Kafka sie gern mit allerlei grotesken Szenarien, alptraumhaften Sequenzen und wahren Orgien von fein verästelten, ausgiebig polierten und auf Hochglanz lackierten Schachtelsätzen. Doch am Grund all dieser nur scheinbar so realismusfernen Literaturlandschaften beißt das Biest des Realismus zu: Vor Kafkas Gesetz sind alle gleich. Gewagt ist es schon, derlei Kafka- Landschaften für die Theaterbühne zu nutzen; wenn man dies allerdings so unternimmt wie jetzt am Theater Ingolstadt, ist das Spiel gewonnen. In „Amerika“ ist genug Bewegung, dass die kondensierte Bühnenform des Stoffs in einer Bearbeitung von Katja Langenbach und einer Inszenierung durch Falco Blome aufgeht wie eine dicke Blume voll prallen Spielwitzes und fülligen Ideenreichtums. Julia Ströder hat eine klaustrophobisch enge Bühne hingestellt, wo jeder feste Schritt auf Schergitter zum Knall wird und man oben nur buckeln und unten nur kriechen kann. Nach hinten begrenzt ein Silberfadenvorhang die Szenerie, aus der beständig das Personal platzt wie Fallobst aus dem Land düsterer Phantasmagorie. Enrico Spohn ist ein Karl Roßmann wie aus einem Wilhelm- Busch-Album gefallen, geschniegelt, gebügelt und mit einer solchen Naivität in die Welt schauend, dass Anteilnahme instinktive Pflicht des Publikums wird. Die restlichen vier Schauspieler übernehmen mit ersichtlichem Spielspaß diverse Rollen, sprechen viel erzählende Kafka- Prosa und kommen in manchmal abenteuerlicher Gestaltung einher. Begeisterung löst beispielsweise zunächst Sascha Römisch als dickwanstige Sängerin Brunelda aus, bevor er die pfundige Person mit pfundweise Unheimlichkeit ausstattet. Der Regisseur Falco Blome schafft es, die Waage genau auszutarieren zwischen herrlich grotesker Gestaltung und erkennbarer Quintessenz der Botschaft: Wo unten ist, da gibt es keine Freiheit. (Christian Muggenthaler)