Johnny Cash: The Man in Black

Der Mann, der nur schwarz trug, ging als ›lebender Widerspruch› durch sein Leben: Johnny Cash hat Cowboy-Lieder gesungen und sich für die Rechte der Indianer eingesetzt, er war Patriot und gegen den Vietnamkrieg, er ist mit Bob Dylan auf dem legendären Folkfestival in Newport aufgetreten und hat in seinen letzten Jahren Songs von New-Wave- Musikern wie Depeche Mode und Nick Cave aufgenommen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts dürfte es kaum einen anderen Musiker geben, der einen ähnlich ikonenhaften Charakter für die Popmusik und den amerikanischen Traum besitzt wie Johnny Cash. Mit zehn Jahren bekam Cash seine erste Gitarre geschenkt – und erahnte sofort das Freiheitspotential von Musik. Geboren im tiefsten Amerika, groß geworden auf Baumwollplantagen, fühlte er sich sein Leben lang eingesperrt. Zunächst im ländlich-armen Milieu seiner Kindheit, dann in seiner Ehe, zuletzt auf der Bühne und im Drogensumpf. Legendär sind seine Konzerte in den Gefängnissen Folsom und San Quentin, wo er singen und dazugehören konnte, obwohl er selbst niemals im Knast gesessen hat. Von der Freiheit besessen, erlebte Johnny Cash alle Erfolge, die man als Musiker erreichen kann. Und fühlte sich dennoch sein Leben lang von Dämonen verfolgt. Das Theater Ingolstadt spürt mit Live-Band und Gesang dem Leben des ›Mr. Ring of Fire› nach. Cashs Kulthits von ›Folsom Prison Blues› über ›A Boy named Sue‹ bis zu ›Walk the Line” erzählen von der Gratwanderung eines Musikers, der das sang, was die Menschen hören wollten – und nicht das, was ihm gesagt wurde, dass er singen sollte. Ein Abend voll Musik, Exzess und Leidenschaft.
Regie: 
Pierre Walter Politz
Musikalische Leitung: 
Martin Schmid
Ausstattung: 
Christina Wachendorff
Dramaturgie: 
Thomas Schwarzer
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 150 Minuten, mit Pause
Augsburger Allgemeine – 07.12.2010
Die Legende lebt
Hier ist der zweite Quotenbringer dieser Spielzeit für das Theater Ingolstadt: Während im Großen Haus viele Reihen bei der „Quai-West“-Premiere am Wochenende leer blieben, war der Johnny-Cash-Abend im Kleinen Haus – ebenso wie neulich die „Rocky Horror Show“ – schon vor der Premiere bis in den Februar hinein ausverkauft. Die Legende Cash lebt eben immer noch. Und sie wird enthusiastisch in einer Mischung aus Musical und Theater zweieinhalb Stunden lang zelebriert. Die – in Ingolstadt theatral aufbereiteten – Episoden aus dem Leben des „man in black“ sind allesamt bekannt und spätestens seit dem Kultfilm „Walk the line“ von 2006 ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Der Ingolstädter Theaterabend von Pierre Walter Politz (Regie) und Thomas Schwarzer verzichtet auf Neues bei der Auswahl der Wendepunkte im bewegten Leben der Country-Legende. Die schwierige Kindheit in ärmlichen Verhältnissen, das Trauma des frühen Todes seines Bruders, der steinige Weg zum ersten Plattenvertrag, eine unglückliche erste Ehe, kometenhafter Aufstieg und steiler Absturz in den Drogensumpf bis hin zum nahen Ende und der religiösen Bekehrung gleichsam im letzten Moment – all das wird zwischen Bühne, Kneipen-Tresen, Whisky-Flaschen und Cowboy-Hüten (Szene: Christina Wachendorff) stringent durchexerziert. Perfekt: Gestik, Gesang und Allüren Der puristische Abend ohne allzu große Überraschungen lebt ganz von der musikalischen und schauspielerischen Leistung. Und die ist großartig: Für Stefan Leonhardsberger ist die Hauptrolle nicht irgendeine Rolle. Der erst 25-Jährige ist besessen von Johnny Cash. Ohne ihn gäbe es diese Uraufführung nicht. Gestik, Gesang und Allüren des legendären Sängers hat Leonhardsberger bis zur Perfektion verinnerlicht. An seiner Seite brilliert Marie Ruback als June Carter. Beide zeichnen ein glaubhaftes Bild der schwierigen Liebe, die erst nach Umwegen ans Ziel kommt. Jan Gebauer und Peter Reisser geben unter anderen Cashs Vater und Sohn, Jerry Lee Lewis und Bob Dylan. Die Liveband um Martin Schmid lässt keine Wünsche offen. Und so ist spätestens bei „Highwayman“ das Mitklatschen angesagt. Das Publikum bekommt auch „I walk the line“, „Ring of fire“ und „Folsom Prison Blues“ zu hören Es bedankte sich zum Premieren-Ende mit Standing Ovations. (Volker Linder)
Kulturkanal – 06.12.2010
So müsste eine Reinkarnation von Johnny Cash aussehen
Unterhaltsamer als „Quai West“ ist natürlich der Johnny Cash-Abend „The Man in Black“, der im Kleinen Haus am Brückenkopf Premiere hatte. Ein Country Rock-Live-Konzert mit hervorragend singenden Darstellern zum Mitklatschen. Und mehr als das. Zwischen den 20 Johnny-Cash-Songs erzählen die Autoren, Dramaturg Thomas Schwarzer und Regisseur Pierre Walter Politz, eine prototypische Lebensgeschichte. Den amerikanischen Traum vom Aufstieg des armen Jungen zum Star mit den Kehrseiten von unglücklicher Ehe, Kindheitstraumata und Drogen-Abstürzen. Bühnenbildnerin Christina Wachendorff hat das Kleine Haus dafür in den Rustikalholz-Charme eines 50er Jahre Country-Clubs verwandelt. Auf dem Bar-Tresen mit vielen Whiskyflaschen erhebt sich die Showbühne mit Wolkenprospekt und Lichteffekten. Stefan Leonhardsberger ist Johnny Cash. Ja, so müsste eine Reinkarnation von Johnny Cash aussehen: melancholisch, schüchtern und doch charismatisch, geradlinig. Der österreichische Schauspieler, der seit 2 Jahren Ensemblemitglied des Theaters Ingolstadt ist, hat aus Liebe zu Johnny-Cash-Songs Gitarre spielen und singen gelernt und vielleicht auch seinen eigenen Weg zur Bühne gefunden. Er imitiert Johnny Cash nicht nur perfekt. Mit Herzblut identifiziert er sich mit Erfolg und Leid des Idols seiner Jugend. Wie Stefan Leonhardsberger in seiner Traumrolle aufgeht, macht allein schon über den Songabend hinaus eine menschliche Dimension spürbar. Ihm zur Seite die hinreißend singende und spielende Marie Ruback als Dauerliebe und Gesangspartnerin June Carter, ein Flashback auf ein 50er Jahre Girlie auf der Konzertbühne und eine starke Darstellerin in den Beziehungskrisen mit der total ausgeflippten Band. Johnny Cashs Autobiografie, in der er schonungslos seine Drogen-Exzesse schildert und weitere Biografien lieferten reichlich Material, das Regisseur Walter Politz und Dramaturg Thomas Schwarzer geschickt in kleinen Szenen einblenden. Vom erfolgreichen Bühnenstar zurück auf den Jungen aus ärmlichen Landarbeiter-Verhältnissen, der auf dem Heimweg von seinem ersten Gitarrenlehrer gegen die Angst vor der Dunkelheit ansingt, bis hin zu seiner Tabletten-Abhängigkeit mit Halluzinationen und Zwangseinweisung. Berg- und Talfahrten zwischen mitreißenden Songs und tragischen Zäsuren, wie dem frühen Tod von Johnnys Lieblingsbruder bei einem Sägewerk-Unfall, geben dem Abend immer wieder neuen Drive und erzählerische Substanz. Jan Gebauer spielt den grobschlächtigen Vater ohne Verständnis für J.R.s schwärmerischen Hang zur Musik. Peter Reisser agiert in köstlich knapp charakterisierten Rollen als sanfter Bruder, verschnupfter Musikproduzent oder Bob Dylan und ist ein hervorragend singendes und spielendes Band-Mitglied. Und alle unterstützen an Klavier, Gitarre und singend die starke Band um Martin Schmid. Der Johnny-Cash-Abend „The Man in Black“ ist bereits fast bis Februar ausverkauft – kein Wunder. Isabella Kreim