Alle sieben Wellen

Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Glattauer

1.) Sie kennen Emmi Rothner und Leo Leike? Dann haben Sie also ›Gut gegen Nordwind‹ bereits gesehen, jene ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen, die einander nie gesehen haben, per EMail rettungslos verlieben. 2.) Für Sie ist die Geschichte von Emmi und Leo abgeschlossen. Mag sein. Aber nicht für Emmi und Leo! 3.) Sie sind der Ansicht, dass die Liebenden zumindest eine einzige wirkliche Begegnung und die Geschichte eine zweite Chance auf ein anderes Ende verdient hätten? Bitte, hier haben Sie’s! 4.) Sie haben keine Ahnung, wovon hier die Rede ist? Sie steigen ohne Nordwind-Kenntnisse in ›Alle sieben Wellen‹ ein? Kein Problem. Sie erfahren alles ... Leo Leike kehrt nach knapp einem Jahr aus Boston zurück. Daheim erwarten ihn Nachrichten von Emmi Rothner. Beide bemerken, dass sie die Gefühle füreinander nicht losgeworden sind. Vielleicht sollten sie sich wirklich einmal treffen. Allerdings ist Leo mittlerweile liiert und Emmi noch immer verheiratet. Doch wenn einmal sechs Wellen ans Ufer geschwappt sind, das lernen wir in Daniel Glattauers neuem Stück, dann kommt die siebte, und die ist immer für Überraschungen gut. Der spritzige, zauberhafte Liebesdialog geht weiter, wie Emmi es ausdrückt: »Du lebst dein Leben. Ich lebe mein Leben. Und den Rest leben wir gemeinsam.« Die Uraufführung von Daniel Glattauers ›Alle sieben Wellen‹ findet im Mai 2010 am Wiener ›Theater in der Josefstadt‹ statt. Als erstes deutsches Theater zeigt das Theater Ingolstadt ab Oktober 2010 beide Teile des Erfolgsromans in einer Bühnenfassung.
Regie: 
Axel Stöcker
Ausstattung: 
Christina Huener
Musikalische Leitung: 
Tim Allhoff
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 150 Minuten, mit Pause
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 11.10.2010
PACKEND - Premiere II: Ingolstadt zeigt ganzen Glattauer
Immer bei Nordwind hat die in einer Vernunftpartnerschaft lebende Anfangsdreißigerin Emmi Schwierigkeiten mit dem Einschlafen. Eine durch einen Tippfehler versehentlich zustande gekommene E-Mail-Korrespondenz mit dem gerade von seiner Freundin verlassenen Leo hilft dagegen. Leo ist für Emmi also "Gut gegen Nordwind". Und so lautete auch der Titel des 2006 erschienenen Kultbuchs des jetzt 51-jährigen Wieners Daniel Glattauer. Die Bühnenfassung von dessen modernem Briefroman feierte vor einer Woche im 70-Plätze-Studio des Theaters Ingolstadt unter der Regie von Axel Stöcker erfolgreich Premiere. Jetzt am Samstag hatte die Fortsetzung "Alle sieben Wellen" hier ihre nicht minder begeistert aufgenommene Erstaufführung. Als erste deutsche Bühne zeigt damit das Theater Ingolstadt beide Erfolgsromane in einer zweigeteilten Bühnenfassung. Insgesamt über 240 Minuten Spielzeit, lediglich zwei Darsteller, die - sieht man einmal von vier ganz kurzen Sequenzen ab - sich auf der kleinen Spielfläche nie körperlich berühren, die lediglich ihre an den jeweils anderen versandten Mails rezitieren. Kann das gut gehen, kann das spannend sein, kann das die Zuschauer insgesamt über vier Stunden lang "packen" und "fesseln"? Ja, es kann! Weil der Text der Vorlage amüsant und geschliffen pointiert ist, der Regisseur Sinn für Rasanz und für Tempowechsel hat und für kleine und kleinste Gesten und Andeutungen seiner beiden Akteure. Aber vor allem funktioniert es, weil mit Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg zwei ungemein wandlungsfähige, famose Schauspieler auf der Bühne stehen, die ihr ganzes Können zeigen dürfen und es auch tun. Bravo! (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL – 11.10.2010
UNBEDINGT BEIDE TEILE ANSCHAUEN
K U L T U R K A N A L Montag, 11.10.10,18.34 Uhr Glattauer, “Alle sieben Wellen” Bereits die Leser von Daniel Glattauers E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ wollten sich nicht damit abfinden, dass Emmi und Leo ihre virtuelle Liebes-Beziehung einstellen. Mit „Alle sieben Wellen“ beginnt die Achterbahnfahrt aus Annäherung und Auseinanderdriften von neuem. Und die Zuschauer des Theaters Ingolstadt vermissen nicht nur Emmi und Leo. Auch ihre beiden Verkörperungen Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg sind so liebenswert vertraut geworden, dass man ihnen gerne noch einen weiteren Theaterabend zusieht, wie sie geistreich ihren verbalen Schlagabtausch fortsetzen und im zweiten Teil die Aussichtslosigkeit ihrer Liebe durchaus auch durchleiden. Sie tun dies natürlich wieder im selben abstrakten und gemeinsamen Bühnenraum, einem weißen Kasten mit weißen Würfeln als variablem Sitzmobiliar. Ein Raum, der auch dem Zuschauer noch den Freiraum lässt, sich das reale Lebensumfeld und den Innenraum-Geschmack der beiden genauer auszumalen. Kein Problem, denn dank Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg hat man eine äußerst lebendige Vorstellung der beiden Charaktere. Regisseur Axel Stöcker lässt sie im zweiten Teil immer übergriffiger in die Raumhälfte des anderen vordringen. Ein Zeichen dafür, dass sich die Gedankenwelten der beiden immer mehr ineinander verschränken. Durch ihren intensiven E-Mail-Kontakt leben sie im Kopf und ihm Herzen längst miteinander und nicht nur nebeneinander. Und auch für die Anfangssituationen ihrer realen Begegnungen sind wunderbar griffige und komische Sekundensequenzen gefunden worden. Schlaglichter auf eine eher irreal wirkende Wirklichkeit, denn der eigentliche Ort für diese Beziehung ist und bleibt die Fiktion, die Vorstellung. So scheint es zumindest. Auch der zweite Abend bietet genauso flotte, schlagfertige, ironisch-witzige Dialoge. Doch das endgültige Aus der Beziehung scheint unausweichlich. So ungleichzeitig, wie das Leben manchmal spielt: War es im ersten Teil Emmi, die durch eine harmonische Ehe gebunden war, ist es nun Leo, der mit einer neuen Freundin, Pamela aus Boston, ein Zusammenleben plant. Worauf soll also Emmi nach 2 ½ Jahren noch warten? Und soll Leo wirklich für eine Utopie auf ein reales Liebesleben verzichten? Glattauer ist ein äußerst geschickter Dramaturg und Menschenkenner. Und so kommen die Krisen etwas anders als erwartet. Aber durchaus heftig. Es gibt also im zweiten Teil auch Zäsuren berührender Trauer, Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung im vergnüglichen Gedankenspiel. Und durchaus heftige, aber nie uncharmante Auseinandersetzungen. Die alles verändernde siebte Welle schlägt zu, wenn man es am wenigsten erwartet. Und man kann sie auch übersehen und einfach durchtauchen. Aber auch die Wellen davor haben heftige Berge und Täler. Und das zeigen uns Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg mit hoher Intensität. Immer im Wechselbad zwischen ironischem Umschiffen der Gefühlsklippen und Gefühlseinblicken: Leo bei Rotwein, Emmi im Dialog mit drei Whiskeygläsern. Wie Vera Weisbrod sich mit ihrer Lederjacke panzert, entschlossen, sich für zwei Jahre Hoffen und Warten zu rächen. Vor allem an sich selbst. Man braucht ihr nur ins Gesicht zu sehen, um die Trauer und den Zorn zu erkennen, mit dem sie sich auf Leo stürzen wird. Oder wie sie in komischer Verzweiflung ihren Zierfisch als Leo anspricht oder in unterschwelliger Eifersucht angewidert den Namen Pamela verunstaltet: Das sind hinreißende Zugaben, die alleine schon einen Theaterbesuch lohnen, selbst wenn man den Roman und damit den endgültigen Ausgang der Geschichte bereits kennt. Auch wie ungeschickt stürmisch Ralf Lichtenberg Emmi bei ihrer ersten Begegnung mit einem Wangenkuss überrumpelt oder pointiert und sarkastisch an seinen Wortspielen drechselt, kann sich kein Leser so plastisch amüsant ausmalen, wie dies Ralf Lichtenberg spielt - auch er innerlich immer hin- und hergerissen zwischen den zwei Welten, die Idealbeziehung zu Emmi nicht aufgeben zu können und dennoch – vernünftig – seinem realen Leben mit Pamela, am besten parallel, eine Chance geben zu wollen. Anders, aber durchaus gleichwertig sehenswert sind die beiden Glattauer-Theaterabende im Studio. Und es braucht fast nichts weiter an Theatereffekten als zwei hinreißende Darsteller, die das Interesse auf ihre zwei Figuren fokussieren. Emmi und Leo, die für viele Liebessehnsüchte, das Idealbild vom anderen, für vermeintlich versäumte Gelegenheiten und ungelebte Lebensalternativen stehen: viel Lebensphilosophie in amüsanter Verpackung. Zwar versteht man den zweiten Teil auch ohne den ersten, denn die Vorgeschichte ist geschickt eingebaut. Aber ich empfehle für den vollen Emmi- und Leo-Genuss: Unbedingt beide Teile anschauen. Natürlich in der richtigen Reihenfolge. (Isabella Kreim)