Der Kaktus

Schauspiel von Juli Zeh

Auf einem Frankfurter Polizeirevier herrscht Ausnahmezustand: Jochen Dürrmann von der GSG 9 ist es mithilfe des jungen Polizisten Cem gelungen, einen mutmaßlichen Terroristen in einem Blumenladen festzusetzen. Dass es sich bei dem mutmaßlichen »Gefährder« um keinen Menschen, sondern um einen Kaktus handelt, scheint keinen von beiden zu interessieren – schließlich weist Abu Mehsud, Deckname Frank Miller, entscheidende Merkmale eines potentiellen Attentäters auf: Migrationshintergrund, verdächtige Wüstenaufenthalte, stacheliges Verhalten. Problematisch gestaltet sich nur die Vernehmung des Verdächtigen, bei der der Kaktus – mit starr erhobenen Armen, versteht sich – trotz Folterandrohung beharrlich schweigt. Auch die ambitionierte Polizeianwärterin Susi, die Dürrmanns Verhörmethoden politisch und moralisch ablehnt, kann ihm kein Geständnis entlocken. Als schließlich Dr. Schmidt vom BKA den Festgenommenen als einen langjährigen, international gesuchten und höchst gefährlichen Terroristen identifiziert, spitzt sich die Lage zu. Angeblich hat Abu Mehsud auf dem Frankfurter Flughafen Bomben versteckt. 15.000 Menschenleben stehen auf dem Spiel. Dürrmann, Schmidt, Cem und Susi müssen entscheiden, wie viel ihnen die Sicherheit der Menschheit wert ist. Juli Zeh hat mit ›Der Kaktus‹ eine Farce auf den demokratischen Rechtstaat geschrieben, dessen elementare Grundsätze von Sicherheitshysterie und Terrorwahn bedroht sind. Auf grotesk-satirische Weise setzt sie sich mit dem Thema Freiheit versus Sicherheit auseinander – und reflektiert dabei entscheidende Fragen unserer Zeit: Wie viel Misstrauen verträgt unsere Gesellschaft? Wie viel Überwachung verträgt der Mensch? Wie viel Sicherheit verträgt die Freiheit? Juli Zeh ist derzeit eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Deutschlands. Nach ihrem Jurastudium in Passau und Leipzig studierte sie ebenfalls in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut, an das sie später als Dozentin zurückgekehrt ist. Zahlreiche Auslandsaufenthalte u. a. für die UN in New York und Krakau und vor allem in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina haben ihre Arbeiten geprägt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Bücherpreis, dem Rauriser Literaturpreis, dem Hölderlin-Förderpreis, dem Ernst-Toller-Preis und dem Solothurner Literaturpreis. Ihr erster Roman ADLER UND ENGEL ist mittlerweile in 29 Sprachen übersetzt. Ihr Roman SPIELTRIEB wurde 2006 am Hamburger Schauspielhaus für die Bühne dramatisiert. Nach ›Corpus Delicti‹ ist ›Der Kaktus‹ das zweite Theaterstück von Juli Zeh. ›Der Kaktus‹ wurde 2009 am Münchner Volkstheater uraufgeführt.
Regie: 
Alexander Schilling
Ausstattung: 
Valentina Crnkovic
Musikalische Leitung: 
Tim Allhoff
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 110 Minuten
KULTURKANAL – 04.10.2010
SATIRISCHER BEITRAG ZUM SPIELZEITMOTTO
Gestern Abend hatte „Der Kaktus“ von Juli Zeh in der Werkstattbühne Premiere: ein satirischer Beitrag zum Spielzeitmotto „Freiheit“. Dass unser Rechtsstaat durch die Terroristenhysterie ausgehöhlt werden könnte, mag eine berechtigte Sorge sein. Auch die Frage, ob man ein Flugzeug abschießen darf, um eine Millionenstadt vor einer 9/11-Katastrophe zu bewahren, ob man ein Geständnis durch Folter erpressen darf, um das Leben Tausender Unschuldiger zu retten, eignet sich bestens für politisch-juristisch-ethische Grundsatzdebatten. Und ist auch auf dem Theater einen Anstoß zum Nachdenken wert. Juli Zeh, die mit ihrem Roman „Corpus delicti“ den Gesundheitswahn in Orwellsche Dimensionen weiter geschrieben hat, hat in „Der Kaktus“ die Terroristenhysterie satirisch überzeichnet. Aber das Pulver des witzigen Grundeinfalls ist rasch verschossen: Ein GSG 9-Mann nimmt einen mannsgroßen Kaktus als „Gefährder“ fest und schleppt ihn mithilfe eines Streifenpolizisten auf die Wache. Der stachelige Typ will sich partout nicht setzen, lässt immer die Hände oben, aus der Erde zieht der GSG 9-Mann mutig so etwas wie die identity card des verdächtigen Subjekts. Gargantai heißt er, er stammt aus der kalifornischen Wüste. Und schweigt hartnäckig. Dass die Polizisten so dämlich sind, einem Kaktus die Pistole an den grünen Stamm zu halten, lässt dem Zuschauer eigentlich keine andere Wahl, als sich schlapp zu lachen. Zumindest am Anfang. Und so hat sich Regisseur Alexander Schilling entschieden, eine turbulente Polizisten-Klamotte zu inszenieren. Sehr exakt, überdreht und mitunter sehr komisch. Eine Wand aus Spind-Schränken mit absurdem Innenleben und außerhalb des Bühnenraums Comic-Graffiti hat Ausstatterin Valentina Crnkovic dafür zur Verfügung gestellt. Olav Danner spielt den durchgeknallten GSG-9 -Mann als antrainiert harten Kerl, der die eigene Panik immer wieder mit Entspannungsübungen bekämpfen muss. Später wird er uns mit tragischem Selbstmitleid erzählen, er sei von seinen liberalen 68-Eltern total verkorkst worden und habe daher keine andere Protestmöglichkeit gehabt, als zur härtesten Staatstragenden Truppe zu gehen. Hilflosigkeit und Angst machen gefährlich, sehen wir an dieser Figur. Robert Augustin, ein komödiantischer Neuzugang am Theater Ingolstadt, spielt den Streifenpolizist Cem in Kabarettisten-Türkisch als treuherzig um Spaß im Alltag bemühten Gesetzesdiener mit Lebensweisheiten von Mamma. Die beiden liefern sich herrliche Slapstick-Nummern und amüsante Gefechte. Ebenfalls neu im Ensemble ist Stefanie Breselow, die frech und überdreht die verzweifelte Gutmenschin mit Abitur spielt, die als Polizeianwärterin für political correctness plädiert, als Frau Dr. Oberparanoia vom BKA in Schweinsmaske auftritt und dem Kaktus den Krieg erklärt. Adelheid Bräu spielt die BKA-Bürokratin ebenfalls sehr komisch als resolute Kämpferin mit mütterlichen Zügen. Mit tragischem Ernst wird das Inferno eines drohenden Bombenanschlags auf den Frankfurter Flughafen ausgemalt, aber über die Mechanismen von Vorurteilen in einem reglementierten geschlossenen System wie der Exekutive erfährt man von Juli Zeh wenig mehr als in jedem Agententhriller: Persönlicher Ehrgeiz? Verschlüsselte Telefonanrufe? Dubiose Geheimdienstberichte... Und selbst wenn sich das Quartett schließlich läutert – das System ist übermächtig, lernen wir am Schluss. Der Staatsterrorismus wird immer siegen. Und sei es in Tiermasken. Da können wir aber froh sein, dass wir noch nie ein exotisches Gewächs für einen fremdländischen Verdächtigen gehalten haben und daher doch weit von Terroristenhysterie entfernt sind! Die Zielrichtung von Juli Zehs Satire ist ein Bumerang. Denn so unterhaltsam wahrnehmungsgestört können diese Bullen doch nicht ernsthaft unseren Rechtstaat gefährden. Aber der zermatschte Kaktus kann einem schon leid tun! Eine glänzend gespielte, im Zugriff auf das Thema aber unbefriedigende Aufführung. (Isabella Kreim)
Mittelbayerische Zeitung – 06.10.2010
DURCHGEKNALLT: EIN KAKTUS UNTER TERRORVERDACHT
Ingolstadt. Ein Kaktus, so ein mannsgroßes mexikanisches Prachtstück wie aus der Tequila-Werbung, gerät unter Terrorverdacht. Migrationshintergrund, verdächtiger Name: Doch der Elitepolizist Jochen Dürrmann von der GSG 9 ist auf der Wacht, im tollkühnen Einsatz stellt er im Blumenladen den potenziellen Attentäter. Mit großer Mühe und nur mit Unterstützung des ziemlich simpel gestrickten Polizeianwärters Cem gelingt es ihm, den wehrhaften Stachelträger aufs nächste Polizeirevier zu verfrachten, wo dann ein bald böse eskalierendes Verhör beginnt. Klamauk mit ernstem Hintergrund Das klingt nach groteskem Klamauk. Aber in diese bunte Mischung aus Kabarett, Satire, Komödie, absurdem Theater und Polit-Thriller packt Juli Zeh, die 2001 mit ihrem Debüt-Roman „Adler und Engel“ zu den Stars der jungen deutschen Literaturszene avancierte, ein ernsthaftes Anliegen. Die engagierte Autorin und Juristin (die auch an der Universität Passau studierte) hat zuletzt 2009 in ihrem zusammen mit Ilija Trojanow veröffentlichten Buch „Angriff auf die Freiheit“ vor einem übertriebenen Sicherheitswahn, vor Überwachungsstaat und dem Abbau der bürgerlichen Freiheitsrechte gewarnt. „Der Kaktus“, uraufgeführt vor knapp einem Jahr am Münchner Volkstheater, wirkt dazu wie eine zusätzliche Illustration in der Form eines plakativen Possenspiels. „Die größte Gefahr eines Kampfes besteht darin, sich in den eigenen Gegner zu verwandeln“, heißt es in dem Stück, das letztlich das Schreckensbild eines Staates heraufbeschwört, der sich bei der Bekämpfung des Terrorismus selbst terroristischer Methoden bedient, das aufzeigen will, wie schnell ethisch-moralische Schranken durchbrochen werden können. Rambos und Gutmenschen Als durchgeknallte Chaotentruppe treten die Polizisten zunächst auf – da setzt Regisseur Alexander Schilling ganz auf blödelnde Slapstick-Komik. Olaf Danner als GSG-9-Mann wird zum lächerlichen Rambo, trotz aller Tollpatschigkeiten bewundert von dem gleichermaßen dämlichen wie devoten Jungpolizisten Cem (Robert Augustin). Ziemlich ratlos stellen sie sich an, als es um die Vernehmung des schweigsamen Festgenommenen geht. Spaßig bleibt es auch noch, wenn Polizeianwärterin Susi (Stefanie Breselow) in die Szene platzt, ganz altkluge Abiturientin und idealistischer Gutmensch. Mit dem Auftauchen der Polizeioberrätin Dr. Schmid bricht dann der Schreckens-Irrsinn durch. Adelheid Bräu (an wen erinnert ihre blonde Perücke?) ist als hysterische BKA-Frau in ihrem Element. Ganz nach Fantasie zimmert sie sich die Bedrohungslage zusammen: 3000 oder gar 15000 mögliche Todesopfer? Ihre geschickte Demagogie löscht alle Skrupel aus, sie findet willfährige Mitstreiter. Der Kaktus wird mit Stromkabeln traktiert; ein Golfschläger macht ihm endgültig den Garaus. Viel Zeit zum Erschrecken über das eigene Tun bleibt dem Folter-Quartett nicht, denn am Schluss ballert ein neues Polizeikommando rücksichtslos um sich: „Wir sind die Geister, die ihr rieft. Wir sind das 21. Jahrhundert.“ Das mag plattes Agitationstheater sein und ein bisschen an Dario Fo erinnern. Aber es bereitet auch großes Vergnügen, denn die Dialoge stecken voller Witz und Regisseur Schilling hat die vier Darsteller bestens ermuntert, so richtig auf die Pauke zu hauen und die Lust an schriller Karikatur auszuleben. (Ulrich Kelber)
Neuburger Rundschau – 07.10.2010
EIN DEUTSCHLAND-SCHNAPPSCHUSS
Ingolstadt Zu einem besseren Termin als dem vergangenen Sonntag, dem Tag der Deutschen Einheit, hätte man in Ingolstadt Juli Zehs vor zwölf Monaten uraufgeführte Farce „Der Kaktus“ nicht starten können. Zeichnet die 36-jährige Autorin darin doch – versteckt in einer anfangs rasant gespielten Komödie – ein satirisch-böses Bild bundesrepublikanischer Wirklichkeit anno 2009/2010. Es beginnt mit rasantem Slapstick Es beginnt mit rasantem Slapstick und wird nach und nach immer mehr zu einem bitteren Deutschland-Schnappschuss. Und endet schließlich in einer düsteren, hässlichen Zukunftsperspektive. Hausregisseur Alexander Schilling beweist dabei ein sicheres Gespür für die Inszenierung sowohl des spritzig-witzigen Auftakts als auch für den sich langsam, fast unmerklich beginnenden Stimmungsumschwung in der 100-Minuten-Geschichte und insbesondere für die Bühnenumsetzung der überraschenden Schlussaktion. Olaf Danner, ungemein stark körperlich agierend, ist der anfänglich eisenharte, später butterweiche GSG-9-Kämpfer, der einen des Terrors verdächtigen Kaktus (!) verhaftet hat. Neu-Ensemblemitglied Robert Augustin glänzt als türkischstämmiger, leicht tumber Polizist. Ebenfalls erstmals in Ingolstadt ist die junge Stefanie Breselow zu sehen, die ein überzeugendes Debüt als selbstbewusste Polizeianwärterin gibt. Und schließlich ist da noch die stets verlässlich-gute Adelheid Bräu als – im wahrsten Sinne des Wortes – mit aller Gewalt die Menschheit retten wollende BKA-Beamtin. Der „Kaktus“ in Ingolstadt: Ein mit Sicherheit manche Besucher verstörender, dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – ungemein wichtiger Abend! (Peter Skodawessely)