Gut gegen Nordwind

Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Glattauer

Gibt es in einer vom Alltag besetzten Wirklichkeit einen besser geschützten Raum für gelebte Sehnsüchte als den virtuellen? Ein einziger falscher Buchstabe lässt Emmi Rothners Mail irrtümlich bei Leo Leike landen. Leike antwortet, und es beginnt eine nette Plauderei zwischen den beiden. Mit jeder weiteren Mail kommen sich Emmi und Leo näher und schon bald entsteht zwischen den beiden eine ganz besondere Brieffreundschaft. Doch mit der Zeit stellt sich den beiden die Frage: Könnte das, was sich aus ihrer anfänglichen Freundschaft entwickelt hat, auch Verliebtheit oder sogar Liebe sein? Und ist dies angesichts der Tatsache, dass sie sich nie persönlich begegnet sind, überhaupt möglich? Bald scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann es zum ersten persönlichen Treffen kommt … Gut gegen Nordwind ist ein Briefroman im Internet-Zeitalter – ein E-Mail- Roman. Glattauer gelingt es, den Leser gemeinsam mit Leo und Emmi auf jede neue Nachricht warten zu lassen. Das Leiden wird körperlich fühlbar, wenn eine Mail eine Zeit lang ausbleibt, eine Frage nicht sofort beantwortet wird oder nur vage. Beide leiden unter der Ungewissheit, ob sie – bzw. der andere – dem in den Mails entstandenen Bild je entsprechen können. Und beide wissen irgendwann, dass sie aufhören müssen, sich näher zu kommen, doch sie gehen weiter – Schritt um Schritt – wohl wissend, dass jede Annäherung die Sehnsucht immer stärker werden lässt – nach dem, den man nicht kennt und doch so sehr. »Zu meinem Glück gehören E-Mails von Leo«, schreibt Emmi. Auch Leo lässt sich hinreißen: »Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.« Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, studierte Pädagogik und Kunstgeschichte und schrieb drei Jahre lang für ›Die Presse‹. Seit 1989 schreibt er unter dem Kürzel ›dag‹ in der Wiener Tageszeitung ›Der Standard‹ Kolumnen, Gerichtsreportagen und Feuilletons. ›Gut gegen Nordwind‹ ist seine achte, bisher erfolgreichste Buchveröffentlichung. Sein neuer Roman ›Alle sieben Wellen‹ befindet sich aktuell auf der österreichischen Bestsellerliste. ›Gut gegen Nordwind‹ kam 2009 erstmals am Wiener ›Theater in der Josefstadt‹ auf die Theaterbühne. Die deutsche Erstaufführung fand im Januar 2010 am Berliner ›Theater am Kurfürstendamm‹ statt.
Regie: 
Axel Stöcker
Ausstattung: 
Christina Huener
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 150 Minuten, mit Pause
Kulturkanal – 04.10.2010
ACHTERBAHNFAHRT DER GEFÜHLE
Einen größeren Kontrast zur „Rocky Horror Show“ kann es kaum geben. Dort der riesige Aufwand an Ausstattung, also eher viel Lärm um Nichts, hier, im Studio im Herzogskasten, ein schmaler weißer Bühnenraum und nichts weiter als zwei Menschen, die sich per E-Mail annähern und zwei Darsteller, Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg, die dabei das brennende Interesse aneinander von der ersten Minute auf sich und ihre Geschichte ziehen. Der erste Teil von Daniel Glattauers E-Mail-Roman "Gut gegen Nordwind" hatte letzten Freitag Premiere, die Fortsetzung "Alle sieben Wellen" kommt bereits am Samstag heraus. Sie kennen sich nicht, aber sie lieben sich irgendwann. Eine Brieffreundschaft per E-Mail. Mit dem Vorteil zeitnaher Kommunikation. Noch schnell einen Gute-Nacht-Gruß mit prompter Antwort. Manchmal. Mit bangem Warten auf den nächsten Kontakt. Auch dies. Eine Beziehung mit vielen Höhen und Tiefen. Die Liebesgeschichte zwischen der verheirateten Emmi und dem beziehungsgeschädigten Sprachpschologen Leo hinter den Zeilen von E-mail-Botschaften. Begonnen hat alles mit einem Irrtum. Sie will eine Zeitschrift abbestellen und landet bei ihm, der auf d i e Entscheidungsmail seiner Dauer-Freundin wartet. Der E-mail-Kontakt wird zur vertrauten Gewohnheit mit Suchtfaktor. Er ist ein gemeinsamer Fantasieraum außerhalb der jeweiligen Lebenswirklichkeit, schließlich fast eine Obsession. Natürlich wollen sie irgendwann wissen, wie der interessante, witzige, kluge E-Mail-Partner aussieht, wie er spricht, wie er riecht, wie er küsst. Die beiden Darsteller sind wirklich nicht zu beneiden. Viel Text, viel ähnlicher Text, ca. 50 Einzelszenen pro Theaterabend sind in ihrer Reihenfolge zu merken. Trotz dieser Mammutaufgabe: "Gut gegen Nordwind" ist ein wunderbar vergnüglicher, menschlicher und spannender Theaterabend geworden. Was sich Emmi und Leo so sehnsüchtig wünschen und gleichzeitig fürchten, ist Regisseur Axel Stöcker und vor allem den beiden wunderbar nuancenreich agierenden Darstellern Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg großartig gelungen: Lebendig zu werden und jede Reaktion, jede Empfindung auf die Mail des anderen hörbar, spürbar, sichtbar zu machen. Christina Huener hat einen weißen Bühnenstreifen mit weißen Würfeln ins Studio gebaut. Am Anfang und am Schluss schreibt sich von unsichtbarer Hand die lapidare E-mail-Botschaft an die Wand, in Dunkelphasen sehen wir ein Fries aus binären Strukturen oder auch mal etwas sehr symbolträchtige Projektionen zweier magisch blau erleuchteter Türen. Emmi und Leo agieren im selben fiktiven Raum, ihrem Insel-Freiraum der Fantasie. Aber sie sind durch eine unsichtbare Schallmauer davor getrennt, sich wirklich zu sehen oder zu hören. Wohl lässt sie Regisseur Axel Stöcker im Moment größter innerer Annäherung auch mal nebeneinander auf dem Boden sitzen und fast die Köpfe aneinander lehnen. Aber sie wissen es nicht. Die Simultaneität der Aktionen, die nur die Zuschauer, nicht aber die Figuren sehen, macht einen besonderen Reiz dieser um die Bühnensituation erweiterten E-Mail-Texte aus. Die weißen Würfel dienen den Darstellern dazu, wechselnde Positionen einzunehmen. Und nie sitzen sie dabei vor dem PC. Leo blättert viel in Akten, er ist Wissenschaftler, sie nehmen auch mal die E-Mail-Ausdrucke der Botschaft des anderen in die Hand. An Emmis Kleiderwechseln können wir die Jahreszeiten, also die Dauer der Beziehung, ablesen. Immer mehr zieht sich Emmi offenbar vom Arbeits- oder Wohnzimmer ins Schlafzimmer zurück, wenn sie nicht mehr gelassen in einem Notizbuch blättert sondern sich in eine Decke kuschelt und so Halt und Geborgenheit in einem desolater werdenden Gemütszustand sucht. Beide betrinken simultan aber eben nicht gemeinsam ihre Sehnsucht zueinander, kommentieren mit kleinen mimischen Facetten zuhörend den Text des anderen. Das ist äußerst geistreich, leichtfüßig, voller Pointen, lakonisch und emotional, so dass die aussichtslose Liebesgeschichte mit ihrer Achterbahnfahrt der Gefühle auch ein äußerst vergnüglicher Theaterabend ist. Vera Weisbrod geht mal spöttisch, mal kokett auf den Beziehungsaufbau via Internet ein und wirkt so klug, sensibel, impulsiv und attraktiv, dass man Leo unbedingt eine Begegnung mit dieser Frau wünscht. Ralf Lichtenberg ist nachdenklich, ironisch, einfühlsam, und in Bezug auf seine reale Dauer-Ex-Freundin mit einigem Sarkasmus. Und beide vermitteln subtil diese zunächst spielerische Lust am Ausloten der Fantasieräume, die immer mehr Besitz von ihnen ergreift. Ihre obsessive Neugier auf dieses Abenteuer im Kopf reißt auch die Zuschauer mit in den Strudel aus Hoffen und Bangen. Voller Spannung, ob am Ende nun endlich das ersehnte Treffen, eine erste gemeinsame Nacht, oder die Funkstille in der Mailbox steht. "Gut gegen Nordwind" ist ganz klar mein Favorit unter den drei ersten Premieren dieser Spielzeit am Theater Ingolstadt – und ich freue mich schon auf die Fortsetzung mit "Alle sieben Wellen". (Isabella Kreim)
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 11.10.2010
PACKEND - Premiere II: Ingolstadt zeigt ganzen Glattauer
Immer bei Nordwind hat die in einer Vernunftpartnerschaft lebende Anfangsdreißigerin Emmi Schwierigkeiten mit dem Einschlafen. Eine durch einen Tippfehler versehentlich zustande gekommene E-Mail-Korrespondenz mit dem gerade von seiner Freundin verlassenen Leo hilft dagegen. Leo ist für Emmi also "Gut gegen Nordwind". Und so lautete auch der Titel des 2006 erschienenen Kultbuchs des jetzt 51-jährigen Wieners Daniel Glattauer. Die Bühnenfassung von dessen modernem Briefroman feierte vor einer Woche im 70-Plätze-Studio des Theaters Ingolstadt unter der Regie von Axel Stöcker erfolgreich Premiere. Jetzt am Samstag hatte die Fortsetzung "Alle sieben Wellen" hier ihre nicht minder begeistert aufgenommene Erstaufführung. Als erste deutsche Bühne zeigt damit das Theater Ingolstadt beide Erfolgsromane in einer zweigeteilten Bühnenfassung. Insgesamt über 240 Minuten Spielzeit, lediglich zwei Darsteller, die - sieht man einmal von vier ganz kurzen Sequenzen ab - sich auf der kleinen Spielfläche nie körperlich berühren, die lediglich ihre an den jeweils anderen versandten Mails rezitieren. Kann das gut gehen, kann das spannend sein, kann das die Zuschauer insgesamt über vier Stunden lang "packen" und "fesseln"? Ja, es kann! Weil der Text der Vorlage amüsant und geschliffen pointiert ist, der Regisseur Sinn für Rasanz und für Tempowechsel hat und für kleine und kleinste Gesten und Andeutungen seiner beiden Akteure. Aber vor allem funktioniert es, weil mit Vera Weisbrod und Ralf Lichtenberg zwei ungemein wandlungsfähige, famose Schauspieler auf der Bühne stehen, die ihr ganzes Können zeigen dürfen und es auch tun. Bravo! (Peter Skodawessely)
MITTELBAYERISCHE ZEITUNG – 13.10.2010
SCHREIBEN IST WIE KÜSSEN
Ingolstadt. Beim Premierenreigen zur Spielzeiteröffnung gab es am Ingolstädter Theater neben der furiosen „Rocky Horror Show“ und der grotesken Polit-Komödie „Der Kaktus“ auch eine ganz wunderbare und gefühlsvolle Herz-Schmerz-Romanze: „Gut gegen Nordwind“ ist die Bühnenfassung des Romans, mit dem der Wiener Autor Daniel Glattauer vor ein paar Jahren einen Riesenerfolg einheimste. Es geht um eine heiße Affäre per E-Mail, um eine Liebesgeschichte ganz ohne Anfassen: „Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.“ Schon Georges Bernhard Shaw hatte das Bonmot geprägt: „Die idealste Liebesaffäre ist die mit der Briefpost.“ Seine Korrespondenz mit der Schauspielerin Stella Campbell wurde unter dem Titel „Geliebter Lügner“ zum viel gespielten Theaterstück. Heute muss man nicht mehr sehnsüchtig auf den Postboten warten, dank Computerzeitalter lässt sich das Wortgeplänkel beliebig beschleunigen, aber auch geheimnisvoll machen – wenn nämlich der Zufall einer falsch getippten Adresse zwei einander völlig unbekannte Menschen in Kontakt bringt und aufeinander neugierig macht. Eine fade szenische Lesung von Mail-Botschaften? Keine Angst! Was im Studio im Herzogskasten geboten wird, ist gleichermaßen lebendig wie herzerwärmend. Dabei strahlt der ganz in weiß gehaltene und nur mit ein paar schlichten Würfeln möblierte Bühnenraum zunächst strenge Kühle aus. Regisseur Axel Stöcker setzt ganz auf Abstraktion, selbst auf Laptop oder PC wird verzichtet. Nur ein paar Mal sieht man als Projektion auf der Bühnenrückwand, wie ein paar Worte hingetippt werden. Der Blick geht ganz auf die beiden Darsteller. Und die sind hinreißend. Ganz phantastisch in der Rolle der Emmi ist Vera Weisbrod. Sie ist die Forsche, die Quirlige: Sie ist witzig, ihre Worte pointiert, sie lockt, sie schmollt, schafft erotischen Zauber, sie erträumt sich ihren Idealmann, zeigt Verliebtheit und Angst, zaudert – bravourös wird von ihr dieser Rausch der Emotionen ausgereizt. Auch für ihren Mail-Partner wird sie mehr und mehr zur ersehnten Traumfrau. Leo (Ralf Lichtenberg), ist der nette, freundliche Typ, der sich zunächst ganz distanziert zeigt, dann jedoch zunehmend entflammt. Aber die Geschichte – und darin liegt ihr Reiz – setzt auf süße Bitternis: keine Begegnung in der wirklichen Welt. Aber Daniel Glattauer hat ja inzwischen eine Fortsetzung geschaffen mit dem Glückswogen verheißenden Titel „Alle sieben Wellen“. Auch dieses Stück wird seit Freitag – in gleicher Besetzung – in Ingolstadt gezeigt. Gewiss mit großem Erfolg: Theater voller Charme, so richtig zum Schwärmen, Mitfiebern und Mitleiden. (Ulrich Kelber)