Harry und Sally

Komödie von Nora Ephron und Marcy Kahan

Harry und Sally sitzen in einem New Yorker Restaurant, als Harry behauptet, er würde es merken, wenn ihm eine Frau sexuelle Befriedigung vortäuscht. Also beschließt Sally ihn kurzerhand vom Gegenteil zu überzeugen, vor Ort und Stelle, und spielt ihrem Gegenüber und dem ganzen restlichen Restaurant orgiastische Verzückung vor. Gekonnt, denn die ältere Dame am Nebentisch verlangt fasziniert von der Kellnerin: »Ich will genau das Gleiche, was sie hatte.« Die Szene aus der romantischen Filmkomödie von Rob Reiner aus dem Jahr 1989 mit Meg Ryan und Billy Crystal in den Titelrollen ist wohl eine der berühmtesten der Filmgeschichte, und der Film, zu dem die Spezialistin für romantische Komödien, Nora Ephron, das Drehbuch verfasste, begeistert damals wie heute durch pointiert witzige Dialoge und eine herzzerreißend romantische Liebesgeschichte, die nun endlich auch als Schauspiel die Bühnen erobert. Doch zunächst beginnt alles ganz unromantisch. Als Harry und Sally sich zum ersten Mal begegnen, liegen sie sich sofort in den Haaren. Harry will mit der frisch nach New York gezogenen Sally ins Bett; blöderweise ist er mit ihrer besten Freundin zusammen. Da vertröstet ihn Sally doch lieber auf die Freundschaft. Für Harry ein eigenartiges Angebot. Eine Freundschaft zwischen Mann und Frau? Unmöglich, da kommt doch früher oder später sowieso der Sex dazwischen. So trennen sich ihre Wege, um sich fünf Jahre später wieder zufällig zu kreuzen, zu verlieren und nach weiteren sechs Jahren schließlich erneut zu begegnen. Harry ist frisch von seiner Frau verlassen, Sally frisch von ihrem langjährigen Freund getrennt. Die zwei Singles entwickeln eine enge Freundschaft. Muss sich Harry vom Gegenteil seiner Geschlechtertheorie überzeugen lassen? Oder kommt am Ende der Sex, oder noch viel schlimmer, die Liebe dazwischen? Die Bühnenfassung von Marcy Kahan richtet den Hollywoodklassiker originell und geschickt für die Bühne ein und bietet so die ideale Grundlage für einen schlagfertig witzigen wie romantischen Theaterabend. Nora Ephron, 1941 in New York geboren, ist Journalistin, Autorin, Regisseurin und eine der bekanntesten amerikanischen Drehbuchautorinnen. Zu ihren größten Erfolgen zählen das Stück ›Heartburn‹, inspiriert durch einen persönlichen Tiefschlag, sowie die Filme ›Harry und Sally‹, ›Schlaflos in Seattle‹ und ›E-Mail für dich‹. 2009 kam mit ›Julie & Julia‹ ihr neuester Film mit Meryl Streep in der Hauptrolle in die Kinos.
Regie: 
Kay Neumann
Ausstattung: 
Dorit Lievenbrück
Video: 
Thomas Wolter
Dramaturgie: 
Matthias Grätz
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 150 Minuten, mit Pause
Augsburger Allgemeine – 17.01.2011
Unterhaltsam
(Ingolstadt) Welche Film-Sequenzen sind in die Kinogeschichte eingegangen? Das Wagenrennen aus „Ben Hur“, Orson Welles’ Lippen, die das Wort „Rosebud“ zu Beginn von „Citizen Kane“ flüstern, auch der Napalmbomben-Angriff in Coppolas „Apocalypse Now“, musikalisch unterlegt durch Wagners „Walkürenritt“. Seit 1989, als „When Harry Met Sally“ auf die Leinwände kam, gehört zu den großen Momenten des Kinos auch jener, in dem Sally lautstark in einem öffentlichem Café sexuelle Befriedigung vortäuscht. In Ingolstadt kann man das seit diesem Samstag auf der Bühne betrachten: Die Theaterversion des Kultstreifens hatte im Großen Haus bejubelte Premiere. Ein Spaß für die kommenden närrischen Wochen Regisseur Kay Neumann – ideenreich unterstützt von Ausstatterin Dorit Lievenbrück – besitzt genau das richtige Händchen für die Adaption von Nora Ephrons und Marcy Kahans bissig-witziger Romanze, in der humorig ein so amüsanter wie hintersinniger Kosmos menschlichen Miteinanders vorgeführt wird. Dem Ingolstädter Theater stehen mit Stefanie Breselow als pingeliger und leicht neurotischer Sally und mit Aurel Bereuter als vom anfänglichen Macho zum einfühlsamen Softie mutierenden Harry auch zwei passende Hauptdarsteller zur Verfügung, zwischen denen die „Chemie“ deutlich erkennbar stimmt. Wobei ihnen die weiteren, nicht minder spielfreudigen Darsteller – u. a. Maria Helgath, Marie Ruback, Olaf Danner, Richard Putzinger, Toni Schatz – in nichts nachstehen. Nicht zu vergessen Manuela Brugger und Ulrich Kielhorn in mehreren eingespielten Videos – Highlights des unterhaltsamen Abends. „Harry und Sally“ in Ingolstadt: Ein luftig-leichter Spaß für die kommenden närrischen Wochen – mit einer richtig dosierten, unaufdringlichen Prise Tiefgang! (Peter Skodawessely)
Kulturkanal – 17.01.2011
Kein bitterer Nachgeschmack
Kokostorte mit separat servierter Schokoladensauce, damit der Kuchen nicht durchweicht und exotischer Obstsalat zur Hochzeit ist vielleicht doch das größere Glück als der Kick von Sex auf kalten Küchenfußbodenkacheln. 12 Jahre und drei Monate brauchen Harry und Sally nach dem Fehlstart ihrer ersten Begegnung, bis sie merken, dass sie zusammen gehören. Sie verlieren sich aus den Augen, um sich nach 5 oder weiteren 6 Jahren wieder zu begegnen, aber irgendwie immer zum falschen Zeitpunkt, denn beide sind zwischendurch auch immer mal anderweitig verheiratet oder liiert, leiden unter Trennungsschmerz und werden irgendwann dann doch das, wovon Harry sagt, dass es unmöglich sei. Nämlich dass ein Mann und eine Frau einfach nur befreundet sein können, ohne „dass der Sex dazwischen kommt“. Um nach einigen weiteren Lebensjahren festzustellen, dass das vielleicht wirklich nicht geht. Die Geschichte ließe sich als sentimentale Hollywood-Schnulze, als bieder-kitschig verpilcherte Fernseh-Soap oder auch als melancholisches Drama schicksalshaft verpasster Lebenschancen erzählen. Dank der witzigen Dialogpointen von Nora Ephron und der spritzigen Regie von Rob Reiner gilt die Filmkomödie "When Harry met Sally" von 1989 zu Recht als Musterbeispiel einer gelungenen romantischen Filmkomödie wie man sie sonst eher von französischen Filmen kennt. Muss man nicht scheitern, wenn man versucht, einen perfekten Film auf der Bühne nachzuspielen? Noch dazu im Großen Haus, wo der Reiz der Nahaufnahme auf subtile Zwischentöne, Understatement und Gefühlsambivalenzen von vornherein weitgehend flöten geht? Wenn man aufhört Äpfel mit Birnen, Film mit Theateraufführung zu vergleichen, kann man seinen Spaß haben an diesem Abend. Regisseur Kay Neumann und die Ingolstädter Darsteller haben den richtigen Ton getroffen zwischen leichtfüßiger Komödie und ernst zu nehmenden Lebenskrisen, die durch witzige Pointen und die komische Seite der Situationen immer wieder ent-sentimentalisiert werden. Ausstatterin Dorit Lievenbrück lässt New-York-Kulissen verschieben. Mit Glühlämpchen und Konfetti entstehen Silvester- oder Traumhochzeits-Szenarien; Herbstlaub, ein Laubbläser und ein Jogger illustrieren stimmungsvoll und witzig den Spaziergang im Central Park. Überhaupt sind die vier Statisten als zustimmend oder erstaunt reagierende Fitnessstudio-Kunden oder als Personal beim Nobel-Inder ausgesprochen witzig eingesetzt. Die Kostüme spiegeln den Zeitgeist von den frühen 90er Jahren bis zur Jahrtausendwende, also ein Jahrzehnt später als die Filmhandlung. Und die absenkbaren Restaurant-Tische über dem Orchestergraben lassen Insider sofort erkennen, dass man auch in dieser Bühnenfassung auf die berühmteste Szene des Films nicht verzichten muss, in der Sally Harry in einem Restaurant vorspielt, wie Frauen Männern einen Orgasmus vorspielen. Marie Ruback versteht es nicht nur als Dame am Nebentisch, sondern auch als Harrys Ex-Frau Pointen zu setzen und ungerührt ihre Trennung abzuwickeln. Regisseur Kay Neumann hat gut daran getan, diese Liebes-Komödie hübsch, aber nicht zu aufwändig zu verpacken, sodass man auch nicht enttäuscht ist, wenn kein raffiniertes Praliné, sondern ein aus witzigen Dialogen, lustigen Fauxpas und süffigen Gefühlen wohlabgeschmecktes Bonbon zum Vorschein kommt. Und auch wenn die schmackhafte Zuckerhülle schmilzt, kommt kein bitterer Nachgeschmack zum Vorschein. Auch was da passiert an Liebeskummer und Verletzungen geht runter wie flüssiger Honig. Nichts bleibt kratzig im Hals stecken. Die komische Seite der Gefühlskrisen schwingt immer mit. Aurel Bereuter und Stefanie Breselow, die bereits als forsche Polizistin in „Der Kaktus“ in der Werkstattbühne zu sehen war, sind Harry und Sally. Man kann sich fragen, warum die beiden sich eigentlich nicht von Anfang an so nett finden, wie sie auf die Zuschauer wirken. Stefanie Breselow ist ein wenig eigensinnig und kratzbürstig, aber immer noch nettes American Girl und einfühlsame beste Freundin. Aurel Bereuter ist auch bei seiner provokativen Anmache und seinen zynischen Beziehungsweisheiten noch ein charmant wortreich erklärender Besserwisser und liebenswert erstaunter Zuhörer, wenn er abblitzt. Aber gerade weil beide so wenig exzentrisch, sondern so menschlich nachvollziehbar im wohltemperierten Mittelbereich aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit agieren, folgt man ihnen gerne zu den Auf und Abs ihrer Dauer-Beziehung. Richard Putzinger und Maria Helgath spielen ebenso glaubwürdig mit kleinen komischen Spitzen Harrys Freund und Sallys Freundin. Eine der schönsten Szenen ist der vergebliche Versuch von Harry und Sally, sich in einem indischen Restaurant gegenseitig mit ihren Freunden Jack und Mary zu verkuppeln. Verlegen höfliche Konversation, die schnell versandet zwischen denen, die sich füreinander interessieren sollen und peinlich spontane Begeisterung zwischen Jack und Mary. Herrlich auch, wie Richard Putzinger bei seiner Hochzeitsfeier mit unschuldiger Euphorie Harry und Sally als total unattraktiv brüskiert. Im Film eingeschnitten ist Doku-Material mit Szenen, in denen ältere Ehepaare erzählen, wie sie sich kennengelernt haben. Kitsch, findet Harry. Faszinierend authentische moderne Kunst, findet sein Freund Jack. Postromantischer Humanismus, schreibt die Kritik. Das Sofa steht real vor Blümchentapete und Vorhang am Bühnenrand. Die Videoeinspielungen werden als witzige Schnittstelle zwischen Film und Bühne auf diese reale Dekoration projiziert. Und wie Ulrich Kielhorn und Manuela Brugger in wechselnden Perücken und Outfits minimalistisch diese unterschiedlichen Ehepaare charakterisieren sind hinreißend skurril-komische Highlights dieser Aufführung. Dafür bekommen sie zu Recht immer wieder Sonderapplaus. Harry und Sally: Eine harmlose Liebeskomödie. Aber wohlschmeckend. (Isabella Kreim)
Landshuter Zeitung – 18.01.2011
Einfach lieb
Die Theateradaption eines Filmes, der Kult-Charakter erlangt hat, ist letztlich eine Garantie für größtmögliche Überraschungsfreiheit. Und wenn dann beispielsweise ein Regisseur wie Kay Neumann handwerklich geschickt ist und den Brummkreisel der allseits bekannten Geschichte am Laufen hält, wenn er zwei sehenswerte Vollblut- Schauspieler hat wie Stefanie Breselow als Sally Albright und Aurel Bereuter als Harry Burns, ist der Erfolg garantiert. Deshalb gab es am Premierenabend von „Harry und Sally“ im Theater Ingolstadt am Wochenende frenetischen Applaus, und das nicht zuletzt deshalb, weil das Publikum zufrieden damit war, fröhlich Erwartetes frohgemut serviert bekommen zu haben. Harry und Sally sind einfach lieb, und man gönnt ihnen ihr Happy End von Herzen, auf das sie zweieinhalb Stunden lang zusteuern. In angedeuteten Wohnlandschaften und einem sich hebenden und senkenden American Diner bietet die Bühne (Ausstattung: Dorit Lievenbrück) eine angenehm zurückhaltende Kulisse, in der Breselow und Bereuter ihre ganze Klaviatur von Charme ausspielen können. Sie machen das in vollendet ungespreizter Natürlichkeit, wohl auch, um so nah wie möglich an der Haltung des aus dem Film bekannten Personals zu bleiben. Hier ist es Aufgabe, dem Theater alles Theatralische auszutreiben, um in jener Wirklichkeit anzukommen, die man vom Kino her kennt. Eine Wirklichkeit, die weit wirkt: Den Film kennt man selbst dann, wenn man ihn nicht gesehen hat, so oft wird er zitiert. Nett, harmlos und unterhaltsam fasst er die gängige These zusammen, dass Männer und Frauen auf zwei völlig verschiedenen Planeten leben und sich hart tun im rein freundschaftlichen Miteinander, wenn sich die Liebe dazwischen drängt. So gesehen reicht es bei der Theateradaption, elegant in ein Gewand zu schlüpfen, das längst schon geschneidert ist, und sich darin möglichst so zu bewegen, dass Abweichungen vermieden werden, sonst risse der schöne Schein. In Ingolstadt wirkt der Schein hell glänzend mit hohem Unterhaltungswert. (Christian Muggenthaler)