Harper Regan

Schauspiel von Simon Stephens

Einmal im Leben ein Auto zu Schrott fahren, wer hätte davon nicht schon mal geträumt. Was andere von ihrer Phantasie und den Stuntman in Actionfilmen erledigen lassen, möchte Harper Regan allen Ernstes mal selber tun. An einem Montagabend übt Sarah, die 17-jährige Tochter der Familie Regan, mit ihrem Vater Seth für die Geografieprüfung: »Gletscher sind riesige Flächen sich bewegenden Eises. Wenn eine große Menge zusammengedrückten Eises eine kritische Masse erreicht, wird das Eis so schwer, dass es anfängt, sich zu bewegen.« Ohne es zu ahnen, bringt Sarah mit diesem Bild den emotionalen Zustand ihrer Mutter Harper auf den Punkt. Harpers Vater liegt im Sterben, und sie möchte ihn noch ein letztes Mal sehen. Ihr Chef aber verweigert den nötigen Urlaub und droht bei Nichterscheinen in der Firma mit sofortiger Kündigung. Plötzlich steht sie am Scheideweg ihres Lebens, verlässt in einer Nacht- und Nebelaktion Mann und Kind, um zu ihrem Vater nach Stockport zu reisen. Doch sie kommt zu spät: Wenige Stunden zuvor ist er gestorben. Nun steht sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Den Job hat sie verloren, die Familie verlassen. In Harper keimt die Sehnsucht auf, das Leben noch einmal in all seinen Facetten und Abgründen zu spüren. Frei wie ein Vogel strudelt sie, gefangen im eigenen Käfig von Selbstzweifeln, Ängsten und Begierden, durch die darauf folgenden Tage. In einer Kneipe rammt sie einem Journalisten, der sie morgens um 11 Uhr anmacht, sich Koks hochzieht und in antisemitische Hasstiraden ausbricht, Scherben ihres zerbrochenen Weinglases in den Hals und wird ihm seine Lederjacke klauen. Fern der Familie, gerät ihr Leben wieder in Bewegung, es ist, als würde es ihr zurückgeschenkt. Die Nacht verbringt sie mit einem Fremden im Hotel. Ausgerechnet ihm vertraut sie an, dass Seth, ihr Mann, arbeitslos ist, weil er angeblich pornografische Fotos von kleinen Mädchen gemacht hat. Bis heute weiß Harper nicht, ob er wirklich unschuldig ist. Schließlich besucht sie nach zwei Jahren wieder ihre Mutter. Der letzte Schritt auf ihrem Abstieg in die Hölle? Oder das erste Licht am Ende eines langen Tunnels? Als Harper von ihrer Reise zurückkehrt, ist nichts, wie es einmal war. Wenn alles vorbei ist und Harper Regan wieder zu ihrem Mann und ihrer Tochter nach Hause zurückkehrt, waren es »nur« drei Tage in ihrem Leben. Drei Tage allerdings, die an emotionalen Umschwüngen, an existenziellen Begegnungen, an substanziellem Erleben so voll, so reich, so verdichtet sind wie sonst Jahre nicht – im Zeitraffer der sich überschlagenden Gefühle und Ereignisse. »Ich wollte darüber schreiben, was eine Ehe ausmacht. Eine Ehe ist eine Institution in ihrer besten Form, die die Schwächen und das Scheitern, die Fehler und Irrtümer eines jeden Partners anerkennt. Auch wenn sie diese Fehler nie vergisst und nicht immer verzeiht, so ermöglicht eine Ehe zumindest, das Versagen als Teil des Menschseins zu akzeptieren.« (Simon Stephens) »Eine Zeit lang schien ich davon besessen, Stücke über Menschen zu schreiben, die ihr Zuhause verlassen. Mittlerweile schreibe ich Stücke über Menschen, die nach Hause kommen. ›Harper Regan‹ ist das erste Stück, bei dem ich dieser Sehnsucht am nächsten komme«, sagt Simon Stephens über die Odyssee seiner Titelheldin. Auf behutsame, fast unmerkliche Weise verdichtet der Autor alltägliche Begegnungen zu Wendepunkten in Harpers Leben. Dabei ist Stephens ein Meister der psychologischen Figurengestaltung. Mit enormer Phantasie und scharfer Beobachtungsgabe entwirft er ein Stationendrama, dessen Atmosphäre lange nachwirkt. Simon Stephens ist der erfolgreichste britische Theaterautor seiner Generation und wurde von der deutschsprachigen Theaterkritik zum besten ausländischen Dramatiker der Saison 2006/2007 gewählt. Das Theater Ingolstadt hatte sein Stück ›Pornographie‹ in der letzten Spielzeit im Repertoire.
Regie: 
Martin Schulze
Ausstattung: 
Fred Fenner, Daniel Nunez Adinolfi
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 120 Minuten
Augsburger Allgemeine – 18.10.2010
EIN LEBEN GERÄT AUS DEN FUGEN
Ingolstadt Der 39-jährige Brite Simon Stephens macht es seinen Zuschauern nicht leicht – das war schon bei seinem Erfolgsstück „Pornographie“ so (2007), und das ist auch bei dessen 2008 uraufgeführten Nachfolgewerk „Harper Regan“ der Fall. Am Freitag hatte es in der gefühlsbetonten Regie von Martin Schulze am Theater Ingolstadt Premiere. Die Art und Weise, in der Stephens psychologisch auf seine Protagonisten blickt, ist eigenwillig. Man muss die Bereitschaft mitbringen, diesem Blick zu folgen. Wer das tut – was, zugegeben, nicht jedem möglich sein kann –, wird dafür belohnt mit Gegenwartstheater vom Feinsten! In dem zweistündigen Stationendrama scheint die titelgebende Anfangsvierzigerin Harper Regan zunächst alles in ihrer Familie einigermaßen im Griff zu haben. Das ändert sich jedoch plötzlich, als sie – ohne Einwilligung ihres Arbeitgebers und ohne ihren Mann sowie ihre 17-jährige Tochter darüber zu informieren – von einem Londoner Vorort aus nach Manchester reist, um dort ihren sterbenden Vater noch einmal zu sehen. Sie kommt jedoch zu spät und damit gerät ihr ganzes bisheriges Leben aus den Fugen. Im Großen Haus von Ingolstadt glänzt Victoria Voss in der Hauptrolle der Harper Regan, zeigt alle Facetten einer zerrissenen und widersprüchlichen Frau, die nicht mehr bereit ist, zu „funktionieren“, die aufhören möchte, sich selbst zu verleugnen. Die weiteren sechs Darsteller auf der von Fred Fenner und Daniel Nunez Adinolfi architektonisch klug gebauten Schaukastenbühne stehen ihr aber nicht nach: Ausdrucksstark etwa Sascha Römisch in der – vom Autor verlangten – Doppelrolle des desillusionierten Ehemanns sowie des abgebrühten Lovers aus dem Internet oder auch Stefan Leonhardsberger mit seinen ganz leisen, jugendlich- naiven Tönen. Nicht zu übersehen auch der kraftstrotzende Toni Schatz in einer kurzen, aber einprägsamen Sequenz als abgehalfterter Macho-Journalist Mickey. (Peter Skodawessely)
Süddeutsche Zeitung – 18.10.2010
AUF DER SUCHE NACH FREIHEIT
Ein Testballon auf diesem Gebiet war in der vergangenen Spielzeit die Inszenierung von Simon Stephens "Pornographie". Hier habe allein der Titel viele Leute abgehalten, ins Stück zu gehen, glaubt Rein. Doch die Ingolstädter bekommen in dieser Saison eine neue Chance, mit dem britischen Dramatiker warm zu werden: "Harper Regan" steht auf dem Spielplan. Das Stück um eine Frau Anfang 40, die aus ihrem Leben ausbricht, feierte am Frei tag Premiere - zwar vor halb leerem Saal, aber dafür mit lang anhaltendem Schlussapplaus. Die Inszenierung ist gelungen, soviel gleich vorneweg. Hauptfigur Harper Regan führt ein durchschnittlich trostloses Leben: Sie ist Mutter einer pubertierenden Tochter, Frau eines unglücklichen Mannes und Alleinverdienerin in der Familie. Harper ist verstrickt in ein Gewebe aus Verantwortlichkeiten, Fremdbestimmung und Lebenslügen, tief spürt sie ihre eigene Peinlichkeit und Lächerlichkeit. Diese Frau in der Midlife-Crisis probt den Ausbruch, sie fährt - gegen den Willen ihres Chefs und ohne ihrer Familie Bescheid zu geben - zu ihrem todkranken Vater, will ihn noch ein letztes Mal sehen. Doch sie kommt zu spät, er ist bereits gestorben. Dieser Schock löst die Befreiung aus: Die unsichere, hysterisch kichernde Frau entdeckt ihre aggressive Seite, entmystifiziert ihren Vater, der für sie immer ein Held war, und emanzipiert sich von ihren früheren Rollenmustern. Verdrängte Konflikte brechen auf, ihre Reise wird zur Suche nach Wahrheit. Regisseur Martin Schulze erzählt diesen Roadtrip in Stationen auf einer hierarchisch strukturierten Bühne, die die Vereinzelung der Figuren und ihre Machtbeziehungen deutlich macht. Die Komik, die das Spiel zu Beginn durchzieht, verstärkt die Beklemmung, die im Laufe der Handlung aufkommt. Schade .ist es allerdings um. die kleinen Pausen im Stück, die gefüllt sind mit Musik und immer wiederkehrenden Dialogfetzen. So wurden Räume für Reflexion verkleinert - doch spätestens mit Ende des Stücks setzt das Nachhallen im Zuschauer ein. (Karin Janker)
Kulturkanal – 18.10.2010
EINE FRAU GEHT IHREN WEG
„Harper Regan“: Eine Frau geht ihren Weg. Sie bricht für kurze Zeit aus aus dem gut bezahlten Job und der brüchigen Harmonie ihrer Kleinfamilie. Und erfährt, je mehr sie auf Menschen zugeht und ihnen auf den Zahn fühlt: überall Abgründe und Verlogenheit. Der hartherzige Chef lässt Harper nicht zu ihrem sterbenden Vater, berauscht sich an der Anzahl seiner Lastwagen und an Internet-Pornos, sie begegnet einem obszön antisemitischen Provokateur und geht mit einem Ehemann ins Bett, den sie spontan über eine Anzeige kennengelernt hat, sie nähert sich einem 17jährigen an, der Polen hasst und von weißen älteren Frauen träumt, der Bruch zu ihrer Mutter lässt sich nicht kitten, gerade weil sie erfährt, dass der verstorbene Vater nicht so verehrungswürdig war, wie sie immer geglaubt hat. Und Harper kehrt nach diesem Selbsterfahrungstrip zurück zu ihrer knallhart leistungsorientierten Tochter und einem Ehemann, der unter dem Verdacht kinderpornografische Fotos gemacht zu haben, verurteilt wurde und seither arbeitslos ist. Ein Stoff – auch – wie aus einer Privat-TV oder Boulevardzeitungs-Reportage. Man kann aus Simon Stephans in eigentlich ganz konventionell realistischen Zweier-Szenen geschriebenem Theaterstück aber auch, wie dies Regisseur Martin Schulze und seine beiden Bühnenbildner getan haben, ein vielstimmiges Konzert gesellschaftlicher Deformationen machen und einen Aufriss großstädtischer Isolation zeigen, in der jeder seine kleinen Obsessionen und Perversionen pflegt. Fred Fenner und Daniel Nunez Adinolfi haben ein hoch künstlerisch gestaltetes Einheitsbühnenbild mit konstruktivistischer Ästhetik aus wabenartig neben- und übereinander gelagerten Kästen für die unterschiedlichen Schauplätze im Büro, im Zuhause in einem Vorort von London, für Krankenhaus, Bar, Hotelzimmer oder Elternhaus in Manchester geschaffen. Gleich zu Beginn hocken oder stehen die Figuren des London-Teils in ihren Einzelzellen und agieren simultan und manchmal kommentierend zu den Dialogen. Auch die Kostüme, die farbigen Anzüge, wirken mit ihren kalkweißen Konturstreifen wie aus einem expressionistischen Gemälde stammend. Eine der großen Stärken des Autors Simon Stephens liegt darin, dass er alles, was wir gerne ausgrenzen, dämonisieren oder tabuisieren, Sexualstraftäter, Antisemitismus, amoralische Neigungen und Lebenslügen, in die Normalität von Durchschnittsmenschen zurückholt. Ob der mitleidlose Chef, der koksende Provokateur oder der notorisch untreue Ehemann und besonders natürlich Harpers Ehemann Seth mit seiner auch für Harper nicht einschätzbaren pädophilen Neigung: Sie sind keine Monster, keine Unmenschen, sondern haben auch nachvollziehbar menschliche Züge. So wie Regisseur Martin Schulze sie aber in diesem Bühnenbild ausstellt, von ihrem Umfeld, auch dem Dialogpartner in abstrakten Räumen freistellt, verlieren die Figuren ihre Bodenhaftung in unser aller Normalität. Als Folge entsteht eine große Distanz zu diesen Menschen und ihren Verhaltensweisen, die das Ensemble allerdings mit umso größerer darstellerischer Intensität und Genauigkeit wettzumachen versucht. Ulrich Kielhorn spielt glänzend Harpers exaltiert schmierigen Chef und ihren treuherzig dumpfen Stiefvater, Olivia Cilgia Stutz entwirft prägnant das Bild einer rebellischen, und dennoch leistungsbewußten 17jährigen, die eher gnädig mit dem schwachen Vater umgeht, und mit der starken, aber auch überforderten Mutter gnadenlos kollidiert. Als junge Krankenschwester liefert sie ein etwas überzeichnetes Psychogramm einer jungen Frau knapp an der Hysterie. Stefan Leonhardsberger setzt dagegen auf stoische Gelassenheit, mit der er sich von der älteren Frau umschmeicheln lässt, und er hat eine wunderbar beredte Schüchternheit im Hause von Harpers Mutter. Sascha Römisch verdanken wir einige der stärksten Momente, sowohl als übervorsichtig demütiger Mann von Harper wie als Mann für eine Nacht. Doppelbesetzungen sind vom Autor aus pragmatischen Gründen vorgesehen, ergeben für den Erfahrungsweg der Harper auch schöne Déjà-vus, wenn der Mann für eine Nacht im fernen Manchester ihrem Ehemann zu Hause ähnelt. Oder die Krankenschwester, der sie sich als erste in ihrem Schmerz über den verstorbenen Vater öffnet, die Züge ihrer eigenen Tochter hat. Die Komplexität von Simon Stephens 3-Generationen-Problem mit den schwierigen Vater-Tochter- und Mutter-Tochter-Konstellationen wird dadurch geschärft. Sabine Wackernagel spielt glänzend Harpers Mutter, diese Mischung aus penetranter Fürsorglichkeit und kaltherziger Verbitterung, Toni Schatz ist der ekelhaft lästernde Journalist Mickey, dem Harper die Zunge abbeißt. Victoria Voss als Harper ist das fesselnde Zentrum der Aufführung. Eine Frau, die sich lächelnd anpassen kann, wenn Chef oder Tochter sie in die Enge treiben und die dennoch mutig, stark und neugierig nach den gefährlichen Abenteuern und den Schmerzpunkten bei sich und den anderen sucht. Und dabei nie ihre Würde verliert! Victoria Voss verzettelt sich nicht in emotionalen Wirrnissen, sondern bleibt immer ein Stück weit auch staunende Betrachterin ihrer eigenen und der fremden Untiefen. Lächelnd und sanft erzählt sie ihrem Mann von ihrem Seitensprung als wär's eine Liebeserklärung. Ist es vielleicht auch. Sascha Römisch geht in wenigen stummen Sekunden den Weg aus der Hölle in die Vision von einem glücklichen Familienleben in 10 Jahren. „Harper Regan“ im Theater Ingolstadt. Zwei Stunden ohne Pause: Ein beklemmendes Kaleidoskop der Abgründe hinter den Fassaden von Familien-Konstellationen. (Isabella Kreim)
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