Momo

Kinderstück von Michael Ende

Das Mädchen Momo lebt wie eine Landstreicherin in der Ruine eines kleinen Amphitheaters am Rand der Stadt. Nicht nur ihre guten Freunde Beppo und Gigi besuchen sie regelmäßig, auch andere Menschen kommen, um Momo ihr Herz auszuschütten, denn Momo kann zuhören. Eines Tages tauchen in der Stadt zigarrerauchende, aschgraue Herren auf, in deren Gegenwart es die Menschen fröstelt. Die grauen Herren haben es auf die kostbare Lebenszeit der Menschen abgesehen und reden ihnen ein, dass sie nur noch Nützliches tun dürfen, um Zeit zu sparen. Einer der grauen Herren verrät Momo, dass er und seinesgleichen ohne ein von den Menschen angespartes Zeitguthaben nicht existieren können. Momo und ihre Freunde rufen zu einer großen Versammlung auf, um die Wahrheit über die grauen Herren zu verbreiten, aber kein Erwachsener folgt ihrer Einladung. Da führt die childkröte Kassiopeia Momo zu Meister Hora, der die Zeit verwaltet. Als Momo nach einem Jahr von ihrer Reise zurückkehrt, findet sie die Welt seltsam farblos und verändert vor. Sie vermisst ihre Freunde. Auch sie sind Opfer der grauen Herren geworden und haben keine Zeit mehr, um Geschichten zu erzählen oder anzuhören. Die grauen Herren aber wollen von Momo zu Meister Hora geführt werden, um endgültig die Herrschaft über die Zeit zu gewinnen. Nur Momo kann ihnen noch Einhalt gebieten ... Michael Endes 1973 erschienener Märchen-Roman mit dem vollständigen Titel ›MOMO oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte‹ gehört heute bereits zu dem Klassikern der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Das Buch wurde in über 40 Sprachen übersetzt und erreichte allein im deutschen Sprachraum eine mehrfache Millionenauflage. 1986 wurde MOMO mit Radost Bokel, Mario Adorf, Armin Müller-Stahl und John Huston verfilmt.
Regie: 
Jürg Schlachter
Bühne: 
Bodo Demelius
Kostüme: 
Christina Wachendorff
Musikalische Leitung: 
Andreas Dziuk
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 75 Minuten
KULTURKANAL INGOLSTADT – 08.11.2009
MICHAEL ENDE: MOMO
Das Kinderstück „Momo“ ist seit gestern auf der Großen Bühne des Theaters Ingolstadt zu sehen - insofern die Zeit-Diebe, diese grauen Herren mit den Zigarren, uns noch nicht aufgeschwätzt haben, ein Theaterbesuch sei vergeudete Zeit. Die Kinder im Publikum waren hinterher jedenfalls begeistert und auch ein bisschen nachdenklich. Bereits die Kinder haben zuwenig Zeit. Nicht nur um das zu tun, was sie lieber tun würden als das was sie tun müssen, sondern auch um das zu tun, was sie wichtiger halten würden, wenn sie mehr Zeit hätten. Gestern, am Spätnachmittag, hatte das Kinderstück „Momo“ Premiere im Großen Haus des Theaters Ingolstadt. Und Michael Ende, der in diesem Jahr 80 geworden wäre, hatte ja so Recht, gerade auch Kindern schon vom Wert der Zeit zu erzählen. Er hat seine Warnung vor der fremdbestimmten Hektik und dem Nützlichkeitsdenken, bei dem die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt, in eine wunderbar fantasievolle, spannende Geschichte verpackt, deren Bühnenfassung Regisseur Jürg Schlachter in fröhlichen, witzigen, aber genauso unheimlichen und spannenden Bildern auf die Bühne gebracht hat. Der Erfolgsautor von Jim Knopf und der „Unendlichen Geschichte“ hat mit seinem „Momo“ tatsächlich das Mysterium Zeit zum Thema eines Kinderbuchs gemacht und damit die Erfolgsgeschichte der Fantasy-Literatur mitbegründet. Das Momo ist selbst irgendwie aus der Zeit gefallen: 102 Jahre alt und doch ein Mädchen, ist es in einem zukünftigen Jetzt gelandet, im Amphitheater einer italienischen Kleinstadt. Mit einer bunten, turbulent-fröhlichen Dorfszene beginnt Jürg Schlachters liebevolle, aktionsreiche Inszenierung. Kaum kann man alle Eindrücke aufnehmen, die da an prallem Leben mit witzigen Dorftypen auf der Bühne simultan ablaufen. Karl-Heinz Habelt als schrullige Lady in Pumps, Manuela Brugger als Frau des Pizzabäckers Nino und der kauzige Friseur Fusi von Oliver Losehand. Ole Micha Spörkel als Fremdenführer erzählt seine Geschichte, während um ihn das fröhliche Chaos herrscht. Die Kinder sind Handpuppen, die aus den Sitzklappen der Arena auftauchen, die Dauerrivalität zwischen dem Pizzabäcker und dem Maurer spielen Sascha Römisch und Ulrich Kielhorn in einer Mischung aus präzisem Slapstick und aufbrausendem italienischen Temperament mit einer köstlichen Ohrfeigen- Klatsch-Choreographie als Höhepunkt. Überhaupt scheint Michael Ende mit seiner Warnung vor miesepetrigem Nützlichkeitsdenken auch die genussvolle südländische Lebensart der deutschen freudlosen Arbeitsmoral gegenüber gestellt zu haben. Die Arena, die Bodo Demelius auf die Bühne gebaut hat, erweist sich als Bühnenwunder der raumzeitlichen Verwandlungskunst. Sie wird zum Schiff, wenn Momo den Streit der Kinder, ob man nun Fußball oder Familie spielen will, löst, indem sie sie zu einer Kreuzfahrt in fremde Länder mitnimmt. In der Rundtribüne verbergen sich hinter Schwingtüren Kneipe und Friseursalon, und die Arena wird zu drehbaren Einzelelementen, deren Rückseiten sekundenschnell zu Polizeistation, Irrenhaus oder dem Tempel des geheimnisvollen Herren der Zeit, des Meister Hora, wird. Magisch, wenn ein überdimensionales Metronom stillsteht, um Momo Gelegenheit zu geben, die geraubte Zeit aus dem Tresor den Menschen zurückzugeben. Als überdimensionale Schatten überragen die gefährlichen grauen Herren die Szenerie auf ihrer Jagd nach Momo. In nur 70 Minuten wird eine Fülle tiefsinniger Erkenntnisse über die Verarmung des Lebens vermittelt, wenn jeder nur das für ihn Nützliche tut und alles andere, das Zuhören, das Spielen, das umeinander kümmern, für vergeudete Zeit hält. Eltern haben keine Zeit mehr für ihre Kinder, deren Demo ist sinnlos, weil kein Erwachsener mehr Zeit hat, hinzugehen. Alle, außer Momo, sind den unheimlichen grauen Herren, diesen zeit-saugenden Vampiren, auf den Leim gegangen, die davon leben, den Menschen die Zeit zu stehlen und sie zu unmenschlicher Hektik zu verleiten. Michael Endes bittere Zivilisationskritik hat Jürg Schlachter in eine wunderbar bunte, temporeiche Fantasygeschichte voller sinnlicher Theatermomente verpackt. Manuela Bruggers superschicke marionettenhafte Puppe Bibigirl, die nur durch Konsum zu mehr als einprogrammierten Sätzen zu bewegen ist, ist ebenso faszinierend wie die unheimlichen grauen Herren. Sascha Römisch als der zahlenfanatische Zeitsparer, der dem Friseur die Nutzlosigkeit seiner Sorge um seine Mutter oder seine behinderte Liebe als vergeudete Zeit abschwätzt. Oder Stefan Leonhardsberger, den Momo mit ihren Fragen und ihrer Unbestechlichkeit aus dem Konzept bringt, bis er sich in spastischen Zuckungen selbst aufzulösen scheint. Aus Ninos gemütlicher Kneipe werden die Alten vertrieben, dann wird daraus ein automatisierter Schnellimbiss, in dem Sascha Römisch auch nicht aus dem Bedien-Klingel-Rhythmus kommt, wenn die unter Zeitdruck gestresste Menschenschlange ungeduldig drängelt. Der Liebling der Kinder ist zu Recht die Schildkröte von Ulrich Kielhorn, die gemütlich an einem Salatblatt und auch mal an Momos Rock zupft und ein so überraschend zartes hohes Stimmchen hat. Peter Greif fegt als Straßenkehrer zunächst gemächlich, später im Turbotempo über die Bühne und gibt einen weisen Meister der Zeit aus dem Jahrhundert der Aufklärung. Das ganze Ensemble agiert in fliegenden Rollenwechseln mit Hochdruck, Präzision und liebenswerten Finessen. Olivia Cilgia Stutz ist Momo, ein ganz normales nettes Mädchen, dem nichts Exotisches, Außergewöhnliches anzumerken ist. Aber sie neugierig, warmherzig, kann ruhig zuhören, aber auch kämpfen, um den grauen Herren ihre Zigarren, aus denen sie die Lebenszeit der anderen in sich aufsaugen, zu entreißen. Das gesellschaftskritische Märchen „Momo“ über den Wert der Zeit für mehr Mitmenschlichkeit, endet in dieser Aufführung mit dem Lied der italienischen Linken, „Avanti populo - Bandiera rossa“. Aber das merken wohl nur die Erwachsenen. Für die Kinder bleiben die unheimlichen grauen Herren, diese Vampire der Zeit – noch - gefährliche Fantasy-Figuren. Für diese lebendige, zauberhafte Aufführung von „Momo“ kann ich nur den Rat geben: Lassen Sie sich die Zeit für einen Besuch von „Momo“ von keinen Zeit-Dieben stehlen! (Isabella Kreim)