Der goldene Drache

Deutsche Erstaufführung | Schauspiel von Roland Schimmelpfennig

Das Theater Ingolstadt ändert seinen Spielplan in der Werkstattbühne und zeigt dort ab 19. März 2010 das Schauspiel „Der goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig als deutsche Erstaufführung. Das Stück war im September 2009 am Wiener Burgtheater in der Regie des Autors uraufgeführt worden. Für das Theater Ingolstadt wird Alexander Schilling inszenieren, die Ausstattung gestaltet Valentina Crnkovic. Es spielen Adelheid Bräu, Ulrich Kielhorn, Nik Neureiter, Louise Nowitzki und Toni Schatz. Die ursprünglich angekündigte Uraufführung „Die letzte Nacht des Theo B.“ von Robert Hültner wird auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Zum Stück: Ein Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant mit dem Namen „Der goldene Drache”, irgendwo in Europa: Fünf Asiaten arbeiten in der engen Küche, einer von ihnen ist ein junger Chinese, gepeinigt von Zahnschmerzen. Eine Aufenthaltsgenehmigung hat er nicht. Auf dem Balkon über dem Restaurant steht ein alter Mann mit einem großen Wunsch, den ihm niemand erfüllen kann, auch seine Enkelin nicht. In der Nähe tut eine Grille alles für eine Ameise, um nicht zu verhungern oder zu erfrieren, obwohl der Winter längst vorbei ist. Dem jungen Lie-bespaar in der Dachwohnung des Hauses passiert etwas, das auf kei-nen Fall passieren sollte. Eine Etage tiefer verlässt eine Frau, die ihren Mann nie verlassen wollte, ihren Mann. Der benachbarte Lebensmittel-händler entdeckt ein ungeahnt lukratives Nebengeschäft. Eine Stewar-dess stößt in ihrer Thai-Suppe auf etwas, was da nicht hinein gehört, und der Junge aus China findet auf einem anderen Weg in seine Heimat zurück, als er sich gewünscht hat. Der Autor: Roland Schimmelpfennig, der zurzeit meistgespielte Gegenwartsdrama-tiker Deutschlands, dessen Stücke in über 40 Ländern aufgeführt wer-den, war zuletzt am Schauspielhaus Zürich und am Deutschen Theater Berlin als Regisseur tätig. Seine Stücke zeichnen sich oftmals durch eine überraschende Schnitttechnik und einen lakonischen, liebevollen Blick auf die Menschen aus. Mit poetischer Leichtigkeit stellt er anhand inno-vativer Erzählformen unsere Begriffe von Zeit, Raum, Geschlecht und Herkunft in Frage. In seinen Dramen blitzt Phantastisches, Grauenhaftes und Weltbewegendes mitten im Alltäglichen auf. Roland Schimmelpfen-nig formuliert nicht aus, er lässt seinen Figuren und Geschichten ihr Ge-heimnis, er verführt den Zuschauer nicht zur Identifikation, sondern zur Wahrnehmung.
Regie: 
Alexander Schilling
Ausstattung: 
Valentina Crnkovic
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 105 Minuten
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 22.03.2010
DER GOLDENE DRACHE
Ingolstadt Eigentlich hätte am vergangenen Freitag in Ingolstadt ein Stück seine Erstaufführung haben sollen, auf das man – speziell im schwäbisch-oberbayerischen Raum – gespannt war: In „Die letzte Nacht des Theo B.“ wollte Robert Hültner seine Version der Lebensgeschichte des fast schon legendären 60er-Jahre-Donaumoos-Räubers Berger schildern. Dazu jedoch kam es nicht, da – so der O-Ton des Theater-Pressebüros – „sich die unterschiedlichen inhaltlichen und formalen Vorstellungen von Autor und Theater als unvereinbar erwiesen haben“. Stattdessen sicherte sich Peter Rein die Deutschland-Premiere von „Der Goldene Drache“ des 42-jährigen Roland Schimmelpfennig, einer der momentan meistgespielten Gegenwartsdramatiker hierzulande. Zusammen mit Hausregisseur Alexander Schilling hat der Intendant einen ausgezeichneten „Griff“ getan: Die rund um ein Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant spielende, stark parabelgeprägte Beschreibung unserer derzeitigen Wohlstandsgesellschaft hinterließ einen starken Eindruck. Schilling lässt Schimmelpfennigs bizarre Mixtur aus nachdenklichen, witzigen, surrealen, expressionistisch getönten, klug verwobenen Szenen atemberaubend rasant ablaufen – dennoch durch Tempiwechsel deutliche Akzente setzend. Die fünf Akteure auf der mit Matratzen übersäten Bühne (Ausstattung: Valentina Crnkovic) mussten dafür in 17 verschiedene Rollen schlüpfen. Adelheid Bräu, Louise Nowitzki, Ulrich Kielhorn, Nik Neureiter und Toni Schatz meisterten mit ihrer Spielfreude ausnahmslos bravourös ihre Aufgaben. Am Schluss dann, nach 100 Minuten, viel zustimmender Beifall für einen intelligenten Theaterabend. (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 22.03.2010
DER GOLDENE DRACHE
„Der Goldene Drache“, eine absurde Parabel über Wohlstands-Ameisen und Migranten-Grillen, hatte letzten Freitag in der Werkstattbühne des Theaters Ingolstadt Premiere. Alexander Schilling inszenierte die deutsche Erstaufführung des im letzten Herbst am Wiener Burgtheater uraufgeführten Theaterstücks von Roland Schimmelpfennig. Es beginnt wie eine skurrile Komödie über Asiaten in der winzigen Küche des Thai-China-Vietnam-Restaurants „Der goldene Drache“, die unentwegt die nummerierte Speisekarte mit allen Zutaten herunter beten, und dazu mit Hackbewegungen mit der flachen Hand auf dem Boden oder Schüsselrühren im Wok den Küchensound herstellen. Es entwickelt sich weiter zu verzahnten Handlungssträngen über Wohlstands-Beziehungskrisen, die kurz angerissen, und später weitererzählt werden. Die Fabel von der Grille und der Ameise setzt eine metaphorische Ebene in Gang, bis Roland Schimmelpfennig schließlich die Fäden zu einer Parabel über die Ameisen und die Grillen in unserer Gesellschaft, also über die Privilegierten und Unterprivilegierten, die Gewinner und Verlierer in einer globalisierten Welt zusammenführt. Als blutig roter Faden ziehen sich die schrecklichen Zahnschmerzen des jungen Asiaten durch die Geschichte, der keine Aufenthaltsgenehmigung hat, weswegen seine Kollegen ihm den Zahn mit einer Rohrzange ziehen, der schließlich in der Thai-Suppe „Nr. 6“ landet, die eine Stewardess isst, die mit ihrer Kollegin in einer der vielen Wohnungen über dem China-Restaurant wohnt. Und schließlich folgen wir dem verbluteten jungen Asiaten auf seiner imaginären Heimreise übers Meer ins ferne China, wo er seiner Familie gestehen muss, seine Schwester nicht gefunden zu haben, eine der Grillen, die hier als Frau, Migrantin, Zeitarbeiterin, Sexsklavin ausgegrenzt, ausgebeutet, misshandelt und schließlich „kaputt gemacht“ worden ist. Fünf Schauspieler spielen mehr als ein Dutzend Rollen, nämlich die Bewohner eines mehrstöckigen Hauses. Männer spielen Frauen und umgekehrt, Junge Alte und natürlich Deutsche Asiaten. Der Mann im gestreiften Hemd und die Frau im roten Kleid werden sich trennen. Das junge Paar im Dachgeschoss gerät in die Krise, weil der Mann kein Kind will. Der Großvater des schwangeren Mädchens will wieder jung sein und bedient sich dabei der jungen Asiatin. Der Lebensmittelhändler nebenan hamstert Vorräte wie die Ameise. Und die Grille, die lieber tanzt als arbeitet, ist eine Frau, eine Frau mit Migrationshintergrund, die schließlich zur illegal versteckten Prostituierten mutiert, zum Opfer und zur vergeblich gesuchten Schwester des jungen Asiaten mit der blutigen Zahnlücke. Roland Schimmelpfennigs intelligent und fantasievoll konstruierte Gesellschaftsparabel fühlt der schmerzhaften Lücke der Spaltung der globalisierten Welt im Mikrokosmos eines Mietshauses vor Ort auf den Zahn und changiert dabei zwischen absurder Komik, poetischem Märchen und bitter-blutigem Ernst. Regisseur Alexander Schillling greift sehr präzise die lustvollen Spielangebote und unterschiedlichen Ebenen auf, ohne die Asiatenklischees oder die Rollen-Travestien allzu vordergründig auszureizen. So lispeln die Asiaten nur, wenn sie mit Einheimischen sprechen, aber keineswegs untereinander. Und das Ensemble springt mit Spielfreude in die rasanten Rollenwechsel und meistert auch die verfremdenden Erzählelemente der gesprochenen Regieanweisungen und Pausen, und der vielen kleinen Reaktionen zwischen den Rollenwechseln bravourös. Louise Nowitzki, obwohl stimmlich angeschlagen vom vielen Aua-Schreien, als anrührender kleiner Chinese und im Suff brutaler Mann im gestreiften Hemd, Adelheid Bräu als Ameise mit Fliegerkappe - eine brutale Ausbeuterin mit komödiantischer Drastik und ein uriger Saufkumpan, Toni Schatz als lüsterner Alter wie als verletzliche Grille im zarten grünen Überwurf, Nik Neureiter als verliebte Frau, Ulrich Kielhorn als nicht Vater werden wollender junger Mann - beide klappen ihre weißen Kochmützen um und sind dann im engen Flugzeuggang Essen austeilende Stewardessen: Alles klar konturierte Puzzlesteinchen in Schimmelpfennigs Menschen-Kosmos. In einer Vertiefung im Boden stehen und sitzen die Köche sinnfällig auf engstem Raum, darüber hängen allerhand Küchengeräte und sonstige Requisiten von der Decke. Außerdem hat Ausstatterin Valentina Crnkovic jede Menge Matratzen auf die Werkstattbühne geschafft, die als Betten für die einzelnen Wohnungen, als Restaurant-Tisch oder als Tresen dienen, mit dem die zwei Säufer herrlich komisch immer wieder umfallen. Dennoch nimmt das Hin- und Herwuchten der Matratzen, das schwerfällige Gehen auf diesem weichen Boden dem Abend etwas von der Leichtigkeit., mit der die Darsteller die Bälle ihrer wechselnden Rollen und Geschichten auffangen und weitergeben. Der kariöse, zunächst nach Blut und Tai-Suppe schmeckende ausgebrochene Zahn, wie uns die Flugbegleiterin nach einem Lutschtest mitteilt, liegt am Schluss am Grund des Flusses und die Geschichte von dem kleinen Asiaten würde in Vergessenheit geraten. Wäre da da nicht Roland Schimmelpfennig, der uns aufzeigt, wie unser Ameisenleben und ein asiatischer Zahn, wie die Schicksale der Wohlstandsgewinner und Verlierer zusammenhängen. Sehenswerte eineinhalb Stunden! (Isabella Kreim)
MITTELBAYERISCHE ZEITUNG – 22.03.2010
DER ZAHNSCHMERZ IN DER IMBISS-KÜCHE
Es ist ein irrwitziges Wechselbad: Märchenhaftes geht über in brutal-realistische Szenen, groteske Komik kippt plötzlich um in beklemmende Tragik. Roland Schimmelpfennig, zum meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatiker avanciert, versteht sein Handwerk. In „Der goldene Drache“ verknüpft er virtuos die unterschiedlichsten Handlungsebenen. Da gibt es eine böse Version der Äsop-Fabel von der Grille und der Ameise. Die wohlversorgte Ameise schwingt sich zum Zuhälter der hungernden Grille auf, die für Unterkunft und ein bisschen Nahrung anschaffen gehen und ärgste Misshandlungen erdulden muss. Denn das ist das ernste Thema des Stückes, dessen Titel so harmlos klingt: Es geht um ökonomische und sexuelle Ausbeutung sowie um Migrantenschicksale. Die realistische Ebene: ein Mietshaus in irgendeiner Stadt. Unten im Erdgeschoss des Thai-Vietnam-China-Imbisses „Der goldene Drache“, wo fünf Menschen in einer winzigen Küche schuften, darunter ein von schrecklichen Zahnschmerzen geplagter junger Mann. Er ist ein „Illegaler“, kann nicht zum Arzt. Deshalb greifen die Kollegen schließlich zur Rohrzange – mit schrecklichen Folgen, denn der Patient verblutet. Der faule Zahn aber landet aus Versehen in der Thai-Suppe, die eine in dem Haus lebende Stewardess bestellt hat. Dann ein Streifzug durch die weiteren Wohnungen, wo es alle Malaisen dieser Welt gibt: Beziehungskrisen, ungewollte Schwangerschaft, Unzufriedenheit, Missbrauch, Gewalt oder auch nur die Greisenwut auf unwiederbringliche Jugendzeit. Das klingt nach moralinsaurem Belehrungstheater, aber keine Angst, Schimmelpfennig bietet vielmehr prallen Bühnenzauber und setzt auf verblüffende Verfremdungseffekte. Es gibt einen ständigen Rollenwechsel, Frauen spielen machohafte Männer, die Männer stöckeln auf hochhackigen Pumps einher und üben sich in erotischen Posen. Das Ingolstädter Theater kann mit der deutschen Erstaufführung aufwarten, denn bisher wurde das Stück nur am Wiener Akademietheater (dort vom Autor selbst inszeniert) und am Berner Stadttheater gespielt. Beide Aufführungen fanden viel Lob. Und die Premiere am Wochenende zeigte, dass Ingolstadt hier wacker mithalten kann. Regisseur Alexander Schilling, schon mehrfach preisgekrönt, bietet eine perfekte und überaus originelle Choreografie. Auf der Bühne (Ausstattung: Valentina Crnkovic) sind eine Menge schmuddeliger Matratzen ausgebreitet. In der Mitte ein enges Geviert – der Küchenraum –, angedeutet durch die von der Decke hängenden Utensilien wie Pfannen und Woks. Und da werkeln nun die fünf Darsteller, immer wieder werden in einer ewigen Litanei die diversen Gerichte der Speisekarte heruntergebetet. Auch die Regieanweisungen werden einfach mitgesprochen. Puzzleartig reihen sich die Szenen aneinander: Eine grüne Bluse, eine Ledermütze, eine Strickweste, eine Uniformjacke oder ein roter Fummel genügen – und schon haben sich die Köche verwandelt in Grille, Ameise, Großvater oder Stewardess. Die Ingolstädter Darsteller lassen sich mit großer Spielfreude auf die abgründige Komik des Stückes ein. Umwerfend sind vor allem die beiden Frauen: Louise Nowitzki, die ihren ganzen Zahnschmerz-Jammer herausschreit, und Adelheid Bräu, die quirlig wie ein Irrwisch über die Bühne fegt, wild grimassiert und besonders in der Rolle der fiesen Ameise ein sehenswertes Meisterstück bietet. Und die Männer? Sie scheinen in der Travestie zur Hochform aufzulaufen: Toni Schatz ist anrührend als verletzliche Grille, ganz zickig geben sich Ulrich Kielhorn und Nik Neureiter (dieser weiß die Seitensprung-Beichte einer Frau köstlich auszureizen). Kurzum: „Der goldene Drache“ ist ein starkes, ein bissiges Theatererlebnis. (Ulrich Kelber)