Little Hero

Schauspiel von Jörg Graser

Josef Kreuzeder ist ein altgedienter Kriminalkommissar. In den letzten zwei Jahren hat er allerdings gerade einen Fall gelöst. Er verbringt lieber die meiste Zeit im Wirtshaus und legt es darauf an, durch einen Dauerrausch seine Frühpensionierung zu erzwingen. Ermittlungen kann man schließlich auch aus dem Wirtshaus führen. Fotos vom Tatort bestellt er sich aufs Handy und bevor er sie betrachtet, nimmt er erst einmal einen kräftigen Schluck. Sein Chef redet ihm ins Gewissen: »Sie waren ja früher mal der beste Kommissar von ganz Niederbayern, weil Sie sich in die Mörder haben total hineinversetzen können. Ich weiß ja selber, wie das ist. Wenn man fünfundzwanzig Jahre lang Mordgedanken im Kopf wälzt, das hinterlässt natürlich seine Spuren ...« Doch der Kommissar ist nicht notorisch faul. Er hinterfragt nur das ganze System. Ihn plagen ernsthafte Zweifel am Schuldprinzip. Er ist es leid, schlechte Verlierer, die um sich schlagen, hinter Gitter zu bringen. Als sich bei seinem jüngsten Mordfall ein Kind als Täter entpuppt, weiß er nicht mehr weiter. Sein Chef schickt ihm eine Psychologin auf den Hals, die seine Dienstunfähigkeit wissenschaftlich untermauern soll. Diese stellt fest: »Sie sind für einen Polizisten außergewöhnlich intelligent, Herr Kreuzeder. Aber das wird Ihnen nichts nützen. Ich hab noch jeden Simulanten entlarvt. Es gibt in dieser Gegend erstaunlich viele Beamte, die sämtliche Symptome eines schweren Alkoholismus aufweisen, bis hin zur Fettleber oder sogar Leberzirrhose. Kaum sind die dann frühpensioniert, hören die auf zu saufen, erholen sich umfassend und widmen sich sinnvollen Beschäftigungen wie der Gartenarbeit. Das können wir nicht dulden.« Doch der Kommissar merkt nur fachmännisch an: »Sie brauchen einen Psychologen.« Diesen Part übernimmt er bei der ausgemusterten Kellnerin Gerda selbst und gibt ihr auch gleich noch fachkundige Unterstützung bei der Beseitigung des Wirts, denn der plant sein Verhältnis gegen junges Blut umzutauschen. »Ich bin wie gesagt von der Mordkommission. Ich kann Ihnen das alles nur aus meiner Warte beantworten; und soweit sind wir wie gesagt noch nicht. Aber gesetzt den Fall, dass der Wirt Sie ausrangiert, was er ja früher oder später tun wird, dann gibt’s viele Möglichkeiten. Das hängt dann davon ab, wie ausweglos Ihre persönliche Situation ansonsten ist, wie verzweifelt Sie sind und wie viel Wut in Ihnen steckt. Das kann man jetzt alles noch nicht sagen. Aber das kommt noch.« Jörg Grasers ›Servus Kabul‹ war ein großer Publikumserfolg in Ingolstadt. Der Dramatiker, Drehbuchautor sowie Film und Fernsehregisseur (Jahrgang 1951) nutzt die schwarze Komödie für eine bissig-komische Abrechnung über den Umgang mit Menschen, die als verbraucht und notorische Verlierer gelten und stellt die Frage nach Gerechtigkeit, Schuld und Sühne.
Inszenierung: 
Christoph Roos
Ausstattung: 
Christina Wachendorff
Musik: 
Tim Allhoff
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 95 Minuten
NEUBURGER RUNDSCHAU – 08.10.2009
EINE SCHWARZE KOMÖDIE IN WEISSBLAUER LANDSCHAFT
Der Dramatiker, Drehbuchautor und Film- und Fernsehregisseur Jörg Graser dürfte zufrieden von Ingolstadt in seinen niederbayerischen Wohnort Frauenau zurückgefahren sein: Die Uraufführung von „Little Hero“, seinem neuesten Werk, erwies sich als voller Erfolg. Das Premierenpublikum im direkt neben dem Theater untergebrachten „Studio im Herzogskasten“ applaudierte nach 95 Minuten berechtigt stürmisch dem 57-jährigen Stückverfasser, dem Regisseur Christoph Roos, den Darstellern Nik Neureiter, Katrin Wunderlich, Adelheid Bräu und Peter Greif sowie der Bühnen-Ausstatterin Christina Wachendorff. Sie hatte ein „typisches“ bayerisches Wirtshaus in der kleinen 75-Plätze-Spielstätte aufgebaut. Bei dem titelgebenden „Little Hero“ handelte es sich um einen etwa zwölfjährigen Buben, einen Batman- und Power-Rangers-Fan, der die Schlüsselfigur in einem ländlichen Mordfall ist. Den muss der desillusionierte Kriminalkommissar Josef Kreuzeder, sich überwiegend im Gasthaus bei der Kellnerin Gerda aufhält, aufklären. Dessen Recherchen auf dem Bauernhof – ein glänzender Regie-Einfall! – wurden zwischen den vier Spielakten als Videosequenzen (Regie dabei: Daniel Rohm) über das Wirtshaus-TV-Gerät eingespielt. Christoph Roos gelang in der Inszenierung dieser schwarzen Komödie ausgezeichnet die schwierige Balance zwischen der von Graser vorgegebenen Mischung aus melancholischer Heiterkeit, sarkastischem Humor und ernsthafter Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, mit Gewissen und Gerechtigkeit. Lediglich in den Schlussminuten begab sich dabei der Regisseur in gefährliche Nähe zur turbulenten Bauerntheater- Klamotte. Dies trübte aber den überaus positiven Eindruck dieser Uraufführung nur unwesentlich. Mit „Little Hero“ hat das Theater Ingolstadt schon jetzt den ersten „Publikums-Renner“ der noch neuen Saison! (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 05.10.2009
LITTLE HERO
Als Satyrspiel der Eröffnungstrilogie am Theater Ingolstadt wurde gestern Abend im Studio im Herzogskasten Jörg Grasers Komödie „Little Hero“ uraufgeführt. Auch hier geht es um einen Kampf gegen das Böse. Der Mörder ist ein 10jähriger Junge, der einen Bösen einfach umgelegt hat, mit dem Mähdrescher hat er den Sparkassenangestellten zerkleinert, der den väterlichen Hof versteigern wollte. Als Held wie in den Fernsehfilmen und Videospielen fühlt sich der Junge dabei. Und der ermittelnde Kommissar hat ziemlich viel Verständnis für die Tat. Aus Frust über solche und ähnliche Fälle hat Kommissar Kreuzeder nach 25 Jahren Morddezernat in Niederbayern sein Ermittlungsbüro längst ins Wirtshaus verlegt und bemüht sich durch reichlich Alkoholkonsum um seinen vorzeitigen Ruhestand. Daneben gibt er der Kellnerin und dem Wirt Ratschläge, wie man die gegenseitigen Mordabsichten am besten in die Tat umsetzt. Und die Psychologin, die Kreuzeders berufliche Untauglichkeit bestätigen soll, wird durchs Mittrinken zu mitmenschlichem Verständnis für Kreuzeders Berufsauffassung gebracht. Jörg Graser, der Autor von „Servus Kabul“ hat mit „Little Hero“ eine schwarze Wirtshauskomödie geschrieben, in der menschliche Nöte, die sexuelle Ausbeutung der Kellnerin durch den nicht gerade zimperlichen Wirt, die Beziehungsprobleme der Psychologin und das Mitgefühl des Kommissars mit den Tätern als ernsthafte Hintergrundthemen der pointenreichen Schnaps- und Bierorgie erzählt werden. Regisseur Christoph Roos gelingt die Balance zwischen ernst genommenen menschlichen Anwandlungen und alltäglichen Abgründen, trockenen Textpointen und einem genau choreographierten fulminanten Bierverschütt-Chaos als Finale. Christina Wachendorff hat mit geschickter Rücksicht auf die schwierigen Sichtverhältnisse ein uriges Wirtshauszimmer mit vielen hübschen Details, vielseitig nutzbarer Sitzbank und hölzernem Tresen samt Bierzapfanlage ins Studio gestellt. Nik Neureiter bewahrt seinem Kommissar Kreuzeder auch in köstlich alkoholisierten Zuständen einen Rest von Undurchschaubarkeit, wie weit er sich auf die Avancen der Kellnerin einlässt, vielleicht doch eher seine Beförderung als seine Pensionierung im Auge hat, die Mordgedanken der anderen provoziert und steuert. Katrin Wunderlich ist eine ganz herrlich mies gelaunte Kellnerin, von deren Minenspiel man keine Minute versäumen möchte. Eine Glanznummer sind ihre verzweifelten Versuche, durch Westernreifes Erklimmen des Tresens ein einziges volles Glas Bier vor ihren Gast zu stellen, ohne dass alles auf dem Boden oder in ihrer nicht mehr nüchternen Kehle landet. Adelheid Bräu spielt als Psychologin ganz wunderbar selbstverständlich mit ihrer eigenen Körperlichkeit, wenn sie auf die Wirtshausbank hopst oder ihren Gürtel eindrucksvoll vor ihrem Patienten zurechtrückt und schließlich wie ein irrwitziger Kobold durch die allgemeine Gefühls- und Alkoholanarchie tapert. Peter Greif hat als Kreuzeders Chef einen hysterischen Wutausbruch und gibt anschließend die Glanznummer eines behäbig-hinterfotzigen Wirts mit scheinheiliger Ehemoral. In Videoeinspielungen ist der 12jährige Ferdinand Schwarzer als ein wunderbar unbefangener Little Hero mit der Lizenz zum Töten zu sehen. Auch für die Zuschauer gibt’s Bier und Wein, falls einem nach dem Geruch des verschütteten Biers nicht der Appetit darauf vergeht. Ein gelungener, komödiantischer Beitrag mit Hintersinn zum Spielzeitmotto „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. (Isabella Kreim)