Genannt Gospodin

Schauspiel von Philipp Löhle

Gospodin und die Welt kommen nicht zusammen. Gospodin war glücklich. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat er im Keller ein Lama gehalten, mit dem er in den Fußgängerzonen die Tränendrüsen der Tierfreunde angeregt hat. Nachdem ihm Greenpeace das Tier weggenommen hat, wütet er vor sich hin. In seiner Wut merkt er gar nicht, wie ihn seine »Freunde« ausplündern: der selbsternannte und mittellose Performancekünstler Norbert entleiht sich seinen Fernseher für eine einmalige Installation unter dem Titel »Tempus fuckit«, der ebenso notleidende Andi entführt ihm den Kühlschrank, und der ehrenwerte Abteilungsleiter Herrmann benötigt sogar seine Stereoanlage für eine Party. Versteht sich, dass die Geräte gar nicht oder nur in unbrauchbarem Zustand zurückkommen. Doch Gospodin stört das alles nicht mehr, er hat sich einen Satz von Dogmen zusammengestellt, die darauf hinauslaufen, dass Geld keine Rolle spielen darf und Freiheit darin besteht, keine Entscheidungen treffen zu müssen. Den Vorhaltungen seiner Freundin, zumindest die staatlichen Leistungen des Sozialamtes in Anspruch zu nehmen, um darauf eine wenn auch karge Zukunft aufzubauen, ignoriert er mit geradezu philosophischer Geste, bis seine Freundin durch eine Bekannte ihre Sachen – einschließlich der gemeinsamen Matratze! – aus der Wohnung schaffen lässt. Ab sofort schläft Gospodin auf dem Heu und Stroh des Lamas. Auch seine Mutter kann ihn nicht umstimmen und verschwindet zu einer Kreuzfahrt mit einem Verehrer. Als eines Tages sein Freund Hajo mit geheimnisvollem Gesicht eine Tasche voller Geld bei ihm unterstellt, lässt er es gleichmütig geschehen, ohne das Geld anzurühren. Bei einer letzten großen Auseinandersetzung mit seiner Freundin über sein Leben und eine gemeinsame Zukunft entdeckt diese zufällig die Tasche und gerät geradezu in einen Geldrausch. Von jetzt an muss Gospodin die Tasche gegen seine Freunde verteidigen, denn schnell hat sich diese Neuigkeit herumgesprochen. Fast gewaltsam gehen sie ihn um ein Darlehen aus der Tasche an – einer will sogar eine Fluglinie damit aufbauen – und auch seine eigene Mutter ist sich nicht zu schade, ihn um einen kräftigen Zuschuss zu bitten, um bei künftigen Kreuzfahrten nicht mehr als »Quasi-Prostituierte« auf ungeliebte Verehrer angewiesen zu sein. Doch Gospodin bleibt hart und versteckt das Geld, bis eines Tages der eigentliche Besitzer tot aus dem See gezogen wird. Schnell verknüpft die Polizei die Leiche mit dem Gerücht über Gospodins Geld und steckt diesen ins Gefängnis. Dort endlich fühlt er sich wohl, und als ihn seine Freundin besucht, redet er von seinem Besuch bei ihr. Denn er ist jetzt frei: er benötigt kein Geld mehr, lebt nur vom Tauschgeschäft »Arbeit gegen Unterkunft und Verpflegung« und spendet die paar Groschen Barverdienst ausgerechnet an Greenpeace. Außerdem muss er jetzt keine Entscheidung mehr treffen. ›GENANNT GOSPODIN‹ wurde beim Berliner Theatertreffen prämiert und erhielt den Dramatikerpreis der Deutschen Wirtschaft 2007. Philipp Löhle (Jahrgang 1978) umkreist in seinem Stück die neuralgischen Punkte unserer globalisierten, kapitalistischen Gegenwart: Konsum, Arbeit, Beziehungen aus der Sicht eines Verweigerers, ohne Sarkasmus, aber mit viel skurrilem Witz. Weder militant, noch aggressiv oder belehrend lebt Gospodin sein Dogma mit einer Konsequenz, die die Lebenslügen seiner Umwelt scheinbar offen legt. Scheinbar. Denn auch Gospodins Glück funktioniert letztlich nur »begrenzt«. Ein ernüchternd unsentimentales und poetisches Experiment.
Regie: 
Sebastian Hirn
Bühne: 
Sebastian Hirn
Kostüme: 
Constanze Knapp
Musikalische Leitung: 
Nick Flade, Tim Allhoff
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 120 Minuten
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 19.04.2010
BESITZ IST ABZULEHNEN
Ingolstadt. Rote und blaue Papierschnipsel bedecken den gesamten Bühnenraum im Kleinen Haus des Theaters Ingolstadt. Der Regisseur Sebastian Hirn setzt "das Zerrissene" in seiner Inszenierung von "Genannt Gospodin", einem beim Berliner Theatertreffen prämierten Schauspiel von Philipp Löhle (*1978), gezielt ein. Mal sind die Papierschnipsel eine Abfederung für den in eine Lebenskrise fallenden Gospodin, mal dienen sie als ein Versteck vor der Polizei, mal werden sie als Regen-Effekt eingesetzt. Immer wieder holen Vera Weisbrod und Peter Reisser ihre Kostüme aus dem rot-blauen Meer hervor und ziehen sich - im Weiterspielen - auf der Bühne um. Auch drückt das zerstückelte Papier den zweifelnden Lebenszustand von Gospodin aus: Seine Welt steht kopf. Nachdem er seine Lebensgrundlage, ein Lama, mit dem er bettelnd dem Kapitalismus ein Schnippchen schlagen wollte, an Greenpeace verloren hat, scheint es für ihn zunächst keine andere Lösung zu geben als Selbstmord. Doch dann stellt er sich mit vier Grundsätzen einer ganz neuen Lebensaufgabe. Diese lauten: 1. Ein Weggang ist auszuschließen. 2. Geld darf nicht notwenig sein. 3. Jedweder Besitz ist abzulehnen. 4. Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen. Gospodins Freunde und Familie sind mit dieser Entwicklung keineswegs einverstanden und versuchen den "Gestrandeten", hervorragend dargestellt von Stefan Leonhardsberger, auf den richtigen Weg zu bringen. Doch Gospodin kämpft mit all seiner Kraft gegen die gesellschaftlichen Normen und gegen den Kapitalismus, um seine "persönliche Freiheit" ohne Hab und Gut zu finden. Letztendlich bringt ihm genau das "verhasste Geld" seiner inneren Freiheit näher. Durch eine Tasche mit fast einer Million Euro, die ihm von einem Unbekannten anvertraut wird, gerät er in die Fänge der Polizeit und landet im Gefängnis. An diesem Ort, der im normalen Leben für absolute Unfreiheit steht, findet Gospodin letztendlich seine innere Ruhe und seine persönliche Freiheit: Das Leben leben zu lassen; einfach nur "sein". (Claudia Vorndran)
MITTELBAYERISCHE ZEITUNG – 19.04.2010
EIN TAUGENICHTS VON HEUTE, SKURRIL UND SAUKOMISCH
INGOLSTADT. 50 Minuten großer Spaß, 50 Minuten Leerlauf. Ob sich daraus in der Addition ein gelungener Theaterabend ergibt, muss jeder Besucher für sich entscheiden. Von Vorteil ist auf jeden Fall, wenn er ein Faible für grotesken Humor mitbringt. Dann dürfte ein positives Urteil klar sein. Das Stück „Genannt Gospodin“ hat 2007 den Aufstieg von Philipp Löhle eingeläutet. Der 31-Jährige – er studierte in Erlangen und ist heute Hausautor beim Berliner Maxim-Gorki-Theater – avancierte zumgefragten Jung-Dramatiker, um dessen Stücke sich die großen Bühnen reißen. Ein Taugenichts von heute Hat Löhle einer Wiederkehr des Absurden Theaters den Weg geebnet? „Genannt Gospodin“ ist jedenfalls eine drastische Don-Quichotterie, eine moderne Version des Märchens vomHans im Glück oder die für die heutige Zeit fortgesponnene Geschichte des Taugenichts von Eichendorff, der ja ebenfalls von einer glücklichen Welt fernab der gesellschaftlichen Normen träumte. Gospodin ist ein Totalverweigerer, ein radikaler Aussteiger aus der kapitalistischen Gesellschaft. Und in einer überspitzten Volte findet er schließlich seine Freiheit, sein persönliches Glück ausgerechnet im Gefängnis. Bei dieser nihilistischen Blödelei bekommt wirklich ein jeder sein Fett ab. „Alles Spießer“ mosert Gospodin, ob es nun die Gutmenschen von Greenpeace sind oder die Weltverbesserer der „Grünen“. Und erst recht gilt dieses Verdikt allen, die damitmachen beim Tanz um Karriere und Geldscheffelei. Der ganze Bühnenraum im „Kleinen Haus“ des Ingolstädter Theaters ist übersät mit einer dicken Schicht aus roten und blauen Papierschnitzeln. Man denkt dabei an die Geldscheine, in denen Krösus Dagobert Duck so gerne badet. Zwischen dieser Papierflut sieht man halb versteckt allerlei Kleidungsstücke, darunter unheilschwanger ein paar grüne Unformjacken der Polizei. Was sich der Regisseur und zugleich als Ausstatter fungierende Sebastian Hirn und die Kostümbildnerin Constanze Knapp ausgedacht haben, macht optisch was her und schafft einen passenden Rahmen für diese Nummern- Revue mit vielfachem Kostümwechsel auf offener Bühne. Doch das Spiel beginnt etwas zäh – wie dann überhaupt nach temporeichen und exaltierten Szenen immer wieder Verschnaufpausen eingelegt werden (schon Autor Löhle lässt seinen Gospodin immer ausgerechnet dann einschlummern, wenn dieser sich sehr aufgeregt hat). Gründe, sich aufzuregen, hat Gospodin allemal. Das Lama, mit dem er auf Betteltouren zog, haben ihm Tierfreunde abgeluchst, Kühlschrank und Fernseher haben sich Freunde ausgeborgt, die Freundin ist abgehauen… Doch den einzigen wirklichen Wutausbruch bekommt Gospodin, gespielt von Stefan Leonhardsberger, erst, als er in den ungewünschten Job als Zeitungsausträger gedrängt werden soll. Da wird Leonhardsberger zum clownesken Grimassenschneider, zum tobenden Temperamentsbündel. Ansonsten lässt ihn der aus München stammende Regisseur Sebastian Hirn eher als stillen Dulder und verträumten Naivling auftreten. An den Grenzen der Karikatur Die dankbareren Rollen haben da fast Vera Weisbrod und Peter Reisser, die als „Sie“ und „Er“ kommentierend Gospodins skurrilen Schicksalsweg begleiten und in einer schrägen Typengalerie alle Gefährten dieses Aussteigers mimen dürfen. Das geht bis hart an die Grenzen der Karikatur. Zum ganz besonderen darstellerischen Kick kommt es, wenn sie in der zweiten Runde als gierigschmeichelnde Bittsteller antreten, denn Gospodin ist dann unversehens in den Besitz einer großen Tasche voller Geldscheine gekommen… Da hat Autor Löhle seine Fantasie ungeniert ins Kraut schießen lassen. Aber zweifellos: Saukomisch ist das alles irgendwie schon. Nonsens, den man gern goutiert! (Ulrich Kelber)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 19.04.2010
GENANNT GOSPODIN
Ist er ein Narr oder ein Weiser, dieser Gospodin aus Philipp Löhles Theaterstück „Genannt Gospodin“ in seiner konsequenten Verweigerung all dessen, was den meisten in dieser Gesellschaft am wichtigsten ist: eine gut ausgestattete Wohnung, ein Arbeitsplatz, Geld, eine feste Beziehung. Eher unfreiwillig gerät der Titelheld immer mehr in seine neue, antikapitalistische Lebensform. Greenpeace hat ihm sein Lama weggenommen, mit dem er als Ich-AG durch die Straßen zog. Von Freunden lässt er sich Verstärkeranlage, Kühlschrank, Fernseher und schließlich sein gesamtes Mobiliar zunächst leihweise abschwatzen, seine Freundin nimmt Bett und Telefon mit, als sie ihn verlässt. Als er nichts mehr hat, im Stroh schläft, das von seinem Lama übrig geblieben ist, will er auch nichts mehr haben und formuliert vier Dogmen seiner neuen Lebensphilosophie: Hierbleiben und sich trotzdem freimachen von Geld, Besitz und Entscheidungszwängen. Seine existenzialistische Position hält Gospodin auch durch, als die Versuchung in Form einer Tasche mit viel Geld bei ihm untergestellt wird. Er rührt das Geld nicht an, gibt aber auch den bettelnden Freunden nichts ab. Und es gelingt ihm nicht einmal, die Kohle einfach loszuwerden. Sodass er wegen der eindeutig zweifelhaften Herkunft des Geldes in den Knast muss. Und dort, im Gefängnis, findet er das Ideal seiner antikapitalistischen Lebensform: Die totale Freiheit von Konsum, Arbeit ohne Geld…. Als politische Gebrauchsanweisung in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise ist Philipp Löhles davor, 2007, uraufgeführtes Theaterstück, reichlich dröge. Erträglich wird die Aussteiger-Schmonzette durch den absurden Witz, mit dem dieser Gospodin in seine Verweigerungsideologie stolpert. Regisseur Sebastian Hirn hat der harten Lebenswirklichkeit einer ökonomisch gesteuerten Beziehungsumwelt einen poetischen Boden aus überwiegend roten knietiefen Stoffschnipseln bereitet, genau genommen sind auch weiße und blaue Schnipsel dabei: die Farben der französischen Revolution. Sie lassen sich wie ein Konfettiregen aufwirbeln, wenn die Freunde feststellen, dass Gospodin ja jede Menge Geld für alle besitzt. Aus diesem Schnipselteppich werden die Kostümteile gebuddelt, in ihm kann sich sogar ein Mensch eingraben. Und zuletzt, bei der Verfolgungsjagd auf Gospodin, blasen Polizisten mit Laubsaugern den Boden frei bis sie auf den vergrabenen Gesuchten stoßen und die Blasrohre wie Waffen auf ihn richten können. Poetische Bilder, viele spielerische Aktionen, die Löhles eigentlich ja durchaus provokative Querdenker-Haltung in eine Weichzeichner-Ästhetik einbetten. Von Gospodin wird erzählt, er falle statt eines Wutausbruchs in Tiefschlaf. Stefan Leonhardsberger verkörpert mit großer Intensität diesen Gospodin. Er spielt ihn als gutmütigen, phlegmatischen Traumtänzer, der sich aber auch immer wieder in stummer Motorik auf dem Boden austobt. Er stolpert, rutscht und stürzt auf den Schnipseln, krümmt sich in epileptischen Anfällen, dreht sich am Boden, kickt die Schnipsel wie Kinder das Herbstlaub. Körperliche Aktionen, die eher das Bühnenbild als die Figur interessanter machen. Der Prozess von Gospodins Entscheidungsfindung, einer bewussten Absage an die Wertehierarchie dieser Gesellschaft, wird damit nicht deutlicher. Peter Reisser und Vera Weisbrod sind Erzähler, die zunächst vom Zuschauerraum aus sprechen und agieren, und sie spielen die Umwelt in Form von Freunden, Mutter, Supermarktchef, Trödelhändler oder Polizisten, allesamt Vertreter des üblichen Umgangs mit Geld und Konsum. Den Witz bringen vor allem Peter Reissers Figuren in die Aufführung ein. Er hat in wechselnden Rollen für Gospodins Freunde köstliche Typisierungen erfunden: den spießigen Künstler mit der verzögerten Sprache, der für seine Video-Kunst-Installation Gospodins Fernseher braucht, den smarten Piloten, für den Gospodin auf die Beerdigung eines Kollegen gehen muss, den Trödelhändler oder den Supermarktchef - für alle hat Reisser köstliche sprachliche und gestische Marotten gefunden. Vera Weisbrod findet als Erzählerin für Gospodins Freundin eine schöne ruhige Klarheit und macht aus der Freundin mit französischem Akzent eine wundervolle Klischeefigur. Viel Einfallsreichtum hat der Regisseur auch für die Szenenübergänge und Rollenwechsel verwandt. Wie die Schauspieler aus ihren Rollen aus- und in die neue Figur einstiegen, mal pfeifend und summend, mal mit Anteilnahme und mimischen Kommentaren zur Szene, mal brechtisch sachlich, ist genau komponiert – und zieht den Abend doch noch mehr in die Länge. So fehlt der Aufführung insgesamt der Biss. Löhles provokatives Gedankenspiel wird in der schönen Schnipsel-Wolken-Ästhetik mit reizvollen Schauspieler-Studien aufgeweicht. Aber vielleicht wird ja auch nur so Löhles zynische Pointe, nur im Gefängnis läge die wahre Freiheit, erträglich. (Isabella Kreim)