Iphigenie auf Tauris

Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe

Heute gilt ›Iphigenie‹ als das klassische deutsche Drama schlechthin. Die Titelfigur wird zum Sinnbild eines Humanitätsideals, das aktueller ist denn je: eine mutige Frau, die – vernünftig und leidenschaftlich, rebellisch und aufrichtig zugleich – einen unblutigen Weg aus einer scheinbar nicht enden wollenden Spirale der Gewalt findet. Iphigenie lebt im Tempelhain der Diana auf Tauris unter dem Schutz des Königs Thoas. Sie war von der Göttin vor der Opferung durch den eigenen Vater, den Feldherrn Agamemnon, gerettet worden. Seitdem dient sie Diana als Priesterin im Heiligtum. Doch sie sehnt sich nach ihrer Heimat, »das Land der Griechen mit der Seele suchend«. Als sie einen Heiratsantrag Thoas’ zurückweist, droht dieser mit der Wiedereinführung des Menschenopfers, das er an zwei Fremden, die auf der Insel gelandet sind, vollziehen will. Es sind der von den Rachegöttinnen verfolgte Orest, Iphigenies Bruder, und sein Freund Pylades, die aufgrund eines Orakelspruches nach Tauris gekommen sind. Die beiden erzählen der unerkannten Schwester vom Ausgang des Trojanischen Krieges, vom Muttermord des Orest und ihrem Plan, die Statue der Diana aus dem Heiligtum zu stehlen. Iphigenie gerät in eine schwere Glaubens- und Identitätskrise, in der sich für sie die quälende Frage nach ihrer Loyalität stellt. Denn um den Bruder zu retten, müsste sie sich in ein Netz von Lügen verstricken. Doch die mit sich ringende Iphigenie versteht es, diesen Bann einer blutdürstigen Geschichte zu brechen. Nicht List und Täuschung wendet sie an, um sich und die beiden Todgeweihten außer Landes und in Sicherheit zu bringen. Nach schwerem inneren Kampf vertraut sie sich Thoas an, an dessen Gefühl sie nicht vergebens appelliert: Thoas’ Einsicht, Iphigenie und die Ihren ziehen zu lassen, ist aus einer Liebe genährt, von der Entsagung verlangt wird. Dass solche durch Vertrauen errungene Friedfertigkeit gelingt, ist die Utopie Goethes und der gesamten Aufklärung: Nicht mehr List und kriegsbereite Wehrkraft sollen den Frieden erhalten, sondern, so Kant in seiner Schrift »Zum ewigen Frieden«, die Überzeugungskraft der Wahrheit und des gegenseitigen Vertrauens. Goethes Schauspiel handelt von Verantwortung, Schuld und Vergebung, Pflicht und Neigung, Schicksalsergebenheit und selbstbestimmtem Handeln und beschreibt dabei den Sieg der Wahrheit und Humanität über Menschenopfer und Barbarei. Mehr als acht Jahre hat Goethe um die Gestaltung seiner »Iphigenie« gerungen: Der entscheidende Durchbruch gelang ihm erst 1787 während seiner Italienreise. Das Stück entwirft – durchaus idealistisch – ein Bild vom Menschen, wie er sein sollte und vielleicht sein könnte: ein selbst bestimmtes und selbstverantwortliches Wesen, das sich ohne Zwang menschlich anständig verhält und Konflikte möglichst ohne Waffengewalt zu lösen vermag. Dieses ›klassische‹ Menschenbild ist zugleich sehr modern, und unsere heutige Auffassung von einem autonomen, gleichzeitig aber zu friedlichen Konfliktlösungen fähigen Ich, ist davon geprägt, ohne dass wir uns das immer bewusst machten – und ohne dass wir seiner Realisierung wesentlich näher gekommen wären. »Der missversteht die Himmlischen, der sie blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur die eignen grausamen Begierden an.« (Goethe)
Regie: 
Frank Behnke
Bühne: 
Günter Hellweg
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 90 Minuten
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 05.10.2009
DER EDLE MENSCH
Ingolstadt. Goethes Appell „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ steht als Motto über der neuen, am Wochenende gestarteten Spielzeit des Theaters Ingolstadt. Und was lag da näher, als mit „Iphigenie auf Tauris“, dem 1787 vollendeten Drama des deutschen Dichterkönigs, zu beginnen? Gastregisseur Frank Behnke, Leitender Schauspieldramaturg am Staatstheater Nürnberg, griff dann auch das Ingolstädter Saisonmotto gleich zu Beginn auf und ließ seine Darsteller als Allererstes „Edel sei der Mensch“ groß mit Kreide auf die Außenwand einer riesigen Spielbox schreiben. Die wird aufgeklappt, Weiß ist ab jetzt, wie auch bei den Kostümen, nahezu einziger Farbton der Aufführung (Bühnenbild und Ausstattung: Günter Hellweg, musikalische Akzentsetzung: Tim Allhoff). Behnke hatte für Ingolstadt den nicht leicht zu spielenden Urtext um fast die Hälfte gekürzt. Man realisiert dies aber kaum, so kompakt, so flüssig läuft das Drama 90 Minuten lang ab. Wobei der Regisseur bei aller zeitweiligen Spielrasanz auch den stillen Momenten Gelegenheit gibt, ihre Wirkung zu entfalten. Klug wechselt er die Aufführungstempi, lässt dabei Goethes Sprache voll ihren Zauber und ihre Magie entfalten. Stilsicher unterstützt werden die Regie-Intentionen vom Darsteller- Quintett: Frank Behnke verlangt ihm einiges ab – gerade auch, was das von ihm geforderte, zeitweise extrem körperbetonte Agieren betrifft. Julia Maronde erwies sich als Glücksfall für den Abend in ihrer Rolle der sich nach der Heimat sehnenden Iphigenie: Eindringlich spiegelt sie den inneren Konflikt der Hauptperson, deren Zerrissenheit zwischen Pflicht und Neigung, wider. Aurel Bereuter als Bruder Orest: Angst, Aggression und all seine Trauer, Sehnsucht und auch Liebe sprudeln nur so aus ihm heraus. Ralf Lichtenberg (als loyaler Königsbote Arkas), Ulrich Kielhorn (als enttäuschter, von Iphigenie abgewiesener König Thoas), und Ole Micha Spörkel (als temperamentvoller Orest-Gefährte Pylades) stehen den beiden dabei hinsichtlich Intensität in dieser gelungenen, spannungsreichen Klassiker-Aufführung in nichts nach. (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 05.10.2009
IPHIEGENIE AUF TAURIS
Vier weiß gekleidete Kobolde erobern lachend die Bühne, schreiben mit frechem Elan das Spielzeitmotto des Theaters Ingolstadt mit Kreide an die Wand „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Diese übermütig durchgeknallten Götter sprechen chorisch die berühmten Zeilen aus Iphigenies Monolog „Lied der Parzen“ über das Ausgeliefertsein des Menschen an die Willkür der Götter, lachen sich scheckig und ziehen sich eine Linie Koks rein. Schließlich nehmen diese Götter ihren weißen Haarflaum ab, ziehen ihre Tüll-Röcke aus und sind die Protagonisten der Männerwelt, die Iphigenie in schwere Konflikte stürzen. Thoas, der König jener fernen Insel Tauris, auf die es Iphigenie verschlagen hat und sein Vertrauter Arkas, Iphigenies Bruder Orest und dessen Freund Pylades, die sie beide opfern soll, weil sie Thoas Heiratsantrag nicht annehmen möchte und der Abgewiesene daher wieder auf dem Menschenopfer aller Fremden besteht. Und immer berufen sich die Menschen auf die Götter, wenn sie ihre eigenen Interessen, Wünsche oder Schicksale begründen wollen. So wie diese Inszenierung die Götter personifiziert, distanziert sie sich mit sarkastischer Ironie von dem ja noch immer aktuellen Vorwand der Religion oder sonstwie begründeten Determiniertheit, den die Sterblichen vorschieben, um nicht selbstbestimmt handeln zu müssen. So sinnlich, charmant witzig und hochintelligent beginnt Frank Behnkes Inszenierung von Goethes klassisch-getragenem Versepos „Iphigenie auf Taurus“ im Kleinen Haus. Und das Theaterwunder dieser Aufführung hält 90 spannende, lustvolle Minuten an. Behnke hat das Stück um fast die Hälfte gestrafft und ihm alles getragene Leidenspathos ausgetrieben. Statt Goethes Wortgeklingel elegisch zu deklamieren wird mit erstaunlicher Expressivität gesprochen, aber auch dieser hohe Ton wird immer wieder mit zarter Ironie, ja Witz, unterlaufen. Goethe fand seine Iphigenie, sein hohes Lied der Humanität wohl lebenslang selbst ziemlich blutleer, aktionsarm und natürlich allzu idealistisch. Behnke macht die nur auf sprachliche Argumentation beruhende innere Handlung auf kongenial direkte Weise sichtbar. Herrlich tragikomisch, wie Aurel Bereuter als Orest seine Landsmännin in der Fremde, Iphigenie, wie ein stürmischer Liebhaber umkost, während er ihr die schauerliche Geschichte seines Muttermords erzählt. Sein Absturz in den Wahnsinn, als sie sich als seine Schwester zu erkennen gibt, ist dann nur ein sanfter Übergang in zeitlupenhaft verquere Ruderbewegungen mit Armen und Beinen. Sehr körperlich, aber nie äußerlich überdreht, werden Goethes Wortkaskaden von sehr verborgenen Gefühlslagen konkretisiert. Wütend ob dieser Zumutung schreit Thoas, als Iphigenie ihm die Entscheidung auferlegt, sich ihrem Humanitätsprojekt anzuschließen und damit auf die geliebte Frau zu verzichten. Aus dem Dilemma, entweder Verrat an ihrem Wohltäter zu begehen oder durch Brudermord die Spirale der Gewalt in ihrer Familie weiter zu treiben, tritt sie die Flucht nach vorne an. Nicht mit List und Gewalt, den Waffen der Männer, sondern mit der Wahrheit erzwingt sie eine humane Lösung. Julia Maronde ist eine wunderbar ernsthafte, spröde, klare, eigenwillige Iphigenie. Und Ulrich Kielhorn, Aurel Bereuter, Ralf Lichtenberg und Ole Micha Spörkel setzen die ebenso ästhetischen wie emotional packenden Bilder mit Intensität und ironischer Spielfreude um. In wohltuendem Gegensatz zu Goethes Stilisierung und Überhöhung benutzen Regisseur Frank Behnke und Ausstatter Günter Hellweg ganz einfache Theatermittel. Ein weißer Bühnenkasten mit einer schwarzen Klappe, ein weißer Farbeimer als heilige Quelle, Iphigenie trägt eine simple weiße Kapuzenjacke über ihrem weißen Kleid. Mit der Kapuze auf dem Kopf ist sie geheimnisvolle Priesterin und eine Frau, die ihre eindrucksvollen langen blonden Haare und sich selbst vor der Fremdbestimmung durch die Männer zu schützen weiß. Der Altar im Tempel der Diana ist Iphigenies privater Hausaltar, eine Reihe brennender Kerzen, vor die sie die Bilder ihrer Familie gelegt hat: ein schlüssiges Bild für ihr Heimweh, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Die Männer schlagen kurz effektvoll gegen die Bühnenwände, um ihre Kampfbereitschaft zu illustrieren, Iphigenie läuft in innerer Zerrissenheit von einer Schattenecke in die andere, ein Lichtwechsel und hektisch-muntere Aufweckspielchen signalisieren kurz und prägnant den Umschwung von Orests Wahnsinn zu seiner schnell wieder erlangten Klarheit. Mit so stringenten Aktionen, aber nie in banaler Aktualisierung übersetzt Behnke Goethes abgehobene Stilisierung in konkrete Situationen. Lediglich Tim Allhoffs glockenzirpend, elektronisch flirrender Klangteppich hätte auch sparsamer eingesetzt sein können. Und wie Behnke gleich zu Anfang die Götter als sarkastische Kommentatoren des Humanitätsideals personifiziert, gelingt ihm auch beim idealistischen Schluss, in dem alle sich in Gutmenschentum überbieten, ein doppelter Boden und ein Hauch Skepsis zu dieser Utopie. Und wieder mit ganz einfachen Mitteln. Ein Mikrofonständer. Und Aurel Bereuter spricht sein Plädoyer wie eine Politikerrede beim Festakt zum politischen Friedensvertragsabschluss, von animiertem Applaus belohnt. Und dann drängt er mit jugendlicher Ungeduld, die Höflichkeiten gegenüber den fremden Vertragspartnern nun aber gut sein zu lassen, zum Aufbruch. Doch Iphigenie will eine menschliche, nicht nur politisch-korrekte Lösung. Sehr berührend, leise und zögerlich spricht Julia Maronde ihren Wunsch nach Thoas liebevollem Segen ins Mikrofon. – Bis die Männer sich wieder in die Götter verwandeln, die Klappe hinter Iphigenie schließen und sie als einsame Ruferin der Menschlichkeit in ihrem weißen Kasten zurücklassen. Auf der Wand aber steht noch immer das Spielzeitmotto „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Mit diesem winzigen Epilog macht Behnke das Dilemma der Humanität zwischen Ideal und Illusion sichtbar. Bereits mit dieser Eröffnungspremiere ist dem Theater Ingolstadt ein Juwel im Spielplan gelungen. (Isabella Kreim)