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Alexis Sorbas - Pressestimmen

MITTELBAYERISCHE ZEITUNG – 28.06.2010
Ein pralles, vitales Theatervergnügen
Einfach hinreißend wird in Ingolstadt das Freilicht- Musical „Alexis Sorbas“ gespielt. Komponist ist Konstantin Wecker. INGOLSTADT. Salopp könnte man sagen, „Alexis Sorbas“ ist ein frecher Kommentar zu Griechenland und der aktuellen Euro-Krise: Lustig in den Tag hineinleben, unbekümmert das Geld verprassen. Und wenn alles zusammengekracht ist, dann muss man nur Sirtaki tanzen und schon ist das ganze Schlamassel vergessen. Aber die Geschichte von Nikos Kazantzakis ist mehr: eine herzergreifende Hymne auf das Leben und die Liebe. Nach dem Kino-Erfolg in den 60er Jahren – legendär Anthony Quinn in der Titelrolle – gab es auch bald den Versuch, „Alexis Sorbas“ als Musical auf die Bühne zu bringen. Doch John Kander, dessen „Cabaret“ zu einem Theaterklassiker geworden ist, hatte mit dem nur noch ganz selten gespielten „Zorba“ weniger Glück. Polterer und Frauenbetörer In einer neuen Fassung, nun mit der Musik von Konstantin Wecker, könnte „Alexis Sorbas“ jetzt doch noch die Theater erobern. Bei der Uraufführung am Samstagabend in Ingolstadt gab es großen Jubel. Komponist Wecker war sichtlich gerührt über die Begeisterung, die im „Turm Baur“ herrschte. Im Innenrund dieses alten Festungsbaus hat das Ingolstädter Theater eine tolle, arenaartige Spielstätte für Freilichtaufführungen. Und wenn der Zuschauerraum auch bei Schlechtwetter durch ein Zeltdach geschützt würde, so sorgte die warme Sommernacht bei der Premiere gewiss für ein zusätzlichesWohlgefühl beim Spielgenuss. Von Genuss zu reden, ist keine Übertreibung, denn zur recht eingängigen Musik kommen in Ingolstadt eine schlüssige Inszenierung und dazu bestens eingestimmte Darsteller, die allesamt mit erfreulichen Leistungen zu faszinieren wissen. Regisseur ist Pavel Fieber, der inzwischen 69 Jahre alte Routinier, der auch etliche Jahre Intendant der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel war. Ingolstadt bedeutet für ihn die Rückkehr an eine frühe Wirkungsstätte, hier war er in den 70-er Jahren Oberspielleiter und er hat damals den Turm Baur als Spielstätte entdeckt. Pavel Fieber, der auch zusammen mit Claus J. Frankl die Bühnenfassung Bühnenfassung des Romans erarbeitet hat, setzt auf pralles, vitales Theater. Turbulente Volksszenen wechseln ab mit feinen, innigen Momenten – ein immer spannender Bilderbogen, überzeugend auch dann, wenn es heikel wird, wenn es nämlich um Gewalt und Tod geht. Ein famoser Alexis Sorbas: Jan Gebauer in der Titelrolle ist ein Glücksfall, er ist ganz strotzende Lebenslust, ein Polterer, ein Frauenbetörer, ein Proletarier-Philosoph. Souverän und auch sanges- und tanzgewaltig beherrscht er die Riesenbühne. An seiner Seite: Georgios Tzitzikos, „der Boss“, der kein Kapitalist sein will. Ein bisschen wie ein Harry-Potter-Verschnitt sieht er aus, ganz verklemmt gibt er sich zunächst und mausert sich dann doch zum großen Liebenden, betört von der Witwe Surmelina, die von Victoria Voss verführerisch, und emanzipiert gespielt wird. Brillieren darf aber vor allem Petra Welteroth, die die liebesbedürftige und liebeserfahrene Bubulina schön schrill und doch höchst Sympathie weckend zu zeichnen versteht. Und man muss diese Aufzählung noch fortsetzen: Da ist Adelheid Bräu, herrlich als gemeines, von böser Bigotterie erfülltes Klageweib – oder Marcus Staab Poncet als Dorftrottel Mimithos, der doch als Einziger menschlich erscheint innerhalb der tyrannischen Dorfgesellschaft. Katharina Leisinger ist ein köstlicher, ziegenböckischer Faun; Karlheinz Habelt macht in der fein herausgearbeiteten Figur des lächerlichen Dorfpopen klar, dass Kazantzakis mit seinem Roman auch eine höchst kritische Gesellschaftssatire geschrieben hat. Ein Musical lebt natürlich von den Songs. Getextet hat sie Markus Munzer- Dorn. Und wenn sich bei ihm auch banal „kretische Nacht“ auf „Feuer der Liebe erwacht“ reimt und es manchmal ein bisschen zotig wird, zeigt sich dann wieder beste Liedermacherqualität. „Wenn es dir wirklich dreckig geht, dann tanze, auch wenn es keiner versteht“ hat durchaus das Zeug zum Ohrwurm. Prachtvoll die Klage des Frauenchors: „Männer kapieren’s nie. Männer haben so wenig Phantasie.“ Und ganz zauberhaft ist ein Duett zwischen Surmelina und dem„Boss“. Am Ende ein ausgelassener Sirtaki Konstantin Wecker, musicalerfahren durch „Ludwig 2“ und Bearbeitungen von „Dschungelbuch“ oder „Jim Knopf“, scheint ein bisschen Angst davor gehabt zu haben, dass in seiner Musik zu sehr Anklänge an Mikis Theodorakis durchschimmernkönnten. Manche Songs sind blues-artig und balladesk, könnten manchmal in ihrer Herbheit auch zu einem Brecht- Stück passen. Im Instrumentarium der achtköpfigen Band taucht zwar eine Bouzouki auf, aber es dominieren Klarinette, Keyboard und Schlagzeug. Erst ganz am Schluss darf es folkloristisch werden und die Geschichte in einemausgelassenen Sirtaki enden. VON ULRICH KELBER, MZ
KULTURKANAL – 28.06.2010
Das Leben lieben und den Tod nicht fürchten
Alexis Sorbas: Ein bekannter Roman von Nikos Kazanthakis, ein weltberühmter Film, mit Musik von Konstantin Wecker, als Musical bearbeitet von einem Team um den erfahrenen Darsteller, Regisseur und Intendanten, also einem mit allen Wassern gewaschenen Theater-Pragmatiker Pavel Fieber, der auch Regie geführt hat. Da kann doch nichts schiefgehen? Es geht auch nichts schief. Das Ensemble ist mit großem Einsatz dabei, alles ist geschickt und lebendig arrangiert, die Songs sind durchaus eingängig und abwechslungsreich zwischen Liedermacher- und Singspiel-Ton, mit einem Chor, der von Kurt Weill stammen könnte, lyrischen Balladen, Anleihen an griechische Musik und Konstantin-Wecker-Stil. Es geht also nichts schief: Aber außer der Bergwerk-Explosion mit viel Rauch zündet auch nichts. Dass im zweiten Teil plötzlich Sterben und Lynchjustiz vorkommen, überrascht, weil in den ersten beiden Stunden so harmlos singspielhaft und komödiantisch von Dorfleben und Liebesgeplänkeln erzählt worden ist. Vielversprechend entsteigt zu Beginn ein weiblicher weißer Faun dem Bühnenpodest. Eine Allegorie für die unerschrockene, genießerische Lebenseinstellung der Titelfigur. Die Tänzerin Katharina Leisinger wird den ganzen Abend über begleiten, den Kopflastigen intellektuellen Schriftsteller in einen Liebestaumel ziehen, Alexis Sorbas bei seiner ton- und musiklosen Sirtaki-Euphorie synchron umtanzen, über die sterbende Hortense wachen, auf die schon die weiblichen Dorfhyänen lauern, um sich auf deren Habe stürzen. Schöne Szenen, und dennoch kommt das Stück im ersten Teil wenig von der Stelle. Die Atmosphäre dieser aggressiv-bedrohlichen, archaisch-dumpfen Männerwelt stellt sich nicht ein. Obwohl Karlheinz Habelt als skuriller Pope immer wieder seine Kirchenturm-Tür aufklappt um Gebete aufs Volk zu donnern und Adelheid Bräu mit eindringlicher Vehemenz die Moralapostelin des Dorfes kreischt. Obwohl in einem mitreißenden Trinklied ausgiebig die Arme nach oben gerissen werden und oft Yamas gerufen wird. Aber soviel offene Trinkfreudigkeit und Lebenslust bei diesen verschlossenen, fremdenfeindlichen Menschen? Da ist manches eher dem vermeintlichen Unterhaltungsbedürfnis einer Freilichtaufführung geschuldet. - Und läuft daher leer. Georgios Tzitzikos, der große schlanke, liebenswert schüchterne Boss und der kraftstrotzende, aber auch verschmitzte und mitfühlende Jan Gebauer sind ein kontrastreiches Protagonistenpaar. Doch obwohl beide fast ständig auf der Bühne sind, werden die unterschiedlichen Lebensphilosophien weniger in gemeinsame Spielszenen, als singspielhaft in die von Marcus Munzer-dorn klug geschriebenen Songtexte verlegt. Petra Welteroth, vor Jahren schon einmal am Ingolstädter Theater engagiert, singt und spielt mit Verve und französischem Akzent eine Halbweltdame mit gebrochener Biografie, die nach der Ehe quengelt. Gekonnt gemacht, aber eine Figur, so klischeehaft, wie aus einer Operette entsprungen. Gesungen und musiziert wird insgesamt sehr hübsch, leider aber nicht mit der Konstantin Wecker eigenen Expressivität, sondern nur gefällig singspielhaft. Auch die pragmatische Erotik zwischen Sorbas und der französischen Wirtin ist weniger einem delikaten, genussfreudigen südländischen Lebensgefühl als dem Bühnenrepertoire zwischen derbem Volkstheater und Buffo-Paar-Komik entnommen. Sorbas lechzt und jachtert der Angebeteten hinterher, und haut ihr auf den Hintern. Kein Wunder, dass der Boss sich von einer solchen Liebeswerbung wenig animiert zeigt. Erst als die grandiose Victoria Voss als Surmelina die Bühne betritt, schön, stolz, geradlinig und ernst, fängt es an zu knistern. Stefan Leonhardsberger sticht mit seiner intensiven Liebesverzweiflung ebenfalls aus dem Dorfensemble heraus. Und mit dem stummen Dorftrottel von Marcus Staab Poncet ist eine der wenigen berührenden Figuren dieser Aufführung gelungen. Sirtaki und Feuer – mit diesen Schlusseffekten ist die Freilichttheaterwelt dann automatisch wieder in Ordnung und die Zuschauer jubeln. Von Isabella Kreim
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 29.06.2010
VOLKSNAH
Ingolstadt. Wenn dieser Tage die Rede von Griechenland ist, dann sind die Worte Euro und Krise nicht fern. Am Theater Ingolstadt kommt nun ein anderes Griechenland zur Geltung: Mit der Uraufführung des Musicals „Alexis Sorbas“ füllen griechischer Mythos, Weltliteratur und auch ein bisschen mediterranes Urlaubsklischee die Bühne. Kein Geringerer als Konstantin Wecker hat 14 Lieder für die Geschichte um die beiden grundverschiedenen Hauptfiguren mit ihren tragischen Verstrickungen geschrieben. Die Songtexte sind von Markus Munzer-Dorn, und der Text von Claus J. Frankl und Pavel Fieber (auch Regie) ist frei nach dem Roman von Nikos Kazantzakis entstanden. Die Zuschauer erwartet in der Freiluft-Spielstätte Turm Baur ein griechisches Dorf samt Kirchturm und Kneipe (Bühne Christian Floeren). Es wird gebaggert, getrunken und gemordet. Die Inszenierung setzt auf Tempo, Witz, Effekte – und ist erwartungsgemäß volksnah, Sirtaki inklusive. Im Mittelpunkt ein grandioser Jan Gebauer als impulsiver und altersweiser Sorbas, der die Geschäfte für seinen „Boss“ mit Hingabe erledigt und dabei dessen Vermögen durchbringt. Georgios Tzitzikos kann in der Rolle des englischen Schriftstellers, der im Dorf eine Kohlemine geerbt hat, schauspielerisch nicht ganz mithalten. Zu Recht umjubelt wurde bei der Premiere Petra Welteroth als Madame Hortense, die ein ebenso komisches wie anrührendes Verhältnis zu Sorbas eingeht. Die Band treibt das tragische Geschehen im Dorf an, begleitet gekonnt Hass und Neid und arbeitet die Stimmungslagen zwischen Trinkgelage und Lynchmord gut heraus. Nur manchmal driften die Klänge etwas zu sehr in die Schlagerecke ab, während die tragische Liebe zwischen der hübschen Witwe Surmelina (Victoria Voss) und dem Boss bei Gelegenheit in die Klischeefalle tappt. Dennoch eine runde, amüsante und leichtfüßige Inszenierung, bei der am Ende trotz Bankrotts und Gräueltaten die Freiheitsliebe und die Hingabe an das Leben obsiegen. (Volker Linder)
NÜRNBERGER NACHRICHTEN – 29.06.2010
Sirtaki macht das Leben leichter
Beim Stichwort Griechenland denkt man zurzeit europaweit gern an Krise. Nicht so in Ingolstadt. Dort hat das städtische Theater mit „Alexis Sorbas“ einen Klassiker-Stoff zu einem Musical aufbereitet, das ein Kassenknüller werden dürfte. Die Musik zu der Freilicht-Produktion hat der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker beigesteuert — ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Seine musikalische Visitenkarte gibt der Komponist gleich zu Beginn der Inszenierung ab. Da lässt die aus erhöhter Warte exzellent aufspielende Live-Band ein verdächtig nach Wecker-Ballade klingendes Stück hören. Doch damit hat es sich dann auch schon mit dem Weckerleuchten. Die folgenden Kompositionen sind passgenau auf den Musical-Stoff zugeschnitten, je nach Stimmungslage auf der Bühne folkloristisch, dramatisch oder gefühlig – eben genregerechte, eingängig-kantenlose Emotionsverstärker. Und Emotionen bietet die bekannte Sorbas-Geschichte, die in Ingolstadt frei nach dem großen Roman des Griechen Nikos Kazantzakis erzählt wird, am laufenden Band. Bilder hat man dank der populären, oscargekrönten Verfilmung von 1964 mit Anthony Quinn im Kopf, die Musik von Mikis Theodorakis im Ohr. Den Film sollte man allerdings lieber ausblenden, denn so bedingungslos archaisch, expressiv und hochdramatisch sind die Szenen im vor allem auf gute Unterhaltung gebürsteten Ingolstädter Musical nicht. Die unter der Regie von Pavel Fieber entstandene künstlerisch solide, charmant angestaubte und weitgehend überraschungsfreie Produktion funktioniert trotzdem. Wie Kazantzakis’ Ode an die Freiheit und das Leben erzählt sie von einem jungen feinsinnigen Schriftsteller und seinem ungleichen Männerfreund, dem freigeistig- rustikalen Makedonier Sorbas. Die beiden erleben das Scheitern eines ambitionierten Kohlebergbauund Seilbahnprojekts, unerfüllte Liebe, Hass, Lynchjustiz und Tod. All das spielt in der fremdenfeindlichen Atmosphäre eines bigotten Kaffs auf Kreta, wo Sorbas und sein Boss auf eine rückständige Gesellschaft treffen. Pope und Bürgermeister haben das Sagen, die Frauen den Mund zu halten. Misstrauisch werden die beiden Eindringlinge beäugt — zumal sie mit den beiden unangepassten Frauen des Dorfes, der vielfach begehrten, aber reservierten Witwe Surmelina und der alternden Admiralskurtisane Hortense, anbandeln. Die Tragödie ist also programmiert auf der sorgsam realitätsnah mit Kneipe und Glockenturm eingerichteten Freilichtbühne im klassizistischen, von Leo Klenze im 19. Jahrhundert erbauten Turm Baur. Das unverwechselbare Ambiente bietet den zahlreichen Protagonisten viel Raum für Standortwechsel — ideale Bedingungen für Liebesgeflüster, Männerränke und Weibergezänk, jede Menge „Jámas!“-Folklore und ordentlich Gefühl. Die Fallhöhe ist dabei eher gering, Tiefsinniges wird nur hin und wieder angedeutet. Getragen wird die um Unmittelbarkeit und Realitätsnähe bemühte Inszenierung (der Auftritt einer leibhaftigen Ziege sorgt für ein entzücktes Publikum) von den drei wunderbar intensiv spielenden Hauptdarstellern. Jan Gebauer als lebensbejahender Schürzenjäger Sorbas bringt Witz und Vitalität ins Spiel, Georgios Tzitzikos gibt als verträumter Jungspund seinen Gegenpart, und Petra Welteroth glänzt als aufgedreht-kokette Hortense mit hübsch französischem Akzent. Stimmsolide und textverständlich sind sie alle. Am Ende kommt, was kommen muss: Die beiden Männer tanzen den berühmten Sirtaki, das Leben geht weiter und die 750 heftig umworbenen Zuschauer im ausverkauften Turm Baur revanchieren sich mit tosendem Applaus. (Birgit Nüchterlein)
LANDSHUTER ZEITUNG – 29.06.2010
Brathuhn, Wein und Sirtaki
Wenn am Ende Alexis Sorbas und „Der Boss“ Sirtaki tanzen, ist das Publikum glücklich. Im Prinzip hätten der knorrige, warmherzige Mann und sein schwerst intellektueller, natürlich bebrillter Freund das schon viel früher machen können, aber dann hätten sie nicht gute drei Stunden all jene Schicksalsschläge mit Karacho serviert bekommen müssen, die Alexis Sorbas und sein naiver Junggriechen-Kompagnon in Nikos Kazantzakis gleichnamigem Roman eben so abbekommen. Claus J. Frankl und Pavel Fieber, der auch Regie führte, haben aus dem Roman ein Musical gemacht, das jetzt im Ingolstädter Theater im Turm Baur Uraufführung hat. Sie haben damit gezeigt, dass Autoren schon wissen, warum sie sich bei einem Stoff für einen Roman entscheiden und nicht für ein Stück. Weil es halt kein Stoff für ein Stück ist. So hechelt das Musical von Szene zu Szene, jede einzelne durchaus sehenswert, unterhaltsam und charmant; wo allerdings im Roman eine Rahmenhandlung genügt, bleibt das überwölbende Geschehen im Theater auf der Strecke. Die beiden Herren dringen als neue Minenbesitzer ein in eine rache- und religionsorientierte archaische Gesellschaft, die ein so effektives Unterdrückungssystem darstellt, dass alles Fremde und Neue als Störung empfunden wird, und seien es fremde und neue Gefühle der eigenen Leute. Sorbas und sein „Boss“ sind fremd und neu, dafür prügelt sie die Dorfgesellschaft, und das Leben prügelt sie gleich mit. Sorbas aber hält eisern fest an seiner anarchischen Lebensweisheit, dass wer nichts hofft und wer nichts fürchtet, sich am Schluss immer noch an Brathuhn, Wein und Sirtaki laben kann. Dieses ganze Geschehen könnte ja eine gewisse Wucht des Urknalls haben, ausgelöst vom Zusammenprall archaischer und anarchischer Triebe; in Ingolstadt kommt die Geschichte aber ähnlich brav und bieder daher wie des Sorbas' vertrutschelte Lebens-Quintessenz. Unterstützt wird dieser Eindruck noch von der Musik Konstantin Weckers, die immer wieder vom Gefälligen ins vollkommen Überraschungsfreie lappt. Manche Spannungsbögen werden aufgebaut, aber nie aufgelöst, etwa wenn des „Bosses“ große Liebe, die gute, süße, kluge Surmelia, von der Dorfgesellschaft irgendwann zwischendrin wegen der Straftat eigenen Denkens regelrecht abgeschlachtet wird: Mei, ist sie halt tot, abgemurkst und futsch, und damit hat es sich dann für den Rest des Abends. Folgt man aber so der Romanhandlung, wird man auf der Bühne einer derart groß angelegten Figur niemals gerecht. Was an der Konstruktion fehlt, können die Szenen zu einem Gutteil wieder aufholen: Große, prächtige, farbenfrohe Bewegung mit toll choreografierten Massenszenen treffen auf Duette voll Entzücken, Duette der Liebe und der Freundschaft. Sehr viel Charisma hat Jan Gebauer in der Titelrolle, Georgios Tzitzikos steht ihm als „Boss“ wenig nach. (Christian Muggenthaler)