Ein seltsames Paar

Komödie von Neil Simon

Ihre Pokerrunde ist ihnen heilig. Aber als Oskar, Murray, Speed, Vinnie und Ray eines Abends vergeblich auf ihren Freund Felix warten, gerät die wöchentliche Routine in Gefahr. Felix ist nach fünfjähriger Ehe von seiner Frau verlassen worden und sieht keinen Sinn mehr im Leben. Nach mehreren verzweifelten Selbstmordversuchen, bei denen er sich allerdings nur den Hals verrenkt, findet er Unterschlupf bei Oskar. Der ist zwar ebenfalls geschieden, aber fest entschlossen, sein Leben als Junggeselle genießen. Auf den ersten Blick ergänzen sich die beiden in ihrer neuen Wohngemeinschaft wunderbar – der ordnungsliebende und häusliche Felix bringt endlich Oskars schlampigen Haushalt in Schuss. Aus der chaotischen Singlewohnung wird in kürzester Zeit ein keimfreier Musterhaushalt. Aber auch die besten Eigenschaften können einen in den Wahnsinn treiben. Felix Sauberkeitswahn, seine Hypochondrie und sein Kontrollzwang bringen Oskar an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Nicht einmal mehr pokern kann er in Ruhe. Nach drei Wochen gleicht ihre Beziehung einer ausgewachsenen Ehekrise. Um Felix auf andere Gedanken zu bringen, organisiert Oskar ein vielversprechendes Doppelrendezvous mit den beiden reizenden Schwestern Gwendolyn und Cecily. Als Felix allerdings der Einladung der beiden Damen in deren Wohnung nicht folgt, platzt ihm der Kragen. Wutentbrannt setzt er seinen Freund vor die Tür. Doch so einfach, wie Oskar es sich vorgestellt hat, kommen die beiden nicht voneinander los. Neil Simons berühmte Komödie über die Zweckgemeinschaft zweier Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, wurde 1968 mit Walter Matthau und Jack Lemmon in ihren Paraderollen verfilmt. Dank zweier Figuren, die trotz ihrer neurotischen Verschrobenheit ihre Liebenswürdigkeit nie verlieren, erreichte der Film schnell Kultstatus. Für das Drehbuch von ›Ein seltsames Paar‹ (Originaltitel: The Odd Couple) erhielt Neil Simon eine Oscarnominierung.
Regie: 
Kay Neumann
Ausstattung: 
Dorit Lievenbrück
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 160 Minuten, mit Pause
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 01.02.2010
DAUERPUTZFIMMEL
Ingolstadt Irgendwann ist es dann so weit: Felix, Inbegriff des Neurotikers mit Dauerputzfimmel, hält die Stehlampe in den Händen und geht in Abwehrhaltung. Er muss sich gegen seinen Freund Oscar verteidigen, der es mit ihm einfach nicht mehr aushält. Das ständige Reinemachen, Kochen, die Schleimbeutelentzündung und der Bioluft-Ionisator: Nichts ist mehr, wie es einmal war in Oscars Junggesellenwohnung, seit sein Freund von dessen Frau rausgeschmissen worden war und Felix jetzt bei ihm wohnt. Dem Dramatiker Neil Simon ist „Ein seltsames Paar“, dieser Komödienklassiker mit Tiefgang, zu verdanken. Das Theater Ingolstadt lotet in der Regie von Kay Neumann die ganze Bandbreite individueller und gesellschaftlicher Abgründe aus, die eine gescheiterte Ehe an den Tag befördern kann. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten spielte sich das Ensemble bei der Premiere am Samstag im Großen Haus schnell warm und lieferte einen präzis gearbeiteten Pointenfluss ab. Wie der Filmklassiker von 1968 mit Walter Matthau und Jack Lemmon lebt das Drama von den Protagonisten der Männer-WG: Matthias Winde als Felix vereint den Hypochonder mit einem Selbstverliebten – ohne zum Klischee-Neurotiker zu verkommen. Nik Neureiter gibt den Sportreporter und sorglosen Lebemann Oscar mit der nötigen Unbekümmertheit. Die überdimensionale New Yorker Wohnung, die Dorit Lievenbrück inklusive Big-Apple- Skyline auf die Bühne gestellt hat, bietet reichlich Raum für die Jagdszenen. Zu konträr sind die Charaktere, als dass Kommunikation allein Lösung bringen könnte. Die berühmte Pokerrunde des Stücks (mit dem Typen-Kaleidoskop Karlheinz Habelt, Ulrich Kielhorn, Peter Greif und Stefan Leonhardsberger) ist per se witzig. Richtig komisch aber gerät das gemeinsame Abendessen mit den Klischee- Tussis auf Männersuche (Jennifer Kornprobst, Katrin Wunderlich). In Windeseile wendet sich das Blatt, und Oscar wird die Rolle als Frauenschwarm plötzlich vom heulenden Felix streitig gemacht. Eine solide und kurzweilige Inszenierung. (Volker Linder)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 01.02.2010
EIN SELTSAMES PAAR
Natürlich kann das nicht gut gehen. Das Zusammenleben eines Putzfanatikers und eines haushalttechnischen Superschlampers. Aber es ist natürlich komisch, wenn zwei so unterschiedliche Charaktere und Lebensstile aufeinanderprallen wie Oscar und Felix in der Komödie „Ein seltsames Paar“. In dieser Männer-WG wiederholt sich, woran die Ehen von Felix und Oscar gescheitert sind. Oscar ist geschieden, weil er wahrscheinlich seiner Frau in allem zu lässig war und nicht mit Geld umgehen konnte. Auch jetzt kriegt er die Unterhaltungszahlungen für seine Kinder nicht auf die Reihe – erst recht nicht mithilfe der wöchentlichen Pokerrunde in seiner Wohnung. Felix wurde von seiner Frau hinausgeworfen, weil er zu pingelig war. Mit einem unerträglichen Ordnungs- und Putzfimmel, dazu noch eine Mimose am Kochherd. Ausgerechnet Oscar, der Chaot, nimmt Felix, den Pedanten, der nun auch noch hypochondrisch, weinerlich und selbstmordgefährdet seiner Frau und den Kindern nachtrauert, bei sich auf. Doch der Versuch, mit Männerfreundschaft die in der Ehe ausgebildeten Macken zu kurieren, scheitert kläglich. Die Verhaltensmuster wiederholen sich. Felix wird für Oscar zur peniblen Musterehefrau, von der er glücklich geschieden ist, und Oscar verhält sich wie Felix’ Verflossene: Als ihm Felix auch noch den fröhlichen Abend mit den vergnügungssüchtigen Schwestern aus dem Nachbar-Appartement vermasselt, wirft er ihn hinaus. Und wieder macht sich die Pokerrunde Sorgen um den selbstmordgefährdeten Freund und fühlt sich gleichzeitig wohler ohne seinen Aufräumfimmel. Allerdings benutzt man inzwischen Untersetzer unter die Biergläser. Ob Felix allerdings im Haushalt der munteren Schwestern, die ihn anschließend aufnehmen, weniger scheitern wird? Manches muss sich wohl sehr oft im Leben wiederholen, bis man - vielleicht - etwas daraus lernt. Die Komödie des amerikanischen Erfolgsautors im Boulevard- und Musicalgenre Neil Simon ist gut und genau geschrieben – und ein bisschen altmodisch. Denn Mitte der 1960er Jahre war eine Männer-WG noch eher selten, der Gedanke an Homoehen noch in weiter Ferne und der Putz- und Küchenfimmel ein typisch weibliches Rollenklischee. Der Geschlechterrollentausch dieser Konstellation war also sicher prickelnder als noch Jack Lemmon und Walter Matthau die beiden Freunde im Erfolgsfilm von 1968 verkörpert haben als heute. - Obwohl signifikant viele weibliche Zuschauer gelacht haben, bei der typischen Konfliktsituation einer Ehe: Frau hat den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden, Mann kommt zu spät zur Essenseinladung, war nicht im Büro sondern in der Kneipe und hat nicht einmal angerufen, geschweige denn bei den Vorbereitungen geholfen. Und so ist der liebevoll zubereitete Braten verkohlt, der Abend gelaufen. Auch die Theater-Ästhetik dieser Inszenierung baut auf einen hohen Vertrautheitseffekt. Der Bühnenraum von Dorit Lievenbrück ist ein gebautes Wohn-Esszimmer mit Tapete, Türen, Durchreiche zur Küche, Bücherregal und gepflegt bürgerlicher Möblierung – ein Blick zurück in die gediegene Welt der 8-Zimmerwohnung eines abgebrannten Journalisten, bevor die Quadratmeter-Preise in New York explodiert sind. Regisseur Kay Neumann, der in Ingolstadt die „Orestie“ und zuletzt Bert Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ inszeniert hat, unterlässt den Versuch, die Komödie mit drastischen Comedy-Mitteln aufzumotzen oder durch Regiegags zu modernisieren. Genau gearbeitet und mit zügigem Tempo gespielt, liegt der Reiz seiner Inszenierung gerade in der Normalität der gezeigten Figuren und der Szenen einer seltsamen Ehe. Sie sind allesamt liebenswert, keine überdrehten Beziehungsneurotiker. Die Pokerrunde der Freunde, gespielt von Karlheinz Habelt, Peter Greif, Ulrich Kielhorn und Stefan Leonhardsberger agiert exakt und mit hübschen, individuellen komischen Zügen. Nik Neureiter als Hauptmieter Oscar ist kein Phlegmatiker. In seinem gelassenem Laissez-Faire kann er durchaus Temperament und Eleganz entwickeln, wenn es um die Vorfreude auf den vergnüglichen Abend mit den jungen Damen geht - nur für den Haushalt rührt er keinen Finger. Und der nachdenkliche Ernst, mit dem er dieses Risiko einer Männerfreundschaft taxiert, um dann mit kaltem Blute den Rausschmiss zu provozieren, sind genau beobachtete Situationen, die nicht nur auf vordergründige Pointen setzen. Matthias Winde spielt als Felix keine neurotisch überdrehte Nervensäge. Er nervt durch die stille, treuherzige Penetranz, mit der er unentwegt mit Putztuch, Staubsauger oder Schöpfkelle liebevoll wischend, saugend, aufräumend, ordnend hinter seinem Freund her ist. Damit ja keine Zigarettenasche oder ein Chipskrümelchen daneben fällt, die Kissen mit Knick dekorativ auf dem Sofa liegen, die Zimmerluft befeuchtet ist und die Gläser keine Ränder hinterlassen. Ganz die treusorgende, dienende Hausfrau, die doch immer nur alles richtig und gemütlich machen möchte. Mit herrlich beleidigtem Schmollen, wenn die Köchinnenehre verletzt wird, voll tränenreichen Selbstmitleids als verlassene Ehehälfte und nur selten fähig, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Das tut man einfach nicht. Man wirft auch nicht aus Wut einen Aschenbecher an die Wand. Herrlich Windes peinliche Verlegenheit im Umgang mit den von Katrin Wunderlich und Jennifer Kornprobst als muntere Kichermädchen gespielte Schwestern, die er mit seiner Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern zur gemeinsamen Weltschmerz-Heulerei bringt. Es war die letzte Premiere von Matthias Winde, der Ende der Spielzeit das Theater Ingolstadt verlassen wird, um sich mehr der Fernseharbeit zu widmen. Also schon allein wegen dieser Glanzrolle lohnt sich ein Besuch von „Ein seltsames Paar“. Isabella Kreim