Und raus bist du

Ein Projekt des Theater Ingolstadt über die Integration behinderter Menschen von Dr. Peter Radtke

Die Integration behinderter Menschen ist schon seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts Ziel und erklärter Wille von Politik und Gesellschaft. Und trotzdem gibt es bei den Betroffenen immer wieder die Beschreibung von Entwicklungs- Defiziten. Behindert ist man nicht, behindert wird man. In der Tat: Die Gesellschaft macht es sich oft ziemlich einfach und den Behinderten verdammt schwer. Schon als Kinder werden Behinderte gern "aussortiert" und abgeschoben in Sonderschulen, Sondereinrichtungen und Heime. Die Diskriminierung findet oft unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge statt. Entmündigung und Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Minderwertigkeitsgefühle der Betroffenen sind die Folge. Das Theater Ingolstadt möchte in einem Projekt dieses Thema aufgreifen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Unter dem Titel UND RAUS BIST DU erarbeitet das Theater einen Themenabend zur Stellung Behinderter in unserer Gesellschaft. Gibt es durch die Geschichte hindurch Formen der Ausgrenzung, die noch nicht überwunden sind? In einer literarischen Collage werden Texte der Weltliteratur mit authentischen Berichten verknüpft. Unter Leitung von Dr. Peter Radtke werden im April und Juni behinderte professionelle Schauspieler und Schauspieler des Ensembles eine Inszenierung erarbeiten, in der literarische Texte und Berichte Betroffener vereinigt sind. Schon durch das Zusammentreffen von betroffenen Schauspielern mit Kollegen des Ensembles soll eine produktive Spannung entstehen, die weit über normales Rollenspiel hinausgeht. Dr. Peter Radtke, Geschäftsführer und leitender Redakteur der "Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien e.V.", wurde 1943 in Freiburg/Br. geboren. Er ist seit Geburt behindert (Osteogenesis imperfecta). Dr. Radtke studierte Germanistik und Romanistik in Regensburg und Genf und promovierte 1976. 1977–84 baute er als Fachgebietsleiter an der Münchner Volkshochschule die Erwachsenenbildung für Menschen mit Behinderung auf. Er ist Mitglied des Nationalen Ethikrates. Dr. Radtke ist außerdem als Schriftsteller und Schauspieler in Film und Fernsehen sowie auf der Bühne tätig. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und des Bayerische Verdienstorden. Sein Wirken für Integration beschreibt er so: „Auf den ersten Blick scheinen sich "Normalität", worunter wir eine gewisse Vereinheitlichung verstehen, und "Verschiedenartigkeit" gegenseitig auszuschließen. Wir brauchen einen festen Rahmen, um unser Leben gestalten zu können. Wir wollen und müssen aber auch unsere eigene Individualität entwickeln, die uns von unseren Mitmenschen unterscheidet. So ist jeder Mensch auf seine Weise "normal". Für den Contergan-Betroffenen ist es normal, mit den Füßen zu essen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen benützt hierfür die Hände. Im täglichen Leben trifft die Normalität des Einen auf die Normalität der Anderen. Hieraus entstehen Auseinandersetzungen mit den uns bekannten Problemen. Der scheinbare Widerspruch, dass es normal ist, verschieden zu sein, ist also ein Widerspruch, der schon in unserer Existenz als ein auf die Gemeinschaft hin ausgerichtetes Einzelwesen liegt. Erst wenn wir es lernen, die jeweilige Andersartigkeit mit unserer Vorstellung von Normalität zu versöhnen, wird es gelingen, die gesellschaftlichen Spannungen zwischen Minderheiten und der übrigen Gemeinschaft abzubauen.“
Regie: 
Dr. Peter Radtke
Bühne: 
Isabell Heinke
Premiere am ,
Kleines Haus
Süddeutsche Zeitung – 26.06.2009
Klein, benachteiligt und sehr begabt
Ingolstadt - Jana Zöll schminkt sich mit einem Handspiegel und pfeift eine Melodie. "Ich muss mich noch aufbrezeln", scherzt sie, "die bösen Pickel." Die 24-Jährige aus der Eifel schreibt Theaterstücke und ist staatlich geprüfte Schauspielerin. Wenn sie Monologe rezitiert, dann füllt sie das Kleine Haus des Theaters Ingolstadt beeindruckend aus, obwohl sie sehr kleingewachsen ist, obwohl sie im Rollstuhl sitzt, obwohl sie an der Glasknochenkrankheit leidet. Darf man das schreiben - "obwohl"? Man muss es schreiben, denn in ihrem ersten Engagement nach erfolgreichem Abschluss der Ulmer Akademie für darstellende Kunst darf Jana Zöll lediglich die Rolle einer Behinderten spielen. "Und raus bist du" heißt das Stück, das am Donnerstag in Ingolstadt uraufgeführt wurde. Es spielen zwei Rollstuhlfahrer und zwei nichtbehinderte Mitglieder des Ingolstädter Ensembles, der Autor und Regisseur Peter Radtke leidet ebenfalls an der Glasknochenkrankheit. Das klingt spannend, zumal die Nichtbehinderten profilierte Ensemble-Mitglieder sind (Julia Maronde und Olaf Danner). Der vierte Schauspieler Jan Dziobek war der erste Behinderte, der in Ulm ausgebildet wurde. Seit 2003 wurde der spastisch Gelähmte einmal in der Rolle eines Nichtbehinderten eingesetzt - soll man sagen: immerhin? Allerdings deutet der Untertitel ("Ein Projekt über die Integration behinderter Menschen") eine gewisse Schwerfälligkeit an, er klingt mehr nach Sozialamt als nach großer Kunst. Regisseur Peter Radtke räumt das ein: "Die Behinderten-Problematik ist auf der Bühne schwer zu vermitteln." Er entschied sich für eine szenische Collage - mit dem Inhalt, dass vier Schauspieler gemeinsam eine szenische Collage erarbeiten. "Ich will die Augen für die Missstände öffnen", sagt Radtke, "und ich will zeigen, welche Chancen bestünden, wenn Regisseure den Mut aufbrächten, behinderte Schauspieler für nichtbehinderte Rollen einzusetzen." Das klingt gut gemeint. Andererseits bleibt die Frage, ob ein Stück "über die Integration" nicht eher desintegrierend wirkt. "Natürlich hätten wir auch ein klassisches Stück zeigen können, in dem Behinderte mitwirken und alle sagen danach, das war ganz nett", sagt Radtke, "aber ich denke, ein Stück, das auf Widerstand stößt, bringt die Menschen eher zum Nachdenken." Radtke versucht dies mit überraschenden wie schockierenden Texten aus der Weltliteratur bis hin zum Bericht einer Behinderten, die an einer Ingolstädter Schule abgewiesen wurde. Jana Zöll setzte sich damals durch und machte an einem regulären Gymnasium Abitur. "Sie ist eine begnadete Schauspielerin", sagt Radtke. Zöll selbst würde lieber eine nichtbehinderte Rolle übernehmen: "Dann hätten wir die Integration umgesetzt, so haben wir sie nur thematisiert." Doch sie verliert ihre gute Laune nicht: "Aber es ist ein Anfang." (Weitere Termine: 28. Juni, 1. Juli). Stefan Mayr