SPIEL.TRIEB1: Auf der Greifswalder Strasse

von Roland Schimmelpfennig

Der Mann ohne Hund, ein Rocker, Kassiererinnen, Bauarbeiter, drei Rumänen, die Frau mit dem Fotoladen, ein Kneipenwirt, Straßenbahnpassagiere. Sie begegnen sich zufällig, gehen aneinander vorbei oder berühren sich flüchtig, sind miteinander verwoben, meist ohne dass sie es wissen: Menschen in einer Großstadt. Sie sind in ihrem eigenen Dasein eingekapselt, sprechen für und von sich. In schlaglichtartigen Szenen entsteht aus der Mixtur von Menschen ein ganzes Panorama. Auf der Greifswalder Straße laufen ihre Fäden zusammen, Fäden, die zum Zerreißen gespannt sind. Gleich am Anfang die Prophezeiung: „Ich bin hier um dich zu warnen, Rudolf. Nimm dich in acht vor dem langen Mädchen. Nimm dich in acht vor der Giraffe.“ 24 Stunden bleiben ihm. Und Rudolf rennt durch die Straßen und Kneipen auf der Suche nach einer Antwort: Was soll er mit der Zeit tun, die er noch hat? 24 Stunden. Sascha Römisch, Leiter des Jugendclubs bis 16 Jahre am Theater Ingolstadt Spieltrieb1, hat sich in diesem Jahr mit seinen jungen Spielern einer großen Herausforderung gestellt. „Auf der Greifswalder Straße“ heißt das Stück von Roland Schimmelpfennig. Es öffnet die reale Straße ins Wunderbare und folgt dem sprechenden Charakter des Straßennamens: Ist nicht die Großstadt ein verhextes Ingolstadt? Greifen nicht von überall die Dämonen, Sirenen, Todesboten nach uns? Schimmelpfennig ist ein schwarzer Romantiker, der seine Figuren in Fallen lockt oder schlimmen Metamorphosen aussetzt. Ein Mann verliebt sich in ein Mädchen, welches ihn, da er sein Liebesgeständnis nicht rückgängig macht, erschießt. Ein Mann spricht plötzlich Sprachen, die er selbst nicht versteht. Drei Rumänen merken, dass die Sonne seit halb acht Uhr abends nicht sinkt - also schießen sie die Sonne vom Himmel. Ein Hund namens Biene beißt ein Mädchen, welches sich in einen Wolf verwandelt, dem von alarmierten Passanten das Fell abgezogen wird. Unzählige Figuren sind unterwegs, in einem um halb acht stehen gebliebenen Berlin, und sie ahnen nicht, wie eng sie zusammenhängen. Schimmelpfennig inszeniert seine Straße wie ein szenisches Füllhorn. 63 Szenen gibt es, jede Szene verspricht ein Wunder. Jedoch, unter seinen Händen verkehrt das Füllhorn seine Funktion: Es schluckt seine Figuren. Hier herrscht nicht das Verschwendungs- und Feuerwerksglück der Komödie, in der sich dauernd neue Chancen, Verbindungen, Fluchtmöglichkeiten auftun - es heult eher die Schubumkehr des Horrorstücks: Schimmelpfennigs Figuren sind Verdammte, vermutlich müssen sie sterben, sobald die Sonne untergeht. Vielleicht ist die Harderstrasse in Ingolstadt eine verzauberte Greifswalder Strasse? Das Verfahren, dessen sich Roland Schimmelpfennig in »Auf der Greifswalder Straße« bedient, erinnert an Robert Altmans Film »Short Cuts« (1993), in dem der Regisseur auf eine von der Kritik gefeierten Art und Weise eine Kurzgeschichtensammlung von Raymond Carver verfilmt und das Leben einer Reihe von Personen, die in Los Angeles leben, miteinander verknüpft. Roland Schimmelpfennig, geboren 1967 in Göttingen, ist einer der meistgespielten deutschen Dramatiker der Gegenwart. Nach einer Tätigkeit als Journalist und freier Autor in Istanbul studierte Schimmelpfennig von 1990 an Regie an der Otto-Falkenberg-Schule in München. Nach Abschluss seines Studiums wurde er Regieassistent und ab 1995 schließlich Mitarbeiter der Künstlerischen Leitung an den Münchner Kammerspielen. Seit 1996 arbeitete er erneut als freier Autor und Übersetzer. Von 1999 bis 2001 war Schimmelpfennig als Dramaturg der Berliner Schaubühne tätig, in der Spielzeit 2001/2002 als Hausautor am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Seit längerem liefert er Auftragsarbeiten unter anderem für die großen Theater in Stuttgart, Hannover, Hamburg, Wien, Zürich und Berlin ab. Regie Sascha Römisch Ausstattung Christina Huener Musikal. Betreuung Andreas Dziuk Licht Egon Reinwald/ Wolfgang Meyer Inspizientin Heidi Groß Ensemble: Amelie Bauer, Sophie Burghausen, Leila Ibrasimovic, Anna- Maria Jackwerth, Sophie Kohoutek, Viktoria Lang, Sonja Pieldner, Diana Pischler, Elena Richarz, Patrick Schlegel, Vivian Scholten, Alexander Schuktuew, Amelie Schwarzer, Luisa Strasser, Michael Tebbe, Tilo Weigandt DER MANN OHNE HUND Michael Tebbe DIE FRAU MIT DEN GRÜNEN AUGEN (TANJA) Sophie Burghausen RUDOLF, vierzig oder etwas älter Tilo Weigandt DER ROCKER MIT DER PLASTIKTÜTE Amelie Bauer DIE ZWEITE FRAU MIT GRÜNEN AUGEN (NATALIE) Sonja Pieldner ARBEITER AN DEN STRASSENBAHNGLEISEN Michael Tebbe, Patrick Schlegel, Alexander Schuktuew DIE ZU DÜNNE FRAU Vivian Scholten KATJA Anna- Maria Jackwerth SIMONA - Freundinnen, junge Frauen, Anfang zwanzig Viktoria Lang MAIKA Diana Pischler BILLE Amelie Schwarzer KIKI, Rudolfs Freundin, Ende Dreißig Amelie Bauer EIN MÄDCHEN und ihr VATER in der U-Bahn Sophie Kohoutek HANS, Kioskbesitzer und seine FRAU Patrick Schlegel, Sonja Pieldner FRAU TEUBER (TEUBCHEN) Leila Ibrasimovic FRAU SCHMIDT (SCHMIDTI) Luisa Straßer DIE FRAU OHNE HUND Elena Richarz BAUARBEITER 1 Michael Tebbe BAUARBEITER 2 Alexander Schuktuew BAUARBEITER 3 PatrikSchlegel DER FRAU AM TELEPHON Amelie Bauer BABSI, DIE FRAU AUS DEM PHOTOLADEN Elena Richarz STRASSENBAHNPASSAGIERE Sonja Pieldner, Vivian Scholten, Sophie Burghausen DER JUNGE MANN (FRITZ) Alexander Schuktuew MICHAEL KIRILLOWITSCH Sophie Kohoutek FUSSBALLFAN 1 Patrick Schlegel FUSSBALLFAN 2 Michael Tebbe FUSSBALLFAN 3 Alexander Schuktuew DER MANN MIT DER KUTSCHE Patrick Schlegel DER KNEIPENWIRT IM KATSKY Patrick Schlegel DER JUNGE MANN MIT DER BRILLE Michael Tebbe Klavier Sophie Burghausen Geige Vivian Scholten Tamburin Sonja Pieldner Gesang Sophie Kohoutek Premiere am 19. Juni 2009 im Kleinen Haus Rechte beim S. Fischer Verlag Theater und Medien, Frankfurt am Main
Regie: 
Sascha Römisch
Premiere am ,
Kleines Haus