Mythos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und dem heutigen Amerika

Schauspiel von Stephen Sewell

Amerika nach dem Anschlag. Professor Talbot Finch, Dozent an einer amerikanischen Elite-Uni, arbeitet an einer Vergleichsstudie über die Parallelen zwischen dem Herrenmenschenwahn der Nazis und dem unbeirrbaren Glauben der USA an die eigene Rechtschaffenheit. Dem heutigen Amerika drohe, so die These des Politologen, angesichts wachsender Kontrollstaatlichkeit und eines neurotischen Gesellschaftsklimas der schleichende Verlust seiner demokratischen Werte. Dass die ›im Interesse der nationalen Sicherheit‹ begangenen Grundrechtsverstöße, die er so wütend anprangert, auch ihn selbst betreffen könnten, glaubt er keine Sekunde. Doch offenbar scheint jemand mit seinen öffentlich propagierten Ansichten nicht einverstanden zu sein. Eines Tages überfällt ihn ein bewaffneter Mann in seinem Büro, misshandelt ihn und droht, sein Leben und seine Karriere zu zerstören, sollte Finch weiterhin amerikafeindliche Thesen verbreiten. Aber es gibt für die Existenz des Mannes im Nachhinein keinen Beweis: außer den Verletzungen in Talbots Gesicht hinterlässt der Eindringling keine Spuren, das Band der Überwachungskamera zeigt niemanden. Und mehr als für unsichtbare Gewalttäter interessiert sich die Universitätsleitung für den längeren Besuch einer jungen muslimischen Studentin in Talbots Büro. Plötzlich steht der Vorwurf sexueller Belästigung im Raum, seine Kollegen wenden sich von ihm ab, und nicht einmal seine Frau mag noch an den obskuren Unbekannten glauben. Finch vermutet hinter der ganzen Angelegenheit eine Intrige durch die Regierung, die eine Publikation seiner brisanten Studie zu verhindern sucht. Doch niemand glaubt ihm. Der Verstandesmensch und Rationalist Talbot sieht sich in einen kafkaesken Albtraum verwickelt, in dem er selbst unter Terrorverdacht gerät. ›Mytos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und dem heutigen Amerika‹ beschreibt anhand Amerikas Reaktion nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 die allmähliche Hysterisierung einer traumatisierten Gesellschaft. In einer Art reaktionärem Reflex und im Namen von Freiheitsverteidigung und Terrorbekämpfung wirft nach und nach eine der ältesten Demokratien seine gemeinsam erkämpften Werte über den Haufen. Dabei sind die gesetzlichen Einschränkungen und Kontrollen nur die eine Seite der Medaille; viel gravierender ist die damit einhergehende geistige Indoktrination einer Bevölkerung, die plötzlich in jedem fremdländisch aussehenden Mitbürger einen potentiellen Attentäter vermutet. Die innere Generalmobilmachung bekommen auch die Querdenker und Verweigerer zu spüren, die von ihrem Umfeld schnell in die Ecke der Terrorsympathisanten gerückt werden. All dies beschreibt der australische Autor Stephen Sewell in seinem 2003 erschienenen Stück. Punktgenau seziert er den Vorgang der sozialen Isolation bei Talbot Finch. Dabei lässt er keinen Zweifel daran, wer in dieser Geschichte Opfer und Täter sind. Oder? Vielleicht ist es ja auch Finch, der Realität und Fiktion nicht auseinander halten kann und sich in paranoide Wahnvorstellungen flüchtet, wer weiß?! Das wirklich Verstörende an ›Mytos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und dem heutigen Amerika‹ ist der Eindruck, das Geschilderte sei jederzeit möglich – überall. Stephen Sewell ist einer der renommiertesten Gegenwartsautoren Australiens und schreibt für Film und Theater. Sein 2003 erschienenes Stück ›Mythos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und dem heutigen Amerika‹ lief mit großem Erfolg in Australien und London und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Regisseurin: 
Alice Asper
und Kostüme: 
Heiko Mönnich
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 105 Minuten
KULTURKANAL INGOLSTADT – 15.05.2009
Mythos, Propaganda und Katastrophe...
Gestern Abend hatte im Kleinen Haus des Theaters Ingolstadt das hochinteressante Theaterstück mit dem umständlich-akademischen Titel „Mythos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und im heutigen Amerika“ Premiere. Ein hervorragend vielschichtiger Diskussionsstoff zum Spielzeitmotto „Demokratie“ am Ende der Saison. Der australische Theater- und Drehbuchautor Stephen Sewell hat in einer Mischung aus Politkrimi, Psychothriller und philosophischem Diskurs über das Ende der Epoche der Aufklärung das amerikanische Trauma nach den Anschlägen vom 11. September 2001 im Milieu einer Eliteuni auf die Bühne gebracht. Wer hat eine gestörte Wirklichkeitswahrnehmung? Die mit der hysterischen Angst vor Terroristen oder die, die im Zuge dieser Terroristenangst geheimdienstliche Verschwörungen und den Untergang des Rechtsstaats sehen. Ob RAF oder El Kaida, dass Demokratien durch die Herausforderung durch den Terrorismus in Gefahr geraten, ihre rechtsstaatlichen Grundsätze aufzuweichen, ist keine neue Erkenntnis. Das Theaterstück von Stephen Sewell geht über diese politische Dimension hinaus und konfrontiert uns mit einer immer undurchschaubarer werdenden Situation – in direkter Anspielung auf Kafkas Roman „Der Prozess“. Die psychotische Befindlichkeit der amerikanischen Gesellschaft nach den Anschlägen vom 11. September ist eigentlich nur ein Beispiel dafür, wie kafkaesk die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit im selben intellektuellen Umfeld sein kann. Man könnte auch die Finanzkrise oder die Schweinegrippe als Beispiele nehmen. „Mythos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und im heutigen Amerika“ heißt das Buch, das der Politikwissenschaftler Talbot Finch, die Hauptfigur, publizieren will und das wohl Anlass ist für den Alptraum, in den der Einwanderer aus Australien gerät. Talbot Finch, der Politikprofessor, sieht im Zuge der amerikanischen Terrorismushysterie die Grundwerte der amerikanischen Freiheit, den Mythos der amerikanischen Rechtschaffenheit in Gefahr, und wagt das in seinen Vorlesungen zu sagen und in seinem Buch zu schreiben. Ein Unbekannter überfällt ihn in seinem Büro, peinigt und drangsaliert ihn. Ein Abgesandter des CIA, oder ein rechter Patriot, der ihn wegen seiner kritischen Ansichten einschüchtern will? Oder ganz einfach der Handlanger des Vaters einer Studentin, der ein Verhältnis mit seiner Tochter vermutet? Auf dem Überwachungsvideo der Uni ist kein Bild des unbekannten Eindringlings zu sehen. Leidet Prof. Finch unter Verfolgungswahn? Oder ist wirklich eine Verschwörung gegen ihn im Gange, eine Antiterror-Aktion des FBI oder nur ganz einfach eine Intrige seiner Kollegen, die ihn wegen eines sexuellen Übergriffs auf eine Studentin verleumden und schließlich gar als Terroristen denunzieren, um selbst im Establishment Karriere zu machen. Welche Rolle spielt diese muslimische Studentin, die ihm völlig Recht gibt und als Stimme ihrer Generation die Welt verbessern will und dennoch bei dieser Anzeige gegen Finch mitzuspielen scheint? Am Ende feiern die einen ihre Karriere als amerikanisches Happy End, Finch verliert Job, Freunde und die Nerven, und wird zum Folteropfer des Unbekannten, der längst mephistophelische Züge angenommen hat. Es wäre wohl gar nicht nötig gewesen, Finch auch üppig mit Theaterblut zu überschütten und zum physischen Folteropfer zu machen. Denn zum Schluss geht es nicht um Guantanamo, sondern um eine geistige Auseinandersetzung, in der der Folterer wohl eher das geistige Alter Ego des Professors ist. Ansonsten aber hat es Regisseurin Alice Asper gut verstanden, dem Zuschauer sanft den Boden der sichereren Einschätzung der Figuren immer mehr zu entziehen. Sie führt aufs Glatteis eines harmlosen Gesellschaftsdramas, indem sie einen rasanten Konversationston mit witzigen Pointen anschlagen lässt, und verstärkt immer mehr die irrealen Momente der Aufführung. Dienen die schwarzen Schiebewände von Ausstatter Heiko Mönnich zunächst nur zur Trennung der filmisch kurzen Szenen und Schauplatzwechsel, erscheinen und verschwinden die Personen hinter diesen Wänden später wie aus dem Nichts. Die Beleuchtung wird mit Blaulichtphasen irrealer, die Ehefrauen laufen mit Gasmasken und Maschinenpistolen im Hintergrund vorbei. Alice Asper hält die Definition der Figuren in der Schwebe und interessiert sich dennoch auch für die menschliche Seite der Geschichte, für den Irrsinn, in den die Hauptfigur gerät. Ralf Lichtenberg und Victoria Voss spielen einfühlsam das Ehepaar Finch, und auch die selbstgerechte Unigesellschaft mit Sascha Römisch, Christian Bo Salle und Vera Weisbrod wird nicht zu Karikaturen karrieregeiler Opportunisten überzeichnet. Besonders differenziert, wie Matthias Winde als Seminardirektor staatstragende Glaubwürdigkeit und beste Absichten auch in der abgefeimten Intrige suggeriert, köstlich Evelyn Plank als seine versoffene Frau. Mit forschem Idealismus geht Susanne Engelhardt die undurchschaubare Studentin an. Marcus Staab Poncet hat es am schwersten, den mysteriösen Mann in einer Mischung aus rechtem Schläger und postmodernem Zyniker zu verorten. Es gibt keine Auflösung. „Wir können nicht wissen, was wahr ist.“ Lang anhaltender Applaus für diese fesselnde Aufführung, die durchaus Denkanstösse geben kann. (Isabella Kreim)
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 16.05.2009
EIN MODERNER JOSEF K.
Ingolstadt „Mythos, Propaganda und Katastrophe in Nazi-Deutschland und dem heutigen Amerika“, so lautet die Überschrift einer fiktiven wissenschaftlichen Untersuchung des ebenfalls fiktiven USUniversitätsdozenten Talbot Finch. Und dies ist auch der Titel eines Schauspiels von Stephen Sewell, das im Kleinen Haus des Theaters Ingolstadt Premiere hatte. Geschrieben unter dem Eindruck des 11. Septembers 2001 erlebte das Stück 2005 in Düsseldorf seine deutschsprachige Erstaufführung. Nur eine knappe Handvoll Bühnen hierzulande spielten es nach. Und das ist etwas verwunderlich, gelang dem 1953 geborenen Sewell doch das Kunststück, zweierlei miteinander zu verbinden: Zum einen ein durchdachtes Abbild der Befindlichkeiten und des Denkens der USIntellektuellen- Schickeria, zum anderen ein stellenweise äußerst spannender Psycho-Krimi. Die junge Regisseurin Alice Asper demonstrierte darin ein sicheres Gespür für wirkungsvolle dramatische Akzente: Schlag auf Schlag, einem schnellen Filmschnitt gleich, lässt sie das politisch-philosophische Drama auf der kargen, mit einem US-Sternenbanner ausgestatteten Bühne (Heiko Mönnich) ablaufen. Aus dem ausnahmslos präzis agierenden Ensemble (Susanne Engelhardt, Evelyn Plank, Victoria Voss, Sascha Römisch, Christian Bo Salle, Marcus Staab Poncet, Vera Weisbrod sowie Matthias Winde) ragte besonders Ralf Lichtenberg heraus: Anfangs noch ein kühl und sachlich analysierender Politikwissenschaftler, später dann, anonym unter Druck gesetzt und sogar als möglicher Terrorist verdächtigt, mutlos und gebrochen. Ein moderner Josef K. aus Kafkas „Prozess“ also! Viel zufriedener Beifall für einen nachdenklich machenden Theaterabend. (Peter Skodawessely)