Happy

Drama von Doris Dörrie

Drei befreundete Paare treffen sich am Samstagabend. Alles scheint wie immer – und ist es doch nicht: Emilia und Felix sind seit kurzem getrennt, worunter beide psychisch und finanziell leiden; Charlotte und Dylan sind im letzten Jahr durch Dylans geschickte Spekulation an der Börse reich geworden, ihre Paarbeziehung wird jedoch trotz wachsendem Luxus immer armseliger; einzig Annette und Boris sind nach wie vor glücklich verliebt, wünschen sich zwar ein bisschen mehr Geld, um ihre Ikea-Wohnung aufzupeppen, kommen aber auch ohne gut klar. Die Sechs treffen sich zum Abendessen im schicken Apartment von Charlotte und Dylan. Doch die Fröhlichkeit, die solche Treffen in früheren Zeiten bei einer Pizza in der Kneipe um die Ecke hatten, will sich nicht mehr so recht einstellen. Emilia und Felix fühlen sich ausgestoßen, weil sie kein Paar mehr sind, zwischen Charlotte und Dylan knistert es unangenehm. Da erzählt Emilia, sie habe neulich gelesen, dass selbst Paare, die über zwanzig Jahre zusammenlebten, auf Fotos nicht mal die Hände des anderen identifizieren konnten. Sie wette, dass die meisten Männer mit geschlossenen Augen nicht einmal ihre eigene Frau erkennen würden. Die anderen sind empört, sie sind sicher, dass sie ihre Partner jederzeit erkennen würden. Felix gießt Öl ins Feuer: Wenn alle so sicher seien, dann könne man ja eine Wette wagen. Ein Experiment mit Folgen beginnt. »Wir haben uns angewöhnt, im Bankerjargon über unsere Gefühle zu reden. Aber das ist gefährlich, denn der Gewinn bleibt unter Umständen aus. Wir haben aus den Augen verloren, dass es zuerst darum geht, etwas von sich zu geben, und nicht unbedingt darum, etwas zu bekommen. Gefühle funktionieren nicht wie Aktienfonds«, sagte Doris Dörrie in einem Interview. Sie berichtet in ›Happy‹ von der Alltagsdramatik in Paarbeziehungen, von dem großen Wunsch der Menschen, ihr Glück zu benennen und festzuhalten. Dörrie will den Beziehungen auf den Grund gehen, es geht ihr sowohl um die Definition der Freundschaft untereinander als auch der jeweiligen Beziehungen. Wie lange hält eine Beziehung? Und eine Freundschaft? Worauf basiert sie? »Keiner seziert die Gefühlsk(r)ämpfe der Thirty-Something-Generation so bösartig, frech und witzig wie Doris Dörrie«, schrieb die Süddeutsche Zeitung und bringt die Qualität ihrer Filme, Theaterstücke und Erzählungen auf den Punkt. Bereits mit ihren frühen Filmen ›Ob‘s stürmt oder schneit‹ und ›Der erste Walzer‹ machte Doris Dörrie in den 70er Jahren auf sich aufmerksam. Mit den Komödien ›Männer‹ und ›Ich und Er‹ eroberte sie dann das ganz große Kino. Aber auch als Produzentin, Autorin und Theaterregisseurin ist Doris Dörrie erfolgreich. Unter dem Titel ›Nackt‹ verfilmte sie (u. a. mit Jürgen Vogel, Heike Makatsch, Benno Führmann und Nina Hoss) ihr Stück ›HAPPY‹ im Jahre 2002.
Regie: 
Daniela Löffner
Kostüme: 
Claudia Kalinski
Dramaturgie: 
Lene Grösch
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 105 Minuten
KULTURKANAL INGOLSTADT – 30.03.2009
Doris Dörrie, Happy
Doris Dorries Theaterstück „Happy“, von ihr selbst unter dem Titel „Nackt“ mit Deutschlands führender jüngerer Darstellerriege verfilmt, hatte letzten Freitag in der Werkstattbühne des Theaters Ingolstadt Premiere. Eine virtuose Theaterarbeit der jungen Regisseurin Daniela Löffner, die zum ersten Mal in Ingolstadt Regie geführt hat. Sie haben keine großen Probleme, sind eigentlich ganz happy, aber wirklich glücklich sind sie nicht. Die drei Paare der Generation der über 30jährigen, die die Autorin und Filmemacherin der Erfolgskomödie „Männer“, Doris Dörrie, ins Visier nimmt: Bereits die Vorbereitungen zu einem gemeinsamen Abendessen bei dem reich gewordenen Freundespaar dienen als Konkurrenz-Beziehungs-Checkup mit so existentiell bewegenden Fragestellungen wie „Was zieht frau an? Gehen wir da nun gerne hin oder war es früher netter? Lieben wir uns mehr als die anderen Paare? Sind wir auf deren Geld neidisch?“ Felix und Emilia sind unschlüssig, ob sie überhaupt zu dieser Verabredung gehen sollen, weil sie sich vor kurzem getrennt haben. Sie fragen sich nach ihren neuen Liebhabern und testen damit aus, ob sie zusammen nicht doch glücklicher waren als allein. Das Schmuse-Eheglück von Boris und Annette erhält einen Dämpfer, als Boris verkündet, natürlich sei sie austauschbar, er hätte auch mit einer anderen Frau glücklich werden können. Und die stinkreichen Gastgeber kriegen die Krise, weil Dylan Sahne auf den Gänsebraten spritzt und Charlotte sowieso in einer Identitätskrise ist. Denn alles haben zu können, macht auch nicht glücklich. Die einen sehen ihr Glück in mehr Geld, aber das reiche Paar steckt erst recht in einer Sinn- und Identitätskrise. Und auch das Glück der Liebe erweist sich als ziemlich brüchig. Ein Partnertest mit hohem Wetteinsatz bringt es ans Licht. Können die Paare nackt, bei Dunkelheit, allein durch Ertasten den langjährigen Ehepartner erkennen? Natürlich erkennen sich Charlotte und Dylan, Boris und Annette. Aber Felix, der frustrierte Neu-Single, vertauscht die Paare, sodass die vier Probanden glauben, sich nicht erkannt zu haben. Der Katzenjammer ist groß, nur Felix wittert die Chance, nicht nur abzuzocken, sondern mit seiner Ex wieder wie in alten Zeiten weiter machen zu können. Doris Dörries Theaterstück bewegt sich irgendwo zwischen „Brigitte“-Lebensberatung und Loriot-Satire, die 28jährige Regisseurin Daniela Löffner aber gewinnt der eher filmisch konzipierten Beziehungsanalyse hoch amüsante Facetten zwischenmenschlicher Verhaltensmuster ab und pendelt die Gefühlskurven wunderschön zwischen ironischem Witz und Emphase aus. Sie bildet nicht Musterfrauen und Männer in typisch designten Wohn-Umfelder ab. Sondern sie erweitert das Beziehungs- und Verhaltensrepertoire der sechs Personen mit spielerischer Lust in alle Dimensionen ritualisierter Rollenklischees, komischer und tragischer Übertreibungen. Ausstatterin Claudia Kalinski hat dafür über die Bühnenbreite bis auf die Seiten einen mit weißen Plastikstoff ausgekleideten Einheitsraum mit silbrigen Kitsch-Ornamenten an den Wänden geschaffen, in dem mit einigen beliebigen Möbeln die Situationen dreier Wohnungen simultan erspielt werden. Das führt zu theaterspezifisch absurden Momenten, wenn das Mobiliar für die Luxusvilla erst aus den Beständen der anderen zusammengestellt und deren Brotbrösel und Kleider unter den Tisch geräumt werden müssen, oder der Gartenteich ganz einfach eine Plastikwanne ist. Und mehr und mehr müllen die zentralen Klamottenprobier-Orgien die Bühne voll. Hinreißend an diesem Theaterabend ist nicht Doris Dorries pseudotiefgründige Beziehungsanalyse und der leidliche Witz ihrer Dialoge, sondern mit welchem Variationsreichtum die sechs Darsteller die trivialen Sätze mit unterschiedlichen Attitüden abklopfen, karikieren, ausloten, immer wieder spielerisch neue Verhaltensmuster ausprobieren, mal authentisch private Töne anschlagen, und gleich wieder in filmreif pathetische Gefühlsklischees umkippen: Sechs Selbstdarsteller im besten Sinn - durchaus komisch in der Inbrunst ihrer Luxusprobleme, aber schließlich auch ernst zu nehmen in ihren emotionalen Abstürzen. Nathalie Schott wirft sich besonders mutig und gekonnt in alle Frauenklischees dieser Generation, ist Schmusekätzchen bis zur larmoyanten Hysterie und kühle Geschäftsfrau, schmollendes Kindchen und frivoler Vamp. Julia Maronde als die frisch getrennt lebende ist herrlich maulig depressiv, aber auch wach resolut und schließlich wirklich traurig. Vera Weisbrod ist eine ganz herrlich zickige Wohlstandsfrau, die sich exaltiert in ihre „Warum bin ich nicht glücklich?“ – Sinnkrise hineinsteigert und ganz ehrlich über ihre eigene Unzufriedenheit verzweifelt. Marcus Staab Poncet, der elegante Winner, scheitert köstlich an seinen Good-Will-Aktionen, Olaf Danner spielt einen Ehemann, der sich selbst am besten in seiner Rolle als „Was sind wir doch für ein glückliches, scharfes Paar“ gefällt und Christian Bo Salle ist ein cooler Zyniker mit sanfter kindlicher Nostalgie. Dazwischen hat Daniela Löffner Breaks gesetzt, in denen die Figuren zu schnulziger Musik ihren Liebes-Kitsch-Träumen nachtanzen, bis ihnen das früher oder später auch fad wird. Eine hervorragende Inszenierung, mit der nicht nur aus dem Stück, sondern auch aus den Potentialen der Darsteller das Beste gemacht wurde. (Isabella Kreim)
NEUBURGER RUNDSCHAU – 30.03.2009
Nackte Tatsachen auf der Bühne
Ingolstadt. Licht aus, Licht an: Da stehen sie nun, die beiden Paare, splitternackt, wie Adam und Eva, die schamhaftesten Stellen mit großen Blättern bedeckt. Nach der Wette ist es endgültig aus mit dem Paradies, das ihre Beziehungen auch vorher schon nicht war. Die Fassaden sind endgültig abgebröckelt, Zweifel und Leere machen sich breit. „Nackt“ heißt die Kinofassung des Döris-Dörrie-Stücks „Happy“ von 2001, das am Freitag am Theater Ingolstadt mit nackten Tatsachen Premiere feierte. Es ist eine Versuchanordnung über drei Beziehungsstadien am Beispiel dreier Pärchen: Emilia und Felix ein ehemaliges, Boris und Anette ein intaktes, treffen sich bei Charlotte und Dylan – eines, das voll in der Krise steht – in deren schicker Designerwohnung zum gemeinsamen Abendessen. Was früher ein unkompliziertes Treffen mit Fertigpizza gewesen wäre, ist nun belastet durch Statusunterschiede, Neid und Eifersucht. Die Situation eskaliert mit einer schicksalhaften Wette: Felix täuscht die Paare und sie erkennen mit verbundenen Augen und nackt – vermeintlich - ihren eigenen Partner nicht wieder. Spätestens hier kommt die ganze Abgründigkeit der Entfremdung zwischen Charlotte (Vera Weisbrod) und Dylan (Marcus Staab Poncet) zum Vorschein, und auch die eigentlich glücklich Verliebten Boris (Olaf Danner) und Anette (Nathalie Schott) haben nun ein Problem von Format. Und sogar Felix (Christian Bo Salle) und Emilia (Julia Maronde) können ihre verflossene Liebe nicht so leicht wieder hervorzaubern. Ob der Krach eine kathartische Wirkung hat, bleibt am Ende offen. Dörries „Drama“ über die Generation 30 plus kommt in der Inszenierung der jungen Regisseurin Daniela Löffner in der Werkstattbühne mal als augenzwinkernde Komödie daher, mal als abgrundtiefes Psycho-Stück. Sie lässt die Schauspieler sonnenbebrillt und mit den Fingern schnipsend in einer synchronen Showeinlage den in die Jahre gekommenen Münchner-Freiheit-Hit „Ohne dich“ singen und ständig in neue Klamotten schlüpfen. Soweit die Oberfläche. Dann verlangt sie den Schauspielern verzweifelte Tränen über ihre leer, verlogen und vielleicht ausweglos gewordenen Beziehungen ab. Es ist eine Gradwanderung zwischen leichter Slapstick-Kost und echter Tragödie, die nicht immer glaubwürdig ist. Das ist aber eher die Schwäche eines Stücks, bei dem sich Abgründe auftun, für die eigentlich die Fallhöhe fehlt. Die Probleme der Neon-Generation sind nicht unbedingt tragödientauglich. So gerät mancher Ausraster Poncets übertrieben, das Existenzielle wirkt künstlich. Insgesamt aber schafft ein durchweg starkes Ensemble eine elektrisierende Intimität auf der kleinen Bühne: Danner glänzt in den komischen Passagen, Schott spielt schön nervös, Maronde überzeugt durch Präsenz, Weisbrod durch echte Verzweiflung und Salle durch sensible Untertöne eines Zynikers. Riesenapplaus am Premierenabend. (Volker Linder)