Evita

Musical von Tim Rice/Andrew Lloyd Webber

Das Musical schildert in loser Szenenfolge das Leben von Eva Perón, der zweiten Frau des argentinischen Diktators Juan Domingo Perón. Als Maria Eva Duarte war sie 1919 in einem kleinen Dorf als jüngstes von fünf unehelichen Kindern in Elend und Armut zur Welt gekommen. Sie starb nach unheilbarer Krankheit als First Lady Argentiniens und als eine Art Nationalheilige 1952 in Buenos Aires. Das Musical beginnt mit einem pompösen Begräbniszeremoniell für Eva Perón und blendet dann in die Zeit zurück, als sich die 15-Jährige aus ihrem tristen Kindheitsmilieu befreit. Sie lernt den Sänger und Tänzer Magaldi kennen und lässt sich von ihm mit in die Hauptstadt nehmen. Eva will Karriere machen – um jeden Preis, also benutzt sie zahlreiche Liebhaber, um sich den Weg nach oben zu ebnen. Schließlich begegnet sie dem ehrgeizigen Offizier Perón. Evita, wie sie das Volk bald zärtlich nennt, unterstützt ihn mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln beim Aufstieg zum Präsidenten und Diktator des Landes. Geschickt versteht sie es, die unteren Volksschichten, deren Mentalität sie ja so genau kennt, für sich und ihren Mann zu begeistern. Die Menschen jubeln ihr zu. Doch sie treibt ein gefährliches Doppelspiel: Immer krasser treten hinter ihrer schillernden Persönlichkeit Korruption, Repression und Tyrannei des Peronismus hervor. Einer der wenigen, der die Machtgelüste Evitas durchschaut, ist Che, eine fiktive Figur in Anlehnung an den großen Revolutionär Che Guevara. Doch er findet kein Gehör … ›Evita‹ war die letzte Zusammenarbeit des Erfolgsgespanns Tim Rice/Andrew Lloyd Webber (›Jesus Christ Superstar‹). Das Werk erschien zunächst 1976 als Doppel-LP und kam 1978 in London erstmals auf eine Bühne. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 1981 in Wien statt. 1996 wurde ›Evita‹ von Regisseur Alan Parker aufwendig verfilmt. Die Titelrolle spielte die Pop-Ikone Madonna. Der Song ›Don’t cry for me Argentina‹ aus ›Evita‹ wurde ein Welthit.
Regie: 
Leonard C. Prinsloo
Choreografie: 
Leonard C. Prinsloo
Bühne: 
Monika Biegler
Kostüme: 
Monika Biegler
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 135 Minuten, mit Pause
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 02.02.2009
FAST WIE EINE HEILIGE
Das hatten Komponist Webber und Librettist Rice nicht gewollt: Dass - wie jetzt am Samstag bei der Premiere in Ingolstadt - ihre "Evita" präsentiert wird, ohne kritische Untertöne. Gerade die jedoch machen den besonderen Reiz des vor über dreißig Jahren entstandenen Musicals aus. In Ingolstadt ging Regisseut Leonard Prinsloo zu wenig ein auf die in der Webber/Rice-Urfassung deutlich enthaltene kritische Darstellung des faschistoiden, korrupten Argentinien der 1940er und 1950er Jahre. Auch gelang es ihm nur teilweise, die filigranen Doppelgesichter der Immer-noch-Volksheldin klar herauszuarbeiten, die vom ländlichen Tangosänger-Liebchen zur politischen Galliosfigur aufstieg. Texte Tim Rices faszinierende Idee, Eva Duarte Peron mit der fiktiven figur des Che einen gelichgewichtigen Kontrapart gegenüberzustellen, der mit distanzierter, boshafter Ironie des Geschehen kommentiert, verpuffte in Ingolstadt fast vollständig. Prinsloo setzte auf "großes Gefühlsdrama". Dirigent Stephan Kanyar unterstützte ihn dabei, nur selten griff er das südamerikanische Temperament der Partitur auf. Alles sehr brav, ohne Pfiff! Dass die Ingolstädter "Evita" dennoch das Zeug zu einem Publikumsrenner hat, liegt an der Musik und den Massen- und Tanzszenen: Hier beweist der Regisseur bestaunenswerten Einfallsreichtum. Ein weiteres "Bravo" für Nathalie Schott in der Titelrolle: Nach anfänglichen Unsicherheiten gelang es ihr, den Aufstige und das tragische Ende Evita Perons ergreifend auf der Bühne darzustellen. (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 02.02.2009
Rice/Webber, Evita
Selten waren bei einer Premiere des Theaters Ingolstadt so viele Politiker im Zuschauerraum wie letzten Samstag bei dem Musical „Evita“. Sicher nicht deshalb, weil „Evita“ ein politischer Stoff ist: Nämlich der Aufstieg der Eva Duarte aus ärmlichen Verhältnissen zur First Lady Argentiniens an der Seite eines faschistischen Militärs, Juan Peron, dem die medienerfahrene attraktive Frau mit ihrer Wirkung auf die Massen am Ende des 2. Weltkriegs zur Präsidentschaft verhalf. Sondern, weil auch Stadträte, was das Theater betrifft offensichtlich in erster Linie vergnügungssüchtig sind. „Evita“ ist auf jedem Spielplan ein Publikumsrenner. Welthits wie Don’t cry for me Argentina und der Nimbus einer Königin der Herzen mit tragisch frühem Tod versprechen gefühlvolles Entertainment. Nach „Jesus Christ Superstar“ haben Tim Rice und Andrew Lloyd Webber der Eva Duarte de Peron 25 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 1952 ein Denkmal gesetzt, das der nicht unumstrittenen Nationalheiligen Argentiniens Unsterblichkeit auf den Musicalbühnen garantiert und mit den Massenszenen, unterschiedlichen Milieus und einem weiblichen Glamour-Idol eine abwechslungsreiche Bühnenshow mit viel Herzschmerz verspricht. Die von einigen vor der Vorstellung ausgesprochene Befürchtung, man habe vielleicht nicht genügend Taschentücher dabei, um für die rührseligen letzten Worte Evitas an ihr geliebtes Volk gewappnet zu sein, erwies sich als unbegründet. Auf die Tränendrüse hat Regisseur Leonard Prinsloo nicht gedrückt, Sentimentalität und Kitsch vermieden, allerdings den zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt nicht allzu viel Raum eingeräumt. Zu sehen ist ein handwerklich perfekt choreographierter Bilderreigen, mehr düstere Revue als Musiktheater. Die 10 Tänzerinnen und Tänzer und die ca. 20 Choristen sind in wechselnder Kostümierung im Dauereinsatz, um jeden Song, jede Situation mit Tanzeinlagen und Bewegungschor zu illustrieren. Jeder Rhythmus wird von dem erfahrenen Opern-, Musical- und Operettenregisseur in hochmusikalisch choreographierten Musicaldance umgesetzt. Die Offiziere tragen zwar Naziuniformen, es ist dennoch ein harmloses Operettenmilitär, das da mit mitreißender Verve tanzt; die Militärputschisten, die sich gegenseitig aus dem Weg räumen, juckt es zu netten Hopsschrittchen in den Beinen, und selbst die Schlägertrupps, die politisch Andersdenkende zusammenschlagen, tun dies mit großer tänzerischer Eleganz. Die argentinische Oberschicht und auch das Militär dürfen bühnenwirksam ein wenig parodistisch agieren, mehr kritische Distanz zur Heiligenverehrung der geltungssüchtigen Evita und gegenüber einem diktatorischen Regime zeigt diese Inszenierung aber nicht. Webber/Rice haben als kritischen Gegenpol zur Würdigung der Evita den Studenten Che eingeführt, den späteren Revolutionär Ernesto Che Guevara, der als Kommentator und Erzähler durch die Rückblende auf Evitas Leben führt. Er steigt in das Geschehen ein, indem er sich über den Circus der kollektiven Trauerhysterie bei Evitas Tod mokiert, mit dem das Musical als Requiem für Evita beginnt. Und Che stellt immer wieder die Uneigennützigkeit von Evitas Solidarität mit den Armen in Frage. Davon abgesehen, dass Ches zynische Kommentare in dieser durchgängig englisch gesungenen Aufführung trotz der deutschen Untertitel auf dem Bühnenportal kaum Akzente setzen. Seine wütenden, aggressiven Bemerkungen verpuffen, wenn Che dazu ein beschwingt getänzelte Showeinlage gibt. Dieser Che kann keine politische Gegenposition darstellen, weil Prinsloo ihn nicht als durchgängige Figur, als Evitas politischen Widerpart agieren lässt, sondern er wechselt unablässig die Rollen und gesellschaftlichen Positionen, agiert chamäleonartig als Kellner, Conferencier, Arbeiter, Arzt, setzt gar mephistophelisch Perons Ex-Geliebter einen Heroin-Schuss. Vor allem ist der Revolutionär Che der fröhlich tanzenden Frontman und Animateur der Tanztruppe, ein Revuestar neben Evita. Selbst das politische Streitgespräch und die persönliche Annäherung zwischen Che und Evita werden zu einer mit beidseitiger sexueller Nötigung plump aufgemotzter Showdance Nummer. Dass hier eine widersprüchliche Beziehung aus politischer Gegnerschaft und schließlich persönlicher Zuneigung, vielleicht sogar eine spannende Dreiecksbeziehung zwischen Peron, Evita und Che zu erzählen wäre, wird mit fetzig beschwingten Entertainment-Mitteln weggetanzt. Dies liegt gewiss nicht an Peter Reisser, der sich mit Charme, Entertainerqualitäten und gesanglicher Präsenz durch die musikalisch anspruchsvolle Partie singt und tanzt. Nicht wirklich viel besser geht es Nathalie Schott als Evita. Sie sieht gut aus als blond gestylte 50er-Jahre-Ikone in den langen First-Lady-Roben, im Dior-Kostüm und als Heilige mit blauem Marienumhang. Sie singt mit ihrem klaren Sopran wunderschön, kann die zarten Töne gefühlvoll ansetzen, bringt auch die nötige Kraft für ihre Volksansprachen mit und reiht sich mühelos in das professionelle Tanzensemble ein. Zu spielen hat sie allerdings nicht viel. Sie ist der Revuestar im Mittelpunkt der Tänzer und Choristen, deren Bühnenshow es in erster Linie überlassen wird, Evitas Geschichte zu erzählen. Die Inszenierung lässt der Hauptfigur kaum Raum noch Ruhe, einmal auch alleine, ohne tänzerisches Equipement ihre Gefühle und Situationen auszudrücken. Die Widersprüchlichkeit ihres Charakters zwischen Geltungssucht, Machtgier und sozialem Engagement, die Glaubwürdigkeit ihres Songs, mit jedem Wort die Wahrheit gesagt zu haben und die Verlogenheit, mit der sie die Massen und die Männer manipuliert und sich selbst stilisiert, werden nicht ausgelotet oder gar hinterfragt. Norbert Abele als Peron ist ein imposanter Militär mit fast schon unfreiwillig komisch tiefem Bass, der versucht die menschliche Seite, die Mutlosigkeit, Unentschiedenheit Perons und die Trauer um die Sterbende einzubringen. Welches ambivalente Verhältnis die beiden verbindet, bleibt dennoch weitgehend offen. Dafür ist in dieser Bühnenshow kein Platz. Rolf Germeroth liegt nicht von Haus aus auf der Rolle des Tangosängers, der die 15jährige Eva nach einem one night stand eher widerwillig mit nach Buenos Aires nimmt. Er singt diesen Agustin Magaldi aber so einschmeichelnd und spielt ihn so schmierig und machistisch wie möglich. Eine der wenigen wirklich berührenden Momente hat Renate Knollmann mit ihrem Song als Perons abgelegte Geliebte. Sie wird in einigen weiteren Vorstellungen die Titelpartie übernehmen. Im imposanten, düsteren, sparsam ausgestatteten Bühnenraum von Monika Biegler hätte durchaus auch eine differenzierte Geschichte erzählt werden können. Eine erhöhte Spielebene bietet den Balkon für die Ansprachen ans Volk und einen Laufsteg für Militärparaden im Tänzelschritt und das gezierte Promenieren der besseren Gesellschaft. Wände in Wellblech-Optik fahren auf und ab, und geben so wechselnde Auftrittsmöglichkeiten für Chor und Tänzer frei. Originalfotos auf einer Leinwand zeigen die historische Evita Peron im Sarg und in ihren öffentlichen Auftritten. Eine frei schwebende Neonröhren - Installation illustriert die schillernde Faszination der Hauptstadt Buenes Aires, ein Doppelbett ist wichtigstes Möbel für Evas gesellschaftlichen Aufstieg mithilfe ihrer Männerbeziehungen. Vom Schnürboden regnen wirkungsvoll Silberblättchen bei Argentiniens vermeintlichem nationalen Aufschwung durch das Präsidentenpaar Peron, und es regnet Geldscheine oder rote Bittzettel, um Evita Perons korrupte Wohltätigkeitsstiftung zu illustrieren. Goldene Spiegel senken sich herab, um Evitas Freude am Luxus zu zeigen. Der Ausstatterin gelingen damit sehr eindrucksvolle, ausdrucksstarke Bilder. Andreas Dziuk hat mit seiner musikalischen Bearbeitung das schwelgerische Orchester Webbers, das in Ingolstadt natürlich nicht zur Verfügung steht, auf eine Combo reduziert, die dann elektronisch verstärkt, einen etwas künstlichen Sound ergibt. Für einen Überraschungserfolg sorgte Stephan Kanyar als Dirigent des Abends. Der frühere musikalische Leiter des Theaters Ingolstadt ist in nur 2 Tagen eingesprungen und hat Sänger, Chor und Musiker mit unglaublicher Souveränität, mit Schwung und Einfühlungsvermögen animierend und sicher durch den Abend geleitet. Eine wirklich bewundernswerte Leistung. Jubel und rhythmisches Klatschen für alle Beteiligten. Diese Inszenierung übererfüllt in mancher Hinsicht geradezu Webbers wirkungsvoll aber auch skrupellos kalkuliertes Geschick, die Zuschauer bis an politisch und musikalisch fragwürdige Geschmacksgrenzen einzulullen und mitzureißen. Für mich ist „Evita“ daher ein etwas zweifelhaftes Vergnügen. Eine perfekte Bühnenshow, mit der die menschliche und politische Dimension des Stoffes aber von den heiter- effektvollen Musicalelementen übertönt wird. (Isabella Kreim)