Erlkönig

Ein Abend von Autos und Menschen von Kai Schubert

Ein Abend von Autos und Menschen von Kai Schubert Es ist zu vermuten, dass wir Deutsche eher als andere bereit sind, an die Belebtheit von Motoren und Blech zu glauben. Immer wieder begegnet man stolzen Autobesitzern, die ihren fahrbaren Untersatz mit Kosenamen wie „Schnucki“ oder „Dieter“ belegen und sich der Beseeltheit ihres 88er Opel Kadett sicher sind. Auf jeden Fall ist unser Verhältnis zum Auto ein besonderes: 82 Millionen Menschen bewegen über 46 Millionen Pkws - da wird‘s eng. Das Auto befriedigt zentrale Bedürfnisse, Träume und Ideale. Es ist Projektionsfläche unserer Sehnsucht nach Freiheit und Glück. Das Auto ist unsere Wunschmaschine, unser goldenes Kalb. ERLKÖNIG beleuchtet unser ambivalentes Verhältnis zum Auto. Kai Schubert leuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Amour fou zwischen Mensch und Maschine aus. Deutlich werden sowohl Paradoxie wie auch Faszination dieser Beziehung.
Regie: 
Jenke Nordalm
Bühne: 
Birgit Stoessel
Kostüme: 
Birgit Stoessel
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 90 Minuten
KULTURKANAL INGOLSTADT – 06.12.2008
Kai Schubert: Erlkönig
Kai Schubert: Erlkönig – ein Abend von Autos und Menschen Die Idee ist nahe liegend in Ingolstadt. Ingolaudistadt war einmal der Arbeitstitel des Projekts. Jetzt heißt der Theaterabend über Autos und Menschen, der am Donnerstag im Kleinen Haus des Theaters Ingolstadt uraufgeführt wurde „Erlkönig“. Erlkönig, ist das perfekte Auto der Zukunft, das das Verhältnis Mensch-Auto revolutionieren, aber auch zum Alptraum werden könnte, weil seine elektronischen Steuerungselemente so perfekt sind, dass das Auto den Menschen überflüssig macht. Wir erfahren an diesem Theaterabend von Autos und Menschen, was wir eigentlich schon immer über Autos und Menschen wussten: nämlich wie eng und emotional die Symbiose zwischen dem Menschen und seiner Lieblings-Maschine ist. Zunächst über ein Video mit Interviews von Autofans oder Leuten, die beruflich mit Autos zu tun haben. Das ist so unfreiwillig lustig, wie Menschen nun mal sind, wenn sie ernsthaft über ihre (Auto-)Träume Auskunft geben dürfen: Wie unvergesslich das erste Auto war, wie geil der Sound eines Fünfzylinders ist, wie persönlich die Bindung zum Auto, wie groß der Traum vom Luxusschlitten und, dass Ingolstadt ohne Audi nichts, bestenfalls ein Provinzkaff, wäre. Autor Kai Schubert hat zu diesen nicht allzu überraschenden Erkenntnissen Geschichten erfunden und in die schöne neue Welt des Autos der Zukunft fortgeschrieben. Susanne Engelhardt, Renate Knollmann, Norbert Abele, Peter Reisser und Sascha Römisch: Fünf Menschen erinnern sich an das Autofahren früher, an das erste Mal, als Auto und Mensch noch jungfräulich waren, sie schwärmen von der erotischen und technischen Faszination von Autos, fordern die großflächige Betonierung Europas als Lösung der Stauprobleme, spielen den Familienstress im Auto einschließlich Unfall, erzählen Beziehungsgeschichten vom Auto als Lebensabschnittsgefährten, erfinden den Mythos, die Schöpfungsgeschichte des „Erlkönig“, treffen auf einen Autofriedhof als von der Natur überwuchertem Bodendenkmal und gebären die Erkenntnis, die Autos seien die Intelligenteren, die Außerirdischen, die längst die Herrschaft über unseren Planeten übernommen haben: Vision, Ersatzreligion und Apokalypse der automobilen Zukunft. Und natürlich in Ingolstadt besonders originell: Die wirtschaftliche Monostruktur der Automobilindustrie wird als Märchen vom Drachen erzählt, der die Stadt beherrscht, ohne den die Stadt aber nicht überleben kann. Oft sind die fünf Menschen in ihren Rennfahreranzügen nur Sprechblasen aus Werbe- und Motorsport-Texten, auch wenn Regisseurin Jenke Nordalm viel Abwechslung und Dynamik ins Spiel bringt. Da räkelt sich Renate Knollmann lustvoll als personifizierte Verführung Auto, es gibt eine Hula-Hoop-Reifen-Choregraphie mit den magisch blau leuchtenden vier Audi-Ringen, die 5 Darsteller rutschen, rasen, stolpern unentwegt die zwei Autobahn-Schrägen hinauf und hinunter, die Ausstatterin Birgit Stoessel als vielfältig zu verschiebende Bühnenelemente zur Verfügung gestellt hat. Die geschickt aufgemotzte Bühnenshow und der sprachliche Tonartwechsel zwischen Technikpoesie, Slogans und lyrischem Prosatext können aber kaum darüber hinwegtäuschen, wie fad diese Stoffsammlung zum Thema Auto letztlich doch ist. Gerade weil der Autor versucht hat, möglichst alle Aspekte des Fetischs Auto in diese Collage zu packen und dabei oft nur Statements mit verteilten Rollen herausposaunt werden. Geplant war ein Doku-Spiel nach der Methode des Autorenteams von Rimini-Protokoll mit authentischen Gesprächsprotokollen von Audi-Mitarbeitern. Dieses Experiment kam aber leider nicht zustande. Ohne diesen differenzierten Innenblick bleibt das ganze der übliche, wenn auch Sciencefiction-mäßig zugespitzte Schlagabtausch über das, was wir hinreichend über die Faszination und die Gefahren des Autofahrens wissen. Interessant sind die kleinen Geschichten am Rande, wenn die fünf Textverkäufer für wenige Augenblicke zu Figuren werden. Wie Susanne Engelhardt mit sanftem Trotz versucht, in dieser Männerwelt zu Wort zu kommen, Sascha Römisch es wagt, bei dem Superauto der Zukunft lapidar den kleinen Kofferraum zu bemängeln oder von der Enttäuschung berichtet, dass er den Fahrradfahrer nicht tot gefahren und damit keine einschneidende Lebenserfahrung mit seinem Auto gemacht hat. Witzig ist auch, wenn sich Norbert Abele dem Leistungsdruck, ein Auto über Emotionen und Libido zu starten, nicht gewachsen fühlt. Oder wie Peter Reisser staunend erzählt, wie er von seinem Auto verlassen wurde – mitten in einem Autobahnkreuz. Man soll mit seinem Navi eben keinen Streit suchen. Alle machen alles gut. Aber ein Theater ohne menschliche Figuren, egal ob dokumentarisch oder fiktiv, berührt so wenig wie die perfekte Stimme des Navigationsgeräts das Liebesbedürfnis stillen kann. Isabella Kreim
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG – 08.12.2008
Eine Stadt, ein Auto
Dieser Theaterabend ist ein außergewöhnlicher, das merkt man schon daran, dass ihn Herr Ibrahim vom Ingolstädter Kfz-Meisterbetrieb Boxenstopp eröffnen darf. Herr Ibrahim berichtet per Videoeinspielung von seinen 15 Punkten in Flensburg, sein Schuldbewusstsein ist ausbaufähig. Dann erhält ein gewisser Herr Hofmann das Wort, er stellt den Zuschauern sein Auto vor, das er Aubergine genannt hat. Herr Hofmann sitzt auf Aubergines Kühlerhaube und imitiert das Motorengeräusch, das er so liebt. "Rrrr" macht er, erst leise und etwas verschämt, aber dann hört er sich an, als würde er glücklich den Mond anheulen: "Rrrrrrr!" Theater, zumal regionales, sollte etwas zu sagen haben über die Lebenswelt seiner Besucher. Dem Theater Ingolstadt ist da in der aktuellen Spielzeit viel guter Wille zu attestieren. Bei "Mir san mir" erschöpfte sich dieser noch in einem arg aufgesetzten Komödienstadl über das bayerische Wesen. Nun hat er ein sehr witziges und geistreiches Ergebnis gebracht. In "Erlkönig" widmet sich der Berliner Autor Kai Schubert einem Thema, das als Konstante des Ingolstädter Stadtlebens nur von der Donau übertroffen wird: dem Auto, insbesondere jenem mit den vier Ringen. 30 000 Menschen aus Stadt und Umland arbeiten bei Audi, weshalb in Ingolstadt schon Sechsjährige mit einiger Altersweisheit referieren können: Wenn Audi erkältet ist, hustet die ganze Region. Ein Erlkönig ist in der Autobranche ein geheimer Prototyp, und einem solchen nachzujagen ist dem spiellustigen Fünferensemble im Kleinen Haus am Turm Baur aufgetragen. Ursprünglich sollte das Stück "IngolAudiStadt" heißen. Eine enge Kooperation zwischen Theaterleuten und Autoleuten war geplant, doch nachdem Letztere Erstere durch ihre Werkshallen geführt hatten, geriet Sand ins Getriebe. Die Kooperation fiel aus, und seither fragt sich die Ingolstädter Kulturschickeria: Warum? An unbotmäßiger Frechheit der Theaterleute kann es kaum gelegen haben. Es ist ein braver Abend geworden, nur ein paar Spitzen haben sie sich herausgenommen. Als zentrale Stadt-Audi-Allegorie hat man die Geschichte vom Drachen ersonnen, von dessen Herrschaft niemand so wirklich befreit werden will. Die meiste Zeit geht es dann auch mehr ums Globale als ums Lokale, allgemein um Mensch und Automobil, um den Gott der Geschwindigkeit, die letzten Ölreserven und Mindestkofferraumgrößen. Es ist ein Abend, dessen Schau- und Unterhaltungswert groß ist, größer jedenfalls als seine Tiefgründigkeit, was man aber fast vergisst, weil man so beschäftigt ist mit Schauen und Unterhaltenwerden. "Erlkönig" ist so etwas wie eine gespielte Essaysammlung, eine Verkettung kleiner Szenen, die mal komisch bis grotesk (eine hinreißende Rushhour-Choreografie), mal poetisch (ein Besuch auf dem Autofriedhof), dabei oft plakativ und in den besten Momenten doch wieder feinsinnig angelegt sind. Regisseurin Jenke Nordalm hat diese Miniaturen in jeder Tonlage und Stilform sehr präzise, einfallsreich und rasant in Szene gesetzt. Nach achtzig Minuten fährt der "Erlkönig" herzlich beklatscht durchs Ziel. Auf der Premierenfeier werden bei Chili, das noch etwas Salz vertragen hätte, vor allem die drängenden Fragen innerstädtischer Harmonie erörtert: Hat Audi im Programmheft inseriert? (Ja.) Waren Audi-Vertreter bei der Premiere zugegen? (Ja.) Und hat es ihnen am Ende auch noch gefallen? Dem Vernehmen nach: Rrrrrrr! (Roman Deininger)
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 08.12.2008
Rasant im Autofieber
Ingolstadt. Zum Spielzeitbeginn war dieser „Abend von Autos und Menschen“ noch unter der verheißungsvollen Überschrift „Ingolaudistadt“ angekündigt; nun erlebte er schon doppeldeutig als „Erlkönig“ seine Uraufführung im Kleinen Haus des Ingolstädter Theaters. So nennt man einen in der Vorproduktion befindlichen Prototyp eines neuen Pkw. Es waren unterhaltsame 80 Minuten – nicht nur für diejenigen, die „Benzin im Blut“ haben, sondern auch für nicht vom Autofieber Infizierte. Autor Kai Schubert hatte seine abwechslungsreiche und intelligente Szenen-Mixtur rund um des „Deutschen liebstes Kind“ mal komödiantisch, mal nachdenklich machend angelegt. Er scheint selbst der Motoren-Faszination erlegen zu sein, beäugte dennoch skeptisch diejenigen, die es ebenso sind. Regisseurin Jenke Nordalm unterstützte diese Konzeption mit einem Inszenierungsstil in rasantem Tempo. Birgit Stoessel bestückte dazu die Spielstätte mit zwei großen Rutschen, um die herum sich im wahrsten Sinne des Wortes alles drehte. Die fünf Akteure auf der Spielfläche – allesamt in Rennfahrer-Montur – wurden zeitweise ganz schön ins Schwitzen gebracht. Das glänzend aufgelegte Darsteller-Quintett mit Susanne Engelhardt, Renate Knollmann, Norbert Aberle, Peter Reisser und insbesondere Sascha Römisch ließ sich dadurch nicht von seiner Spielfreude abhalten. (Peter Skodawessely)