Schöne Bescherungen

Komödie von Alan Ayckbourn

Die Bunkers haben Freunde und Verwandte über die Weihnachtstage eingeladen. Doch es gärt zum Frohen Fest: Hausherr Neville Bunker treibt seine Frau Belinda mit seiner Bastelei in den Wahnsinn. Seine Schwester Phyllis trinkt mehr, als ihr gut tut, zum Leidwesen ihres Mannes Bernard, gescheiterter Arzt und Puppenspieler, der alljährlich sein von allen gefürchtetes weihnachtliches Marionettenspiel aufzuführen pflegt. Der arbeitslose Eddie verbringt seine Zeit lieber mit Kumpel Neville anstatt mit seiner schwangeren Frau Pattie. Belindas altjüngferliche Schwester Rachel hat den Schriftsteller Clive über die Feiertage eingeladen. Und über allen thront Nevilles Onkel Harvey, pensionierter Wach und Schließgesellschaftsangestellter. Doch dann funkt es zwischen Belinda und Clive, und ausgerechnet der große Weihnachtsbaum im mitternächtlichen Wohnzimmer dient als Ort für ihr erotisches Tête-à-tête – was naturgemäß nicht unbemerkt bleibt. Clive beschließt, vorzeitig und ohne größeres Aufsehen zu verschwinden. Doch er hat er die Rechnung ohne Onkel Harvey gemacht … »›Schöne Bescherungen‹ steigert den sanften Horror, den festtäglichen Wahnsinn, der wiederkehrenden Feiertagen und festverbindlichen Familienzusammenkünften ohnehin eigen ist: bis hin zum Ehebruch unterm Weihnachtsbaum – und bis zum versuchten Totschlag.« (Peter von Becker) Alan Ayckbourn ist mit seinen Stücken, die schon in den 80er Jahren in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, einer der meist gespielten Theaterautoren der Gegenwart. In ›Schöne Bescherungen‹ seziert er meisterhaft die Frustrationen und Neurosen, die sich unter dem Fröhlichkeits-Druck der Weihnachtsfeiertage am deutlichsten zeigen und schlägt aus dem »Fest des Friedens und der Freude« komödiantisches Kapital.
Regie: 
Dominik von Gunten
Bühne: 
Ulrich Frommhold
Kostüme: 
Ulrich Frommhold
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 150 Minuten, mit Pause
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 01.12.2008
Bürgerlicher Aberwitz
Ingolstadt. Leichte Komödienkost oder charmant verpackte Mittelklassen-Tragödie? Alan Ayckbourn, der britische Altmeister ambivalenter Bühnenkunst, hat beides in seine „Schönen Bescherungen“ gepackt. In der Inszenierung von Dominik von Gunten am Theater Ingolstadt steht die Komik des haarsträubenden Weihnachtsabends der Familie Bunker deutlich im Vordergrund. Dank starker Schauspieler kommen die Gags frisch und glaubhaft, und fast wünscht man sich, dass der ganz normale Weihnachts-Wahnsinn daheim einmal Ayckbourn’sche Auswüchse erreichen werde. Die Mischung des Inventars im Hause Bunker ist hochexplosiv: Hausherr Neville (Christian Bo Salle) schraubt lieber an technischem Spielzeug herum, als seiner Ehefrau Belinda (Vera Weisbrod) einmal zuzuhören. Eddie (Ulrich Kielhorn) versteht sich prächtig mit Neville, dessen hochschwangere Frau Pattie bleibt dabei aber gänzlich auf der Strecke. Rachel ist mit ihren 38 Jahren noch immer Jungfrau und erklärt ihrem potenziellen Freund Clive in der Manier eines philosophischen Traktats, warum sie das auch bleiben möchte. Und Haudrauf Onkel Harvey setzt sein ehemaliges Berufsleben als Sicherheitsmann daheim fort. Phyllis (Gesine Lübcke) hat ganz andere Interessen als ihr Mann Bernard (Matthias Winde), der mit seinem Puppenspiel nervt. Dominik von Gunten setzt seine Charaktere schrill in Szene; die Inszenierung, die am Samstagabend im Großen Haus von Ingolstadt Premiere hatte, lebt von den überzeugenden Schauspielern. Julia Maronde gibt eine witzige Pattie mit Unterschichtsmanieren, Katrin Wunderlich eine wunderbar verklemmte Rachel. Rolf Germeroth kultiviert Harveys Misstrauen gegenüber allem und jedem mit dem nötigen Nachdruck und schießt am Ende sehr folgerichtig auf den armen, vermeintlich des Diebstahls überführten Schriftsteller Clive (Richard Putzinger). Unterm Strich eine kurzweilige, eine schöne Bescherung, bei der nur der Schluss in die Hose geht. (Volker Linder)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 01.12.2008
Schöne Bescherungen
Nicht nur seichte Weihnachtsunterhaltung mit Alan Ayckbourns Komödie „schöne Bescherungen“ im Großen Haus. Was uns der britische Autor Alan Ayckbourn über die nicht sehr friedlichen Weihnachtstage bei dieser englischen Middle-class-Familie erzählt, wäre auch der Stoff für eine Tragödie oder Material für ein Stück von Ibsen oder Tschechow. Äußerlich ist alles bestens, der Weihnachtsbaum, das Festessen, die Geschenke, aber das Bemühen um ein harmonisches Familienfest macht sichtbar, dass gerade das jährliche Weihnachtsritual die Animositäten und Eifersüchteleien, die Konflikte zwischen den Verwandten aufbrechen lässt. Die Ehe des Gastgeberpaares Belinda und Neville dümpelt so vor sich hin. Belinda ist unterschwellig gereizt, weil Neville sich ständig in seinen Bastelraum zurückzieht oder den Esstisch blockiert und gar nicht daran denkt, ihr zu helfen oder sie überhaupt wahrzunehmen. Da kommt der von ihrer ledigen Schwester eingeladene Schriftsteller Clive gerade recht, um ein bisschen Leidenschaft in Belindas Leben zu bringen. Der Ehebruch unterm nächtlichen Weihnachtsbaum wird nur durch eine Musikautomaten-Ente verhindert, die inmitten der Weihnachtspäckchen losgeht und alle Familienmitglieder als Schaulustige auf die Empore lockt. Und dieses Desaster macht die verzweifelte Liebesszene natürlich auch saukomisch. Auch die Ehe zwischen der hochschwangeren Pattie und dem beruflich gescheiterten Eddie lässt an liebevoller gegenseitiger Zuwendung einiges zu wünschen übrig. Schwager Eddie flüchtet lieber in Nevilles Bastelwerkstatt und in die Kneipe, als sich um seine Frau und seine Kinder zu kümmern. Alan Ayckbourn zeigt hinter der gutbürgerlichen Fassade lauter gescheiterte Existenzen. Phyllis liefert in der Küche eine Katastrophe nach der anderen, weil sie nie ganz nüchtern ist. Und ihr Mann, der Arzt und idealistische Puppenspieler Bernard, scheitert nicht nur mit seinem albernen Marionettentheater über „Drei kleine Schweinchen“ bereits bei der Generalprobe kläglich, auch als Arzt kann er nicht einmal einen Bewusstlosen von einem Toten unterscheiden. Denn am Schluss fällt auch noch ein Schuss. Der militante Onkel Harvey trägt die auf dem Bildschirm heißgeliebten Katastrophen- und Kampfszenen zunächst verbal und schließlich mit einem Revolver ins Wohnzimmer. Und eine besonders tragische Figur ist die altjüngferliche Schwester Belindas, Rachel, die den Schriftsteller sofort an die nächst beste attraktivere Frau, ihre eigene Schwester verliert, und rührend umständlich erklärt, wie gut sie 38 Jahre ohne Sex ausgekommen ist. Regisseur Dominik von Gunten hat diese Unglücksmomente der Figuren mit seinen hervorragenden Schauspielern liebevoll herausgearbeitet und nur ein klein wenig zugespitzt und überzeichnet, sodass wir über die Missverständnisse und Missgeschicke der Figuren auf der Bühne auch lachen oder zumindest schmunzeln können. Denn so vorhersehbar katastrophenträchtig geht es unter unseren Weihnachtsbäumen natürlich doch nicht zu. Nur so ähnlich. Und ebenso liebevoll sind die komödiantischen Elemente ausgefeilt. Die geländerlose Treppe, die Ausstatter Ulrich Frommhold in diese schmucklose, aber in eleganten Rottönen gestaltete Eingangshalle gebaut hat, erweist sich für angetrunkene Familienmitglieder und auch für die Darsteller als köstliche Herausforderung. Wie die wunderbar deftige Julia Maronde ihren Eddie aus dem Alkoholkoma aufrafft und die Treppe hochschleppt und gleichzeitig seine erotischen Attacken abwehrt oder Hausherr Christian Bo Salle im eleganten Schwung der alkoholbedingten Selbstüberschätzung die Treppen erklimmt, Gesine Lübcke eine manisch-depressive Trinkerinstudie liefert, oder Matthias Winde mit seinen Marionettentheaterteilen die Eingangshalle quert und mit seinen Brettern den armen Clive in die Zange nimmt, lässt die Komik an diesem Abend nicht zu kurz kommen. Christian Bo Salles akribische Konfliktvermeidung mit Schraubenzieher am Kinderspielzeug, Ulrich Kielhorns penetrante Ablenkungsmanöver, um sich nicht seiner Familie widmen zu müssen, scheinbar gutmütig, aber nicht immer knapp am brutalen Wutausbruch vorbei, macht allseits bekannte Verhaltensweisen sichtbar. Und zwar genauer, als in Boulevardstücken üblich. Ayckbourns Dialogpointen sitzen, aber auch die oberpeinlichen Beziehungsgespräche zwischen dem Beinahe-Liebhaber und dem Ehemann, oder zwischen Rachel und ihrem Schriftstellerfreund changieren wunderbar zwischen existentiellem Ernst und unfreiwilliger Komik. Katrin Wunderlich als Rachel gelingt eine rührend komische Figur aus altjüngferlichem Hascherl und bemühter Selbsterkenntnis mit hysterischen Zügen. Und ihre ausgefeilte Darstellung ist ein Musterbeispiel dafür, was Ayckbourns Figuren über die Boulevardtheater-Klischees hinaus, hergeben. Und das gilt in gleichem Maße für Matthias Windes als lebenslangem Versager Bernard. Je sanftmütiger er sich auch bemüht, die Alkoholbedingten Schwächen seiner Frau zu kaschieren, alle Wogen zu glätten, alle Provokationen gegen sein Puppentheater hinunterzuschlucken, desto tiefer gerät er in seine tragikomische Verzweiflung. Und ausgerechnet der von allen Familienmitgliedern bereits als Horror angekündigte Programmpunkt der Weihnachtstage, Onkel Bernards Marionettenspiel, ist für die Zuschauer ein besonders amüsanter Teil des Abends. So liebevoll wie Matthias Winde seine drei Schweinchen mit wechselnden Rollen sprechen, den Postboten munter singen, den Wolf und den Hund Wackel minutiös kläffen und agieren lässt, kann nur im Fiasko enden. Und auch Rolf Germeroth gewinnt dem Kriegsspiel begeisterten Onkel Harvey gerade soviel komische Züge ab, um diesen gefährlichen, selbst ernannten Law-and order-man nicht außerhalb dieses doch immer noch vergnüglichen Theaterabends zu stellen. Richard Putzinger spielt den Schriftsteller Clive als unbeholfenen Traumtänzer, der diesen Familienkrisen hilflos ausgeliefert ist, als er auch noch in eine höchst heikle Dreiecksgeschichte tappt. Da steht er minutenlang mit jeweils einem Geschenk in der Hand und weiß nicht, wie er die Kaffeetasse entgegennehmen soll, die ihm die angehimmelte Gastgeberin entgegenhält. Die ernsthafte Brisanz dieser unglücklichen Liebesgeschichte geht dabei vielleicht ein wenig verloren. Alle bemühen sich schrecklich: Vera Weisbrod als Belinda um gute Stimmung, obwohl sie es satt hat, die einzig selbstlose zu sein, Clive, es beiden Frauen und dem Ehemann recht zu machen, Bernard um ein pädagogisch wertvolles Kindertheater und einen toleranten Umgang miteinander, - und natürlich geht gerade deshalb alles schief. Und das ist tragisch und höchst amüsant. Mit „Schöne Bescherungen“ haben Regisseur Dominik von Gunten und das Ingolstädter Ensemble eine wirklich schöne Aufführung und nicht nur seichte Unterhaltung beschert. (Isabella Kreim)