Mir san mir

Ein Stück Bayern von Werner Meier

Großer Trubel im Wirtshaus „Zum Schweinsbräu“ in Zeintling: dessen Wirt und Kandidat der Freiwilligen Wähler, Hans Krause, ist völlig überraschend zum neuen Bürgermeister gewählt worden – und das als Ossi! Mit einer rauschenden Wahlparty und Freibier für Alle feiert er den Triumph. Dabei hätte Hans allen Grund, sich zuvorderst um den „Schweinsbräu“ zu kümmern, denn die Zeintlinger Traditionsgaststätte ist in einem maroden Zustand und nahezu pleite. Aus lauter Verzweiflung plant Lizzy – Ehefrau, Wirtin und alleinige Inhaberin des „Schweinsbräu“ – den Verkauf des Wirtshauses nach China, samt komplettem Interieur, Personal und Stammgästen, denn: „Die Chinesen ham a Geld“. Hans, der nichts von der drohenden Transaktion weiß, hat inzwischen andere Sorgen – seine diversen Wahlkampf- Versprechen drohen ihm über den Kopf zu wachsen. Doch als der schon so sicher geglaubte Verkauf des „Schweinsbräu“ platzt, die ersten Regentropfen durch das lecke Dach in die Gaststube fallen und der Ruin unabwendbar erscheint, holt Hans Krause zum großen Befreiungsschlag aus ... Material für soziologische Untersuchungen zur bayerischen Mentalität, zum bayerischen Selbstbewusstsein und zum bayerischen Demokratieverständnis findet sich in jeder Wirtsstube, am Stammtisch, wo von der allgemeinen Weltlage bis hin zur Kommunalpolitik alles ausgiebigst besprochen und anschließend »obigschwemmt« wird.
Regie: 
Peter Rein
Musikalische Leitung: 
Werner Meier
Bühne: 
Frank Chamier
Kostüme: 
Marion Eiselé
Die Donaubiesler: 
Christof von Haniel
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 165 Minuten, mit Pause
KULTURKANAL INGOLSTADT – 13.10.2008
Mir san mir
Ja pfüat di God. San ma jetz in am Bierzelt oder im Theater? Jedenfalls im richtign Lebn: Einige Theaterabonnenten haben ihre Dirdl, die Krachlederne oder an gepflegten Landhausstil-Janker ozong, a Blaskapelln marschiert ein, und die Madln und Buam vom Trachtenverein Gerolfing danzn - ein Prosit der Gemütlichkeit, oans, zwoa, gsuffa, Freibier für alle, Wer soll das bezahlen und natürli Gott mit Dir, Du Land der Bayern, allerdings scheena gsunga ois vo de Politiker und kurz übertönt durch die Stimme vom Franz Josef Strauss ausm Himme … Und da frag i mi scho: San mir mir, oder san mir die depperten Touris, dene des Lederhosen-Schuhplattl-Bayern als Mir-san-mir-Gaudi verkafft wird? Aber Hund sans scho, die Theaterleit: Nach 10 Minuten hamma scho des ganze Potpourri bayrischer Gmiatlichkeit intus. Aber bevor ma in Bierzeltseligkeit zum Schunkeln anfanga, derf ma doch no zuschaugn, wia unsere Schauspieler die Dorfgrößen im Wirtshaus zum „Schweinsbräu“ spuiln. Denn die Bierzelt-Gaudi soll eigentli a Wahlparty sein. Für an neia Bürgermoaster, von die „Freiwilligen“, und der is ano der Wirt von dem bayerischen Traditionswirtshaus, in dem si ois abspuilt. Weil Matthias Winde, der Schauspieler aus Thüringen, die Hauptrolle spielt, diesen frisch gewählten Bürgermeister von Zeintling, einem Dorf in der Nähe von Ingolstadt, ergibt sich glei der rote Faden von dera Gschicht: Denn dieser erste Ossi-Bürgermoaster in Bayern, ano a ehemaliger Schauspieler, muss erstamoi mit bayerischer Spezlwirtschaft und bayerischer Wirthauskultur vertraut g’macht wer’n. Und was lernt er da: Natürlich Ozapfen, Enziansaufen, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Einpartiensystem in der DDR und der CSU-Herrschaft in Bayern, den Unterschied zwischen Spitzel- und Spezl-Wirtschaft und schließlich, wie man eine bankrotte Gastwirtschaft mithilfe von EU-Geldern und Fernseh-Rechten saniert. Und mir seng, wia mia san: Da wird kartlt und grafft, gschuahblattelt und politisiert nach dem Prinzip: Wenn jeda an si denkt, is an alle gedacht. Und was san mir für Typen? Oiso da gibt’s die handfeste Wirtin Lizzy, ihr Tochta studiert Politikwissenschaft in Berlin. Dann is da der Metzger-Bene von der Freiwilligen Feuerwehr, der woas, wia ma an neia Sportpark ins Naturschutzgebiet setzt, zum 3. Löschzug kimmt und die denkmalgschützte Kapelln aus Versehn mit’m Bagga wegräumt. Der Raiffeisen-Sepp is der CSU-ler, der die ganze Wirtschaft samt Stammgäst’ an die Chinesen verscherbeln wui und das moderne Laptop-Bayern verkörpert. Eher a Auslaufmodell is der 60erFan Ritschie von der Baywa, der letzte Aufrechte von der SPD und Altrocker. Die Kathi, die karrieregeile Frontfrau von der Wirtshausband „ Donaubiesler“, wui weg vo Zeintling, mindestens zu BSDS, Bayern sucht den Superstar. Und dann gibt’s no die Carola, des Gspusi vom Wirt, die vom Indientrip zurück wieda s’ Dirndl oziagt und ausschenkt. Und a Maklerin, die total ausflippt über die kracherte Wirtschaft. Und natürli derf der Preiss net fehlen. Und der ist der einzige, ders wirklich abgöttisch liebt, unser Bayernland. Aber jetz redn ma mal wieder hochdeutsch: Autor, Liedermacher und Kabarettist Werner Meier und Regisseur Peter Rein haben mit ihrem selbst geschriebenen „Stück Bayern“ ein bayerisches Singspiel mit satirischem Biss angepeilt. Die Webber-Musicals und Wittenbrink-Abende gehen ja schließlich langsam aus. Abgesehen davon, dass die Handlung sich im zweiten Teil in einen Nummern-Songcontest aufzulösen droht: Zwei Dialoge, in denen bayerische Gemeindepolitik à la Amigo vorgeführt wird, und zwei innere Monologe des Neupolitikers sind nicht gerade viel, um dem Abend kabarettistischen Pfeffer zu geben. Und der Dialogwitz von Werner Meier kommt leider nicht an seine wirklich griffigen Songtexte heran. Da sind auch viele abgestandene Sprüche dabei. Und die Pointen sind eher deftig als bös. Dass das bayerische „Mir san mir“ auch die Tradition einer gehörigen Portion Fremdenfeindlichkeit beinhaltet, dass die Hoheit über den Stammtischen viel reaktionären Populismus nötig macht, ist auch nicht ansatzweise zu spüren. Diese Stammtischbrüder und Lobbyisten der Spezlwirtschaft sind liebenswert schlitzohrig, aber net amal so richtig hinterfotzig. Der Ludwig Thoma ist da näher als ein Gerhard Polt, Sigi Zimmerschied oder Achternbusch. Die Schafkopf-Sprüche als antiker Chor, die Wirtshausrauferei als Slowmotion oder der Katzenjammer nach dem Besäufnis und viele andere gekonnte Regieeinfälle zeigen natürlich durchaus, dass die gängigen Wirtshaussituationen nicht auf einer Bauerntheaterbühne der Freiwilligen Feuerwehr, sondern von Profis inszeniert und gespielt werden. Und Balsam für die bayerische Seele ist natürlich, wie liebevoll und musikalisch ambitioniert mit dem bayerischen Liedgut umgegangen wird. Ein großes Lob dem Christoph von Haniel an Piano und Schanktresen, der auch die sorgfältige musikalische Einstudierung mit den Schauspielern übernommen hat, und seiner Kapelle. Der so schwermütig intonierte Andachtsjodler, der kunstvolle Gstanzlnverschnitt des Dreigesangs von Chris Nonnast, Katrin Wunderlich und Maria Helgath, oder Michael Vogtmanns unsentimental-gefühlvolles „Es muss ein Sonntag g’wesen“ sein, treffen das bayerische Herz knapp haarscharf, bevor der Kitsch trieft. Dazu kommt Bewährtes von der Biermösl Blasn und dem Hans Söllner, oder bayerisch umgetextete Stones- und Prinzen-Songs, Blues, Rap, Reggae und Tango, und vor allem die in der Manier der Sternschnuppe-Musik wirklich zündenden Neukompositionen von Werner Meier. Musikalisch macht der Abend durchaus Spaß, auch wenn ein paar Songs weniger - mehr gewesen wäre. Die ziemlich eindimensionalen Figuren funktionieren deshalb so halbwegs, weil sich die Schauspieler mit enormer Spielfreude ihrer annehmen. Allen voran natürlich Matthias Winde als pfiffiger Neu-Bürgermeister. Ob Dinner-for-One- Slapstick, Boomvillage-Euphorie, Selbstverliebtheit oder Katzenjammer-Skepsis: Winde ist den ganzen Abend über ein vergnüglicher Hingucker. Aber auch Adelheid Bräu, Peter Greif, Chris Nonnast, Richard Putzinger, Peter Reisser und Renate Knollmann spielen und singen sich mit hübschen Differenzierungen und großer Präsenz durch das Wirtshausleben. Katrin Wunderlich gibt als Bandleaderin Kathi ein Powerfrau-Debüt in Ingolstadt, die reizvoll spröde und fantastisch singende Maria Helgath als Wirtstochter mit Studium ist leider nur als Gast in Ingolstadt. Und besonders heikel und besonders großartig: Wie Michael Vogtmann als Bavarophiler aus Berlin das Preussenklischee vermeidet und ehrfürchtig die erste Mass zelebriert, mit kindlicher Begeisterung und leuchtenden Augen alles aufsaugt, was er hier an Kuriositäten entdeckt, und mit innerer Andacht und Ehrfurcht unser Liedgut anstimmt macht Freude. Insgesamt aber fehlts den Figuren an Ecken und Kanten und dem ganzen Eintopf an satirisch scharfer Würze: A bisserl Dijon-Senf zur Leberkäs-Semmel – des wer’s g’wesen. Isabella Kreim
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG – 11.10.2008
Mir san nimmer mir
Seit dem Wahlsonntag ist nix mehr in Bayern wie es war. Die Freien Wähler ziehen in den Landtag ein und der Komödienstadl sucht das Theater Ingolstadt heim. "Mir san mir" heißt das "Sück Bayern", mit dem Intendant Peter Rein die freistaatliche Demokratie beleuchten und das Publikum anlocken will. Rein führt Regie, der Kabarettist Werner Meier schrieb das Buch, mit vereinten Kräften haben sie alles zusammengekramt, was Gaudi macht, um dann heftig mit dem Bierschlegel draufzuhauen. Die Puristen unter den Theatergängern und all jene, die nicht fließend Boarisch sprechen, können getrost wegbleiben. Wer auf Gagparaden bis an die Grenzen des guten Geschmacks steht. wird bei diesem Singspiel auf seine Kosten kommen. "Schluss mit der Spezlwirtschaft", schwört der Ossi Hans von den "Freiwilligen Wählern", nachdem er in dem gar nicht so fiktiven Dorf Zenitling zum Bürgermeister gewählt wurde. Es kommt ein bisschen anders. Denn nach ein paar Schnapsrunden sowie Nachhilfestunden vom "Metzgermoaster Bene" kapiert auch der Hans: "Die braven Politiker kommen in den Himmel, und die bösen ganz nach oben. " "Mir san nimmer mir", müsste dieser Abgesang auf den Freistaat eigentlich heißen. Er wirft einen Blick in die Welt der Kommunalpolitik, der wie ein lustiger Hoagart beginnt und in der globalisierten Katastrophe endet. Da kann auch der Retter aus Berlin nichts mehr ändern. Die Geschichte ist mitunter originell, leidet allerdings unter ihrer Überfrachtung. Es gibt nichts, was es nicht gibt im Wirtshaus "Schweinsbräu": Gstanzln und "We are the champions", Rolling Stones und Schuhplattler, DJ Ötzi und eine karrieregeile Sängerin im Gabriele-Pauli-Look. Der SPDler Ritschie ist ein saufender Looser, der CSU-Mann hat es zu was gebracht; er ist der Raiffeisen-Sepp und hat ein wahrlich todsicheres Angebot, um die Schweinsbräu-Wirtin vor der Pleite zu retten. Uraufführung ist an diesem Samstag (bereits ausverkauft), am Freitag waren die Senioren-Abonnenten bei der öffentlichen Hauptprobe mehrheitlich angetan: "Endlich mal was Lustiges", sagtTheresia Halbig aus Ingolstadt, "und wie im richtigen Leben." Stimmt. Denn das Stück mokiert sich über die Ranking-Abhängigkeit der Politik - arbeitet aber selbst mit diesem Kalkül: Es wird so viele Menschen auf der Suche nach Unterhaltung anlocken wie es kein Wahllokal vermag. (Stefan Mayr)
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 13.10.2008
Ein verfehltes Stück Bayern
Ingolstadt - Das ging voll in die (Leder-)Hose: Der Ingolstädter Intendant Peter Rein hatte bei dem aus Mühldorf stammenden Münchner Kabarettisten und Liedermacher Werner Meier, wie es im Untertitel hieß, "Ein Stück Bayern" in Auftrag gegeben. "Mir san mir", das am Samstag seine Uraufführung hatte, sollte ein "musikalisch-satirischer Abend" werden, erwies sich aber als weder witzig noch parodistisch. Ein bayerisches Wirtshaus, in das ein eben zum Dorf-Bürgermeister gewählter "Ossi" eingeheiratet hatte, musste als weißblauer Mikrokosmos herhalten. Bevölkert war die Gaststube mit sämtlichen vom TV-Komödienstadl her bekannten Figuren - samt "Preiß¿" in Lederhose mit Gamsbarthut und umgehängtem Bergsteigerseil. Da durften natürlich auch ein Schuhplattler-Auftritt und eine "zünftige" Rauferei mit splitternden Maßkrügen nicht fehlen. Dies alles unter Bierzeltgirlanden, mit Kruzifix an der holzvertäfelten Wand neben ausgestopftem Wolpertinger und Kachelofen. Doch eine Aneinanderreihung von Klischees und Vorurteilen reicht nicht aus. Solche Vorlagen müssen bearbeitet, zugespitzt und übersteigert werden. Dies aber ließen Autor Werner Meier und Regisseur Peter Rein nahezu total vermissen. Immer wieder eingebaute mehr oder weniger bekannte Lieder und Songs mit mehr oder weniger verfremdeten Texten konnten daran ebenso wenig ändern wie gelegentlich eingestreute tagesaktuelle kabarettistische Anspielungen. Und es half auch kaum, dass dann und wann der selige FJS von einer imaginären Wolke herunter seine Kommentare zum Geschehen gab. Dass das über dreistündige Stück dennoch einigermaßen unterhaltsam war, lag an den Schauspielern. Sie gaben sich alle Mühe, trotz der ideenarmen Vorlage und der wenig einfallsreichen Regie gelegentlich kleine Glanzlichter zu setzen. Chris Nonnast als herrlich schmalziger Carolin-Reiber-Verschnitt, Matthias Winde als zwischen Idealismus und Realitätszwängen hin und her gerissenes Dorf-Oberhaupt und Peter Greif als schmierige Graue Eminenz ragten in diesem angestrengt-bemühten Bauerntheater besonders heraus. Wieder am 18. und 19. Oktober im Großen Haus des Theaters Ingolstadt. (Peter Skodawessely)