Die fetten Jahre sind vorbei

Stück nach dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner

Wie äußert sich Protest gegen das System in Zeiten des Neoliberalis-mus? Und vor allem warum, wenn die Macht doch bereits vom Volke ausgeht – zumindest theoretisch?! Jan, Peter und Jule haben für sich einen Weg gefunden, ihren Protest zu artikulieren – als eher verspielt anmutendes Event-Happening der Spaß-Generation. Erst als die Frei-zeit-Zorros einem der vermeintli-chen Ausbeuter tatsächlich gegen-über stehen und ihre revolutionäre Gesinnung auf die fassbare Realität eines Opfers stoßen, ist Schluss mit lustig. Als sich der Gekidnappte dann noch als desillusionierter ehemaliger Verfechter linker Ideale entpuppt, geraten die bis dato so ehern vertretene Überzeugungen der „Erziehungsberechtigten“ zu-nehmend ins Wanken - es gilt, die eigenen Standpunkte einer gründli-chen Überprüfung zu unterziehen. Wiegt die Wut auf das System das Leben eines Klassenfeinds auf?
Regie: 
Falco Blome
Bühne: 
Bodo Demelius
Kostüme: 
Bodo Demelius
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 105 Minuten
Augsburger Allgemeine – 06.10.2008
Erst Einbruch, dann Entführung
Schon bei der zweiten Premiere kommt das Spielzeitmotto "Demokratie" als "Diktatur des Kapitals" daher. So zumindest sieht es Jan, der mit seinem Freund Peter und dessen Freundin Jule in Villen der Berliner Oberschicht einbricht und die teuren Möbel zu kunstvoll chaotischen Luxus-Gebilden auftürmt. Geklaut wird nichts, es bleibt nur die Nachricht: "Die fetten Jahre sind vorbei." In der Bühnenfassung von Hans Weingartners gleichnamigem Kinoerfolg von 2004 lotet Regisseur Falco Blome zu den Klängen von Radiohead, Portishead und der heimischen Indieband Slut Revolutionsmöglichkeiten aus. Das Publikum wird im Kleinen Haus ungefragt zur Ausbeuter-Klasse, muss sich von den Schauspielern herumkommandieren lassen und seine Sitzreihen selbst zusammenstellen. Dann erst kann sich die Gruppendynamik der Hobby-Revoluzzer so richtig entfalten. Susanne Engelhardt, Christian Bo Salle und Ole Micha Spörkel füllen die Bandbreite von erhitztem Revoluzzer-Gemüt bis zum pubertären Selbstzweifel glaubhaft und mit Spielfreude aus. Rolf Germeroth ist als entführter Manager Hardenberg souverän und witzig. Die Inszenierung übertreibt es auch nicht mit der Publikumsinteraktion, sodass der Kino- auch zum Bühnenerfolg wird. Allerdings findet die Inszenierung nicht wirklich eine eigene dramatische Lesart. (Volker Linder)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 06.10.2008
Die fetten Jahre sind vorbei
Im kleinen Haus: das Unbehagen an der Demokratie der heute unter 30jährigen. „Die fetten Jahre sind vorbei“ nach dem gleichnamigen Film von Hans Weingartner aus dem Jahr 2004. Schade, dass man diesen Theaterabend nicht rückwärts abspulen kann. Der offene Schluss, den Regisseur Falco Blome aus zwei unterschiedlichen Filmversionen gebastelt hat, bringt endlich kontroverse Fragen ins Spiel und befragt unsere eigenen Klischees zu den Klassenfeinden auf der Bühne. Ist dem Managerbonzen wirklich zu trauen, auch wenn er mal ein 68er war? Oder wird er die Bullen auf die Spur seiner Geiselnehmer wider Willen hetzen? Bietet er wirklich seine Yacht zum Sabotageakt an den Fernsehsatelliten an? Und finden das Protest-Trio über alle privaten Eifersuchts-Dramen hinaus wirklich zu einem politischen Rebellenleben, indem sie ans Mittelmeer aufbrechen und Europa für ein paar Stunden fernsehfrei machen? Doch von Anfang an: Das Unbehagen über die Kluft zwischen Arm und Reich in dieser Bundesrepublik und in Bezug auf die Ausbeutung der 3. Welt zum Ausdruck zu bringen, ist nicht leicht für die Kinder- und Enkelgeneration der Studentenrevolte und RAF-Zeit der 60er und 70er Jahre. Attac-Demos und Antiglobalisierungsaktionen bringen nicht so wirklich den Kick der Weltrevolution. Jan, Peter und Jule gehören der Fungeneration an. Aber statt Komasaufen setzen die drei auf körpereigene Drogen: Angst, Spaß und Liebe und ein bisschen subversiv-anarchische Rebellion. Sie brechen in Luxusvillen ein, klauen aber nichts, sondern veranstalten eine Art Kunst-Happening, indem sie Möbel kreativ und absurd umräumen – um den Bonzen Angst einzujagen. Die hinterlassenen Botschaften lauten dann „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zuviel Geld. Unterzeichnet. Die Erziehungsberechtigten.“ Jule hat ein persönliches Motiv, sich an einer solchen Aktion zu beteiligen. Sie schuldet dem Manager Hardenberg 100.000 Euro, weil sie seinen Luxusschlitten zu Schrott gefahren hat – Haftpflichtversicherung mal nicht bezahlt. Als sie von Hardenberg in dessen Villa überrascht werden, gerät der Sponti-Racheakt zu einer Entführung wider Willen. Hilflos gründen die Entführer mit ihrer Geisel eine Vierer- WG in den Bergen und debattieren über ihre Ideale und die politischen Ziele der 68er und wie schnell man vom Revolutionär zum Bonzen wird. Aber letztlich geht es nicht mehr um die Rettung der Welt vor dem neoliberalen Kapitalismus, sondern nur noch um die Rettung der eigenen Haut vor der Polizei und der Freundschaft des Trios, obwohl Peters Freundin Jule inzwischen auch mit Jan schläft. Diese hübsche Geschichte eines Generationskonflikts der Rebellion gewinnt erst mit der unfreiwilligen Entführung an Spannung und Intensität. Zuvor gibt es in dieser Aufführung zu viele retardierende Momente, in denen wir Musik hören können oder zusehen, wie sich Darsteller in Maler-Anzüge quälen oder Stühle hin- und hertragen. Und es ist auch kein sonderlich spannendes theatrales Vergnügen, 100 Stühle in 6er Reihen aufzustellen oder anderen Zuschauern dabei zuzusehen, wie sie aus der Stuhlberg-Installation die Zuschauerreihen aufbauen, auf denen man dann für die 2.Hälfte des Abends mit Blick auf die Tribüne Platz nehmen darf. Die inszenierte Interaktion mit dem Publikum ist so subversiv wie die Hilflosigkeit der drei Entführer, RAF zu spielen. Gleich zu Stückbeginn will die teil-improvisierte Publikumsanmache kein Ende nehmen. Wir werden nach Alter und Kleiderfarbe platziert und gefragt, ob wir die Wohnungstür auch wirklich abgeschlossen haben. Die Irritation ist kurz, viel zu harmlos, und nicht witzig genug. Dabei haben die drei jungen Schauspieler diesen Einstieg aus dem Pseudo-Privaten gar nicht nötig. Susanne Engelhardt und die beiden neuen Ensemblemitglieder Christian Bo Salle und Ole Micha Spörkel sind einfach klasse in ihrem ganz authentisch privaten Alltagsjargon und richtig gut, wenn sie mal ein bisschen Beziehungsschmerz und Entscheidungskrisen spielen dürfen. Rolf Germeroth muss nicht nur entsagungsvoll mit Fußfesseln von Stufe zu Stufe hopsen, er trifft diesen blassen Manager mit 68er Schwärmerei ohne Kotzbrocken-Klischee als eigentlich ganz sympathischen Durchschnittstypen. Vom Vorstand des SDS zum Kreuzchen bei der CDU. Von der freien Liebe in der 68er-WG zum genervten Ehekrüppel. Es hätte mit diesen vier Darstellern ein witzig anarchischer Theaterabend werden können. Aber diese zähe Publikumseinbeziehungsmasche ist so fad wie Komasaufen statt Rebellion. (Isabella Kreim)