Die Orestie

Tragödientrilogie von Aischylos

Die einzig vollständig erhaltene Tragödien-Trilogie der Antike thematisiert die blutige Geschichte des fluchbeladenen Geschlechts der Atriden und führt am Ende zur gefeierten Ablösung des archaischen Rechts der Blutrache durch das moderne juristische Prinzip gesetzlich geregelter Gerichtsverfahren. Zehn Jahre war Agamemnon im Trojanischen Krieg. Vorher hatte er seine Tochter Iphigenie den Göttern geopfert. Klytaimnestra, die Mutter und seine Frau, nimmt nun blutige Rache an dem Heimkehrer und ermordet ihn. Der in der Fremde großgezogene Sohn Agamemnons Orest trifft am Grab seines Vaters auf seine Schwester Elektra. Beide beschließen, den Tod des Vaters zu rächen. Klytaimnestra stirbt. Von den Rachegeistern verfolgt, flüchtet Orest zum Tempel des Apollon. Es kommt zu einem Gerichtsverfahren in Athen. Das Stück wurde 458 v. Chr. in Athen uraufgeführt. Aischylos hat mit der ›Orestie‹ den Gründungsmythos der modernen Demokratie beschrieben. Er zeichnet den Umbruch von einer vorgeschichtlichen mythischen Zeit, in der Gewalt, Geschlechterfluch und Blutrache das Schicksal der Heroen beherrschte,zu einem rechtsstaatlichen Gemeinwesen, zur Konsolidierung einer politischen Ordnung für die Polis nach. Der Donaukurier wählte die Inszenierung "DIE ORESTIE" zu einem der Kulturereignisse 2008 aus.
Regie: 
Kay Neumann
Bühne: 
Dorit Lievenbrück
Kostüme: 
Dorit Lievenbrück
Musikalische Leitung: 
Andreas Dziuk
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 200 Minuten, mit Pause
Augsburger Allgemeine – 06.10.2008
Das Recht löst die Rache ab
Die nunmehr achte Spielzeit von Intendant Peter Rein steht unter dem Leitmotiv "Demokratie". Was lag da näher, als zweieinhalbtausend Jahre zurückzugehen zur Wiege dieser Staatsform - mit der Tragödientrilogie "Die Orestie" von Aischylos. So weit, so gut - aber nur teilweise. Regisseur Kay Neumann, bislang im Haus an der Donau recht erfolgreich mit Tiefgang-Komödien wie "Some Girl(s)", arbeitete bei der "Orestie" zu wenig konzentriert auf das Ende hin, auf den Kern dieser antiken Familiensaga: Ablösung des archaischen Rechts der Blutrache durch das moderne juristische Prinzip des Rechtsstaates. Neumann gab der Versuchung nach, das Pathos der Vorlage (deutsche Fassung: Peter Stein) zu verstärken, statt es angepasst zu reduzieren, vertändelte sich in Regie-Mätzchen. Er vermochte auch viel zu selten, Menschen "aus Fleisch und Blut" auf der großen, minimalistisch karg ausgestatteten Bühne (Dorit Lievenbrück) agieren zu lassen. Am besten gelang dies bei Veronica Voss als rachelüsterne Klytaimestra, bei Julia Maronde als verzweifelte Kassandra und bei Olaf Danner, der überzeugend war in seiner inneren Zerrissenheit - ein Held, der eher gegen seinen Willen zur Mordmaschine abgerichtet wird. Nach dreieinhalb Stunden viel Applaus für die Schauspieler, gemäßigter Beifall für das Regieteam. (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 06.10.2008
Die Orestie
Schwer und geräuschvoll atmen die Sterblichen mehrmals aus, bevor sie anfangen zu sprechen. Groß ist das Schicksal, groß die Schuld, die sie auf sich laden. 10jähriger Krieg, Tochtermord, Gattenmord, Muttermord. Unerbittlich ist die Spirale der Gewalt im Hause der Atriden. Und Regisseur Kay Neumann verkleinert nichts. Wuchtig die Bühne von Dorit Lievenbrück. Wie die mächtigen Quadern des Stadttors von Mykene senken sich raumhohe Wände und öffnen sich zu einem schmalen Portal – grellorange erleuchtet, wenn hinter den hermetischen Mauern des Herrscherhauses die Mordopfer sichtbar werden. Archaisch streng ist dieser Bühnenraum wie die Geometrie der konstruktiven Kunst und ebenso zeitlos. Und der rot erleuchtete Türspalt bietet einen grandiosen Auftritt für eine tatsächlich und im übertragenen Sinn auf Kothurnen schreitende Herrscherin Klytaimnestra. Victoria Voss ist zunächst ganz erhabene Monarchin. Nichts deutet darauf hin, dass sie die staatsmännische und private Freude über die glückliche Heimkehr des siegreichen Gatten Agamemnon nur heuchelt. Wenn sie dann aber nach der Mordtat an ihrem Gatten und seiner Geliebten, der Seherin Kassandra erneut auftritt, blutverschmiert, mit wirrem Blick, bricht eine kraftvolle Expressivität aus, wie wir es auf dieser Bühne selten mit solchem Können erlebt haben. Mit hoher Emotionalität gestaltet auch Julia Maronde die Schreckensvisionen der Kassandra, differenziert vom Brechreiz bis zu stoischer Gelassenheit. Auch Olaf Danner, der geheimnisvolle Fremde und ersehnte Retter Orest, ist stark als sanftmütig unerbittlicher Rächer seines Vaters wie als bis zum Wahnsinn von Schuldgefühlen Getriebener. Mit diesen menschlich intensiven Augenblicken wird das Pathos des hohen Tons vermieden. Und auch das präzise einstudierte chorische Sprechen ist durch die Prägnanz der Solostimmen von Gesine Lübcke, Ralf Lichtenberg, Manuela Brugger und Norbert Abele individualisiert aufgebrochen. Nik Neureiter kann ganz auf seine unprätentiöse starke Ausstrahlung als kriegsmüder Held Agamemnon vertrauen, und er bringt eine lächelnde Skepsis gegenüber seiner schmeichlerischen Gattin ein. Sascha Römisch ist ein vital despotischer Thronusurpator Aigisthos mit schaudernd leisen Tönen, wenn er von der schrecklichen Untat der Väter erzählt. Und Vera Weisbrod gibt als Elektra einen eindrucksvollen Einstand in Ingolstadt. Sehr hilfreich vor allem für die Darstellerinnen sind die wirkungsvollen Kostüme, die die Ausstatterin Dorit Lievenbrück entworfen hat. Kassandra und Elektra können sich in ihren weißen und roten Schlauchkleidern verzweifelt dehnen, strecken, verheddern, wie eine Raupe, die ihren Kokon endlich abstreifen will. Und auch die in plissierte Kapuzenumhänge gehüllten Choristen ergeben als steinfarben amorphe Gebilde einen reizvollen Kontrast zur Strenge des Bühnenraums. Es ist ein langer, schwieriger Theaterabend. Gewiss. Die Tragödientrilogie des Aischylos ist ein harter Brocken, der auch in der sprachlich modernen, aber im Versmass gehobenen Textfassung von Peter Stein viel Konzentration abverlangt. Und Kay Neumann macht es uns nicht leicht. Er holt diese Welt der grauenhaften Schuldverstrickung, der Opferrituale und Selbstzerfleischung einer Familie nicht in die anheimelige Gruselatmosphäre von Businesspeople und heutigen Familiensteitigkeiten. Keine Mätzchen, keine gagigen Brechungen. Es mutet schon fast experimentell an, wie ernsthaft in dieser Inszenierung die Fremdheit und Ferne des antiken Mythos gewahrt und nicht auf Daily-soap–Vertrautheit zurechtgestutzt wird. Nur in der Welt der Götter verändern sich der Ton und der Stil der Inszenierung. Apollo und Athene sind zwei verwöhnte Monarchenkinder, die ein bisschen auf Charity machen und sich mit gönnerhafter Verspieltheit des Schicksals dieses von den Erinyen verfolgten Orest annehmen. Ralf Lichtenberg als eine Art Rechtanwalt im weißen Sunnyboy-Outfit, der lässig Hilfe verspricht und die Richter mit seinem Einfluss bei Vater Zeus und Shakehands zu beeinflussen versucht, ohne Verantwortung für den vom ihm angestifteten Racheakt zu übernehmen. Und einfach hinreißend ist Manuela Brugger als Pallas Athene, die als Säulenheilige im weißen Cocktailkleidchen auf einem Podest steht, grazil ihre Arme zu ihrer symbolischen Geste der Waage der Gerechtigkeit schwingen lässt und im leichten Parlando-Ton einen Gerichtshof im modernen Sinne einsetzt: Die Geburt der Demokratie aus einer Art Partylaune der Royals. Welch wunderbare Ironie! Und die Videoarbeit von Thomas Wolter liefert faszinierende perspektivische Spiegelungen dieser Phantasmagorie einer Einbeziehung des Volkes in den politischen Raum. Mit ebenso unwiderstehlichem Charme korrigiert Manuela Brugger als Athene das unentschieden ausgehende Urteil nach eigenem Gutdünken und fordert die alten Rachegöttinnen zur Integration in diesem Stadtstaat auf. Doch dass diese heitere Friedensvision das Trugbild einer Show-Veranstaltung sein könnte, erzählt das Schlussbild. Regisseur Kay Neumann, der zuvor in der Werkstattbühne gezeigt hat, wie präzise er Komödien ausloten kann, hat die große Form mit einem auch sprachlich hochkarätigen Ensemble imposant bewältigt. (Isabella Kreim)