Angriffe auf Anne

von Martin Crimp

Annes Anrufbeantworter spult Nachrichten für sie ab. Besorgte Freunde, Bekannte, pornographische Phantasien. Doch Annes Auftritt findet nicht mehr statt, kein einziges Mal im Verlauf des Stücks. Die Geschichte einer tragischen Liebe offenbar, eines Verrats vor dem Hintergrund politischer Verfolgung. Anne, die Terroristin, kaltblütige Killerin...? Biographie: eine Abfolge vager Spuren, widersprüchlicher Informationen aus zweiter Hand, Fragmente menschlicher Identität. Aus "17 Szenarien für das Theater" hat Crimp das Porträt einer Frau zusammengesetzt, die in ihrer Abwesenheit verharrt. Spielsequenzen, Choreographien, Filmmaterial, Stimmen aus dem Off - leitmotivisch miteinander verflochten - versuchen, ihrer habhaft zu werden, und enthüllen dabei unfreiwillig mehr über diejenigen, die über sie reden. Der Zuschauer wird über Andeutungen gefesselt, ein kaleidoskopischer Angriff auf die moderne Manie, Leben eingrenzen und kategorisieren zu wollen. Wer ist Anne? Künstlerin, Pornoqueen, Mutter, Mörderin oder Automarke? Der Informationsüberfluss zerstört die Identität von Anne, zerbricht sie in multible Splitter, ohne inneren Zusammenhalt und doch mit Berührungspunkten. Angriffe auf Anne zielt auf die Grundfeste westlicher Zivilisation, auf die Rationalität des Denkens: "what you see is what it is"? Es zielt auf das Vertrauen in die heile Welt und die Unversehrtheit und Unzerstörbarkeit von Statussymbolen, als Zeichen eines positiven Weltbildes. Es ist ein Angriff auf die vielbeschworenen Superlativen der Werbe- und Medienwelt, ein Angriff auf das Vertrauen in die Kontrolle der Bilder. Die Unverrückbarkeit von Wahrheit.
Regie: 
Jana Jeworreck
,
Kleines Haus