Der Kontrabass

Komödie von Patrick Süskind

Patrick Süskinds 1981 veröffentlichter Einakter ist der furiose Monolog eines mittelmäßigen Berufsmusikers in einem Opernorchester, der in seiner schallisolierten Wohnung dem Publikum einen Vortrag über den Kontrabass hält. Sind es zu Beginn noch flammende Lobreden auf sein Instrument, werden seine Elogen mit zunehmender Spieldauer und fortschreitendem Bierkonsum - gegen den „wahnsinnigen Flüssigkeitsverlust“! - immer brüchiger und schlagen schließlich ins Gegenteil um: Der Kontrabassist entpuppt sich als einsamer Eigenbrötler und Stubenhocker, der sein omnipräsentes Instrument und seinen Beruf zutiefst hasst. Seine Gefühle projeziert er auf die junge Sopranistin Sarah, die er allerdings nie angesprochen hat. Wenn sie auf der Bühne ist, spielt er besonders schön (soweit das auf dem Kontrabass möglich ist), ohne sich ihr bemerkbar machen zu können. Doch heute Abend, bei der RHEINGOLD-Festspielpremiere, will er sein Leben verändern und inmitten der laufenden Vorstellung lauthals ihren Namen rufen. Patrick Süskind (»Das Parfüm«) gewährt uns in seinem brillanten und unterhaltsamen Monolog einen Einblick in das widersprüchliche (Innen-) Leben eines Kontrabass spielenden Mannes und seines Instrumentes, das für ihn Freund und Feind, Geliebte und Verhinderer eines selbst bestimmten Lebens ist.
Regie: 
Dominik von Gunten
Bühne: 
Marion Hauer
Kostüme: 
Marion Hauer
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 105 Minuten
KULTURKANAL INGOLSTADT – 03.12.2007
SÜSSKIND/DER KONTRABASS
Beim Applaus deutet der Darsteller Matthias Winde auf seine einfühlsame Souffleuse Ulrike Deschler, fordert sie auf, sich mit ihm zu verbeugen. Eine schöne Dankesgeste eines Schauspielers, der einen 1 ¾ Stunden-Monolog zu bewältigen hat, an seine einzige Stütze bei dieser mentalen Parforce-Tour. Ein Abend für einen Schauspieler und eine Souffleuse ist „Der Kontrabass“ natürlich nicht geworden, sondern ein bewundernswerter Soloabend für Ingolstadts „Faust-Darsteller, der nach einem Jahr Theaterpause derzeit auch in Yasmina Rezas „ Gott des Gemetzels“ wieder im Theater Ingolstadt zu erleben ist. Matthias Winde spielt den namenlosen Kontrabassisten, der nachmittags vor der Vorstellung in seiner mit Schallschutzwänden akustisch von der Außenwelt isolierten Wohnung monologisiert. Er bügelt sein Hemd, ernährt sich mit einer grauenhaften Mischung aus Hähnchen, Chips und Schokosahne-Dessert und trinkt jede Menge Bier gegen den Flüssigkeitsverlust in seinem Job, legt Platten auf und führt dabei Selbstgespräche. Er erzählt von sich und seinem Kontrabass. Mit glänzenden Augen und triumphalen Gesten schwärmt er von der fundamentalen Bedeutung des Kontrabasses als Stütze des Orchesters, mit pfiffigem Kantinenhumor schwadroniert er, wie man als Kontrabassist den Dirigenten ignoriert, mit professoraler Akribie doziert er über die musikgeschichtliche Entwicklung seines Instruments, stolz wie ein Gastgeber seine attraktive Frau führt er sein menschengroßes Instrument vor. Doch sobald er den Bogen nimmt und ein paar Töne streicht, kommt Missmut in seine Miene: Unmöglich auf diesem Monstrum schöne Töne zu erzeugen, von solistischen Herausforderungen ganz zu schweigen. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr erweist sich die 30 Jahre lange Partnerschaft mit dem Instrument als Hassliebe, als eher zufällig geschlossene Zwangsehe, die unauflöslich erscheint. Denn dieser Kontrabassist ist ein verbeamteter Musiker in einem Staatsorchester, unkündbar. Trotz sadistischer Mordgelüste, das Instrument eines Tages klein zu hacken, zu erschlagen: Er wird dieses hinderliche Ungetüm nicht loswerden um frei zu sein für eine andere Partnerschaft, für eine Frau. Alles wird so bleiben für die nächsten 20 Jahre seines Berufslebens. Diagnose: Festanstellungs-Psychose. Herrlich, wie uns Matthias Winde vom interessanten Bildungsangebot über sarkastischen Musikerwitz, pfiffig-eigenwillige Ansichten über Mozart oder Wagner zum verständnisvollen Komplizen seiner Hassliebe zu seinem Instrument trägt und uns an den Schrullen eines eigenbrötlerischen Singles teilnehmen lässt, wie er diesen Musiker zum Alleinunterhalter in verschiedenen Rollen macht, und doch diese eine tragikomische Figur bleibt. Eine Figur, die schließlich ihr Innerstes preisgibt. Die schwärmerische Liebe zur jungen Mezzosopranistin am Haus, mit der er wortgewaltig zunächst eine ideelle Vereinigung des tiefsten und des –beinahe- höchsten Instruments als mystische Symbiose der Gegensätze feiert, um dann frustriert zuzugeben, dass die Sängerin ihn gar nicht wahrnehmen kann, weil er auf der untersten Stufe der Hierarchie im Gesellschaftssystem Orchester steht. Sie wohnt in anderen Hotels als die Musiker, geht lieber mit Solisten aus. Ob er besonders schön spielt oder besonders falsch – nie wird er ihre Aufmerksamkeit erregen. Außer er wagt es wirklich, mitten in das Vorspiel hinein, ihren Namen „Sarah“, zu schreien. Es ist das Psychogramm eines Vereinsamten, eines trotz oder wegen seiner abgesicherten Existenz Frustrierten, der von seinem Leben keine Überraschungen mehr erwartet. Ausstatterin Marion Schauer hat ihm einen öden Wohnraum gebaut, hässlich verschmuddelte gelbe und grünblaue Lärmschutzplatten, ein Sofa, ein Kühlschrank, 2 Küchenstühle, alles fast farblos – beige wie die Freizeitkleidung des Musikers. An vielen schönen Details zeigen Regisseur Dominik von Gunten und Marion Schauer, dass auch die Haushaltsführung dieses Kontrabassisten in praktischen, aber freudlosen Ritualen erstarrt ist. Die Kontrabassbögen hängen an unschönen Kleiderhaken, den Flaschenöffner trägt er am Gürtel und entsorgt die Kronkorken fast automatisiert in einem Mini-Abfalleimer auf dem Kühlschrank. Das Notenpult lässt sich routiniert als vielseitig verwendbarer Drehtisch benutzen, das Dampfbügeleisen wird aus einem Wasserkanister mit Ansaugschlauch gefüllt, den Wasserrest bekommt der Minikaktus an der Wand. Und der Kontrabass wird zur meist in die Ecke gestellten, manchmal auf dem Sofa Platz nehmenden und schließlich verzweifelt vergewaltigten Ersatz-Frau. Wirklich tragisch aber wird die hoffnungslos stagnierte Lebenssituation dieses Menschen kaum. Denn Regisseur Dominik von Gunten hat die imaginären Ansprechpartner dieser Selbstgespräche durch das Publikum ersetzt. Der Musiker wendet sich durchgängig direkt an die Zuschauer und gewinnt damit natürlich auch Distanz zu sich selbst, zu seiner Selbstversponnenheit. Die Dame in der ersten Reihe fragt er, ob sie von diesen durch Hornhautschwielen empfindungslos gewordenen Kontrabassistenhand gestreichelt werden wolle, den Herrn der älteren Generation nimmt er beschwichtigend bei einer Passage über das Führerprinzip ins Visier. Und als running gag signalisiert er mit einem Zusammenkneifen der Augen, dass jetzt wieder ein Schluck Bier fällig ist. Die traurige Absurdität dieser Selbstgespräche an nicht vorhandene Gegenüber wird dadurch zur kabarettistischen Performance eines guten Entertainers. Ich halte dies für eine problematische Regieentscheidung, weil es den Protagonisten zu einem Profi der Kommunikation anstatt zu einem Opfer seiner Kontaktlosigkeit macht. Darin liegt ja gerade der vertrackte Witz von Patrick Süßkinds Text, dass dieser Kontrabassist niemanden hat als sich selbst, vor dem er all sein musikgeschichtliches Wissen produzieren und dem er seine private Verzweiflung anvertrauen kann. Amüsant und hinreißend gespielt ist dieser Solo-Theaterabend dennoch. Im Programmheft findet sich übrigens kein Wort über den Autor des Erfolgsromans „Das Parfum“, keine Information über das bereits 1981 entstandene Stück, dafür schöne Texte über das Orchester im Allgemeinen und Instrumentalisten im Besonderen. (Isabella Kreim)