Some Girl(s)

Schauspiel von Neil LaBute

Kurz vor seiner Hochzeit fährt ein Mann, Anfang dreißig, - er ist Schriftsteller - durchs Land und verabredet sich in verschiedenen Hotelzimmern mit einigen Ex-Freundinnen. Er unternimmt diese Reise in die Vergangenheit, um, so sagt er, ein paar Dinge „geradezubiegen.“ Oder will er einfach sichergehen, dass er nichts verpasst hat? Er trifft seine erste Highschool-Freundin (Sam in Seattle), eine stürmische Affäre an der Uni (Tyler in Chicago), eine Frau, die schon damals verheiratet war (Lindsay in Boston), und die, die vielleicht die richtige gewesen wäre fürs Leben (Bobbi in Los Angeles). Die Begegnungen verlaufen anders als erwartet. Es gibt alte Verletzungen und offene Rechnungen. Jeder steht an einem anderen Punkt im Leben, als die Vergangenheit plötzlich im Raum steht… „Ein Stück, das an wunde Punkte rührt und in dem LaBute brillant jene Mischung aus Verlegenheit und Vorfreude zeigt, die Reisen in die Vergangenheit meist begleitet. Elegant beschwört er das Aufflackern längst vergessen geglaubten Begehrens, die Trauer und Verletzungen, die unter der scheinbaren Unverbindlichkeit solcher Treffen liegen, und seziert die gescheiterten Lieben mit klinischer Kälte in knappen, aufgeladenen Dialogen ... Er legt den Opportunismus der Figuren bloß, ihre beiläufige Grausamkeit und chronische Selbsttäuschung.“ (Daily Telegraph) „Ein lebensnahes Porträt, und ein doppelbödiges neues Prunk- und Prachtstück von Neil LaBute: Nachspielen, unbedingt nachspielen!“ (dpa zur deutschen Erstaufführung in Essen) Neil LaButes Stücke gehören zu den international erfolgreichsten Gegenwartsdramen der letzten Jahre. Ebenfalls in der Werkstattbühne haben wir bisher „bash – Stücke der letzten Tage“ (2002) und „Das Maß der Dinge“ (2004) gezeigt. „Some Girl(s)“ wurde 2005 in London uraufgeführt; die deutschsprachige Erstaufführung war im Oktober 2006 am Wiener Akademietheater.
Regie: 
Kay Neumann
Bühne: 
Susanne Pische
Kostüme: 
Susanne Pische
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 120 Minuten
KULTURKANAL INGOLSTADT – 29.01.2008
LaBute: Some Girl(s)
Es kann superpeinlich aber auch ziemlich prickelnd sein, nach vielen Jahren die Begegnung mit einer früheren Liebe herbei zu führen. Und besonders heikel sind natürlich die Fälle, in denen man(n) Hals über Kopf das Terrain verlassen, vieles Unausgesprochene und vor allem vermutlich Verletzungen hinterlassen hat. Der männliche Protagonist in Neil LaButes Theaterstück „Some Girl(s)“ tut genau das. Kurz vor seiner Eheschließung sucht er die wunden Punkte seiner Beziehungsvergangenheiten auf. Das heißt, er fliegt von N.Y. nach Seattle, Chicago, L.A. und Boston und bittet vier Frauen zu einem Rendezvous in ein Hotelzimmer, bei denen ihm vage Gewissensbisse geblieben sind, weil er sich meist fluchtartig aus dem Staub gemacht hat. Eine interessante Versuchsanordnung, mit der Neil LaBute sehr subtil und vielschichtig dem Umgang mit vielleicht vertanen Chancen im Leben, der unterschiedlichen Erinnerung zweier Menschen, die dasselbe miteinander erlebt haben, der unterschiedlichen Verarbeitung von Schmerz und Verletzung, den Erwartungen an die Liebe und schließlich der Frage nach Schuld und Vergebung nachspürt. Und zwar ganz unpathetisch, mit einfachen, aber untertextreichen Dialogen und sogar mit der zarten unfreiwilligen Komik, die der Tragödie aus einem neutraleren Blickwinkel so nahe ist, und die sich der Autor von den Meistern der komischen Alltagstragödien irgendwo zwischen Billy Wilder, Woody Allen und Eric Rohmer abgeguckt hat. Komisch ist natürlich die gegenseitige Verlegenheit dieser Erstbegegnungen nach vielen Jahren, komisch ist auch, wenn die Frauen meist souveräner reagieren, als es der Frauenheld befürchtet oder erwartet. Oder wenn er, der Schriftsteller eines literarischen Expertenwerks mit dem Titel „Mathematik der Begierde“, um Worte und genaue Formulierungen ringt, um zu erklären, warum er eigentlich gekommen ist. Und ihm die Frauen dann analytisch scharfe Theorien seiner eigentlichen Motive liefern. Regisseur Kay Neumann, der bereits bei „Sechs Tanzstunden in sechs Tagen“ in Ingolstadt gezeigt hat, wie differenziert er Situationen und Befindlichkeiten auf der Werkstattbühne sichtbar machen kann, gelingt bei diesem um Klassen besseren Stück eine wunderschöne Theateraufführung, bei der keine Wünsche offen bleiben, und alle Darsteller sich im besten Sinne untheatralisch mit ihren persönlichen Stärken einbringen können. Alle Figuren werden gleichermaßen ernst genommen, ausgelotet und durch kein Klischee herabgewürdigt. Ganz wichtig: Aurel Bereuter, der namenlose Mann, wird nicht als machohafter Weiberheld gezeichnet, der nur gekommen ist, um zu checken, ob ihm diese Frauen alle noch nachtrauern, und ob nicht vielleicht etwas Besseres dabei war als die junge Frau, die er nun zu heiraten gedenkt. Das will er natürlich auch. Vor allem aber weiß er selbst nicht so genau, was er sich eigentlich von dieser Reise in die Vergangenheit verspricht. Vielleicht eine Stoffsammlung für sein nächstes literarisches Werk? Oder tatsächlich ein Innehalten zum Zweck der Selbsterkenntnis und Fehlervermeidung vor dem nächsten wichtigen Lebensabschnitt, seiner Heirat? Allein in diesem Motivgeflecht der Hauptfigur erweisen sich die Qualitäten dieses Stücks, und Aurel Bereuter fächert sie ganz wunderbar auf. Die Verlegenheiten und Unsicherheiten des Wiedersehens, den verführerischen Charme, mit dem sich vergangenes Glück heraufbeschwören lässt, das Zögern, die Türen des unangenehmen Teils dieser Vergangenheit wirklich ehrlich aufzustoßen. Wunderbar, wie sich Bereuter in widersprüchlichen Gefühlen verheddert, wie er zwischen lockerer Vertrautheit und unverbindlicher Distanz schwankt, zwischen dem Wunsch noch immer geliebt zu werden und der Angst davor, sich damit erneut auf komplizierte Situationen einlassen zu müssen. Er versucht, die ständigen Irritationen zu überspielen, und gerät doch immer wieder ins Straucheln über die unerwarteten Reaktionen der Frauen. Denn diese Frauen erweisen sich keineswegs als Opfer, die ihr Leben lang unter der Trennung von diesem offenbar charmanten und auch karrierebewussten Traummann leiden. Zwar hat keine die Verletzung, verlassen worden zu sein, vergessen oder verdrängt, aber sie machen kein Drama daraus. Keine Verzweiflungsausbrüche, keine hysterischen Szenen, keine Verbitterung, sie drohen ihn nicht zu .zerfleischen, lassen ihm aber auch keine Ausflüchte durchgehen. Der Schauplatz ist immer das gleiche Hotelzimmer mit der typischen Standardausstattung von Hotelketten , Preisklasse Minibar und Fön, das Ausstatterin Susanne Pische auch mit einigen witzigen wechselnden Details wie dem zur jeweiligen Ex durchaus passenden Bild über dem Bett, unterschiedlichen Zimmernummern, oder dem Vertauschen von Tür und Einbauschrank leicht angeschrägt in die Werkstattbühne gebaut hat. Und Regisseur Kay Neumann lässt das zentrale Möbelstück, das Doppelbett, von einem Zimmermädchen jeweils unterschiedlich auf- oder abdecken. Und er gibt in den Zwischenakten den vier verschiedenen Frauen sehr unterschiedliche Ausgangssituationen für den ersten Blickkontakt, die mal förmlichere und mal herzlichere erste Begrüßung. Die zur Vergeltung entschlossene steht unbeweglich im Trenchcoat wie ein Kommissar vor der entscheidenden Entlarvung des Täters am Tatort, die Konventionelle klopft brav an der Tür, die Cooleren fletzen sich schon mal erwartungsvoll in einen Sessel. Und übrigens tragen auch die Kostüme zur Charakterisierung der vier Frauen ganz hervorragend unaufdringlich bei. Sam, die Highschool-Liebe in Seattle: Mit neugierigem Staunen und dem geschäftsmäßigen Organisationsdruck einer Ehefrau und Mutter geht Julia Maronde zu diesem Treffen, den Autoschlüssel immer zum schnellen Absprung in der Hand. Zunächst eher amüsiert, und ein wenig empört über diese reichlich verspätete Aussprache nach 15 Jahren, nutzt sie ihre Chance. Streng und ruhig wie eine Mutter bei Erziehungsproblemen und dann wieder mit sanfter Engelsgeduld, hinter der die Verletzlichkeit des jungen Mädchens versteckt ist, das sie einmal war, versucht sie ihm das Leugnen über den wahren Grund seines Absprungs, natürlich ein anderes Mädchen, auszutreiben. Manuela Brugger spielt Lindsay, die bereits zum Zeitpunkt ihrer Affäre verheiratete Universitätsdozentin in Boston. Sie will Vergeltung und sie zieht ihren Plan kalt lächelnd durch. Manuela Brugger spielt diese infame Rache ganz wunderbar süffisant und souverän. Frech und fröhlich schneit Tyler herein, unkompliziert will sie ihn gleich wieder verführen,. Kaja Schmidt-Tychsen gibt ein flippiges Mädchen mit scharfem Verstand, das sich über seine Gewissensbisse mokiert, ihm lässig die Absolution erteilt und dann doch an der Verletzung zu knabbern hat, als sie erst in diesem Moment begreift, was sie damals nicht wahrhaben wollte. Das sie immer nur die Nr. 2, nur ein Ersatz für eine andere Liebe war. Für Bobbi, die wir in der letzten Szene kennen lernen. Veronica Voss spielt eine vernünftige, selbstbewusste Ärztin, heiter, charmant und einfühlsam auch dann noch, wenn sie unversehens das Seziermesser zückt, eine fingierte Todesnachricht überbringt, um die Wahrheit herauszufinden über den Mann und ihre Zwillingsschwester. Und die dann doch etwas ratlos wird, wenn der Mann sie als Liebe seines Lebens erklärt und seine Heiratspläne über Bord zu werfen scheint. Manuela Brugger und Veronica Voss haben sich nach ihren Babypausen wieder eindrucksvoll ins Ensemble des Theaters Ingolstadt gespielt. Hat der Mann etwas gelernt? Wohl kaum. Aber er hat genug Stoff gewonnen für ein nächstes literarisches Werk über die subtilen und unvorhersehbaren Finessen der Beziehungs-Vergangenheitsbewältigung. Und davon profitieren auch die Zuschauer. Ein Abend zum Schmunzeln aber auch zum nachdenklich werden – Parallelen zu eigenen unbequemen Erfahrungen nicht ausgeschlossen. Man kann "Some Girls" in der Werkstattbühne als kleine Kostbarkeit unter den derzeitigen Ingolstädter Theaterproduktionen nur weiter empfehlen. Isabella Kreim