Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Komödie von Richard Alfieri

Die wohlhabende Lily Harrison bestellt sich über eine Agentur einen Tanzlehrer ins Haus. Ein verschleierter Versuch, der Einsamkeit zu entfliehen. Michael Minetti ist ein arbeitsloser, schwuler Revuetänzer; ein zerrissener Typ, der sein Leben nicht meistert - und allein, wie Lily. Sie ist alt. Er ist jung. Sie trinkt Schonkaffee. Er nimmt „Vitamine“. Sie ist die Frau eines engstirnigen Baptistenpredigers und ehemalige Lehrerin. Und nun beginnt ein abendfüllendes Kräftemessen von Führen und Geführtwerden. Sie schenken sich nichts. Er nennt sie: "eine verknöcherte alte Schachtel". Sie fährt ihn an: "Michael, schreien Sie nicht so - das gilt auch für Ihr Hemd." Zwei Temperamente treffen wie Urgewalten aufeinander. Kampf ist angesagt zwischen den beiden, die dem Leben abhanden kamen und die nun im Tanz wieder Tritt fassen. Zunächst gibt er den coolen Muntermacher und selbstbewussten Dienstleister, bevor Tanzschritt für Tanzschritt die Fassade bröckelt und ein zutiefst verunsicherter, gleichwohl liebenswerter Mann erscheint. Mit jeder Drehung kommen sich die Beiden ein bisschen näher und kreuzen derweil mit Schlagfertigkeit und Sarkasmus die Klingen. Warum, so fragt sich der unvorbereitete Zuschauer, lässt sich diese elegante Lady Lügen und Beleidigungen von so einem frechen Kerl gefallen, und warum kommt der junge Mann immer wieder zurück, obwohl sie ihm jede Verletzung tüchtig heimzahlt? Antwort: Die beiden tanzen eben nicht nur gut zusammen, sondern zwischen ihnen schwingt ein geheimnisvolles Pendel, das ihre Schicksale mit einem feinen Seelenband aneinander bindet. Rein freundschaftlich - und ohne echtes Happy End. Zwischen Swing, Wiener Walzer, Cha-cha-cha, Tango, Foxtrott und modernem Tanz begegnen sich in einer pointenreichen Konfrontation zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und das, was zwischen ihnen entsteht, könnte man als eine der ungewöhnlichsten Liebesbeziehungen bezeichnen! In leichtfüßigen, schnellen Dialogen erzählt SECHS TANZSTUNDEN IN SECHS WOCHEN vom Altern, von verpfuschten Lebensentwürfen, misslungenen Liebesbeziehungen und Einsamkeit. Vor allem aber vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen zwei komplizierten Charakteren - und von der Entdeckung eines der charmantesten Tanzpaare seit Ginger Rodgers und Fred Astaire. Ein Stück von exakt gesetzter, unsentimentaler Leichtigkeit, wie sie Tragikomödien im schönsten Fall auszeichnet. Richard Alfieri studierte in Yale und begann seine Theaterkarriere in New York. Er hat Drehbücher, Theaterstücke und den Roman „Ricardo - Diary of a Matinee Idol“ geschrieben, der später die Vorlage für sein Drehbuch zu dem Film „Moonlight Blinde“ war. Richard Alfieris Drehbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Für „Harvest of Fire“ sowie für den Emmy-nominierten Film „I Love Liberty“ erhielt er jeweils den „Writer's Guild Award“; „A Friendship in Vienna“, den Alfieri auch produzierte, wurde ebenfalls für den „Writer's Guild Award“ nominiert und erhielt den „Grand Prize“ des „New York FIlm and Television Festival“. Richard Alfieri hat bisher zwei Theaterstücke geschrieben, „The Sisters“, das 2004 nach Alfieris Drehbuch auch verfilmt wird und „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Six Dance Lessons in Six Weeks), für das bei Universal Pictures ebenfalls eine Verfilmung in Vorbereitung ist.
Regie: 
Kay Neumann
Bühne: 
Dorit Lievenbrück
Kostüme: 
Dorit Lievenbrück
Choreografie: 
Heike Fischer-Bergemann
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 135 Minuten, mit Pause
KULTURKANAL INGOLSTADT – 08.10.2007
Sechs Tanzstunden in sechs Wochen
„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ ist eines jener typisch amerikanischen Boulevardstücke, das in einem witzigen Schlagabtausch zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft, hier ältere reiche Witwe und junger flegelhafter schwuler Revuetänzer, so ziemlich alle Lebensprobleme und Schicksale streift. Aber eben nur streift. Vorurteile gegen Schwule und streng religiöse Baptisten, Abtreibung, Alzheimer und Krebs, Liebe, Tod und Einsamkeit - nichts ist ausgelassen. Und so entsteht eine Mischung aus flottem Dialog und gefühlvoller Schicksalsbewältigung, kurz: ein unterhaltsamer Lebensratgeber-Abend, dessen wohltuende Wirkung darin besteht, dass der Zuschauer mit dem Gefühl das Theater verlassen kann: So mies geht es mir nicht wie den Figuren auf der Bühne, mindestens die Hälfte dieser Probleme und Schicksalsschläge hat mich noch nicht getroffen, und selbst die bedauernswerten Leidgeprüften auf der Bühne gehen doch recht erheiternd damit um. Fürs Verpacken dieses Rezept braucht es eine originelle Grundkonstellation. Bei Richard Alfieri ist dies: Eine wohlhabende Witwe im Rentnerparadies Florida, Appartement mit Meerblick, mietet sich einen jungen Tanzpartner für sechs Tanzstunden in sechs Wochen in ihre Wohnung. In sechs Bildern und einem Nachspiel erleben wir die Lektionen Swing, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha und Disco und schließlich einen Blues als Ausklang außerhalb der Unterrichtsstunden. Und in diesen eigentlich 7 Etappen erfahren wir von den Lebenskatastrophen der beiden und erleben den Zoff und die Annäherung zweier Menschen, die normalerweise keine fünf Minuten Interesse aneinander hätten. Auch dies soll Mut machen. Den „besonderen“ Menschen kann man auch in ganz absonderlichen Situationen finden. Haltet durch und gebt euch sechs Chancen in sechs Wochen! Es muss hier nicht alles erzählt werden, was sich die beiden Schritt für Schritt und Tanz für Tanz aus ihrem Leben erzählen. Denn fast nichts ist ausgelassen. Beide gestehen, dass sie ihren Ehepartner nur erfunden haben, Michael gesteht, dass er schwul ist. Und der Baptistenpredigergatte von Lily ist seit 6 Jahren tot. Beide gestehen, dass sie einsam sind. Michael erzählt, dass er seine Alzheimerkranke Mutter gepflegt hat. Lily hat ihre Tochter durch eine Abtreibung verloren, Michael seine große Liebe durch Krebs. Die Nachbarin stirbt, und am Schluss wird auch noch Lily an Krebs sterben. Aber vorher gucken sie noch in den Sonnenuntergang, und Michael wird in dem Sohn der verstorbenen Nachbarin einen neuen Partner finden. Dies ist Meterware aus dem Playwriting Store, im dutzend billiger auf die Figuren drapiert. Soap mit gekonnt komponierter süß-saurer Soße. Was dieses Stück trotzdem wirklich unterhaltsam macht, ist, den beiden Darstellern Gesine Lübcke und Olaf Danner zuzusehen. Regisseur Kay Neumann hat jede Nuance, jeden Untertext, jeden subtilen Witz und jede verborgene Regung der Figuren aus diesem Stück herausgekitzelt und damit das Sammelsurium der Klischees zu spannenden Psychogrammen vermenschlicht, ohne den Spaß an Bühnenkrächen und Missverständnissen zu vernachlässigen. Ausstatterin Dorit Lievenbrück trägt einen sehr eleganten Bühnenraum mit Parkettboden, Vogeltapete, Teppich, Sofa und Palme und desto schreiendere Kostüme für die jeweiligen Tanzstile bei. Michael als Zorro für Tango, Michael mit Silberpaillettenhemd für Foxtrott, Michael im Hawaihemd für moderne Tänze: knallige Komödiensprengsel zu jedem Szenenbeginn, zu jeder neuen Tanzstunde. Was die Dialoge wirklich witzig macht, ist Gesine Lübckes Mimik. Die gestrenge Lehrerin, die sie einmal war, kanzelt einen vorlauten Schüler ab und sie schmunzelt gleichzeitig über ihr altes Rollenmuster. Verzagt kann sie sein und glamourös, strahlend jung und mit supereleganten Bewegungen swingt und walzert und foxtrottet sie übers Parkett und ist Sekunden später eine alte todkranke lebensmüde Frau. Wunderbar, wie Gesine Lübcke uns die Geheimnisse dieser Frau vorausahnen lässt und uns eine vielschichtige Figur offenbart. Olaf Danner, mit schwarzer Perücke auf Latin Gigolo getrimmt, überspielt mit draufgängerischer Impulsivität den Lebensfrust dieses abgehalfterten Revuetänzers und pokert mit Strenge und Mitgefühl. Das An- und Ausziehen der Lack-Tanzschuhe und das Wohin-mit-dem-Kaugummi-Spiel sind running gags, die den Tiefschürf-Situationen immer wieder komödiantische Leichtigkeit geben. Heike Fischer-Bergemann hat die Tänze einstudiert. Aber nicht nur das. In den Tänzen spiegelt sich Lilys Suche nach einem Partner, nicht nur nach Unterricht in Standardtänzen. Zögerlich macht sie die ersten Tango- oder Foxtrottschritte, als müsste sie die Schrittfolgen tief aus der Erinnerung an ihre Jugendzeit holen um wenig später euphorisch und beglückt ihr Körpergefühl auszutoben. Viel Reizvolles ist also zu sehen in diesen „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ in der Werkstattbühne des Theaters Ingolstadt. Dr. Isabella Kreim
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 08.10.2007
WER TANZT, IST NICHT ALLEIN
Ingolstadt "Es ist schon schwer, alleine zu sein - noch schwerer aber ist es, unter Menschen zu gehen" sagt die Baptistenwitwe Lily. Und deshalb engagiert sie sich einen Lehrer für "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen". Am Samstag hatte das Zwei-Personen-Stück in der Werkstattbühne des Theaters Ingolstadt Premiere. Die 72-Jährige hätte diese Lektionen eigentlich gar nicht nötig - ihre Tanzkenntnisse sind up to date. Aber viel mehr braucht die in einem luxuriösen Senioren-Ghetto in Florida wohnende Lily Kontakte, menschliche Kontakte, Anteilnahme, Mitfühlen. Genauso wie der desillusionierte Ex-Broadway-Tänzer Michael, den ihr die Vermittlungsagentur schickt. Zwei Menschen unterschiedlicher Generationen und völlig unterschiedlicher Herkunft - und doch in einem vereint: Gefangen in sich selbst, in ihren Lebenslügen, aber auch in ihren Träumen und vagen Hoffnungen. Der 1952 geborene New Yorker Richard Alfieri hat sein Stück eine Komödie genannt. Natürlich, das ist es, aber nur auch: Mitunter gelingen ihm zwar Dialogsequenzen, die an den großen Neil Simon erinnern und auch an den jungen Woody Allen. Aber in erster Linie ist "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" ein ernstes, berührendes, ja eigentlich zutiefst trauriges Stück - es geht um die Einsamkeit, es geht um das Älterwerden, es geht um die Angst vor dem Leben überhaupt. Olaf Danner gibt den cholerischen, schwulen Tanz-Coach: Manchmal zu laut, zu "prollig", da dann leider gefährlich nahe an der Klamotte. Regisseur Kay Neumann hätte hier korrigierend eingreifen, "dämpfen" müssen. Anders die wunderbare Gesine Lübcke: Da stimmt jedes kleine Lächeln, jede kleinste Geste: Olaf Danner "spielt", Gesine Lübcke "ist"! "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" in Ingolstadt: Boulevard mit sentimentalem Tiefgang! (Peter Skodawessely)