Der nackte Wahnsinn

Komödie von Michael Frayn

„Von hinten war es komischer als von vorne“, befand Autor Michael Frayn, als er von der Seitenbühne aus der Aufführung eines seiner erfolgreichen Stücke zusah. Und schrieb daraufhin die Kultkomödie schlechthin, die turbulente Farce „Der nackte Wahnsinn“. Grand-Theatre, Weston-super-Mare. Noch 24 Stunden bis zur Premiere von Nothing on, dem neuen Stück von Erfolgsautor Robin Housemonger. Es ist Generalprobe und Regisseur Lloyd Dallas mit seinen Nerven am Ende. Die Türen im Bühnenbild klemmen, die Requisiten sind nicht am rechten Ort und die Darsteller hadern mit ihrem Text. Und das bei einem Stück, bei dem Timing alles ist. Denn Nothing on ist eine turbulente Boulevardkomödie um einen Hausbesitzer, der sich auf der Flucht vor der Steuerfahndung ins eigene Haus schleichen muss, seine Haushälterin, die sich auf einen ruhigen Fernsehnachmittag freut, um den Angestellten einer Maklerfirma, der das vermeintlich leer stehende Haus mit seiner Freundin für ein Schäferstündchen nutzen will, einen Einbrecher, der in dem ganzen Trubel seine Tochter wieder findet, und um einen Ölscheich, der gar keiner ist. Doch was unter Zeitdruck geprobt wurde, droht kurz vor der Premiere im Chaos zu versinken. Nur mit Mühe erreicht das Ensemble das Finale des ersten Aktes. Und dabei bleibt es auch. Denn mehr als den ersten Akt von Nothing on bekommt der Zuschauer von DER NACKTE WAHNSINN nicht zu sehen. Dafür aber gleich dreimal. Und als besonderer Clou des Abends: auch was hinter der Bühne passiert. Theatre-Royal, Ashton-under-Lyne. Einen Monat später. Nachmittagsvorstellung. Das Bühnenbild ist um 180° gedreht und was dem Zuschauer sonst peinlichst verborgen bleibt, wird nun schonungslos offen gelegt. Zwischen den Auftritten tragen die Schauspieler ihre privaten Liebesaffären und Eifersüchteleien aus. Da werden Stichwörter verpasst, Kollegen schikaniert und Requisiten vertauscht. Natürlich nicht ohne Folgen für das Bühnengeschehen. Und schließlich Stadttheater, Stockton-on-Tees. Wiederum zwei Monate später. Letzte Vorstellung. Die totale Katastrophe… Das Markenzeichen des britischen Dramatikers, Erzählers, Satirikers und Journalisten Michael Frayn (geboren 1933) ist sein spritziger, intelligenter Humor. Inspirationen für seine Werke (philosophischer und komischer Art) holt sich der Brite aus seinen Erfahrungen als Journalist. Von 1957-62 schrieb Frayn für den „Manchester Guardian“, danach für den „Observer“, auch als Auslandskorrespondent. In den 70er Jahren schreibt er erste eigene Thea-terstücke und Filmdrehbücher. Einen internationalen Durchbruch erzielt er 1982 mit „Der nackte Wahnsinn“, für den er zahlreiche Auszeichnungen erhielt.
Regie: 
Peter Rein
Bühne: 
Bodo Demelius
Kostüme: 
Bodo Demelius
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 165 Minuten, mit Pause
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 28.01.2008
TEMPO, TEMPO!
Gegen Ende, nach fast drei Stunden, lässt Autor Michael Frayn den Regisseur Lloyd Dallas sagen: "Wir konzentrieren uns jetzt auf die Türen und auf die Sardinen. Auftritte, Abgänge. Sardinen rein, Sardinen raus. Das ist Farce. Das ist Theater. Das ist Leben." Und das ist: "Der nackte Wahnsinn", mit Sicherheit der kommende Publikumsrenner des Theaters Ingolstadt. Am Samstag hatte hier die irrwitzige Boulevardkomödie umjubelte Zweitpremiere. Zweitpremiere deshalb, weil der Wahnsinn schon vor über 20 Jahren an der Donau für ein stets ausverkauftes Haus gesorgt hatte - wie auch auf fast allen anderen deutschen Bühnen, die den 1982 in London uraufgeführten Theater-insider-Spaß spielten. Ingolstadts Intendant Peter Rein hat "Noises off" - so der Originaltitel - wieder "ausgegraben" und die Regie übernommen. Er setzt dabei nicht auf Psychotiefgang, sondern - richtig so! - auf Tempo, Tempo, Tempo. Nahezu pausenlos lässt er seine Akteure kreuz und quer über die Bühne flitzen - artistische Slapstick-Einlagen mit heruntergerissenen Hosen und zusammengebundenen Schnürsenkeln inclusive. Die neun Schauspieler auf der von Bodo Demelius ausgeklügelt und zweckmäßig gebauten Bühne schreien, gestikulieren, chargieren, grimassieren sich - treppauf, treppab, Türe auf, Türe zu - die Seele aus dem Leib. Gesine Lübcke, Daniel Breitfelder, Sabine Osthoff (als Gast), Sacha Römisch, Chris Nonnast, Nobert Aberle, Matthias Winde, Susanne Engelhardt und Ulrich Kielhorn dabei zuzusehen, ist ein herrliches Vergnügen! (Peter Skodawessely)
KULTURKANAL INGOLSTADT – 29.01.2008
Frayn: Der nackte Wahnsinn
Zur Faschingszeit ein Klamauk-Knüller auf der Ingolstädter Bühne: „Der nackte Wahnsinn“, Michael Frayns seit 25 Jahren erfolgreiche Klamotte über den Aberwitz des Theaters vor und hinter den Kulissen. Nichts ist komischer, als zu sehen, wie Menschen verzweifelt versuchen, Fehler und Pannen zu überspielen und zu vermeiden - und zu verfolgen, wie jeder Fehler, jede Schlamperei unweigerlich die nächsten Katastrophen nach sich zieht. Und nirgends lässt sich eine solche Eskalation der Katastrophen genauer darstellen als in einem Metier, das auf der exakten Verabredung jeden Worts, jeder Geste, jeden Gangs beruht: dem Theater. Der britische Autor Michael Frayn hat den Horrortrip jeden Schauspielers aus Texthängern, klemmenden Türen, Kampf mit den Requisiten, unmöglich zu bewältigenden rasanten Trepp-auf-Trepp-ab-Spurts, unmöglich zu merkenden gleichartigen Aktionen mit Sardinen, Kartons und Reisetaschen inklusive der obligatorischen Eifersuchtsdramen, Eitelkeiten und Animositäten der Schauspieler untereinander zu einer rasanten Komödie über den Irrsinn auf und hinter der Bühne potenziert: Der reinste Wahnsinn eben. Die Schauspieler des Theaters Ingolstadt spielen Schauspieler einer englischen Provinztheatertruppe, die eine alberne Komödie mit dem Titel „Nackte Tatsachen“ spielen. Die Komödie in der Komödie handelt von zwei Paaren,, die sich in einem Haus zu einem vermeintlich ruhigen Schäferstündchen treffen wollen, dabei aber von der Haushälterin, dem anderen Paar, einem Einbrecher und einem Scheich überrascht werden. 7 Türen, 2 Stockwerke, mehrere Teller mit Sardinen, ein Telefon, 2 gleich aussehende Kartons und Reisetaschen und vieles mehr werden zu schwer zu bewältigenden Herausforderungen für eine Darstellerin, die bei der Generalprobe keine Gedächtniskapazität mehr frei hat, wann sie die Sardinen mitnimmt oder da lässt, für einen Schauspieler, der bei jeder Aufregung oder der Erwähnung des Wortes Blut Nasenbluten kriegt, eine, die ständig ihre Haftschalen verliert, einen Alkoholiker, der selten zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Auftritt ist usw. Wir erleben eine Generalprobe, bei der die Nerven blank liegen, mit einem Regisseur, der zum x-ten Mal dasselbe erklärt, seine Darsteller mit abstrusen Erklärungen besänftigt, mit der Souffleuse und einer Darstellerin gleichzeitig anbandelt, und einen Inspizienten und Bühnentechniker, der erschöpft hinter dem Bühnensofa eingeschlafen ist. Im zweiten Akt erleben wir dieselbe Aufführung einen Monat später als Nachmittagsvorstellung für Senioren. Und zwar aus der Backstage-Perspektive. Private Eifersuchtsdramen unter den Darstellern spielen sich ab, sodass sie es nur mühsam schaffen, rechtzeitig, im richtigen Kostüm, mit den richtigen Requisiten zum Auftritt auf die Bühne zu kommen, weil zwischen ihren Auftritten ein hektischer Kampf um eine Whiskeyflasche und einen Blumenstrauß entbrennt, alle mal wieder die verloren gegangene Linse suchen müssen, und die Sardinen weder auf noch hinter der Bühne je da sind, wo sie sein sollten. Im 3. Akt dann die letzte Vorstellung des Stücks nach 8 Wochen. Die Aufführung ist kaum wieder zu erkennen. Nichts klappt mehr wie verabredet und inszeniert, das Telefonkabel verheddert sich zwischen Arbeitszimmer, Bad und Garten, alle improvisieren wild drauflos, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Schließlich weiß keiner mehr, an welcher Stelle des Stücks man eigentlich ist, die Sardinen kleben nicht mehr nur im Teller, sonder auf dem Boden oder dem Sofa, die privaten Rachefeldzüge finden längst nicht mehr nur hinter, sondern auf der Bühne statt – das totale Chaos aus Unvermögen und Verzweiflung, der nackte Wahnsinn. Ein solches Chaos auf der Bühne anzurichten, bedeutet für den realen Regisseur Peter Rein und die Schauspieler des Theaters Ingolstadt die allerhöchste Perfektion und schweißtreibenden Höchstleistungssport für Körper, Gedächtnis und Nerven, um die Anarchie akribisch genau wie ein Uhrwerk ablaufen zu lassen. Der Kampf mit Requisiten, Dekorationen und rasanten Aktionen muss den Ingolstädtern perfekt gelingen, damit die leidgeprüften Abbilder auf der Bühne ihn hoffnungslos verlieren können. Denn die Herausforderungen des Theaterabends heißen auch für die Schauspieler des Theaters Ingolstadt: Sardinen, Kartons, Türen, Treppen, Requisiten und gnadenloses Timing. Erschwerend kommt hinzu: Alle müssen spielen, dass sie drittklassige Schauspieler spielen und nicht zu den intelligentesten Vertretern ihrer Zunft gehören, müssen also ihre eigenen Schwächen gehörig auf die Schippe nehmen. Gesine Lübcke als Dotty und Haushälterin weiß unvorstellbarerweise durchaus, wann sie die Sardinen raus oder rein tragen muss und liefert darüber hinaus das Profil einer liebenswerten krisenerfahrenen Provinzschauspielerin. Daniel Breitfelder, in seiner schlaksigen Hypermotorik der smarte Prototyp der englischen screwball comedy, spielt sich sogar noch mit vielen akrobatischen Küreinlagen ins dynamische Zentrum des Irrsinns. Sascha Römisch als begriffsstutzig gutmütiger Darsteller bildet mit seinem köstlichen Phlegma den ruhenden Gegenpol. Dazwischen kreischt, tänzelt und räkelt sich Sabine Osthoff als jugendliche Heldin auf der Suche nach ihren Klamotten und Haftschalen durch die Szene, und versucht Chris Nonnast hektisch alle privaten Wogen zu glätten und Katastrophen zu überbrücken. Norbert Aberle geistert als schwerhöriger und Alkoholsüchtiger Altmime durch die Szene. Susanne Engelhardt piepst köstlich die beflissene Souffleuse mit privatem Drama dazwischen, und Ulrich Kielhorn spielt mit treuherzigem Bemühen das Faktotum, das alles recht machen will und schließlich als völlig überforderter Laiendarsteller einspringen muss. Matthias Winde ist mit nur ganz leiser Überzeichnung der Regisseur, der mit Zuckerbrot und Peitsche, mit abstrusen Besänftigungsstrategien und sarkastischer Arroganz die Premierenkatastrophe zu verhindern sucht und als privater Liebeswerber im 2. Akt sofort sein Regisseurs-Charisma verliert. Gäbe es eine Meisterprüfung für das technische Handwerk des Regisseurs, sie müsste in einer Inszenierung von Michael Frayns Farce bestehen. Und auch für die Schauspieler ist dieses Stück eine Tapferkeitsmedaille wert. Auch das nicht nur funktionale, sondern auch mit witzigen Wirklichkeitsdetails ausstaffierte Bühnenbild von Bodo Demelius macht alle Strapazen mit. Soweit also alles perfekt in Ingolstadt. Höchster Schwierigkeitsgrad in allen technischen Disziplinen bestanden und sogar sehr gute Leistungen in der Kür, der Gestaltung der Figuren. Und doch: Michael Frayn hat wirklich alles in dieses Stück an Pannen und Unzulänglichkeiten hineingepackt, was das Anekdotenrepertoire und die Albträume von Theaterleuten hergeben. Und es damit auch reichlich überfrachtet. Denn Komik funktioniert nicht nur nach dem Prinzip der Quantität, jede Pointe mit einer noch stärkeren zu toppen. So fulminant und rasant ist das Ganze, dass man als Zuschauer Mühe hat, nicht nur jeden 10. Gag mitzukriegen. Man kann, besonders im zweiten, dem Backstage-Akt, gar nicht überall hingucken, wo hinter der Bühne um Whiskeyflaschen und Blumen gerungen wird und mit einer Hackebeil-Choreografie Eifersuchtsdramen gelöst werden wollen, Auftritte beinahe verpasst, Requisiten vertauscht und mit entsprechenden Textimprovisationen begleitet werden. Doch dem Regisseur Peter Rein bleibt wohl nichts anderes übrig, als dieses überdrehte Räderwerk zu exerzieren und abzuspulen. Auch wenn keiner der britischen Schauspieler mehr weiß, an welcher Stelle im Stück „Nackte Tatsachen“ man eigentlich ist, warum plötzlich alle auf der Bühne sind, die sich doch eigentlich gar nicht sehen dürfen, bleiben Hektik und Tempo so groß, dass man die Blamage der Schauspieler, den Schwachsinn an falschen Texten, den sie in ihrer Verzweiflung abliefern, kaum auskosten kann. Dieser Irrsinn duldet wohl keine Fermaten, keine retardierenden Momente. Eine Pointe schlägt die nächste k.o. Und so sieht man im Zuschauerraum manchmal auch eher angestrengte als fröhliche Gesichter – bis der Vorhang fällt und dem Wahnsinn ein Ende macht. Der Premierenjubel belohnt das Ingolstädter Ensemble zu Recht für diesen Theater-Irrsinn. Isabella Kreim
LANDSHUTER ZEITUNG – 29.01.2008
Die Hölle der Hinterbühne
So oft kommt es nicht vor, dass man im Theater eine Formel-1-Inszenierung serviert bekommt. Insofern hat im Grand Prix der Komödieregie die Ingolstädter Einrichtung von Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ gute Chancen auf einen der vordersten Plätze. Intendant Peter Rein hat sich hat sich zu einer atemlosen Ratz-Fatz-Lösung entschieden, in der sogar noch die Umbaupausen beweisen, was perfektes Timing bedeutet. (...) In Ingolstadt servieren sie‘s in Billy-Wilder-Manier: one-two-three, zack-zack-zack, Pointe, Pointe, Pointe. Das Scheitern der dargestellten Akteure bedingt eine bemerkenswerte Präzision und Exaktheit der darstellenden Akteure; Rein und seinem munteren Trupp gelingt eine atemlose Choreografie des Chaos‘. (...) Je anarchischer eine Bühnenhandlung ist, desto mehr muss bei ihrer Herstellung Ordnung herrschen. Insofern ist die Ingolstädter Inszenierung in ihrer athletischen Geschwindigkeit beispielhaft. (Christian Muggenthaler)