I hired a contract killer

Schauspiel von Aki Kaurismäki nach dem gleichnamigen Film

Oder: Wie feuere ich meinen Mörder Henri Boulanger hat zwei linke Hände, ein schiefes Lächeln und ein leeres Adressbuch. Sein Leben verbringt er hinter Aktenbergen, sein Zuhause ist eine spärlich möblierte Wohnung mit Blick auf eine Backsteinmauer. Ein Mann, der nie wagt und nie gewinnt und auch nichts mehr zu verlieren hat. Außer Job und Leben. Nach seiner fristlosen Kündigung beschließt Henri zu sterben, scheitert jedoch sogar dabei kläglich. Ein Experte muss her! Seines Lebens überdrüssig, engagiert Henri einen Profikiller. Während der ehemalige Beamte auf seinen Mörder wartet, trinkt er den ersten Whisky seines Lebens, begegnet der Rosenverkäuferin Margaret und verliebt sich in sie. Und sie sich in ihn. Das Leben könnte so schön sein. Auf einmal. Wäre da nicht dieser Mordauftrag, der nicht rückgängig gemacht werden kann… „I Hired a Contract Killer“ ist eine Mischung aus schwarzem Krimi, absurder Alltagstristesse und skurrilem Humor. Der gleichnamige Film von 1990 gilt als Meisterwerk des finnischen Regisseurs und Autors Aki Kaurismäki.
Regie: 
Martin Schulze
Bühne: 
Ulrich Leitner
Musikalische Leitung: 
Janko Hanushevsky
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 95 Minuten
KULTURKANAL – 13.04.2007
I HIRED A CONTRACT KILLER
„I hired a contract killer“ ist die skurrile Geschichte von einem Mann, der einen Auftragskiller für sich selbst engagiert und ihn dann, frisch verliebt, wieder loswerden möchte. Martin Schulze, neuer Hausregisseur des Theaters Ingolstadt, hat das Drehbuch des finnischen Filmregisseurs Aki Kaurismäkis als subtil amüsantes Spiel über die Schwierigkeit, zu leben auf die Bühne im Studio im Herzogskasten gebracht. Beuteltee statt Café au lait zum Frühstück, als Franzose in London kann das Leben kein Vergnügen sein. Zumindest für einen wie Henri Boulanger, die Hauptfigur in Aki Kaurismäkis Film „I hired a contract killer.“ Henri nicht Henry, darauf besteht er meist vergeblich, führt ein trostloses, einsames Leben zwischen Bett und Büro. Kein Alkohol, keine Frauen. Ein ewiger Verlierer. Und dann schlägt auch noch die Privatisierungswelle in Großbritannien zu. Henri, der korrekte Beamte, wird nach 15 Jahren arbeitslos. Unfähig, seinem trostlosen Leben selbst ein Ende zu setzen, heuert er einen Profikiller für sich an. Doch bevor es zur finalen Begegnung mit seinem Mörder kommt, findet Henri wieder Gefallen am Leben. Margaret, das Blumenmädchen, ist der Grund für neue Lebenslust. Seinen Killer aber wird er nicht mehr los. Eine wahrhaft tragikomische Konstellation für 90 Film- oder Theaterminuten. Regisseur Martin Schulze hat auf der Basis der sparsamen Dialoge den Filmstoff von Kaurismäkis auf die Bühne gebracht. Dass die Bühnenfassung nicht von einem Autor am Schreibtisch, sondern von einem Regisseur auf den Proben entwickelt wurde, erweist sich als Glücksgriff für die Umsetzung der filmischen Erzählweise auf die Bühne. Wichtigster Grundeinfall sind zwei Figuren, die Henri Boulanger durchs Leben begleiten. Der Schauspieler Peter Reisser und der Musiker Janko Hanushevsky am E-Bass sind eiskalt süffisante Todesengel und lässig kumpelhafte Schutzengel, sie lehnen wie Raffael-Putten an der Theke und beobachten neugierig und amüsiert Henris Verzweiflung wie seinen erwachenden Lebensmut, und sie spielen all die anderen Rollen wie Bürochef, Killervermittler, Bankräuber, Lungenarzt oder Hotelportier. Mit melancholischem Pokerface Janko Hanshevsky, der außerdem mit seinen Bassrhythmen Henri zu einer absurden Büro-Stempel-Tipp-Perkussion antreibt , die Verfolgungsjagden von Killer und Opfer wie eine Stummfilmmusik anheizt oder mit reduziert gesetzten Sounds den depressiven Stillstand in Henris Leben verstärkt. Mit abgebrüht lässigem Charme ist Peter Reisser cooler Personalchef, profimäßig gelangweilter Gauner und geldgieriger Hotelportier - und dabei immer auch ein wenig zwielichtig: verführerischer Dämon und hilfreicher Engel. Die beiden imitieren akustisch ganz köstlich die Sendersuchgeräusche, wenn Henri, der Pechvogel auch im Kampf mit den Tücken der Alltagsobjekte, vergeblich versucht, wenigstens an seinem Geburtstag einen vernünftigen Radioempfang zu erhalten. „Chor“ nennt der Regisseur diese beiden charmanten Gesellen, aber sie kommentieren nicht nur, sie spielen auch ein wenig Schicksal, indem sie ungerührt Henris Wünschen nachhelfen, seinem Todeswunsch mit der gleichen ungerührten Nonchalance wie seinen Liebesbemühungen. Peter Reisser singt den Filmhit „Suicide is painless“ und reicht Henri dabei ermutigend die Werkzeuge und Methoden zum Selbstmord. Oder er weckt ihn, der nun wirklich nicht auf der Sonnenseite der Straße des Lebens zu Hause ist, mit dem Louis-Armstrong -Song „On the sunny side of the street“. Das bringt eine bitter-süße Ironie in die ambivalente Geschichte, in der das Damoklesschwert der Todesbedrohung zur Basis für komische Situationen wird. An diesem Theaterabend verliert man fast die Spannung auf den Ausgang der Geschichte und das Interesse an den Komplikationen, die Kaurismäki vor dem überraschenden Ende eingefädelt hat. Der Genuss liegt ganz im Augenblick. In den wunderschönen, genau gezeichneten und daher so amüsanten aber nie deftig komischen Alltagskatastrophen, in die Martin Schulze seinen Helden führt. Das beginnt mit Irritationen beim Teekochen. Wie soll man sein Leben im Griff haben, wenn die Tischlampe ausgeht, wenn man den Wasserkocher ansteckt, wenn der Radioapparat merkwürdige Zeitbombengeräusche aus der Zimmerecke lockt, und die Arbeit im Büro kafkaeske Züge annimmt. Ralf Lichtenberg in der Rolle von Jean-Pierre Leaud im Kaurismäki-Film ist kein Tollpatsch, der auf jeder Bananenschale ausrutscht, sondern einer, der so todernst durchs Leben geht, dass ihm jede Situation, jede Handlung, und sei sie so alltäglich wie Aufstehen und Anziehen, befremdlich und nicht leicht zu bewältigen erscheint. Und erst recht natürlich sein Selbstmordversuch mit Strick, Plastiktüte oder Steckdose und sein erstes Besäufnis und seine erste Liebe. Wunderbar, wie Lichtenbergs französischer Akzent sein Fremdsein in dieser Londoner Umwelt verstärkt, wie er im Suff oder im Liebestaumel Anflüge von clownesker Lebenslust zuwege bringt, ohne wirklich den traurigen Grundklang seiner stoischen Lebens-Erduldung überwinden zu können. Den schwankenden Boden einer Geschichte, die von irrealen Kräften gesteuert erscheint, verlässt der Regisseur auch nicht bei der Zeichnung der zwei weiteren realen Figuren. Nicola Norgauer als Henris Rettungsanker, spielt kein unbefangen verliebtes Mädchen, sondern geht mit großem staunenden Ernst auf diesen seltsamen Todeskandidaten ein. Und Norbert Abele tritt als Musterbild eines Profikillers auf und bleibt undurchschaubar, selbst wenn man ahnt, dass er am Ende der eigentliche Verlierer sein wird. Auf der Bühne von Ulrich Leitner dominiert die Farbe grau; grau der Teppichboden, die Bettcouch, die Bartheke. Und der Bühnenbildner spielt mit dem Kinobreitwandformat, wenn er die Spielfläche rechts und links der breiten Mittelsäule ausdehnt. Wie bei einem Tennisspiel wandern die Augen der Zuschauer zwischen den simultanen Schauplätzen, wählen sich selbst die Filmschnitte aus. Die stummen Blickkontakte der beiden hübschen Engel, ihr frivol-freundliches Lächeln verdient ebenso immer wieder Aufmerksamkeit wie Ralf Lichtenbergs verlorener Gesichtsausdruck in den vielen Momenten seiner regungslosen Desorientiertheit und sein penibles Bemühen, die Kontrolle über jede Alltagshandlung zu bewahren. Ein schöner Ping-Pong-Effekt dieser Aufführung ist aber auch der Dauerschwebezustand zwischen der todtraurigen Geschichte und dem feinsinnig inszenierten Amüsement über die Absurditäten von Henri Boulangers Lebensbewältigung. „I hired a contract killer“ zeigt die subtile Arbeitsweise des neuen Hausregisseurs Martin Schulze, der mit seiner Inszenierung von „Romeo und Julia“ im Herbst seinen Einstand in Ingolstadt gegeben hat.
AUGSBURGER ALLGEMEINE – 14.04.2007
MÖRDER GESUCHT
Da ist dem Theater Ingolstadt wieder ein feines Kabinettstückchen gelungen: Am Donnerstag war im Studio im Herzogkasten Premiere der Filmadaption I hired a contract killer. Hausregisseur Martin Schulze hatte - unterstützt von Alexander Kalouti und Chefdramaturg Matthias Grätz - Kaurismäkis 15 Jahre alten Kinorenner für die Bühne bearbeitet. Beeindruckend, wie er den eigenwilligen Stil des Kultregisseurs kongenial für die 100-Plätze-Spielstätte umsetzte. Schulze hat Sinn für Nuancen, beweist ein sicheres Gespür für das Timing, wechselt im richtigen Rhythmus von Melancholie zu Slapstick, von Groteskem zu Skurrilem. Auch wenn ihm im letzten Drittel etwas die Regie-Puste ausgeht, das Stück ein wenig von seinem Schwung verliert, so ist ihm dennoch eine prächtige Leistung zu attestieren. In I hired a contract killer wird ironisch das Schicksal des einsamen Londoner Büroangestellten Henri geschildert, der nach misslungenen Suizidversuchen seinen eigenen Mörder anheuert. Als er aber, dank des Blumenmädchens Margret, plötzlich wieder Freude am Dasein findet, ist es zu spät, um den Vertrag rückgängig zu machen... Die Geschichte basiert lose auf Der Mann, der seinen Mörder sucht, einem Heinz-Rühmann-Film von 1931, der seine Vorlage in einer Erzählung von Jules Verne hatte. Der Abend des Ralf Lichtenberg Ohne die Leistungen der anderen Akteure schmälern zu wollen - Nikola Norgauer lieblich-herb als Henris Angebetete, Norbert Aberle als selber verzweifelter Auftragskiller sowie Peter Reisser und Janko Hanushevsky als Chor- der Abend gehört Ralf Lichtenberg: Zeitweise im Stile des großen Jacques Tati stellt er wunderbar verschroben den pedantischen Henri dar, der erst nach der Begegnung mit Margret anfängt zu leben. Ihm zuzusehen ist einfach herrlich!