La vie en rose

Liederabend

Welttheater in drei Minuten. Ein musikalisch-literarischer Abend gefüllt mit französischen Chansons aus verschiedenen Entstehungszeiten. In jener besonderen Kunstgattung, jener gesungener Lyrik, die Kurt Tucholsky ein „Welttheater in drei Minuten“ nannte, finden sich alle großen Themen: die Revolte gegen die (eigene) Bürgerlichkeit, der Traum von Freiheit und Aufbruch, die großen Ziele des französischen Existenzialismus. Und natürlich auch die Liebenden, mit all’ ihren Sehnsüchten, Träume und Hoffnungen, aber auch ihren Enttäuschungen und Einsamkeiten. In der schummrigen Atmosphäre einer Pariser Piano-Bar, bei schwerem Rotwein und Pastis, treffen wir auf melancholische Nachtschwärmer, verlorene und einsame Menschen, ebenso wie auf feurige Idealisten, die uns in Texten von Albert Camus, Simone de Beauvoir oder Jean-Paul Sartre entgegentreten. Die unterschiedlichsten Menschen begegnen sich hier flüchtig an der Bar, zwischen Tag und Traum, zwischen Illusion und Wirklichkeit. Nur noch rasch eine Gauloises, und der neue Tag beginnt ... Alle großen vergangenen Namen des Chansons wie Georges Brassens, Jacques Brel, Edith Piaf, Jacques Prévert, Charles Trenet, Boris Vian sollen in „La vie en rose“ zu Gehör kommen, ebenso wie Patricia Kaas und andere Vertreter der jüngeren Generation der französischen Chansonniers. Seien Sie also gespannt auf einen besonderen, poetisch-melancholisch, zugleich aber auch spöttisch-ausgelassenen Liederabend in der Werkstattbühne. Die französischen Chansons und ihre engagierten Interpreten, jene „kleinen lyrischen Protestsänger“ vor allem der fünfziger und sechziger Jahre, gelten als Vorbilder der deutschen „Liedermacher“ wie der angloamerikanischen „Singer-Songwriter“.
Regie: 
Julia Mayr
Bühne: 
Volker Thiele
Kostüme: 
Kristin Hassel
Musikalische Leitung, Arrangements, Einstudierung: 
Manfred Manhart
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 95 Minuten
Augsburger Allgemeine – 09.02.2007
Schmunzeln und Lachen
So genannte „Liederabende“ haben an den Theatern hierzulande Konjunktur: Franz Wittenbrink („Sekretärinnen“, „Männer“) ist damit am erfolgreichsten, andere sind ihm zwischenzeitlich auf diesem Weg gefolgt. Das Rezept ist immer wieder das Gleiche: Man wählt zu einem selbst ausgesuchten Thema aus einem Topf von Schlagern, Liedern und Chansons zwei, drei Dutzend Songs aus, übergießt sie mit einer Mini-Story und fertig ist das Theater-Menü! So jetzt auch in Ingolstadt bei der Uraufführung von „La vie en rose“ – einem Liederabend, der mit dem gleichnamigen Berlinale- Filmauftakt (siehe Beitrag links) nur durch den gleichnamigen Piaf-Chanson in Verbindung steht. Die junge Hausregisseurin Julia Mayr hatte zusammen mit Manfred Manhart, der den 80-Minuten-Abend musikalisch leitete, französische Chanson-Klassiker der letzten 60 Jahre ausgegraben, diese mit neuen Liedern etwa von Patricia Kaas vermischt und das alles mit einem Hauch von Handlung umgeben. Routinier Pierre Walter Politz aber, kurzfristig für die szenische Einrichtung eingesprungen, hatte die Vorlage um die ursprünglich vorgesehenen schwermütigeren Texte von beispielsweise Albert Camus, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre gekürzt und das Ganze konsequent auf „leichte Unterhaltung“ getrimmt. Das ist ihm vollauf gelungen! Viel Lachen und Schmunzeln jetzt bei der Premiere, auch unter jenen, die der französischen Sprache nicht restlos mächtig sind – und auch einige melancholische, nachdenklich machende Momente! Parodie auf das Stöhnen Chris Nonnast gab eine gelangweilte Dame von Welt, die allzu gerne aus ihrem mondänen Panzer ausbricht, Eva Rodekirchen eine kesse Besucherin aus Deutschland und Tobias Licht einen seiner großen Liebe nachtrauernden jungen Mann. Er überraschte als temperamentvoller Sänger von Jacques-Brel-Klassikern wie „Amsterdam“ und dem „Knokke-le- Zoute-Tango“. Gänsehaut erzeugte Eva Rodekirchen u.a. mit Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“, Chris Nonnast interpretierte einfühlsam Chansons wie zum Beispiel „Novembre toute l’année“ von Benjamin Biolay. Herrlich auch die Parodie aller drei auf Serge Gainsbourgs Stöhn-Hymne „Je t’aime moi non plus“. Das Publikum erklatschte sich in der Ingolstädter Werkraumbühne des Theaters drei Zugaben!
Kulturkanal – 08.02.2007
La vie en rose
Zum Schwelgen schön, mitreißend und amüsant: Der Chansonabend „La vie en rose“. Gestern hatte der um eine knappe Woche verschobene Chansonabend „La vie en rose“ in der Werkstattbühne des Theater Ingolstadt Premiere. Das Trio Chris Nonnast, Eva Rodekirchen und Tobias Licht präsentiert einen musikalischen Abend über die vielen Gefühlslagen der Liebe, voller Witz, Esprit und Tristesse und erzählt mit den Lieder von Edith Piaf, Jacques Brel, Bécaud, Aznavour, Nino Ferrer, aber auch von Patricia Kaas oder Nouvelle Vague von heftigen und herzerweichenden, euphorischen, schwelgerischen und schmerzlichen Beziehungsgeschichten einer Menage à trois: Zwei Frauen und ein Mann. Die Grundsituation: eine Wohngemeinschaft. Der Mann ist gerade von seiner Freundin verlassen worden. Tobias Licht spielt einen eher schüchternen Männertyp, zumal in einer solch deprimierenden Liebesschmerzlage, er ist hin- und hergerissen zwischen Wut und Erinnerungsglück, wenn er das Stofftier, das die Verflossene im Bett zurückgelassen hat, erst zärtlich streichelt und dann in einem Wutanfall in die Umzugskiste stopft. Zwei Bewerberinnen um das frei gewordene Zimmer treffen ein. Chris Nonnast, elegant und elegisch in schickem schwarzem Hosenanzug mit 60er Jahre-Avantgardebrille – das ganze Jahr in Novemberstimmung. „Novembre toute l’année“. Dazwischen platzt eine „Boche“ herein: Eva Rodekirchen als wunderbar knallige Mischung aus Rocklady und Tramp-Vamp, „Ich bin wie ich bin“, Jacques Prévert auf deutsch. Und sie scheint wild entschlossen trotz Sprachproblemen („Wo ist das Klo“), das Leben in Paris von der rosaroten Seite zu nehmen. „La vie en rose“. Während der Mann noch seine trostlose Singlelage betrauert, „Et maintenant“ und jetzt? - wirft die Deutsche den beiden den Inhalt ihres Einkaufskorbes zu und sorgt damit für überraschend fröhliche Küchenstimmung mit „Les Cornichons“. Man versucht es mit Serge Gainsbourgs Je t’aime- Gestöhne zu dritt oder funktioniert das Eins, zwei, drei –Chanson von Camille charmant als Hinterfragung der Dreierkonstellation auf der Bettkante um. Als Chris Nonnast aber die beiden anderen beim Oralsex hinter der Tür ertappt, reicht es ihr. Eifersucht. Sie will weg, und der Mann hält sie mit seinem „Verlass mich nicht“ zurück – „Ne me quitte pas“. In konzentriertester Form werden prägnante Situationen geschaffen, Beziehungen ad hoc definiert und mit Witz und Raffinement lustvoll ausgespielt, sodass auch des Französischen weniger kundige Zuschauer nachvollziehen können, welche verzweifelten oder glückseligen Aspekte der Liebe in den Chansons durchlebt werden. Und alle drei Sänger-Darsteller haben dabei ihre schauspielerischen und gesanglichen Highlights. Hinreißend wie Tobias Licht in Baskenmütze und Trenchcoat so tragisch-trotzig von den ewigen Aufreißer-Sehnsüchten singt, oder furios die zungenbrecherischen Temposteigerungen in „La Valse a mille temps“ durchrast und seine zwei Damen schließlich körperlich erschöpft, aber emotional angeturnt wie Marionetten drehen lässt. Der verlassene Liebhaber mutiert an diesem Abend mit köstlicher Selbstironie zum Womenizer wider Willen. Wer sich pseudounschuldig im Schlafanzug zähneputzend diesen zwei Mitbewohnerinnen zeigt, hat die Chance, den Neid der männlichen Zuschauer im Publikum herauszufordern. Ätsch macht er kurz mit einer Fingerbewegung, bevor er mit den beiden verschwindet. Tobias Licht spielt den Charme des ewig Liebesunglücklichen als wäre er (als Jean Pierre Léaud ) einem Truffaut-Film entsprungen, obwohl er doch eine so völlig andere, kraftvolle Körperlichkeit hat und sie auch zeigen kann. Ohne die Piaf oder die Greco zu imitieren, verkörpert Chris Nonnast aus einer heutigen Perspektive diesen Frauentyp zwischen mondäner Eleganz, starker Emotion und Melancholie. Es ist nicht nur das aufregende Kleid, das ihren „L’Accordeoniste“ oder „Sous le ciel de Paris“ so stark macht. Alle drei singen glänzend und können à point Bühnenstar-Intensität und Rollen- Understatement abrufen. Und alle drei kommen mit den französischen Texten bestens zurecht. Natürlich gelingt es der deutschen Paris-Abenteurerin, Eva Rodekirchen, nicht durchgängig, dieses Leben in Paris aus der rosaroten Perspektive zu sehen. Sie bekennt sich auf deutsch mit Boris Vians „Je bois“ zur Frustsäuferin und packt am Schluss entschlossen ihren Rucksack. Das Pappschild Barcelona für die Hitchhiker-Tour in der Hand, kommt sie noch einmal zurück, um ihren WG-Genossen eine Erklärung für ihr Abhauen abzugeben: „Je ne regrette rien“. Und ihr Start in ein neues Leben basiert anders als in Piafs Text nicht auf einer neuen Liebe, sondern ihr neues Leben beginnt allein mit ihr selbst. Echt stark. Für die anderen beiden bleibt die schmerzliche Erinnerung an eine verflossene Liebe, z.B. mit Chris Nonnasts berührendem „Les feuilles mortes“ von Jacques Prévert. Und der Abend endet mit einem sehr melancholischen, weil nicht einlösbaren „je t’aime“ aus Jacques Brels „La chanson des vieux amants“. Der Wohnungseigentümer ist wieder allein. Die Einsamkeit hat alle wieder. Manfred Manhart ist nicht nur ein wunderbarer Begleiter am Klavier, er hat auch Eva Rodekirchen eine Violine oder Chris Nonnast ein Akkordeon, er hat den Sängern Trommeln oder die Salzstreuer als Rhythmusinstrumente in die Hand gegeben und den Klaviersound damit höchst reizvoll erweitert. Und bei „Too drunk to fuck“ geht sowieso mächtig der Rock ab. Volker Thieles erste arenaartige Bühnenlösung mit 3 Schauplätzen, äußerst ungünstig und dekonzentrierend zum Teil hinter dem Rücken der Zuschauer platziert, wurde erst letzte Woche auf die Guckkastenbühne umgebaut. Zum Glück für die Darsteller, die sich so unvergleichlich besser präsentieren können. Die Entstehung dieser Produktion war nämlich ein schwerer Weg aus hohen Ansprüchen - die Texte von Michel Houellebecq im Programmheft zeugen noch davon - , aus szenischen Sackgassen bis zu der wundersamen Rettung zu einem grandios überzeugenden Liederabend. Am Schluss verbeugten sich sehr fair Hand in Hand zwei Verantwortliche für die Inszenierung. Julia Mayr hat die ersten Probenwochen geleitet, von ihr stammt die Grundidee einer Wohngemeinschaft, also die Konstellation von zwei Frauen, die um ein Zimmer und damit natürlich auch um einen Mann kämpfen, werben und leiden. Ihr erfahrener Kollege Pierre Walter Politz, der gerade erst bei „Ladies Night“ in Ingolstadt Regie geführt hat, hat dann die Situationen um diese Chansons mit für diese kurze Zeit unglaublicher Prägnanz neu arrangiert und mit professionellem Knowhow von den Kostümwechseln bis zur Beleuchtung für das Happyend dieser Produktion gesorgt. Respekt für diesen klaren Blick auf eindeutige theatrale Situationen der doch sehr komplexen Chansons und die Finessen, den humorigen Charme, den Politz dabei herausgearbeitet hat. Und Respekt für Chris Nonnast, Eva Rodekirchen und Tobias Licht, die in wenigen Tagen nicht nur neue Spielsituationen, sondern sogar die Reihenfolge der Chansons umlernen mussten und dies mit großer Souveränität vollbracht haben. Und welchen Drive wird dieser Abend noch entfalten, wenn von Vorstellung zu Vorstellung die Sicherheit und die stressfreie Spiellaune dazukommen! Wer nun in eine Aufführung von „La vie en rose“ geht, muss diesen Hindernislauf, wie er am Theater, und nicht nur dort, immer mal wieder passieren kann, nicht kennen. Wer in „La vie en rose“ geht, kann sich auf einen hinreißenden Abend aus Amüsement und Sentiment mit französischen Chansons und herrlichen Beziehungsgeschichten freuen.