Cabaret

Musical von Joe Masteroff/Fred Ebb/John Kander

„Willkommen, Bienvenue, Welcome...“ zu einem der größten Musical-Erfolge der Nachkriegszeit – obwohl die zündenden Melodien (fast jeder Song wurde zum Welthit) ganz im Stile der Vorkriegszeit, der ‚Goldenen Zwanziger‘, gehalten sind. „Cabaret“ ist ein Stück, das fasziniert, unterhält und betroffen macht. Ein Stück über Deutschland inmitten der Weltwirtschaftskrise, in der letzten Phase der Weimarer Republik – angesiedelt im Berliner Halbweltmilieu, kurz vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Ende 1929 reist der junge amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw nach Berlin, um Material für einen Roman zu sammeln. Bei Fräulein Schneider, der Besitzerin einer kleinen Pension, findet Clifford eine günstige Unterkunft. Den Silvesterabend verbringt der junge Schriftsteller im berühmt-berüchtigten Kit-Kat-Club, wo allabendlich ein zynischer Conférencier die Attraktion des Etablissements ankündigt: Miss Sally Bowles. Die flatterhafte junge Sängerin verliebt sich Hals über Kopf in den jungen Amerikaner. Zusammen genießen sie das Nachtleben. Die schillernde Zwiespältigkeit des Tingeltangel-Milieus spiegelt die Atmosphäre der untergehenden Weimarer Republik. Hektische Betriebsamkeit, politische Ahnungslosigkeit und ein dekadentes Lebensgefühl bestimmen das Dasein. Die „neue“ Zeit steht vor der Tür. Resigniert muss Fräulein Schneider ihre Verlobung mit dem jüdischen Gemüsehändler Schultz lösen. Als Sally ein Kind von Cliff erwartet und dieser durch freundschaftliche Beziehungen zu einem jungen Nazi immer mehr in die bedrohlichen politischen Entwicklungen hineingezogen wird, packt er die Koffer, um mit Sally in die USA zu gehen. Diese jedoch will den Terror der Nationalsozialisten nicht sehen, opfert ihr Kind dem Beruf, die Liebe dem Showbiz und klammert sich an ihre Karriere im Kit-Kat-Club, und das Stück endet mit den so trotzigen wie zynischen Zeilen: „Ein Cabaret ist diese Welt. Und wenn die Welt in Stücke fällt: Ich liebe das Cabaret!” „Life is a Cabaret“ im Berlin der verlöschenden Weimarer Republik, bevor der Nazi-Terror die deutsche Hauptstadt mit Parolen und blanker Gewalt überzieht. In einem Großstadtdschungel aus Revuetheatern, Lichtspielhäusern und Tingeltangel-Clubs hat die Stadt eine Scheineuphorie ergriffen, die im Tanz auf dem Vulkan mündet. „Freut euch des Lebens“ heißt die Devise der Vergnügungssucht, „… solange es noch geht“ müsste der Kommentar lauten. Berlin gleicht einem brodelnden Hexenkessel, in dem das Lebensgefühl der ‚Goldenen Zwanziger’ noch einmal heraufbeschworen wird, bis es – „nach uns die Sintflut“ – zum ganz großen Knall kommt. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung bricht ein Sturm los, den niemand wahrhaben will... Das 1966 in New York uraufgeführte Musical „Cabaret“ zählt zu den erfolgreichsten Bühnenstücken des musikalischen Unterhaltungstheaters. Nicht zuletzt die oscargekrönte Verfilmung von „Cabaret“ im Jahre 1972 mit Liza Minelli machte das Musical zu einem Welterfolg bis heute. In Ingolstadt war das Musical „Cabaret“ zuletzt 1988/89 im Spielplan.
Regie: 
Pierre Wyss
Musikalische Leitung, Arrangements, Einstudierung: 
Walter Kiesbauer
Choreografie: 
Antonio Gomes
Bühne: 
Helfried Lauckner
Kostüme: 
Helfried Lauckner
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 180 Minuten, mit Pause
Kulturkanal – 11.12.2006
Cabaret
Das Broadway-Musical „Cabaret“ von 1966, durch den späteren Film mit Liza Minelli und Joel Gray zu Weltruhm gekommen, ist auch ein gutes Bühnenstück, weil es das Amüsierbedürfnis im Berlin um 1930, den schrill-dekadenten Zeitgeist, die existentielle Not nach Inflationen und Wirtschaftskrise und die Bedrohung des privaten Glücks durch den aufkommenden Nationalsozialismus kontrastreich auf die Bühne bringt. Regisseur Pierre Wyss und Choreograph Antonio Gomes haben die Szenen im Kit-Kat-Club und die Liebesgeschichten stimmig, charmant und amüsant arrangiert und mit einem Gesangs- und Tanzensemble aus München und Ingolstädter Choristen ergänzt, gekonnt choreographiert Überzeugend ist die Aufführung aber vor allem durch die hervorragende Leistung des Ingolstädter Schauspielensembles. Allen voran Karen Schweim als Sally Bowles und Richard Putzinger als Conferencier. Karen Schweims bisherige Schauspielrollen ließen kaum ahnen, welche Musicalperle Ingolstadt da im Ensemble hat. Sie hat eine tolle, tragfähige Stimme, sie tanzt souverän wie ein Profi und hat gerade für ihre Auftritte als Star des Kit-Kat-Clubs eine mühelos raumgreifende Bühnenpräsenz. Und auch in den Schauspielszenen überzeugt Karen Schweim mit ihrer umwerfend spontanen Lebenslust, hinter der auch immer ein wenig traurige Einsamkeit und Ernüchterung sichtbar werden. Diese unterschwellige Nachdenklichkeit setzt Karen Schweim sehr glaubwürdig Liza Minellis Überdrehtheit entgegen. Richard Putzinger ist ein körperlich ungemein wendiger, kraftvoller, auch mephistophelischer Conferencier, den Regisseur Pierre Wyss als eine Art Spielleiter durch alle Szenen führt, der Requisiten reicht oder auf vielfältige Weise mimisch-darstellerisch die Situationen kommentiert. Joel Grays singuläres, perfide schneidendes Stimmtimbre steht ihm allerdings nicht zur Verfügung. Aurel Bereuter ist als Schriftsteller Cliff Bradshaw ein Sympathieträger, der sich trotz seiner Sanftheit und Dezenz als Fokus der Geschichte neben den Turbulenzen um ihn herum glänzend behauptet. Ganz zauberhaft, mit wie viel sanfter Hartnäckigkeit er alle Beschönigungen der Wirklichkeit zurückweist, mit freundlicher Konsequenz jede politische Vereinnahmung verweigert und bis an die eigene Schmerzgrenze seine geliebte Sally von seinem politisch wie persönlich redlichen Lebensstil zu überzeugen versucht. Es ist eine der großen Stärken dieser Aufführung wie filigran Karen Schweim und Aurel Bereuter die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung in diesem Musical exponieren. Auch Gesine Lübcke und Rolf Germeroth spielen zauberhaft verlegen ihre späte Liebe, zwei köstliche, anrührende Figuren. Toni Schatz ist als Parteigänger der Nazis ein überzeugend smarter Charmeur, und Eva Rodekirchen hat als Frl. Kost ganz reizende Szenen mit ihren Liebhabern und ist eine hochattraktive und gut singende Nazi-Mitläuferin. Äußerst funktionell sind die wechselnden Spielorte auf ein Drehbühnen-Karussell aufgebaut, ein vulkanartiges Gebilde mit Pappmaschee-Flammenzungen und Showtreppe für den Kit-Kat-Club, rostrot verschwiemelten Wänden für Treppenhaus und Zimmer in der Pension von Frl. Schneider und schließlich dem Obstladen von Herrn Schultz. So naheliegend die Metapher vom Tanz auf dem Vulkan und so praktikabel die Drehbühne ist: Der optische Zugriff von Inszenierung und Bühnenbild ist ziemlich hausbacken und bieder. Wie durch die Brille der verstaubten 50er Jahre wirkt die Ausstattung von Helfried Lauckner für das Bild einer Epoche, in der George Grosz die brutal verzerrte Bürgerlichkeit und Expressionismus und Kubismus diese Welt aus den Fugen visualisiert hatten. Natürlich gibt es in den Szenen im Kit-Kat-Club starke Anleihen an Bob Fosses Film. Aber was damals schockierend grell-obszön wirkte, ist nach 35 Jahre eher nostalgisches Zitat. Man hätte sich insgesamt einen härteren Zugriff auf diesen Stoff gewünscht. Und müssen neben den grandiosen Songs von John Kander wirklich auch all die Schnulzen beibehalten werden, als wären wir zeitweise in einer Operette von Paul Abraham? Die Broadway-Gesetze der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts können heute doch kein Geschmacks-Maßstab mehr sein. Auch Walter Kiesbauers Arrangements für sein kleines Live-Orchester könnten etwas jazziger sein, um dem Drive der Musik mehr Druck zu verleihen und den schmalzigen Liedern ihren Operettensound auszutreiben. Dafür hat Kiesbauer für die Schlussversion des Naziliedes „Tomorrow belongs to me“ pathetische Richard-Wagner-Adaptionen eingefügt, denn Pierre Wyss hat die Machtübernahme der Nazis zugleich als Untergangsvision inszeniert. Ein wirkungsvolles Finale für eine in doppeltem Wortsinn gefällige Musicalaufführung.