Woyzeck

Drama von Georg Büchner

Der Mensch ist frei. In dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. Mit „Woyzeck“ wird erstmals im europäischen Theater ein sozial Unter­privilegierter zum tragischen Helden. Getrieben von Eifersucht, psychischer und sozialer Not wird Woyzeck zum Mörder an seiner Geliebten Marie. Büchners Stück ist aber weit mehr als ein bewegendes Sozialdrama. Die Grund­fragen der klassischen deutschen Philosophie, vor allem das Ideal der menschlichen Willensfreiheit, werden von Büchner spöttisch hinterfragt. Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ wurde 1913 – 100 Jahre nach der Geburt des Autors und 76 Jahre nach seinem frühen, vom Typhus verursachten Tod - uraufgeführt. Seither hat es einen beispiellosen Siegeszug durch das deutsche Theater angetreten. Der Soldat Woyzeck gehört zur untersten Gesellschaftsschicht, ist arm, ungebildet und fühlt sich hilflos den Schikanen seiner Dienstherren preisgegeben. Der Sold ist so gering, dass er versuchen muss, sich auf jede nur erdenkliche Art Geld zu verdienen. Seinen Hauptmann rasiert er täglich, und hier bekommt er allerhand Sticheleien zu hören: „Oh. Er ist dumm, ganz abscheulich dumm! Woyzeck. Er ist ein guter Mensch – aber (mit Würde) Woyzeck. Er hat keine Moral!“ Der Hauptmann wirft ihm selbstgerecht vor, dass er unverheiratet mit seiner geliebten Marie zusammenlebe und ein Kind „ohne den Segen der Kirche“ habe. Woyzeck fällt in seiner unbeholfenen Art eine Antwort schwer, er kann nur so viel an Worten zusammenbringen: „Es muss etwas Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl!“, Leute mit sattem Magen tun sich eben leichter bei der Tugend. Woyzeck grübelt verbissen über dieses Gespräch nach, aber es verwirrt ihn nur. Weitere Nebeneinnahmen erhält Woyzeck von einem Doktor, der ihn für medizinische Experimente missbraucht; er darf wochenlang nichts als Erbsen essen und bekommt Schwindelanfälle. Als Woyzeck seine Ängste mitzuteilen versucht, urteilt der Doktor knapp: „Er ist ein interessanter Kasus. Subjekt Woyzeck. Er kriegt Zulage, halt er sich brav.“ Währenddessen wird ein forscher Tambourmajor auf Marie, Woyzecks hübsche Geliebte, aufmerksam. Er folgt ihr überall hin und macht ihr beharrlich Anträge. Das schlichte Mädchen, sonst nur von ihren Dienstgebern als Magd gedemütigt, kann den Schmeicheleien auf Dauer nicht widerstehen und gibt dem Drängen nach. Bald spricht sich das Verhältnis herum, und besonders der Hauptmann macht sich über den Betrogenen lustig. Anfangs will Woyzeck an Maries Untreue nicht glauben, aber nach einem heftigen Streit gibt sie alles zu. Für Woyzeck bricht eine Welt zusammen - nun hat man ihm das einzige genommen, was er auch wirklich besessen hat. Georg Büchners „Woyzeck“ ist ein Fragment, zusammengestellt aus einer Sammlung verschiedener handschriftlicher Entwürfe des 23-jährigen Dichters, geschrieben in den letzten Monaten seines Lebens. Dieses Fragment von 1837 begründete das moderne Drama des 20. Jahrhunderts. Büchners Helden, Marie und Woyzeck, sind Gefangene eines unerbittlichen Determinismus, ihre Wahlmöglichkeiten sind beschränkt. Sie können weder dem Zwang der Natur noch den Nötigungen der sozialen Hierarchie entkommen. Woyzeck, zum Objekt der absurden Wissenschaft des Doktors gemacht, versucht dennoch, sich und die Welt zu verstehen. Als Unterprivilegierter quält er sich im Bemühen, die Zeichen der Natur zu lesen und seinen Platz im Kosmos zu bestimmen. Mit dem „Woyzeck-Fragment“ hat Büchner in frappierender Knappheit eine Komposition aus Realismus und Satire, aus Tragödie und Groteske, aus Pathos und Vulgarität geschaffen, deren poetische Dichte und soziale Sprengkraft bis heute noch von keinem deutschen Drama übertroffen wurde.
Regie: 
Schirin Khodadadian
Kostüme: 
Pia Janssen
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 105 Minuten
Kulturkanal – 07.12.2006
Woyzeck
Was ist der Mensch? Woyzeck gibt die Antwort: „ Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinunterschaut“. Gestern abend hatte Georg Büchners „Woyzeck“ in einer Inszenierung von Schirin Khodadadian im Kleinen Haus des Theaters Ingolstadt Premiere. „Wenn die Welt so finster wird, dass man mit den Händen an ihr herumtappen muss, dass man meint, sie verrinnt wie Spinneweb.“ Spricht so ein armer, ungebildeter Mann, ein einfacher Soldat? Vielleicht einer, der nicht mehr alle Sinne beisammen hat, weil er bis zum Wahnsinn an dieser Welt leidet, weil sie so ist wie sie ist, und weil Marie, seine Geliebte, mit der er ein Kind hat, ihn mit dem Tambourmajor betrügt? Doch die Gebildeten, der Doktor mit seinen absurden medizinischen Experimenten an Woyzeck und der Hauptmann mit seinem Weltschmerz, sind sie nicht mindestens genauso irre? Die aufregend expressionistische Sprache Büchners, die schlaglichthaften Einzelszenen und schließlich die verzweifelte Weltsicht weisen weit über ein Sozialdrama des frühen 19. Jahrhunderts hinaus in die Moderne. Es ist letztlich nur ein literaturwissenschaftliches Problem, dass der bereits mit 24 Jahren gestorbene Büchner mit Woyzeck ein Fragment hinterlassen hat, das erst zu seinem 100. Geburtstag, 1913, uraufgeführt wurde. Denn Regisseurin Schirin Khodadadian nutzt das Fragmentarische als Qualität, sie dekonstruiert Büchners Szenenfolge weiter, stellt Szenen um, lässt alle beschaulichen Nebenfiguren und Nebenhandlungen weg wie das rudimentäre Familienglück mit Maries und Woyzecks kleinem Buben oder Maries religiöse Gewissensbisse über ihren Treuebruch, Khodadadian streut die Liedreime leitmotivisch dazwischen und macht alle Darsteller zu ständig anwesenden Mitspielern auf der Bühne. Sie überlagert Figuren wie den Doktor und den Hauptmann mit anderen Vertretern einer hämischen Mitleidlosigkeit mit der armen Kreatur, sodass für Woyzeck der Eindruck eines geschlossenen Weltbilds entstehen muss, in dem jeder situativ Überlegene zur Kategorie Alien, also nicht seinesgleichen, gehört. Dennoch entsteht in Khodadadians zersplitterter, collagenhafter Textfassung vielleicht sogar stringenter als in der ursprünglichen Szenenfolge so etwas wie eine Entwicklung, nämlich eine Dynamik der Seelenqualen für Woyzeck, eine Engführung in die Sackgasse der Freudlosigkeit, aus der es nur den Ausweg der Auslöschung der Quelle des einzigen Glücks, die Tötung Maries gibt. Werden die Rollengrenzen der Nebenfiguren und die Schauplätze der Handlung, Innen- und Außenräume so weit verwischt und ineinander verzahnt, vertragen die theatralen Mittel kaum mehr eine weitere symbolische Überhöhung. Khodadadian verzichtet darauf, die Metaphern der Sprache zu visualisieren. Konsequent verankert sie die Aktionen der Figuren auf der soliden Basis der theatralen Grundsituation der Improvisation. Wir erleben, wie die Bühne zur Welt wird. Die Darsteller tragen Biedermeierkostüme, drängeln sich zum Auftritt und beginnen mit all dem zu spielen, was da ist. Ihren Hüten und Kostümteilen und allem, was auf der Bühne steht. Die Bühne ist ein Black- box -Probenraum, eine Art Filmstudio in Manegenform. Ausstatterin Pia Janssen hat die Laufpodeste um die Arena und die pragmatischen Spielelemente zur Verfügung gestellt. An rollbaren Garderobenständern hängen Scheinwerfer, aus Glühbirnen und Kabeln sind Kronleuchter drapiert, Stecker lassen sich herausziehen und einstecken, Lichtquellen auf sich und einen anderen richten – alle Emotion tobt sich wunderbar prosaisch an dem aus, was auf der Bühne herumsteht. Später kommt eine Windmaschine zum Einsatz, die den Schal des Hauptmanns oder Maries Rock und Haare poetisch flattern lässt und damit trügerische Höhenflüge eines momentanen Glücksgefühls suggeriert. Wenn Woyzeck, von Eifersucht getrieben, von seinem Hauptmann zur Langsamkeit aufgefordert wird, rollt er die Garderobenständer und Scheinwerferstative hektisch zu immer neuen Wandformationen zusammen. Oder es sucht den Ausweg aus einem Käfig aus Garderobenständern. Die Verlängerungskabel dienen spielerisch sogar zu Zeichen in der Natur. Auf dem hinteren Podest befinden sich knöcheltief Erbsen, in denen Woyzeck beim Gehen versinkt, ausrutscht und mit denen man wütend werfen oder die Woyzeck einzeln wie Schmuckstücke an Marie drapieren kann. Immer wieder kullern jemandem Erbsen aus den Hosentaschen – die Erbsen, die Woyzeck als Versuchskaninchen des Doktors drei Monate lang essen muss. Marie, Susanne Engelhardt, trägt in ergreifend staunender Heiterkeit das schauerliche Märchen vom armen elternlosen Kind vor, dass zum Mond flieht und dort nur ein Stück faul Holz ist. Dann aber toben sich erst einmal die Gebildeten aus. Der Doktor und der Hauptmann, Peter Reisser und Sascha Römisch, liefern sich groteske Sprachduelle. Ihr philosophischer Diskurs ist kunstvoll dadaistischer Nonsense, auf die Spitze getrieben. Und sie sind gleichzeitig die Jahrmarktschreier, die sich gegenseitig als Kreaturen, als dressierter Affe oder denkender Esel vorführen. Später sind sie besoffene Handwerksburschen im Wirtshaus und der Tambourmajor, dem Marie in ihrer Glückssehnsucht erliegt. Was für eine Welt, in der die Naturwissenschaftler und Aufklärer – „der Mensch ist frei“ - anarchische Dadaisten sind, und ihre hochgeistigen Erkenntnisse in grotesken Slapsticks eine adäquate Ausdrucksform finden. Peter Reisser und Sascha Römisch haben dafür ein Feuerwerk an Variationen zwischen total durchgeknallter Performance und trocken-komödiantischem Understatement entwickelt. Man sieht, mit welch improvisatorischem Spaß die Darsteller ihre Möglichkeiten ausgereizt haben. Dagegen wirkt die arme Kreatur, der von den beiden mit medizinischen Experimenten und demütigenden Verhaltens-Maßregeln und Moralpredigten drangsalierte Woyzeck, zunächst wie der einzige Normale, der einzig Vernünftige. Olaf Danner als Woyzeck scheint zunächst in sich zu ruhen und sich zu fügen in seine abhängige Lage in dieser Welt. Doch mit wachsendem Staunen stellt er fest, dass seine Wahrnehmung der Welt, die bedrohlichen Zeichen in der Natur, seine einfachen klugen Antworten ihn immer weiter von der Realität der anderen, den verqueren Theorien der Gebildeten entfernen. Mit großer Klarheit erzählt Danner von seinen Visionen, er spielt keinen Psychopathen, der aus tragischer Getriebenheit zum Mörder wird, sondern einen, der die Welt der Anderen nicht mehr verstehen kann. Die Irrenhaushölle, das sind die anderen. Susanne Engelhardt als Marie muss nicht den Konflikt zwischen ärmlichem Familienglück und der Unmoral ihres Treuebruchs austragen. Sie hat ihre starken Momente der Einsamkeit und Trostlosigkeit und dann einen unbändigen Drang, sich lustvoll tänzerisch drehend in einen Glücksrausch zu versetzen. Johannes Winde hat gerade für diese Tanzsequenzen eine starke Musik komponiert, auf die Sascha Römisch und Daniel Kersten als Andres einen rhytmischen Rausch suchen, und die doch verfremdet, gebrochen, wie vom Winde verweht, keinen direkten Lustgewinn zulässt. Und manchmal kommt die Melodie auch ins Stocken - durch einen spielerisch fingierten Wackelkontakt in einem Kabel. Hohe Expressivität, höchste strukturelle Komplexität, erzeugt mit erfrischend trivialen Mitteln, ist das kluge und faszinierende Konzept dieser Aufführung. Für Zuschauer, die im Theater gerne eine einfache Geschichte erzählt bekommen wollen, mag Schirin Khodadadians Inszenierung ein wenig verstörend sein – zumal wenn man den „Woyzeck“ nicht gerade in der Schule durchgenommen hat. Die Inhaltsangabe im Programmheft hilft da auch nicht wirklich weiter. Dennoch: Diese Aufführung ist ein interessanter Zugriff auf Büchners „Woyzeck“ mit einem glänzend experimentierfreudigen Ensemble.