Die Schönheitskönigin von Leenane

Schauspiel von Martin Mc Donagh

Das Stück spielt in einem kleinen Dorf in Connemara, weit im Westen Irlands. Die fast siebzigjährige Mag und ihre Tochter Maureen, eine unfreiwillige Jungfrau von vierzig Jahren, sitzen zusammen. Die Alte verbringt den Tag im Schaukelstuhl und unter einem Berg grober Decken, darauf wartend, dass Maureen ihr Tee aufbrüht, einen klumpigen Brei mit dem bezeichnenden Namen „Complan“ (to complain = sich beklagen) zusammenrührt oder sie mit Porridge füttert. Maureen putzt und arbeitet und ist an die Alte gefesselt, weil sie als übriggebliebene Jungfer nirgendwo erwünscht ist außer bei ihrer Mutter. Der Autor zieht das Publikum in den melodramatischen Plot und überrascht mit Wendungen, denen der Betrachter neugierig und ängstlich folgt. An einem der ansonsten immergleichen Tage schneit der junge Ray herein, um Maureen zu einem Fest einzuladen. Er trifft aber nur die alte Mag an und bestellt die Einladung. Maureen kommt nach Hause. Misstrauisch geworden durch kleinste Veränderungen in der sonst so direkten, harten Brutalität der Sprache ihrer Mutter prügelt sie Rays Einladung förmlich aus Mag heraus. Maureens Besuch auf dem Fest verändert ihr Leben und das ihrer Mutter. Denn Maureen trifft Pato, Rays älteren Bruder, der eigentlich in England als Gastarbeiter lebt, weil es in Irland wenig Arbeit und in diesem Kaff schon gar keine gibt. Es folgt ein One-Night-Stand und am nächsten Morgen die Eskalation zwischen der lasziv auftrumpfenden Tochter und der angewidert-katholisch klammernden Mutter. Pato glaubt die Herberge der Nacht bei Tag in ein Irrenhaus verwandelt zu sehen. Pato schreibt Maureen, als er schon einige Wochen zurück in London ist. Das sei nicht nur für eine Nacht, dass er sie Beauty Queen genannt hat, nicht nur leeres Gewäsch. Und nun habe sein Onkel ihm einen Job in Boston angeboten. Er gehe nach Amerika, ob Maureen mit ihm gehen wolle. Für einen kurzen Moment tut sich ein Fluchtweg für Maureen auf – von dem diese aber gar nichts erfährt, nie erfahren wird, denn die Mutter fängt den Brief ab und verbrennt ihn nach der Lektüre langsam Stück für Stück ... Martin McDonagh versteht es, mit einer geschickten Mischung eine tragische Komödie mit melodramatischem Plot zu entwerfen. Die Sprache, die er seinen Figuren gibt, ist für einen so jungen Autor enorm ökonomisch und reich. Nie geschwätzig zeigt er vier Menschen, die ihre Situation schon fast akzeptiert haben, aber immer wieder an ihren Fesseln zerren. „Eines der glücklichsten Debüts eines irischen Dramatikers in den letzten 25 Jahren.“ (The Irish Times). Das Theater Ingolstadt spielte mit großem Erfolg vor zwei Jahren „Der Kissenmann“ von Martin McDonagh.
Regie: 
Dominik von Gunten
Bühne: 
Frank Chamier
Kostüme: 
Marion Eiselé
Musikalische Leitung: 
Walter Kiesbauer
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 130 Minuten, mit Pause
Augsburger Allgemeine – 03.10.2006
Die tägliche Wohnküchen-Hölle
Sie leben gemeinsam in einem Haus und reden fast ständig miteinander, aber ein Gespräch kommt nicht zu Stande und auch kein gemeinsames Leben – stattdessen die tagtägliche Hölle in der Wohnküche: Mag Folan und ihre Tochter Maureen in Martin McDonaths düsterem Schauspiel „Die Schönheitskönigin von Leenane“, das auf der Werkstattbühne des Theaters Ingolstadt Premiere hatte. McDonath, hierzulande insbesondere durch seinen „Kissenmann“ bekannt geworden, liebt seine Figuren überhaupt nicht, hat bestenfalls Mitleid mit ihnen. Er beobachtet ihr Verhalten wie unter einem Mikroskop und seziert es wie mit einem Skalpell. In Dominik von Gunten hat der irische Dramatiker in Ingolstadt einen Regisseur gefunden, der all das unterstützt durch eine präzise, penible Personenführung – jede Geste, jede Stimmungsschwankung, jeder emotionale Ausbruch, die ganze Tristesse des „Zusammenlebens“ stimmt (Bühnenbild und Ausstattung: Frank Chamier und Marion Eisele). Die Mutter: enttäuscht, verbittert, böse – ihr Leben ist bereits gelebt. Die 40-jährige Tochter: Sie „lebt“ zumindest noch ein bisschen, auch indem sie phantasiert und träumt – doch immer hart an der Grenze zur Schizophrenie. Die Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter dominieren also den Abend. Martin McDonath hat Tochter Maureen den interessanteren, besseren, weil lebendigeren Part geschrieben. Und so ist Chris Nonnast der Dreh- und Angelpunkt der zweistündigen, mit viel Schlussapplaus aufgenommenen Aufführung. Diese bietet faszinierend „großes Theater“: Verzweiflung, Mutlosigkeit, Wut, Trauer, aber auch Hoffnungen von einem anderen, besseren Leben. Bei ihr stimmt jedes leichte Hochziehen der Augenbrauen, jede kleine Fingerbewegung. Gesine Lübcke ist als Mutter einfacher angelegt – erst gegen Schluss gibt ihr der 36-jährige Stückautor Gelegenheit, aus der Lethargie zu erwachen. Die beiden neu nach Ingolstadt verpflichteten Ulrich Kielhorn (als grundsolider One- Night-Stand von Maureen) und Daniel Kersten (mit manchmal etwas zuviel Körpersprache) demonstrierten als Brüderpaar aus der Nachbarschaft eindrucksvoll, dass sie eine Bereicherung für das Ingolstädter Ensemble darstellen. Fazit: „Die Schönheitskönigin von Leenane“ an der Donau – packendes, kraftvolles Theater mit vielen Emotionen.
Kulturkanal – 02.10.2006
Die Schönheitskönigin von Leenane
„Die Schönheitskönigin von Leenane“ ist ein Stück nach dem Muster: Die Hölle, das sind die anderen. Hier: die andere. Im ersten Theaterstück des damals 25jährigen Autors Martin McDonagh sind es eine 70jährige Mutter und ihre 40jährige Tochter, die sich das Leben zur Hölle machen. Eine symbiotische Abhängigkeitsbeziehung, beide sind Täterin und Opfer zugleich. Sie drangsalieren sich so gut sie können. Das Leben der Tochter besteht darin, der Mutter Porridge und Brei zu kochen, immer mit zu vielen Klümpchen. Die Mutter tut alles, um ihre Tochter an sich zu fesseln. Dieses Ausgeliefertsein funktioniert mit gut eingespielter Vehemenz auch deshalb so gut, weil sich dieses Haus auf einem Hügel weitab vom Dorf befindet, und dieses Dorf ein weltabgeschiedenes Kaff in Irland ist. Wer es nicht schafft, von hier wegzukommen, muss sein Leben lang in irgendeiner Art Fegefeuer schmoren. Der Bühnenraum von Marion Eisele und Frank Chamier ist ein schauerliches Sammelsurium von Sperrmüll-Möbeln auf einer Bodenschräge, ein altertümlicher Herd im Zentrum, ein Tisch mit Stühlen zwischen Bodenunebenheiten für Maureens, der Tochter, Frauenzeitschriften-Lektüre. Ein absurd leeres Regal, während die Nahrungsmittel und Klamotten in Bodenklappen, die Kekse unter der Decke verstaut werden. Eine Kommode mit geflickter Resopal-Schublade, auf der eine ganze Sammlung von Radios steht, die alle irgendwie nicht richtig funktionieren. Regisseur Dominik von Gunten machte aus diesen Radios, die mal von selbst oder nur per Zufall losdudeln, Running Gags, die zumindest für den Zuschauer ab und zu den Ausweg aus der Trostlosigkeit in befreiendes Lachen ermöglichen. Im Hintergrund die Spüle, bei der der nicht gemachte Abwasch das geringste Ekelproblem ist. Den Uringestank muss man sich, anschaulich dazu animiert, dazudenken. Denn die Mutter entleert ihren Nachtopf jeden Morgen in die Küchenspüle. Nichts für zimperliche Gemüter also. Und Regisseur Dominik von Gunten zeiht auch aus solcher Drastik sarkastischen Humor. Aber er hat auch für die Darsteller viel Liebe und Genauigkeit investiert, um unterschwellige Emotionen und verlogene Verhaltensweisen herauszuarbeiten. Es ist spannend, die beiden Frauen zu beobachten. Chris Nonnast stapft lautstark durch den Haushalt, kriegt gleich zu Beginn einen Tobsuchtsanfall, den ihre Mutter mit einem lapidaren „Peng“ kommentiert. Das ist zum verzweifeln komisch. Diese Maureen ist rustikal verschlampt bis in die nuschelige Sprache, mit der sie die immer gleichen Dialoge mit der Mutter quittiert. Und hellwach, wenn sich neue Chancen für diesen Zweikampf auftun. Etwa, wenn sie der Mutter endlich die sexuell Befriedigte oder künftige Ehefrau vorgaukeln kann. Übrigens ein Sonderlob für die grauenhafte Kostümierung der beiden Damen, rosa Spitzenkram für die Mutter, fleckiges Strickzeug in Übergröße, Kittelschürze und Schlappen für die Tochter, und natürlich Plastikhaube und Regenzeug gegen das irische Schmuddelwetter. Und schließlich ein super enges Girliekleid mit Kniestrümpfen für die Männerjagd – voll daneben. Auf einem Schaukelstuhl thront Gesine Lübcke als Mutter. Mit dem unschuldigen Blick der Demenz und sanftem Ton peilt sie lauernd die nächste Bosheit an, misstrauisch auf die brachiale Reaktion ihrer Tochter gefasst. Großartig wie Gesine Lübcke ihre fiesen Absichten, ihrer Tochter Nachrichten und Briefe zu verschweigen, hinter dem leeren Blick des Altersstarrsinns zu verbergen sucht, wie Hinterhältigkeit die bemitleidenswerte Maske der Senilität annimmt. Der alltägliche Kleinkrieg eskaliert, als sich für die Tochter ein Fluchtweg auftut. Auch wenn ihre Mutter die Einladung zu einem Fest erst einmal unterschlägt, die Tochter weiß sie ihr abzupressen. Schönheitskönigin von Leenane nennt Pato, der Mann, den sie von diesem Fest mit nach Hause bringt Maureen. Eine herrlich schräge Liebesszene zwischen Begehren, krampfhafter Fröhlichkeit und unbeholfenem Agieren zwischen Teebechern und Mobiliar. Das kann nicht wirklich gut gehen. Ulrich Kielhorn, neu am Theater Ingolstadt, empfiehlt sich in der Rolle dieses Pato als kraftvoller wie differenzierter Schauspieler, mit prima Sprachbeherrschung und ebenso komödiantischen wie berührenden Fähigkeiten. Köstlich, Kielhorns Begegnung mit der Mutter nach der Nacht mit Maureen, sein Bemühen, die in entsetzter Missbilligung erstarrte Mutter im Altenheimton zu besänftigen, ohne verhindern zu können, dass sich die Panik der Mutter, verlassen zu werden und Maureens provokante Demonstration ihrer vermeintlich glücklichen Liebesnacht zu einer irrenhausreifen Szene steigert. Die Mutter tut alles, um ihrer Tochter diesen Hoffnungsschimmer auf ein frauliches Glück zu vermasseln. Sie unterschlägt Patos Brief, in dem er Maureen sogar bittet, mit ihm nach Amerika auszuwandern. Doch die Tochter hat brutale Methoden, ihrer Mutter Patos Nachricht abzupressen. Da gibt es, wohl nicht zum ersten Mal, die Pfanne mit dem heißen Öl. Als die Mutter stirbt, ist für Maureen trotzdem alles zu spät. Natürlich kein Happy end. Und wieder ist es Patos jüngerer Bruder Ray, der wie ein Elefant im Pozellanladen der arglose Bote der Hiobsbotschaft für Maureen ist. Daniel Kersten spielt Patos jüngeren Bruder als Poltergeist in diesem Fegefeuer. Das wäre ganz witzig, würde Daniel Kersten nicht ständig so brüllen, als müsste er eine ganze Freilichtarena von seiner darstellerischen Intensität überzeugen. Etwas weniger schwitziger Dampf wäre für die Werkstattbühne und im Verhältnis zu den anderen Darstellern angebracht. Heftig genug, ist dieses Stück auch so. Lieben muss man diese Aufführung nicht, dazu ist der Stoff der „Schönheitskönigin von Leenane“ nun wirklich trotz makaber-bitterem Humor zu trostlos, und die Geschichte in ihrem ausweglosen Ablauf doch ziemlich vorhersehbar. Aber hoch schätzen muss man, was Regisseur Dominik von Gunten und seine Darsteller daraus gemacht haben.