Servus Kabul

Volksstück von Jörg Graser

Franz und Gertraud Brodle sind ein gutes bayerisches Gastwirtehepaar. Sie herrscht mit eiserner Hand in Küche und Gaststube und verhindert so, dass er sein bester Gast ist. Nur die beiden Kinder sind etwas aus der Art geschlagen. Sohn Hans schuftet am Band der nahen Autofabrik und sehnt sich nach einer Frau, Tochter Fanny hat gerade den Plan zur Karriere bei der Bundeswehr aufgegeben und plant jetzt den Übertritt zum Islam. Grund ist Jusuf Mummadir, ein reicher Scheich mit Stretchlimousine, den sie in München kennen gelernt hat. Der will sich den Brauteltern vorstellen, weshalb man die Kneipe so herrichtet, wie es Scheichs gewöhnt sind. War Vater Franz eigentlich gegen den ganzen „Schmarrn“, so findet er plötzlich doch Gefallen am Unternehmen. Zwar gibt es keinen Schweinebraten, aber die Frauen werden aus dem Raum verbannt und man hat freien Zugriff auf den Alkohol. Und überhaupt, der Islam scheint auch Vorteile zu haben. Man steht dann nicht mehr unter dem Pantoffel der Frau und könnte sich noch einige Frauen dazu anschaffen, natürlich nur junge, knackige. Also verlässt Franz Bayern und zieht nach Kabul. Die Soldaten dort haben am Abend genügend Zeit für Bier aus Deutschland. So verdient man viel Geld und kehrt zur Hochzeit des Sohnes als reicher Mann mit drei Frauen in die Heimat zurück. Wer denkt, damit sei die Geschichte zu Ende, der irrt. Soll plötzlich die bayerische Familienharmonie dem Multikulturellen weichen, gibt eine gestandene Wirtin so schnell auf und was soll man in Deutschland mit vier Frauen? Was für ein Scheich ist der Scheich überhaupt? Die Lösung ist in der Inszenierung zu besichtigen. Kritisches bayerisches Volkstheater ist eine feste Größe im Repertoire des Theaters Ingolstadt. Jörg Graser hat ein pralles Volksstück geschrieben, die Sprache der Stammtische aufgenommen. Doch er spielt ziemlich geschickt damit, greift gängige Klischees und Vorurteile auf und führt sie ad absurdum, indem er sie konsequent durchspielt. Die aufblitzende Dumpfheit der Stammtische wird zur Entlarvung benutzt und ein klein wenig wird auch mit Entsetzen Scherz getrieben. Jörg Graser, der auch an der Fernsehserie „Der Bulle von Tölz“ mitschreibt, hat eine Ader für schwarzen Humor, gibt aber immer der Komödie, was sie braucht, Anlässe zum Lachen inbegriffen. Die Uraufführung von „Servus Kabul“ fand am 18. Februar 2006 am Bayerischen Staatsschauspiel in München statt (Regie: Franz Xaver Kroetz).
Regie: 
Rüdiger Burbach
Bühne: 
Lina Antje Gühne
Kostüme: 
Lina Antje Gühne
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 90 Minuten
Augsburger Allgemeine – 02.05.2006
Fanny will heiraten...doch "Servus Kabul" in Ingolstadt endet im Kugelhagel
Ein bayerisches Wirtshaus: Da hängt der Papst im Herrgottswinkel und der Stammtisch steht seit je im rechten Eck. Heile Welt soweit, dahoam bei der niederbayerischen Wirtsfamilie Brodler. Nur dass plötzlich Tochter Fanny (Nikola Norgauer) meint, sie hätt an Allah g´funden, weil sie nämlich einen Jusuf (Sascha Römisch) mit extra langem Mercedes kennen gelernt hat und mit ihm nun den Mann fürs Leben will. Vom Aufeinanderprallen der Kulturen im Familienkreis handelt "Seruvs Kabul", ein Volksstück von Jörg Graser. Die Premiere der Inszenierung von Rüdiger Burbach auf der Studiobühne des Ingolstädter Stadttheaters liefert eine bedrückende Darstellung gegenseitiger Verbohrtheit und einer menschlichen Gemeinheit, in der zum Schluss alle Beteiligten Täter und Opfer zugleich sind. Zwar wittert Vater Brodler (Peter Greif) mit dem Einzug des Islam Morgenluft zur Wiedergewinnung seiner Rolle als Herr im Haus, doch die Mutter (Karen Schweim) beginnt sich zu ängstigen, dass ihr die Zügel aus der Hand gleiten. Bruder Hans säuft derweil gegen die Stoppuhr, weil der für Jesolo trainiert, wo er sich direkt schon einen Namen gemacht hat alkoholmäßig, wenn er nicht gerade seine Gummipuppe liebt. Die wird von der Schwester kurzerhand erstochen, weil sie dem Jusuf nicht unter die Augen kommen darf. Die Irritationen nehmen zu, als der reiche ägyptische Traummann auftaucht mit gepflegtem Beckenbauer-Bayerisch und verliebtem Blick, im Gespräch mit dem Vater direkt ein Philosoph, trotz Import-Export. Zum Schluss explodiert die ganze unheile Welt dann förmlich im Kugelhagel der Antiterrorismus-Truppe und lässt die Brodlers zurück: "Wir wären also wieder eine richtige Familie..."
Kulturkanal – 01.06.2006
Servus Kabul
Vielleicht hätte Regisseurin Antje Lenkeit aus den Galottis eine türkische Familie machen sollen, dann wäre der Konflikt einer unterschiedlichen Sexualmoral auch heute noch verständlich, zumindest im Klischee. Auf satirische Weise greift der Theater- und Filmautor Jörg Graser in seinem Volksstück „Servus Kabul“, das am Samstag im Studio im Herzogkasten Premiere hatte, solche Klischees auf. Ein super witziger Grundeinfall ist Grasers Vermischung von niederbayerischer Leitkultur und Islam in bezug auf die Rollen von Mann und Frau. Fanny, die Tochter Straubinger Wirtsleute schleppt ihren neuen Bräutigam an, einen vermeintlich reichen Ägypter, Marke Erdöl-Scheich. Die Mutter, die die Hosen anhat in der Gastwirtschaft und den Laden schmeißt, während ihr Mann ihr bester Stammgast ist und sich dem Weißbier ergibt, ist ziemlich entsetzt, dass ihre Tochter, die gerade noch zur Bundeswehr wollte um dort auf Männersuche zu gehen, zum Islam übergetreten und ganz offenbar bereit ist, sich einem Mann unterzuordnen. Der Vater dagegen findet Gefallen an der mohammedanischen Kultur. Nicht nur aus Liberalität und Weltoffenheit, sondern weil er seine Chance sieht, mithilfe des Koran wieder zum bayerischen Patriarchen zu werden. Für Schweinsbraten und Alkohol hat der Prophet Ausnahmegenehmigungen parat, und auch die Vielweiberei ist dem Niederbayern Franz Brodler sehr sympathisch. Die Interkulturalität treibt seltsame Blüten in der Straubinger Wirtsfamilie Brodler. Auch der Alkoholiker-Sohn ist infiziert vom islamischen Frauenbild und will eine Türkin heiraten, aber der Deal kommt nicht zustande, weil die Ware Frau Mängel aufweist. Der Vater macht in Afghanistan eine bayrische Kneipe auf und bringt drei Nebenfrauen nach Straubing mit. Fannys Jusuf wird brutal zur Integration gezwungen, zum Schweinebratenessen und Schnaps saufen, als Liebestest sozusagen, als sich herausstellt, dass er doch nicht so reich ist wie angenommen. Und als dann noch bei einer der drei Burka-verschleierten Frauen eine Bombe zu ticken scheint, wird’s richtig makaber. Regisseur Rüdiger Burbach ist es glänzend gelungen, Volkstheater-Lustigkeit, Wortwitz, bedenkliche Stammtischsprüche und makabre Untiefen zu einem ebenso erheiternden wie bissigen Theaterabend zusammenzubrauen und Klischees und deren kabarettistische Überzeichnung im Lot zu halten. Und er hat dazu köstliche Charaktere auf die Bühne gestellt, deren genau ausgefeilte Reaktionen allein schon einen vergnüglichen Abend garantieren. . Karen Schweim ist eine bajuwarische Furie, eine Mischung aus scharfzüngig handfester Wirtin, frustrierter Ehefrau und primitiver Stammtisch-Emanze. Jeder ihrer Sätze schneidet wie ein scharfes Metzgermesser in die Schweinsbraten- Gemütlichkeit und zerstört jeden Ansatz von Familienharmonie. Peter Greif ist ein höchst amüsantes Schlitzohr, das sich aus seiner selbst verschuldeten Unterdrückung zum unglücklichen Patriarchen wandelt. Nikola Norgauer hat schon gewonnen, wenn sie im Wirtshaus zu türkischer Popmusik tanzt, küsst und umräumt. Sehr schön auch, wenn in ihrem sanften Wesen ihres neuen Religions-Trips, mit dem sie ihren Jusuf anhimmelt und bedient, immer wieder die Wirtshaus- und Männererprobte Direktheit durchbricht. Und Sascha römisch spielt den Ägypter mit charismatischem Ernst und religiöser Emphase in einem ziemlich bemühten, und daher umso komischeren bayrisch, also mit eher norddeutschem als ägyptischem Akzent. Und Aurel Bereuter, der BMW-Arbeiter mit Hobby Saufen ist eine wunderbar armselige Mischung aus Tumbheit und Boshaftigkeit. Seine Nummer mit der aufblasbaren Frauenpuppe ist eine geradezu rührende Liebesszene ohne Obszönität. Hierbei erweisen sich die Qualitäten des Regisseurs ebenso wie bei den irrealen Sequenzen, mit denen Brutalität parodistisch überhöht wird. Und ein Lob verdient auch die stumme türkische Braut Gülnur Demir. „Servus Kabul“ - ein Theaterabend, bei dem nicht nur die herrlich absurde Geschichte zum Thema Islam in der niederbayerischen Volksseele amüsiert, sondern auch die Vielzahl inszenatorischer und darstellerischer Details. Isabella Kreim