Messer in Hennen

Stück von David Harrower

Ein abgelegenes Dorf irgendwo in Schottland. Die Zeit scheint hier still zu stehen; das Leben der Dorfbewohner wird von einem immergleichen Rhythmus beherrscht, in dem Aberglaube und Mystizismus ihren unverrückbaren Platz haben. Die Welt wird noch in Gut und Böse eingeteilt, folgt gottgegebenen Regeln. Kein Ort für Fragen, da die Antworten immer schon feststehen: und schon gar kein Ort für Gefühle. William arbeitet Tag für Tag auf seinem Feld. Er ist zufrieden mit dem, was er hat. Das Dorf liegt in sicherer Entfernung, und die Abgeschiedenheit des Hofes teilt der, den sie auch Pony-William nennen, nur mit seiner jungen Frau. Beide leben in einer Welt des Aberglaubens, in der Gut und Böse noch durch eindeutige Antworten voneinander abgegrenzt sind. Doch die Fragen seiner Frau beunruhigen ihn. Sie sind schlicht aber direkt, sie nähert sich dem Kern der Dinge auf beunruhigende Weise. Eines Tages schickt ihr Mann sie zum Müller Gilbert an den Fluss, um Korn malen zu lassen. Das Dorf rumort, Gilbert trage die Schuld am Tod von Frau und Kind. Für die Dorfgemeinschaft ist er der Andere, der Außenseiter, die Gefahr des Unbekannten; und auch William bläut seiner Frau ein, auf der Hut zu sein: „Was du brauchst, ist Hass. Auf ihn. Das ist es, was er erwartet. In jedem Knochen, den du im Leib hast. Hass. Ist so Brauch im Dorf.“ Doch anfänglicher Hass wandelt sich in Faszination. Die Neugier siegt über die Angst vor der Andersartigkeit und die Schrift, die sie vom Müller erlernt, weist ihr den Ausweg in eine mögliche Zukunft: Ihr Wissensdurst wird ihr zur Waffe gegen die lähmende Schicksalsergebenheit. William dagegen wird er zum Verhängnis. Messer in Hennen beschreibt den Konflikt einer Frau zwischen zwei Männern. Er wird zum Konflikt zwischen Stillstand und Entwicklung. David Harrower, 1966 in Edinburgh geboren, lebt in Glasgow. Das Engagement um die neue Landverteilung in Schottland führte ihn zu intensiven Forschungen bis ins 18. Jahrhundert zurück und zur Arbeit an dem Stückprojekt »An Unwalked Land.« Aus einer Episode dieses noch unfertigen Stücks entstand »Messer in Hennen« (»Knives in Hens«), das Anfang 1995 am Traverse Theatre in Edinburgh uraufgeführt wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung erfuhr es im März 1997 in der Baracke des Deutschen Theaters, Berlin. „Theater Heute“ wählte »Messer in Hennen« zum besten ausländischen Stück des Jahres 1997. Premiere: 02. Oktober 2005 Studio im Herzogskasten
Regie: 
Schirin Khodadadian
Bühne: 
Carolin Mittler
Kostüme: 
Carolin Mittler
Musikalische Leitung: 
Thomas Zauner
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 100 Minuten
Theater heute
Aufstand gegen Dummheit
Schirin Khodadadian erzählt diese Stationen einer Wandlung wie ein einfaches böses Märchen aus dunklen Zeiten, die gar nicht so fern sein müssen. Kraftvoll, bilderreich, laut und im nächsten Moment mit einem sicheren Gespür für lange und quälende Pausen, die nicht Stillstand, sonder Sammlung zum nächsten Aufbegehren gegen die buchstäbliche dumme Welt bedeuten. Indem sie sich auf den kratzigen Charme und ganz normalen Eigensinn der Figuren verlässt, sie herausholt aus der falsch verstandenen Schollen-Idylle, sie mit ihrer fremd anmutenden Sprache nicht vorführt, sondern neugierig und selbstbewusst umgehen lässt, zeigt sie, dass "Messer in Hennen" fernab wuchtig kluger Ur-Fragen-Stellung und kitschig verbrämter Sozialromantik immer noch ein spannendes Stück über Mut und Widerstand sein kann - und somit in den hintersten und untersten Räumen der Stadttheater ja eigentlich bestens aufgehoben ist.
Neuburger Rundschau – 05.10.2005
Wenn Worte zu Magie werdem
Das überaus philosophische Stück hielt seine Zuschauer bis zum Schluss in Atem. Auf der kargen Bühne, zwischen Eisengestellen, Mehlsäcken und verrußten Wänden, schufen die Schauspieler eine dichte Atmosphäre, geschwängert von Angst, Neugier und Hilflosigkeit. Ein Stück, das einen zweiten Besuch lohnt.
Kulturkanal – 03.10.2005
Messer in Hennen
Wirklich großartig ist Bettina Schmidt als junge Landfrau. Die wache Begeisterung, mit der sie nach Worten sucht, die unerschütterliche Stärke, mit der sie an ihrem eigenen Erkenntnisstand festzuhalten gewillt ist, der nicht kontinuierliche, sondern immer wieder von Rückschritten und Zweifeln begleitete Entwicklungsprozess dieser Frau. Dies ist so genau gearbeitet, dass man Bettina Schmidt minutenlang beim Denken zusehen kann, ohne dass die Situation an Spannung verliert. Und auch die beiden Männer sind glänzend durchgearbeitet. Die abrupten Brüche, mit denen Gregor Trakis vom liebenswürdigen Ehemann zum autoritären Bauern springt, wie genüsslich aber auch sehnsuchtsvoll melancholisch er sich mit seinem Pferd identifiziert, der Einsatz seiner sexuellen Wirkung auf seine Frau, um sie seinem Willen zu unterwerfen und ihr das Paradies und die Angst vor der Vertreibung weniger verbal als körperlich aufdrückt. Und Olaf Danner als Müller fasziniert ebenso als schillernde, nicht begreifbare Figur. Ein Clown und ein Intellektueller, ein wütend freiwilliger Outcast und der eher langweilige Normalo schlechthin. – Aber die Begriffe für Mörder-Müller und Pony-William, für Pfütze, Himmel, Wolken, sind eben nur ein erster Schritt der Erkenntnis. Theater kann da schon noch ein bisschen mehr. Und die Inszenierung von Schirin Khodadadian zeigt eine Fülle dieser Wahrnehmungschichten zwischen den Textzeilen.