Faust II

Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe

Wir sehn die kleine, dann die große Welt“ hatte Mephisto beim Abschluss des Paktes Faust versprochen. Diese große Welt ist die Welt von Politik und Wirtschaft, ist die Welt jenseits des Mittelalters, ist die Neuzeit. Goethe setzt genau hier an und be-schreibt mit erstaunlicher Genauigkeit diese Welt. Faust versucht einerseits bis zu den Wurzeln dieser Entwicklung zurückzugehen und landet in der Antike. Gleichzei-tig greift er mit Mephistos Hilfe in die Politik des Staates ein, versucht neue Grundla-gen in der Geldwirtschaft herzustellen, versucht seine Existenz auf „Eigentum“ und „Herrschaft“ zu bauen. Die Versöhnung dieser gegensätzlichen Welten scheitert, Mephistos Anteil an allen Projekten wird immer stärker. Magie vom Weg zu entfernen bleibt Wunschtraum, auch wenn am Ende der Teufel um Wetteinsatz und Sieg ge-bracht wird. Goethe liefert mit „Faust II“ einen sehr verschlüsselten Weltbericht, der in allen Teilen einen deutlichen Bezug zur Realität hat. Diesen Bezug deutlich zu machen und her-auszuarbeiten kann und muss das Ziel der Inszenierung sein. Wichtig sind die Schnittpunkte, die Bezug zur Entwicklung der Moderne nehmen und damit ein Welt-modell begründen. Goethe selbst nannte das Stück „inkommensurabel“, also schlicht unverständlich. Auch heute gibt es nichts Wesentliches in ihm, das nicht in seiner Deutung umstritten wäre. Jedes Theater muss deshalb seinen Weg zur Umsetzung finden. Eine einfach-re Bebilderung lässt das Publikum rat- im besten Falle- atemlos zurück. Während man bei Inszenierung des ersten Teils noch von Kenntnis (was nicht Erkenntnis ein-schließt) ausgehen kann, haben den zweiten Teil nur wenige komplett gelesen. Ge-boten wird eine derartige Fülle von Bildern und Allegorien, die jedes Publikum in Gänze überfordert und alle Rahmen sprengen Goethe verschränkt Zeitkommentar und Vision. Es ist die Zeit von politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Revo-lutionen, des Umbruchs und der Restauration. Er zeigt dabei einen erstaunlichen Weitsinn und setzt sehr viel Komik ein. Er hinterfragt Utopien, kommentiert drastisch und bissig Folgen. Es sind Entwicklungen, die unsere heutige Zeit weiter bestimmen und deren Wurzeln man kennen sollte. Deshalb kann eine heutige Inszenierung nicht bildungsbürgerlich nachliefern, was eifrige Germanisten und Philologen in dicken Zeilenkommentaren zusammengetragen haben. Es gilt das Modell der Weltbetrach-tung herausarbeiten und das Modell des Umgangs mit Welt vorzustellen, also Goe-thes eigentliches Vermächtnis. Nicht weihevolle Anbetung dieser Riesenlebensleis-tung wird geliefert, sondern produktive Nutzbarmachung. Ein großes Unternehmen für neugierige Leute, die nicht an den Versen kleben und doch die weitere Geschich-te verfolgen wollen. Denn nur wer auch „Faust II“ kennt, hat FAUST gesehen!
Regie: 
Peter Rein
Bühne: 
Christine Waelle
Kostüme: 
Christine Waelle
Musikalische Leitung: 
Stephan Kanyar
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 180 Minuten, mit Pause
Augsburger Allgemeine – 29.04.2005
Faust reist durch die Welt
Gleich vorneweg, die finalen Verse abgewandelt passend zitiert: Wenngleich vergänglich, bleibt dieser Ingolstädter "Faust II" ein Gleichnis für einen unbedingt sehenswerten, mutigen, heutigen und intensiv beklatschten Theaterabend: "Das Unbeschreibliche, hier ist es getan." Mit einem hoch motivierten, der Spiellust in jedem Moment spürbar frönenden Schauspieler-Quintett, trimmte Regisseur und Intendant Peter Rein die kleine Werkstattbühne für seinen "Faust II" auf veritables Groß(stadt)format. Allesamt gekleidet in neutrale schwarze Anzüge zogen sie beherzt aus, den deutschen Bildungsbürger-Klassiker auf fruchtbaren Theaterboden fallen zu lassen - hilfreich bestückt mit der einschlägig bekannten Reclam-Faustausgabe, die sie flugs immer wieder mal zur Überprüfung des eigenen Seins und Tun aus der Sakkotasche holten. Als konzeptionell entscheidender Dreh- und Angelpunkt verdient der reibungslos funktionierende Bühnenraum von Christine Waelle, der zudem optimal für Beamer-Einblendungen und Videoprojektionen (z.B. aus "Faust I") nutzbar war, ein dickes Extra-Lob. Alle Skepsis bezüglich der Wahl des kleinen Hauses samt der konzentrierten Besetzung löse sich also in den ersten Minuten schon in fasziniertem Staunen auf: Magisch wie die lautlos gleitenden Schiebewände, die ein effektvolles und stets von Neuem überraschendes Vexierspiel der wie aus dem Nichts auf- und abtretenden Akteure zuließen und damit aus der Not der permanenten Szenen- und Ortswechsel eine vergnügliche Tugend machten, zog Faust den Zuschauer in den Bann seines verwirrenden Gangs durch die Welt. Eine Welt, die "weit reicher" als in Teil eins die "Denkübung und einige Gelehrsamkeit erfordert", wie Goethe gegenüber Eckermann zugestand. Indem Peter Rein die Stationen der Reise als "Modell der Weltbetrachtung und als Modell des Umgangs mit der Welt" vorstellte, betonte er die heute immer wieder verblüffenden Goetheschen Vorwegnahmen und Visionen ökonomischer, technischer oder gesellschaftspolitischer Verwicklungen, modellierte das Allgemeingültige evident, aber nie platt-plakativ heraus. Brillant redete und agierte sich Sascha Römisch als teuflisch-smart getriebener Spielleiter Mephisto um Kopf und Kragen, stieß bei dem Kopfmenschen und Paktpartner Matthias Winde, der Faust partiell erzwungene Passivität lässig nahm, an die Grenzen der Macht. Souverän inmitten des zupackenden Herrenquartetts brachte sich Chris Nonnast in wechselnden Rollen und natürlich als emotional tief zerworfene Helena ins Spiel, dem als facettenreicher Kaiser oder u.a. als espritvoller, Hufe schlagender Chiron Rolf Germeroth viele Treffer bescherte. Mit ungemeiner körperlicher Präsenz und betörendem Spielwitz überzeugte Gunter Heun als Baccalaureus, Euphorion, Raufebold und Wanderer.
Kulturkanal – 29.04.2005
Begeisterter Beifall
Kein Blend- und Gaukelwerk: Goethes Faust II in einer puristischen Version in der Inszenierung des Intendanten Peter Rein – in der Werkstattbühne. Der Darsteller des Mephisto liest die Szenenanweisung zu „Anmutige Gegend“. Wir sehen aber keine anmutigen kleinen Gestalten, sondern nur 5 Darsteller in schwarzen Anzügen auf Stühlen in einem leeren weißen Bühnenraum, die sich wie auf einer Probe zum Einsteigen ins Spiel animieren, sich erstaunt ansehen, was der alte Goethe da an Unzumutbarem vorgegeben hat und es uns dann einfach vorspielen – mit den Mitteln einer Improvisation. - Und wir begreifen genauer, (frei nach Goethe): Im Rollenspiel und im Text haben wir das Bühnenleben. Nicht im Blend- und Gaukelwerk von Kulissen und Regisseursfantasien. Goethes Faust, der Tragödie zweiter Teil, ist ein Mammutwerk, das selbst der Autor, der Theatermann Goethe, für unaufführbar hielt. Es wurde von Generationen von Wissenschaftlern klug, kühn, spitzfindig, gebildet gedeutet, kommentiert, zerpflückt, und vielleicht noch mehr verkompliziert und überhöht, bedeutungsschwanger überladen, und von viel weniger Regisseuren mit Deutungsansätzen und vor allem mit Bildern illustriert, die nicht unbedingt dem besseren Verständnis der Haupthandlung dienen, Fausts weiteren Lebensstationen in seinem Teufelspakt nach der Gretchen-Tragödie. Ein Werk, das ungekürzt mit seiner Überlänge auch eingefleischte Klassiker-Liebhaber auf eine unerträgliche Geduldsprobe stellen würde. Ein Werk mit einem verwirrenden Dschungel an Nebenhandlungen, in dem sich kaum die Handlungspfade sichten und logisch verknüpfen lassen. Ein gigantisches Werk, was Spieldauer und Personal betrifft, und ein Werk mit überbordender Bildphantasie, das munter in griechischen und selbsterfundenen Mythologien wuchert. Ein aufwändiger Schauplatz löst den anderen ab, eine Geisterbevölkerte Landschaft, eine kaiserliche Pfalz mit Hofstaat und Karnevalsumzug, Geistererscheinungen und Feuerbränden, die Klassische Walpurgisnacht mit allerlei mythologischen Figuren wie dem Pferdemenschen Kentaur, die antike Unterwelt und zurück ins Mittelalter. Da geht es um die Erschaffung eines künstlichen Menschen, Homunculus, der in die klassische Antike fliegt, einen eigenen Staat gründet und im Meer zerschellt, um einen Knaben, Fausts und Helenas Sohn, der wie Ikarus fliegen möchte und abstürzt, es geht um eine Schlacht, die durch eine Flutkatastrophe gewonnen wird, um Deichbau zur Landgewinnung und schließlich um einen Blick in den Himmel. Wie dies alles auf der Bühne darstellen? Als Fantasy-Märchen mit den Animationstricks eines Hollywood-Films? Wie aber dann der anspruchsvollen Sprache, wie der Konzentration auf den roten Faden gerecht werden, den roten Faden, der ja immer noch Fausts Erkenntnisdrang ist, seine Neugier, diesmal die große Welt, die der Politik und Wirtschaft, die Zukunft der Menschheitsgeschichte mitgestalten und ihre Wurzeln in der Antike begreifend nacherleben zu wollen. Und natürlich geht es wieder darum, die ideale Frau zu finden, diesmal keine geringere als die schöne Helena, um die einst laut Homer der Trojanische Krieg entbrannt ist. Peter Rein hat den gordischen Knoten dieser unlösbaren Anforderungen durchschlagen und den ganzen Deutungs- und Bedeutungswust und szenischen Aufwand als Ballast von der Bühne geworfen. Ein Befreiungsschlag, der auch den Zwang zu szenischen Neudeutungen aus heutiger Regisseurssicht von der Bühne fegt. Keine Irakbilder für den Feuerbrand am Kaiserhof sind nötig, kein Mummenschanz für das Horrorreich der Mütter, kein Vertriebenenschicksal für Philemon und Baucis, kein Barockhimmel mit Medienpapst zum Schluss. Eine Wohltat auch für die Zuschauer. Reins Inszenierung in der Werkstattbühne unterläuft die uneinlösbaren Bilder und versucht sie nicht durch ein aufwändiges Bühnenspektakel zu illustrieren und zu toppen. Das Spiel bleibt den ganzen Abend über in demselben weißen, leeren Bühnenkasten von Christine Waelle mit seinen lebendig transparent oder zur Projektionsfläche werdenden Kacheln. Es ist ein Meditations-, Therapie- oder Laborraum, ein Raum für Projektionen, für Träume und Rollenspiele. Hier spielen 5 Darsteller in schwarzen Anzügen Faust II. Matthias Winde ist wieder Faust, Sascha Römisch Mephisto, Chris Nonnast, Rolf Germeroth und Gunther Heun spielen all die anderen, in dieser Strichfassung immer noch einige Dutzend Rollen inklusive Chor. Eine puristische, eine minimalistische Version. Und ein Befreiungsschlag, der Situationen und nicht Deutungen auf die Bühne stellt. Z. B. Fausts rätselhafter Gang zu den Müttern: Faust stampft amüsiert auf den Boden, um den Eingang zu finden. Mephisto verschließt mit einer kurzen, aber entschiedenen Handbewegung Fausts Gesicht – mehr braucht es nicht, um zu verstehen: Faust muss einen schweren Weg nach innen gehen, in eine Art psychotherapeutische Hypnose, um Helena für den Kaiserhof imaginieren zu können. Die theatrale Behauptung und das Vorstellungsvermögen des Zuschauers ersetzen immer wieder erstaunlich mühelos die szenische Illustration. Natürlich ist ein Stuhl Thron, aber auch der Felsen, von dem sich Euphorion in die Lüfte schwingt und abstürzt. Er kippt mit dem Stuhl nach vorne und liegt seinen Eltern zu Füssen, erschreckend genug, während Sascha Römisch Goethes Regieanweisung von der aufsteigenden Aureole liest. Und ein leerer Aktenkoffer reicht völlig aus, um sich auch ohne Requisitentand eine Schatzkiste vorzustellen, aus der unermessliche Reichtümer quellen. Als einzige weitere Bühnenmittel gibt es fahrende weiße Wände, hinter denen Figuren unerwartet auftauchen oder verschwinden und eben weiße Stühle, mal einen Tisch und natürlich Lichtwechsel, sowie dezente Musik von Stefan Kanyar und Videoeinspielungen, die aber auch nur selten die fehlenden Bilder filmisch ergänzen, sondern hauptsächlich die Vorgeschichte in Faust I, etwa Fausts Studierstube, in der Ingolstädter Inszenierung in Erinnerung rufen. Eine Wohltat, wie leicht und frei sich dieser Faust ohne allen Bühnenaufwand spielt. Und die eingelesenen Regieanweisungen sind nicht nur Verständnishilfen, sondern ergeben eine augenzwinkernde ironische Brechung auf der Ebene von 5 Schauspielern, die sich amüsiert oder genervt durch dieses Mammutwerk kämpfen. Verblüffend heiter gelingt sogar der Schluss, Fausts Erlösung im Himmel, ohne alle Engelschöre und das ganze weihevolle Himmelspersonal. Natürlich hat die intime Werkstattbühne für einen solchen Stoff auch ihre Tücken. Manches gerät immer noch zu laut, zu imposant, und natürlich braucht es auch in einer solchen Version Regieeinfälle der spielerischen Art, um die Situationen zu verdeutlichen - und eine sehr präzise Personenführung. Denn alles Verständnis der komplexen Handlung liegt allein im Körper und auf den Zungen der Darsteller. Vieles ist amüsant, der Apfel als Reichsapfel des Kaisers, die Anklänge an den rheinischen Karneval, vor allem der Umgang mit dem gelben Reclamheftchen, aus dem immer wieder verzweifelt Halt für den nächsten Szenenanfang gesucht wird. Und diese Spielebene der Darsteller gibt noch einiges mehr her an pathosbrechendem Witz. Etwa wenn sich Matthias Winde in einem privaten Apart über den entblößten Oberkörper von Rolf Germeroth als Kentaur mokiert. Matthias Winde als Faust trägt die gewaltige Last, zwischen den vielen spielerischen Szenen den elementaren, problematischen Kern von Fausts Lebensweg auf der Bühne zu behaupten, obwohl er bei vielen Szenen eher Zuchauer oder Statist ist. Winde kann aus dem Nichts zu einem ernsthaften Monolog ansetzen, Mitgefühl wecken, die schwer verständliche literarische Sprache mit viel Understatement verdeutlichen, ohne ihre Klangschönheit preiszugeben. Sein Faust behauptet sich im Zentrum der Handlung, obwohl schon Goethe viel getan hat, um Fausts persönliche Tragik aus den Augen zu verlieren. Sascha Römisch als Mephisto verzichtet auf plumpe diabolische Attitüden, er ist mal knallhart, mal von fröhlichem Zynismus, und insgesamt ein wenig der effektvollen Animatorrolle Mephistos aus Faust I müde geworden. Sehr schön auch, wie er den alten Professor in der Begegnung mit dem ehemaligen Schüler spielt. Ein nerviger Alter, dem man aber leider recht geben muss. Chris Nonnast muss im Herrenanzug die schönste aller Frauen, Helena verkörpern, aber auch den skeptischen Finanzminister am Kaiserhof und vieles andere. Sie ist besonders mit Goethes oft allzu wohlklingenden Versen geschlagen. Was ihr mitunter an sprachlicher Differenzierung fehlt, macht sie durch ihr verhalten intensives Spiel wett. Gunter Heun wirft sich mit Vehemenz in die idealistischen Jünglingsrollen, Rolf Germeroth bringt für Kaiser und Kentaur charmant selbstironische Züge ein. Insgesamt wäre der Anspruch an die Darsteller und auch an die Personenregie noch durchaus steigerungsfähig, damit diese überzeugende Faust II-Konzeption so richtig funkt. Peter Reins mutige Entschlackungskur von Faust II ist dennoch ohne Respektlosigkeit vor diesem Inbegriff deutscher literarischer Hochkultur gelungen. Ein Bildersturz auch zum Wohle der Zuschauer, die in dieser puristischen Version mit einem klaren Handlungsfaden eine gute Chance haben, endlich einmal den Inhalt von Faust II zu begreifen. Dafür gab es dankbaren, anerkennenden und auch begeisterten Beifall.