Krach in Chioggia

Komödie von Carlo Goldoni

Ein sommerliches Freilichtvergnügen ist Carlo Goldonis turbulente Komödie „Krach in Chioggia“, die die Ingolstädter Theaterbesucher im Turm Baur bereits viel von der besonderen Atmosphäre und dem Lebensgefühl nahender Urlaubstage, z. b. in der Lagune von Venedig, spüren lässt. In Chioggia, wo es permanent an Männer mangelt, weil diese mehr Zeit in ihren Fi-scherbooten bzw. in Hafenkneipen zubringen, als am heimischen Herd, haben sich zwei junge Paare gefunden: Titta-Nane ist in die Lucietta, Beppo in die Orsetta ver-liebt. Nur die Checca hat noch keinen Liebsten. Sie hat ein Auge auf Titta-Nane ge-worfen, wäre aber auch bereit, den jungen Bootsmann Toffolo zu nehmen. Dieser Toffolo begeht die Unvorsichtigkeit, sowohl mit Checca und ihrer Schwester Orsetta als auch mit Lucietta anzubändeln... Nach Rückkehr der Fischer vom Fang haben die Mädchen nichts eiligeres zu tun, als sich gegenseitig zu verraten: Lucietta und ihre verheiratete Schwester berichten Beppo, die Orsetta habe mit Toffolo angebändelt; Orsetta und Checca dagegen tei-len Titta-Nane mit, die ihm versprochene Lucietta habe sich die Huldigungen Toffolos gefallen lassen. Titta-Nane und Beppo glauben sich von ihren Mädchen betrogen, lauern Toffolo auf und verprügeln ihn. Toffolo, um sein Leben bangend, begibt sich zum Gerichtsadjunkten, um die beiden Fischer zu verklagen... Es folgt eine gerichtliche Untersuchung, während der es wiederholt zu Versöhnungs-versuchen kommt. Durch eifersüchtigen Klatsch und Missverständnisse flammt der Zwist jedoch immer wieder auf, bis es schließlich gelingt, die drei Liebespaare wieder zu vereinen und eine gemeinsame Hochzeitsfeier zu organisieren, die den Frieden im Dorf endgültig wieder einkehren lässt. Das Volksstück zeichnet im temperamentvollen Hin und Her der Dialoge eine farbige und realistische Charakterisierung des einfachen Lebens der Fischer in Chioggia – und begeistert durch unbändiges Temperament, Lebensfreude und südländisches Flair.
Regie: 
Axel Stöcker
Premiere am ,
Freilichtbühne im Turm Baur
Kulturkanal – 27.06.2005
Italienflair
Der Premierenabend begann wohlig vielversprechend. Eine laue Ingolstädter Sommernacht, in der wir genüsslich dem Treiben auf einer italienischen Piazza zusehen können. Ein plätschernder Dorfbrunnen mit skulpturalem Aufbau steht zentral in der Mitte. Hoch über unseren Köpfen baumelt ein halber Theaterfundus an Wäschestücken. Der Turm Baur lässt sich perfekt als italienische Hausfassaden-Kulisse nutzen. Mit wenigen Mitteln entstehen aus den Fensteröffnungen im Erdgeschoss verschiedenfarbig angestrichene Hauseingänge, eine Bar Centrale, ein Gemüseladen und ein Zeitschriftenkiosk. Das stimmungsvolle Bühnenbild von Peer Palmowski ist ein idealer Rahmen für eine italienische Freiluft-Komödie. Hoch oben auf dem Dach schreit ein junges Mädchen das Motto des Abends hinaus: Ich will einen Mann! Ein neuer Tag beginnt – natürlich mit überschwänglicher italienischer Lebensfreude. Die Frauen und jungen Mädchen kommen aus ihren Häusern und begrüßen sich lautstark quer über den Platz mit unendlichen Buon-Giorno-Kaskaden und kleinen Sticheleien. Dann rauscht Toffolo, der Dorf-Casanova auf seiner Vespa herein, umrundet den Brunnen, dass die Kieselsteine spritzen und nutzt die Gunst der Stunde, dass nämlich die anderen Männer beim Fischen sind, und macht den jungen Mädchen durchaus etwas verschämt den Hof, indem er ihnen ein Eis spendiert. Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Keifende Rivalität der Frauen, schließlich rasende Eifersucht der Männer, Verlobungen werden gelöst, wütende Rache geschworen, der Pfarrer hat mit seinen Aufrufen zu Frieden und Versöhnung wenig Chancen. Es wird geprügelt, gezankt, vor Gericht gezogen bis man sich schließlich widerwillig versöhnt – vermutlich bis zum nächsten Krach. Die Hauptinteressen der Männer sind der Fisch und die Frauen. Das Hauptproblem der Frauen sind die Männer, die Ehemänner, Verlobten, Umschwärmten, die wochenlang zum Fischen auf dem Meer sind und sehnlichst zurückerwartet werden. Denn es herrscht Frauenüberschuss in dem Fischerort an der Lagune von Venedig. Von 40.000 Einwohnern sollen 30.000 Frauen sein. Und so entsteht ein harter Konkurrenzkampf der Mädchen und die Lust, die Rivalin, die Schwester, die Nachbarin auszustechen. Das wichtigste Ziel der jungen Mädchen ist es nämlich, sobald wie möglich unter die Haube zu kommen und vor der kleinen Schwester und der besten Freundin zu heiraten. Wenn die Mitgift stimmt. Regisseur Axel Stöcker, der in Ingolstadt bereits vor 10 Jahren sehr erfolgreich die „Rocky Horror Picture-Show“ inszeniert hat, lässt Goldonis Komödie aus dem 18. Jahrhundert im Italien unserer ersten Italienurlaube und der Filme mit Gina Lollobrigida wie „Liebe, Brot und Eifersucht“, also in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts spielen. Das beschert uns wunderhübsche Sommerkleider bei den Mädchen, für die Kostümbildnerin Andrea Spanier gesorgt hat. Das bringt Italienflair mit Sophia-Loren-Brillen, Vespa, Gelati und Carabinieri. Es beschert uns aber auch, dass Goldonis Komödienhandlung ein ziemlicher Schwachsinn wird. Nur weil Toffolo den Mädchen ein Eis spendiert hat, platzen Verlobungen, kommt es zu rasenden Eifersuchtszenen, bedrohen und verfeinden sich befreunde Nachbarn, sodass Isidoro, der Gerichtsadjunkt kurzerhand zu einer Art dreifacher Zwangsverheiratung greifen muss. Was es mit der Mitgift auf sich hat, die er der von ihm eigentlich auch Verehrten spendiert, wird nur als soziales Sicherungssystem des 18. Jahrhunderts verständlich. Und dass eine superhübsche 17jährige unbedingt sofort und lieber den Mann 2. Wahl heiraten will, anstatt noch ein bisschen mit ihren Verehrern zu flirten, mag im 18. Jahrhundert noch als gesellschaftlicher Zwang oder zumindest als theatrale Behauptung akzeptiert werden. In den 1950er Jahren wirkt eine solche Obsession, sobald wie möglich unter die Haube zu kommen, ziemlich albern. Aber muss man solche Glaubwürdigkeitsfragen bei einer Komödie stellen, wenn sie nur unterhaltsam und amüsant ist? Doch ist dies diese Aufführung? Wir erleben italienische Temperamentsausbrüche nonstop. Den ganzen Abend über wird mit der selben Inbrunst geschrieen, gekeift, gekreischt, getobt, als hätte man einen Ziegelstein auf das Pedal für Stimmkraft und Temperament gebunden, der sich nun nicht mehr lockern und dosieren lässt. Das wirkt auf die Dauer grobschlächtig, uncharmant und ziemlich ermüdend. Wer will da noch irgendeinem Wortwitz hinterher hören, wenn der Tenor sowieso immer der gleiche ist: lautstarker Krach, Lärm, Streit in Chioggia eben. Kein bisschen Kontrastprogramm an öder Dorftristesse, kein bisschen Sentimentalität, immer nur 150 % volle Kraft voraus. Die akustische und räumliche Situation der Freilichtbühne mag dazu animiert haben. Es ist bewundernswert, wie das Ensemble diese Italianitá stimmlich bewältigt. Dabei sind durchaus reizende Figuren und Situationen zu erleben. Simone Oswald ist eine hübsch kokette, freche Göre, Claudia Steiger eine Temperamentsfurie wie die junge Lollobrigida, Adelheid Bräu eine herzhaft emanzipierte Matrone, Rebecca Kirchmann spielt die schicke Brillenschlange, die was besseres sein will, Bettina Schmid eine pfiffige Gemüsehändlerin, die sich beim Verhör taub stellt, um nicht ihr Alter nennen zu müssen. Und auch die Männer sind ganz köstliche Figuren: Aurel Bereuter, der kleinlaut um sein Leben fürchtet, weil er einmal mutig den Gigolo gespielt hat, Alexander Leistritz als sturköpfiger und André Felgenhauer als impulsiver Liebhaber. Johannes Langer als Pfarrer wirkt wie ein hilfloser Prellbock in der Brandung der wildaufschäumenden Temperamente. Lediglich Peter Greif ruht in sich und zückt lieber sein Gewehr als seiner Wortgewalt zu vertrauen. Dietrich Schulz amüsiert die Zuschauer mit seinem unartikulierten Sprechen. Er torkelt wie besoffen durch die Worte, indem er immer den ersten Buchstaben verschluckt. Sehr drollig ist, wie er die dramatische Kampfszene in wechselnden Rollen vorspielt und dabei Sprints über die ganze Bühnenbreite einlegen muss, um fast gleichzeitig den rachsüchtigen Schwager und den vermeintlich erschossenen Casanova verkörpern zu können. Wer die Behändigkeit nicht in der Zunge hat wie er, muss eben gestisch zulegen. Gregor Trakis macht aus dem Gerichtsadjunkten einen etwas hochnäsig Bessergestellten, der auf dem staubigen Dorfplatz angeekelt seine Schuhe poliert und dann in schwärmerische Tanzschrittchen verfällt und wie ein Ballett-Tänzer zum Abgang schwebt. Denn auch er ist nicht ohne die menschliche Schwäche der Verliebtheit. Und dass ihm dieses ewige Gezeter auf die Nerven geht, kann man gut nachvollziehen. Köstlich auch die Verhörszene im Freien, bei der die ganze Meute vom Café aus die Aussagen zu verstehen sucht und immer wieder geräuschvoll dazwischenfunkt. Karl-Heinz Habelt als Carabinieri trägt zur Komödiantik bei, in dem er immer alles im falschen Moment macht. Rumstehen, Weggehen, seine Pistole aus dem Halfter nesteln und schießen – perfekt falsches Timing. Wir erleben hübsche Gags und Situationskomik, etwa wenn Alexander Leistritz in den Dorfbrunnen hechtet oder die künftigen Schwiegereltern fast aus dem Fenster im Obergeschoss kippen, als Toffolo um die Hand ihrer Tochter anhält. Wir erleben ein reizvoll amüsantes Ensemble und doch: Zu viel Lärm in Chioggia. Isabella Kreim
Neuburger Rundschau – 27.06.2005
Ich will einen Mann – Carlo Goldoni in Ingolstadt
Hemden und Höschen flattern auf über den Markplatz gespannten Wäscheleinen (Bühnenbild: Peer Palmowski), knatternde Vespas, keckes Hüftschwingen, raschelnde Petticoats á la Sophia Loren und Gina Lollobridiga (Kostüme: Andrea Spanier), wildes Gestikulieren – ja, richtig, wir sind in Bella Italia. Und weil es am Premierenabend auch noch mediterran warm war, konnte man fast glauben, der aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammende Festungsbau Turm Baur, in dem seit 30 Jahren das Theater Ingolstadt Freilichttheateraufführungen serviert, befände sich am Mittelmeer. Vom obersten Rand des Turm-Rondells der Schrei: „Ich will einen Mann!“ So ist es vorgegeben, um was es in den nächsten zweieinhalb Stunden bei „Krach in Chioggia“ gehen wird: um das unter die Haube kommen. Die drei Damen, um die sich alles dreht (und die am Ende ausnahmslos geehelicht werden), haben an diesem Abend jedoch die etwas schlechteren Karten: Zu wenig individuell sind die Rollen von Claudia Steiger, Rebecca Kirchmann und Simone Oswald von Regisseur Axel Stöcker herausgearbeitet – sie (sowie Adelheid Bräu und Bettina Schmidt) sind allesamt mehr oder weniger lediglich „keifende Weiber von Chioggia“. Anders die Herren: Hier gelingen Stöcker schöne und einfallsreiche Akzentuierungen – vor allem bei den „Stars des Abends“: Dietrich Schulz als Fischer Paron Fortunato (Akteure mit Sprachfehlern sind halt immer für jede Menge Lacher gut!) und der Gerichtsgehilfe von Georg Trakis: Da stimmt jede Geste, jede Nuance. Ein Vergnügen. Ergänzt wird das aufgedreht lautstark spielende Ensemble von Peter Greif, Andre Felgenhauer, Alexander Leistritz, Johannes langer, Aurel Bereuter sowie Karlheinz Habelt mit einem Kabinettstückchen als wort-, aber nicht lautlos agierender Carabinieri. Axel Stöcker - in Ingolstadt noch in bester Erinnerung seit seiner „Rocky Horror Picture Show“ von vor etwa zehn Jahren – hat Goldonis Komödienklassiker „Krach von CHioggia“ entrümpelt und unterhaltsam in dies Zeit der 50-er des 20. Jahrhunders übertragen, ein paar kleine aktuelle kabarettistische Spitzen – wie „Heuschrecken“ – beigegeben und vor allem auf Tempo, Tempo, Tempo gesetzt. „Krach in Chioggia“ in Ingolstadt: Das ist ein netter Spaß für laue Sommerabende – ohne „Botschaften“ und großen Hintersinn, was ja auch nicht immer sein muss.