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Faust I - Pressestimmen

Mittelbayerische Zeitung
Existenzialistische Faust-Interpretation im Theater Ingolstadt
Das Theater, das aufhört, dem vermeintlichen Publikumsgeschmack nachzulaufen, gewinnt Feiheit. Die benötigt es in Zeiten unseres Jammertals auf hohem Niveau, um nicht in den Untiefen des Event-Geschäumes auf Grund zu laufen. Peter Rein, der Intendant des Theaters Ingolstadt, nimmt sich die Freiheit - und landet folgerichtig zwischen allen Stühlen. Doch das ist der schlechteste Platz für Kultur nicht. Reins Faust-Interpretation hatte am vergangenen Samstag Premiere. Der Intendant als Regisseur mutet dem Publikum was zu. Das sind nicht nur die vier Stunden, die es die Kreuz und die Quer durch ein Wechselbad der Gefühle gestoßen wird. Rein setzt aufs Wort, auf die großen Monologe Das findet langweilig, wer den Faust gern als Action-Story hätte, kurz knackig und schrill. Rein präsentiert aber auch große Bilder, beeindruckend und surreal fantastisch. Wenn da in der Walpurgisnacht ein loderndes Riesenkreuz skandalös durch einen prallen Monsterphallus konterkariert (oder ergänzt?) wird, wenn die Sauereien beim Wort genommen werden - und das nicht nur, weil man ausspricht, was im gelben Reclam-Heftchen nur mit Strichlein angedeutet ist, sondern orgiastisch als bekiffte Bande über die Bühne tobt, dann findet das Bildungsbürgertum seinen Klassiker geschändet. An dieser Faust-Produktion kann sich das Publikum leidenschaftlich reiben. Doch eines wird man ihr nicht absprechen können: Am Schluss haben der Regisseur und Schauspieler die, die ausgeharrt haben, gepackt. Großes Illusionstheater pur. Die Träne quillt, die Erde hat uns wieder - als Menschen und für Augenblicke eben nicht mehr nur als Getriebene von Leistung, Fun und Habenwollen. Reins Faust ist nicht das idealistische Ringen des Guten mit dem Bösen. Von Erlösung ist bei diesem existentialistischen Ansatz wenig zu spüren. Albert Camus' Stein wird da gewälzt. Erst dieses Konzept leistet, was am Theater unabdingbar ist, dem klassischen Stoff Leben des Hier und Jetzt einzuhauchen, ohne Anbiederung des so missverstandenen Regietheaters mit seiner Effekthascherei. Faust im Zeitalter der Datenautobahnen, der umfassenden Telekommunikation und der zwischenmenschlichen Kommunikationsarmut: Gespielt wird auf düsterer Bühne, die ihre Maschinerie mit ihrem Gestänge, Drähten und doppelten Böden zeigt. Günter Hellweg (für die gesamte Ausstattung zuständig) lässt in dieser trist-kalten Atmosphäre ein weißes Metall-Geviert hochfahren, das Studierstube, Gretchens Kammer und auch Kerker ist. Das Drama des Menschen - Erkenntnishunger, Liebe, Verirrung und Scheitern ist unseren voyoristischen Blicken ausgeliefert. Folgerichtig ist die Faust-Figur Matthias Windes Existentialist, nicht Idealist - und der Mephisto Heimo Essels die zynische Mustation davon. Sie bedingen einander in Geist und Spiel, in Gier und Machbarkeitswahn. Faust und Mephisto: Ego-Trip als Ich-AG. Die Macher richten zugrunde. Wer ist der größere Teufel, der, der sich seiner Natur bewusst ist, der mal kahlschädelig mit schwarzem Edelpelz, mal mit gegelter Salon-Punker-Frisur als smarter New-Economy-Jünger daher kommt? Oder ist es nicht viel mehr der, der erst in den schlecht sitzenden Hosen des verknautschten Wissenschaftlers und dann als Business-Boy sich nimmt, worauf er glaubt ein Menschenrecht zu haben? Glücklich die Schauspieler, die solch einen Regisseur haben, der sie fordert, der sie bis in die kleinsten Nuancen authentisch agieren lässt, sie sicher vor dem Absturz ins theatralische Klischee bewahrt. Treibt das Wort ihr Handeln oder das Handeln ihr Wort? Egal: Hier wird großer Text lebendig, und das Publikum erfährt warum Goethes Faust Menschheitskultur ist und nicht bloß verehrungswürdiges Theater-Allerheiligstes. Matthias Winde und Heimo Essl spielen sich die Seele aus dem Leib und zwingen in ihren Bann. Sie schaffen mit ihren Charakterisierungen neue Erkenntnis, wo man meint, alles schon gekannt zu haben. Gretchen, die Traumrolle jeder jungen Schauspielerin: Rebecca Kirchmann gibt Gretchen natürlich und deshalb eben nicht naiv Konturen. Es ist nicht zuletzt ihre Wahnsinnsszene, die das Publikum packt und mit leiden lässt. Wie sie da mit Faust am Boden des Kerkers einen kreatürlich zuckenden Leib bildet, sich krümmt und windet, leben will und längst zum Sterben bereit ist: Das ist eine große schauspielerische, ja menschliche Leistung. Peter Reins Faust ist gerade auch in den großen Tableaus der Vergnügungssucht - mit vielen funkelnden Einzelleistungen - keine Provokation. Ob Party in Auerbachs-Disko, ob Drogen-Sucht im Hexen-Swingerclub, ob die große Sex-Orgie in der Walpurgisnacht: Das ist eigentlich sehr trauriges Endzeitspiel. Fazit: Der Faust in Ingolstadt beweist, dass Theater Zukunft hat, weil es sich einmischt und etwas zu sagen hat.
BR5 - aktuell – 02.02.2004
Faust I
O-Ton „Habe nun ach …wie zuvor“ Peter Reins Faust ist nicht der hochmütige Gelehrte, der aus Überheblichkeit alle Grenzen zu überschreiten sucht, eher ein biederer Bücherwurm, der sich in der Mikrowelle die 5-Minuten-Terrine aufheizt und an sich und der Klaustrophobenstimmung seiner Denkerklause zu Grunde zu gehen droht. Sein Widerpart Mephisto nicht der Verschmitzte, Charmante, Diabolische, eher einer, der den Job des Bösen mit der coolen Gelassenheit eines Vorstadtdealers betreibt. O-Ton „Ich bin der Geist … zu Grunde geht“ Wie Fausts kleine Welt zu Grunde geht, das ist in Ingolstadt 3 ½ Stunden fesselndes Schauspielertheater. Des Deutschen liebstes Theaterstück und liebster Zitatenschatz pur ohne inszenierten Schnick-Schnack umgesetzt in phantasievollen aber nicht überbordenden Bildern, die nie den Akteuren die Show stehlen. Einen Faust, der glaubhaft vom Biedermann zum Dandy mutiert, einen lässigen Mephisto, der nie „sympathie for the devil“ weckt und mit Rebecca Kirchmann einem atemberaubend anrührenden Gretchen, das allein den Besuch in Ingolstadt wert wäre.
Augsburger Allgemeine – 02.02.2004
Verbissen ruhelos
Bilder der Großstadt schwirren vorbei, die Welt des "modernen", eines neuen Faust? Wolken entschweben in vermeintlich Sphärisches. Und doch könnte die "Zueignung" eine vorweg genommene Kerkerszene sein. "Längst entwöhntes Sehen" - Peter Rein ordnet den Text dem Herrn zu. So sehr der "Prolog im Himmel" schon Teil des Spiels wird, ebenso endgültig verabschiedet sich Gott aus eben diesem, das diesseitig real kein "Vorspiel auf dem Theater" duldet und direkt überleitet in Faustens Studierzimmer, ein Spitzweg'sches Arme-Poeten-Idyll mit modernen Ingredienzien. Reins Inszenierung giert nach Leben und verweigert sich ihm, sobald es zum Greifen nahe gerät. Die Volksszenen mutieren zu skurrilen Kunstwelten, vor dem Tor wie in Auerbachs Keller Müßiggänger, müde Partylöwen. Kaum Wunder, dass es Faust nur langweilt. Aber wovor, die eigenen Person inbegriffen, ekelt es Matthias Windes Faust nicht? Sein Gestus, seine oft sich überschlagende Stimme bleiben schroff, schrill abweisend volle vier Stunden. Wer oder was Einhalt, Verweil, auch bloß einmal richtig Atem gewähren könnten, bleibt unentdeckt. Was Manko des Darstellers sein könnte, scheint vielmehr Methode zu sein, jedenfalls ist kein ernstlicher Versuch der Regie des Aufbegehrens gegen so viel verbissene Ruhelosigkeit zu erkennen. Auch dem Mephisto des Heimo Essl bleibt nur mehr der Part, eben der Gerissenste aller Partygänger zu sein. Rein flieht derweil vor zuviel Gleichklang in Nebenschauplätze, lässt bunte Videobildchen flimmern, zaubert magische Lichter, schickt nochmals die Erzengel los und auch einen leibhaftigen Pudel und lässt schon mal, eh gar nichts mehr geht, das Telefon klingeln: Stilmittel, Mätzchen auch, die zeitlich mit dem unverjüngten Faust einhergehen, im Grunde nur hinweg helfen über nicht tragenden Text, der aus Ehrfurcht gesprochen sein will, wo die Ehrfurcht längst verflogen ist. Ingolstadt Faust ist der No-Future-Typ durch und durch, der auch für die Zwischentöne, mit denen Rebecca Kirchmann ihr Gretchen zur einzig wirklich körperlichen Figur werden lässt, weder Zeit noch Lust hat. Weniger verschwenderisch im Einsatz ihrer Mittel werden Reins Bilder zwingender. Kalter Schauder liegt über dem Begräbnis von Mitter und Bruder im Dom, zum Zwinger ist Gretchen das eigene Schlafzimmer geworden. Das trostlose Blechgestell ihrer Kammer erinnert an eine Beuys'sche Installation. Bühnenbildner Günter Hellweg bedient sich einer strengen Bauhaus-Sprache, die nur in der Szene im Dom durch die Schräge einmal gebrochen wird. Das Spiel jetzt auf der Kippe? Aber schon die Geilheit einer Walpurgisnacht erstarrt wieder in jener so unerbittlich schnöden Coolness, die im Prolog einmal angeschlagen, oft variiert, nie verlassen wird. Antwort kann erst ein "Faust II" geben. Und das jedenfalls hat der inszenierende Intendant klug eingefädelt: Die Frage, kann/darf Ingolstadt "Faust II" spielen, stellt sich nicht. Jetzt muss Peter Rein. Denn noch hat sein Faust kein Fleckchen Erde oder Seele gefunden, wo er hinsteuerte.
Bayerischer Staatsanzeiger – 13.02.2004
Nachschub aus Goethes Sudelbüchern
Das Große und Ganze zerfällt in Fragmente, die Gewissheit von sinnstiftenden Zusammenhängen geht verloren. Und doch immer wieder der Versuch, wissen zu wollen, "was die Welt im Innersten zusammenhält": "Faust I" in Ingolstadt, im Großen Haus, in der Regie des Intendanten Peter Rein. Der Ort von Ich- und Weltsuche ein kleiner, offener Raum, ein imaginärer Kubus, abgesetzt im großen Bühnendunkel durch weißes Gestänge. Monitore unter der Decke, alt, vergammelt, eine Videokamera, um festzuhalten, was der Verstand nicht zu fassen vermag. Dazu die obligatorischen Büchertürme, ein Winzigschreibtisch. Papiere. Und eine Badewanne. Zeuge des ultimativen Rückzugs eines Gelehrten aus der Normalität und Vielfalt des Lebens in die Ausschließlichkeit seiner Studien. Hier forscht Matthias Winde, alias Faust, ein ältlich gewordener, verdrossen wirkender Doktor in vielen Wissenschaften, mit Goßvaterhosen bis unter die Achseln. Müde und lasch holt er sich die 5-Minuten-Terrine aus der Mikrowelle und immer wieder einen Schluck aus der Flasche. Und so ist der Ingolstädter Faust ein Angeschlagener, mehr trotzig, frustriert als ein Strebender, mit Ausbrüchen von Wut und Depression, modern anmutend, aber nicht angekommen im Jahr 2004, wenn es auch die Ausstattungsattribute der Studierstube so wollen. Das Faustische heute? Die Antwort des Regisseurs bleibt unscharf. Trotz Computer- animiertem Erdgeist - ein moderner Forscher und Wissenschaftler ist dieser Faust nicht. Winde wirkt uninspiriert, ein Faust in wenig diffenerenzierenem Einheitsduktus und mit deklamatorischen Schwächen. Effektvoller Mittelpunkt der Inszenierung ist Mephisto: Heimo Essl, vital, geschmeidig, lüstern leckend, allgegenwärtig im schwarzen Ledermantel , mit "Evil"-Tatoo auf der Brust, mal Glatzkopf, mal gesträhnte Stoppeln, Strippenzieher, Schalk, Animateur grenzenlosen Vergnügens und Ausgeburt aller Lüste in einem. Nachdem er sich aus dem leibhaftigen Pudel als der wahre Kern entpuppt hat, zieht er vom Leder, was das Zeug hält. Was dem Regisseur beim Forscher Faust nicht gelingt, auf Mephisto und seine Welt findet er überzeugende Antworten. Für Auerbachs Keller, Hexenküche und Walpurgisnacht entwickelt er Szenen von praller Bildkraft und Modernität. Die Medien machen es vor. Sex, Drugs 'n Crime und noch mal Sex, je härter, desto besser der Kick. Table-Dance-Einlagen und Songs, geröhrt vom Star der Cult-Szene, Mephisto, zügellos, Hexenzauber mit Lilith als Travestie-Künstler, und auf dem Blocksberg im Zentrum des orgiastischen Gemenges aus zuckenden, kopulierenden Leibern mit Sado-Maso-und-Domina-Gelüstern, Satans gigantischer Phallus. Nachschub aus Goethes Sudelbüchern. Aber wer will so viel davon heute auf der Bühne sehen! Nach all der TV-Übersättigung! Als ob aller Drang nach Erkenntnis sich auf das Erlebnis des kleinen Ich im Sexrausch erschöpfte. Und Gretchen? Rebecca Kirchmann, kraft- und tempramentvoll, wild und ungestüm in ihrer jugendlischen Liebessehnsucht, frech und keck und wenig gebremst von guter Sitte, anrührend in ihrem naiven Vertrauen. Hinreißend. In der Gretchenhandlung erweist sich der Regisseur als Meister. Auch Dank des klug durchdachten, in seiner Klarheit und Funktionalität bemerkenswerten Bühnenbildes von Günter Hellweg. Die bis zu den Brandmauern geöffnete Bühne ist wohltuend leer und durch horizontale Ebenen gegliedert. So sprechen die Erzengel, drei geschlechtlose Wesen in strähnigen Haaren, cremefarbig und mit weiß verblendeten Augen den flüsternd geraunten Prolog im Himmel erhöht auf einer Galerie, die auch für den Osterspaziergang taugt. Ein Fülle exzellenter Einfälle verdichten die Szenen zu eindrucksvollen, bedrückenden Bildern. "Am Brunnen": Die gehässigen Freundinnen, verdreifacht, bedrängen Gretchen mit ihren spitzen Reden auf engstem Raum, in ihrer Kammer, in ihrem Bett sitzend. "Zwinger": die Mater dolorosa, eine Marienfigur mit glühendem Herzen, die tröstend zu Gretchen in die Kammer tritt. "Dom": das Requiem als Beerdigung inszeniert, mit offenen Särgen, der böse Geist , eine vielstimmige Trauergemeinde, treibt Gretchen mit quälenden Sequenzen in die Ohnmacht. Dazu raffinierte Lichteffekte und geniale, einfache Klänge (Jörg Schäffer, Stephan Kanyar). Wenn auch der Versuch, eine Antwort auf die vielschichtige Problematik des Stückes aus heutiger Sicht zu geben, nur in Ansätzen überzeugt, so gelingt doch eine packende, im Detail auch immer wieder sehr witzige, beeindruckende Regie- und Ensembleleistung - mit Sicherheit die bisher beste Inszenierung von Peter Rein am Theater Ingolstadt.
Kulturkanal – 02.02.2004
Faust I
Goethes „Faust“ erweist sich, ob im benachbarten Augsburg oder Regensburg, immer wieder als Dauerbrenner auf deutschen Bühnen. Nun also hat auch Ingolstadt wieder einen „Faust“ auf dem Spielplan. „Faust 1“ in der Inszenierung des Intendanten Peter Rein hatte letzten Samstag im Theater Ingolstadt Premiere. Die Projektion einer nächtlichen Großstadt und Wolkenschwaden im Zeitraffer, aus dem Nebel löst sich eine auf dem Rücken liegende Gestalt, Dirk Bender spricht die Zueignung auf von Stephan Kanyar komponierte minimal music. Drei weiße Gestalten richten ihn auf, er ist der Herr im Prolog im Himmel. Im Hintergrund hängt Gretchen am Kreuz. Die Engel wispern ihren Lobgesang , Mephisto tritt auf , ein diabolischer Glatzkopf im schwarzen Pelzmantel, und spricht die ewige Huldigungsleier der Engel kraftvoll auftrumpfend als zynisch-ironischen Kommentar. Die Wette um Fausts Seele, schon fährt das Studierzimmer aus der Versenkung herauf , Mephisto hängt sich an die Zimmerwand und sofort machen sich beide Mächte an die Arbeit, diesen ganz besonderen Menschen zu beeinflussen. Mephisto stellt das Gift als Aufforderung zum Selbstmord in Fausts Studierzimmer, die Hilfskräfte des Herrn suchen den geistigen Drang des Faust zu befördern, reichen ihm das Buch des Nostradamus und schlagen bestimmte Stellen auf, so wie Mephisto Fausts Sehnsucht nach der Erscheinung des Erdgeists provoziert, der sich schließlich als Explosion einer Atombombe auflösen wird. Vielversprechend knapp und griffig und mit fließenden Szenenübergängen reizvoll visualisiert beginnt die Inszenierung von Peter Rein. Bühnenbildner Günter Hellweg hat eine bespielbare Zwischendecke quer über die schwarze Bühne gelegt, unter der sich Studierzimmer oder Gretchens Stube als enge kleine Welt installieren lassen. Fausts Studierzimmer ist ein klaustrophobisches Einzimmer-Apartment, die Bücher und Akten stapeln sich kafkaesk bis zur Decke, etwas veraltete Monitore gehören zum Handwerkszeug dieses heutigen Wissenschaftlers. Und dieser Raum hat den Witz eines vergammelten Single-Haushalts mit Kühlschrank und Mikrowelle für die Fertigsuppe. Faust ist gerade dabei, mit cholerischem Mißmut seine Aufzeichnungen zu zerknüllen und in der Badewanne zu verbrennen. Aus diesem wütenden Aktenvernichtungswerk entwickelt sich sein Monolog über die Unzulänglichkeit akademischen Wissens. Matthias Winde als Faust ist ein Berserker der Selbstzerfleischung, immer auf 180 und kurz vor dem Herzinfakt in der Intensität seines Wissensdrangs und Selbsthasses. Einer, dem wirklich alle Freud entrissen ist und der in seiner pathologischen Unruhe wirklich nicht dazu neigt, sich auf das Faulbett zu legen: Ein von innerer Glut brennender, vitaler Faust, dabei ein misanthropischer Eigenbrötler, dessen Erkenntnisdrang Qual und nicht schöngeistiger Ehrgeiz ist. Da werden Goethes Verse nicht wohltönend rezitiert, sondern als Ausdruck tiefer Verzweiflung ausgekotzt. Und wenn dieser Faust gutgelaunt ist wie auf dem Osterspaziergang schwadroniert er ebenso emphatisch wortmächtig. In Heimo Essl als Mephisto hat Mathias Winde einen potenten Gegenspieler, der nicht minder der kraftvollen Sprache mächtig ist. Er biedert sich nicht durch komödiantische Wendigkeit an, sondern ist ein gefährlich-ernsthafter Provokateur - und das mit Lust. Sehr schön inszeniert ist die erste Begegnung mit des Pudels Kern. Faust ist köstlich amüsiert über diesen Schüler mit roter Pudelmütze und Erstklässler-Schulranzen. Endlich jemand, der ihn geistreich unterhält im Gegensatz zu seinem Famulus Wagner, den Aurel Bereuter allerdings ganz köstlich spielt. Faust glaubt einen Pakt mit einem harmlosen Kobold abzuschließen und muss in Auerbachs Keller erleben, dass er einem gefährlichen Manipulator die Hand gereicht hat. Mephisto lullt Faust nicht durch Geisterstimmen sanft ein, sondern schickt ihn auf einen LSD-Trip, der ihm zu psychodelischer Musik von Dr. Jörg Schäffer Horrorbilder moderner Wissenschaft vor Augen führt, wie wir auf den Monitoren und als Lichtprojektionen sehen. Faust erwacht aus diesem Horrortrip in einem epileptischen Anfall. Die Schülerszene wird originell mit einem ulkigen Schülertrio durchexzerziert. Einer der besten Einfälle dieser Inszenierung ist Auerbachs Keller. Keine dumpfbackige mittelalterliche Studentengesellschaft lässt sich von Mephisto ein wenig an der Nase herumführen und in weinselige Trance versetzen. Wir sehen eine reiche Schickeria in einem Edelclub, Mephisto heizt sie als Rockstar zu Massenhysterie auf, zieht schließlich einen Revolver und treibt sie zu einem gespenstischen Amoklauf, aus dem die Erschossenen als Gesellschaft der Hexenküche wiedererwachen. Reinhard Maier als frivol-androgyne Hexe verpasst Faust keinen Verjüngungstrank, sondern setzt ihm eine Spritze, an der er fast krepiert. Besonders im ersten Teil gelingt es Peter Rein griffige, manchmal auch drastische Übertragungen in einen heutigen Kontext zu finden, die dem vertrauten Klassiker seine harmlos gewordenen Bilder austreiben. Auch in den Gretchenszenen gibt es hübsche Ideen. Ganz köstlich die frivol kichernde und unter Sexentzug leidende jugendliche Marthe Schwertlein von Manuela Brugger, sehr schön Gretchens „Meine Ruh ist hin“ als Ausdruck erster Verliebtheitsexstase und ganz hinreissend das Religionsgespräch als Dauerbrennerthema dieser Beziehung, das sich vom sanften Liebesgeflüster in mehreren Wiederholungen zum ersten Beziehungskrach steigert. Rebecca Kirchmann wurde in ein eigentlich unzumutbar lächerliches Nachhemdkleidchen gesteckt, dabei kann sie ihre kindliche Frömmigkeit und Naivität sehr wohl erspielen genauso wie die neugierige Aufregung der ersten Liebe. Lieschen – das sind eine ganze Horde von Freundinnen, die sich Gretchen aufs Bett setzen und ihr als zigarettenrauchende pubertäre Gören höhnisch das Schicksal eines gefallenen Mädchen vor Augen führen. Doch dann verlassen den Regisseur die Einfälle und auch die genaue Arbeit am Text. Die Ermordung Valentins unterläuft Faust durch einen Zaubertrick Mephistos, für die er tatsächlich keine Verantwortung zu tragen braucht, Valentins Tod ruft gar statt Tragik einige Lacher hervor, die Johannes Langer mit seiner Sprachexpressivität nicht vermeiden kann. Und die Walpurgisnacht mißlingt mit hilflos improvisierten Spießer- Kopolationsarrangements. Daran ändern auch der überdimensionale Penis des Satans und der ausgekippte Kot nichts. So gefährlich Auerbachs Keller gelungen ist – für die Walpurgisnacht findet der Regisseur keine entsprechend heutigen Ausdrucksmittel für die Obszönität einer sexualisierten schwarzen Messe. Und so versandet die Aufführung schließlich in schaler Unbedeutendheit. Die Darsteller retten sich in Dauerexpressivität und selbst die Kerkerszene vermag nicht mehr zu packen. Schade, dass Peter Rein, der den „Faust“ ja bereits vor wenigen Jahren in Erfurt inszeniert hat und daher eigentlich wissen müsste, wo die Defizite seiner Konzeption liegen, im letzten Drittel der Aufführung die Kraft der Imagination verlassen hat.