V.l.n.r.: Péter Polgár, Ulrich Kielhorn, Sascha Römisch / © Jochen Klenk

Frohes Fest

The Lying Kind

Anthony Neilson, Deutsch von Barbara Christ

»Hund oder Nicht-Hund, für uns ist das egal; für uns sind das alles Opfer, und wir behandeln alle Fälle ganz genau gleich.«

Der beste Freund des Menschen. Mal wuschelig, mal kraus getrimmt, mal kuschelig, mal verspielt – Hundeliebhaber wissen: hinter den treuen Hundeaugen wohnt eine ganz besondere Seele. Wenn dem Vierbeiner etwas zustößt, dann ist das nicht einfach ein Unfall, sondern der schwere Verlust eines Familienmitglieds. Ereilt etwa dieses Schicksal Mrs. Connor und ihren Mann an Heilig Abend? Jedenfalls stehen die Polizisten Blunt und Gobbel vor der Haustür der Connors mit einer Hiobsbotschaft. Als sie sich endlich überwinden können zu klingeln, nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Mrs. Connor flüchtet sich in den Wahnsinn und Mr. Connors Herz ist nun wirklich zu schwach für dieses Drama.

Doch warum stottern die beiden Polizisten so wirr herum und wirken deutlich besorgter als die Connors? Und was hat der seltsame Pfarrer plötzlich auf der Bildfläche verloren? »Frohes Fest« ist ein vergnügliches Verwirrspiel über ein an sich alles andere als launiges Thema. Der Brite Anthony Neils schafft es jedoch in der tödlichen Verwechslungskomödie den Irrsinn aller Beteiligten höchst unterhaltsam auf die Spitze zu treiben.

»Das Stück ist einer der großen ›hidden champions‹. Bester britischer schwarzer Humor, gepaart mit der zutiefst menschlichen Tragödie«, schwärmt Regisseur Jochen Schölch, wenn man ihn zu »Frohes Fest« befragt. Anthony Neilson zählt zu den britischen Autoren, deren Stücke als »in-yer-face-theatre« bezeichnet werden. Was übersetzt so viel bedeutet wie »Voll-in-die-Fresse-Theater«. Treffend! Denn hier wird nichts ausgelassen – ganz nach Murphys Gesetz: Was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Oder wie der Regisseur meint: »Oft ist es die Konfliktvermeidung, die für die wahren Tragödien sorgt.«

Regie: 
Jochen Schölch
Bühne: 
Fabian Lüdicke
Kostüme: 
Andrea Fisser
Dramaturgie: 
Gabriele Rebholz
Künstlerisch-technische Produktionsleitung: 
Manuela Weilguni
Theatervermittlung: 
Bernadette Wildegger
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 100 Minuten
Donaukurier – 01.12.2018
»Umjubelte Premiere«

»Neilson treibt mit dem Entsetzen Scherz, packt sämtliche Tabuthemen […] in eine tadellose Slapstickkomödie mit rasanten Dialogen und aberwitzigen Situationen. […] Traumwandlerisch sicher bewegt sich Regisseur Jochen Schölch auf dem schmalen Grat dieser anarchischen Komik, geht mit perfektem Timing und erfrischender Leichtigkeit in diesen pointenreichen Schlagabtausch und führt seine exzellenten Schauspieler zuverlässig von alltäglichen Konstellationen in mittlere Katastrophen. […] Herrlich ist es, wenn Sascha Römisch sich auf die Tee-Zeremonie der dementen Garson (wunderbar facettenreich: Ingrid Cannonier) einlässt […]. Herrlich auch, wenn Ulrich Kielhorn zu seinen Welterklärungsversuchen ansetzt. Und grandios ihr Zusammenspiel des immer schöneren Scheiterns. Wolfgang Jaroschka bildet da als Balthasar Conner einen spannenden Kontrast. Sarah Horak darf als militante Pädophilen-Jägerin Gronya wüten. Péter Polgár gibt einen zwielichtigen Pfarrer und Sarah Schulze-Tenberge ein psychisch labiles Mädchen.« Die Rezensentin kommt zu dem Schluss: »Unglaublich gut gemacht ist das alles – und unglaublich witzig dazu.«

Süddeutsche Zeitung – 06.12.2018
»Weihnachten kaputt«

»Jochen Schölch geht den Irrsinn vollkommen ungerührt an und bastelt daraus am Theater Ingolstadt mit handwerklicher Präzision eine Aufführung, die mit zunehmender Dauer immer furioser wird, bis das Publikum gluckst und jappst. […] Fabian Lüdicke hat fürs frohe Fest eine hübsche Reihenhauszeile gebaut, very british, die sich bald öffnet und den Nukleus des Irrsinns, das Wohnzimmer freigibt. Andrea Fisser hat die Leute liebevoll und unmissverständlich angezogen. […] Und wenn am Ende das Interieur sorgsam zerlegt und der Lack der Lebenslügen ab ist, stellt sich fast schon ein Kater ein: die beiden Polizisten bleiben konsistent: Sie sind anfangs Trottel und bleiben Trottel. Aber herrliche Trottel. Sascha Römisch und Ulrich Kielhorn spielen sie mit viel Leidenschaft für eine Anarchie, die nur das Gute will und dabei alles zerlegt. Ingrid Cannonier verleiht der verwirrten Garson auch noch in deren exhibitionistischen Anfällen Anmut, Wolfgang Jaroschka ist ein herrlich ungerührter Balthasar. Péter Polgár irrlichtert als Pater Shandy durch die Szenerie und wird arg gebeutelt, Sarah Horak stellt die Figur der Gronya ganz in den Dienst einer von jeder Subtilität befreiten, dafür umso wuchtigeren Eindeutigkeit.«

Kulturkanal – 30.11.2018
»eine verdammt gut geschriebene Komödie und ein wirklich lustiges Kontrastprogramm zur lärmenden ›Besinnlichkeit‹ des Weihnachtstrubels«

Positive Resonanz erhält »Frohes Fest« in der Kritik des Kulturkanals: »Regisseur Jochen Schölch, in Ingolstadt bisher auf schwere Stoffe […] festgelegt, kann auch Komödie. Er startet durchaus harmlos gemächlich und treibt die Eskalation-Spirale mit stetiger Dynamik nach oben. Die Kettenreaktion der Katastrophen und Missverständnisse schlägt sich auch in der allmählichen Entfesselung der Komödienhektik nieder. Je schlimmer und auswegloser die an sich menschlich tragische Situation, desto komödiantischer sind die Folgen. […]« Auch das Spiel der Schauspieler mache Spaß: »Grandios spielt Ingrid Cannonier die demente Mutter mit ihren kindlich-kindischen Ausfällen. […] Wolfgang Jaroschka hält die etwas trottelige Liebenswürdigkeit ihres Ehemanns wunderbar durch, Peter Polgar packt als Priester seinen professionellen Redeschwall aus, um dann somnambul im Nirwana der chaotischen Situation zu versinken. Eine Wucht ist Sarah Horak als Pädophilen-Jägerin mit Macho-Attitüden, Sarah Schulze-Tenberge als ihre Tochter liefert neben einem ausgefeilten Kopf-gegen-Tür mit Drehung-Slapstick […] die Not eines missbrauchten jungen Mädchens, dem keiner zuhört.«

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