v.l.n.r.: Olaf Danner, Ulrich Kielhorn, Mira Fajfer / © Ludwig Olah

Biedermann und die Brandstifter

Ein Lehrstück ohne Lehre von Max Frisch

The roof, the roof, the roof is on fire!

Nomen est omen – kürzer lässt sich Gottlieb Biedermann kaum beschreiben. Er ist das Paradebeispiel der Haltung: »Ich bin zwar kein Mitglied einer (beliebige ›gemäßigt radikale‹, sich benachteiligt fühlende Gesellschaftsgruppe), ABER … « Oder: »Das wird man doch noch sagen dürfen.« – gern auch hinter vorgehaltener Hand und im stillen Kämmerlein. Auf der anderen Seite, versucht Gottlieb einen Glauben an das Gute im Menschen für sich zu erfinden. Und diesen mit nahezu obsessiver Blindheit zu verfolgen, allein um sich der freundlichen Verbundenheit der offensichtlichen Brandstifter zu versichern, die er sich, samt einigen Fässern Benzin, unter sein Dach geholt hat. Als bei Allen die inneren Alarmglocken schellen, traut sich der Gastgeber schon nicht mehr, die neuen Mitbewohner vor die Tür zu setzen. Denn einen Brandstifter möchte ein Hausbesitzer nicht zum Feind haben. Also bleibt man bis zum bitteren Ende freundlich und bieder. Bis es zu heiß wird. Max Frisch bezeichnete sein Theaterstück als »hermetisch-offene Parabel«. Er zeichnet mit Gottlieb Biedermann eine Figur, die von den Überlegenen, den Mächtigen, akzeptiert werden möchte und dennoch selbst das Gefühl der Überlegenheit liebt. Eigentlich will dieser Gottlieb nichts Böses. Eigentlich will er nichts, außer seine Ruhe. Eigentlich hat das Ganze auch nichts mit ihm zu tun. Und eigentlich schafft er ein gefährliches Vakuum. »Wer sich nicht mit Politik befaßt, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits vollzogen: Er dient der herrschenden Partei.«, oder der (Über)Macht, so Max Frisch.

Regie: 
Mona-Julia Sabaschus
Ausstattung: 
Steven Koop
Dramaturgie: 
Dr. Judith Werner
Künstl.-techn- Produktionsleitung + Betreuung Bühne: 
Manuela Weilguni
Theatervermittlung: 
Somayeh Farzaneh
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 60 Minuten
Donaukurier – 16.10.2017
»Wie viel Biedermann steckt in jedem von uns«?

Diese Frage stellt laut Donaukurier die Produktion »Biedermann und die Brandstifter«, die Mona-Julia Sabaschus auf die Bühne im Kleinen Haus gebracht hat. Positiv fällt das Urteil über die Inszenierung der Regisseurin aus: »Die radikal-gekürzte und rasant-komische Fassung der Regisseurin wurde vom Publikum […] genauso gefeiert wie die hervorragenden Schauspieler«. Anja Witzke spricht von »Paraderollen für Matthias Zajgier und Olaf Danner, die beide ihre Rollen sehr präzise und en détail zu gestalten vermögen und hier mit behänder Leichtigkeit und Lust am Spiel im Spiel ihre Aufgaben meistern«, Ulrich Kielhorns Darstellung von Gottlieb Biedermann nennt sie »exzellent«. »Victoria Voss als seine Frau Babette in herrlich exaltierter Überforderung« und Mira Fajfer »als mahnende Instanz«, die aber zugleich den »Untergang boshaft lächelnd« beobachtet, scheinen ebenfalls zu überzeugen. Mona Sabaschus »treibt […] mit dem Entsetzen Scherz«, sie »setzt auf Abstraktion und Überzeichnung«. »Biedermann und die Brandstifter« wird »als Kommentar auf die aktuelle politische Lage« gesehen, eine Entscheidung der Regie »verschärft die Brisanz« weiter: der Chor aus Kindern. »Schließlich ist es ihre Welt, die hier verspielt wird«, bilanziert der Donaukurier.

Augsburger Allgemeine – 17.10.2017
»Sehenswert«

Die Augsburger Allgemeine lobt die Ausführung des »bitterbös witzige[n] Gleichnis[ses] und den »starke[n], stringente[n] künstlerische[n] Zugriff« durch Regisseurin Mona-Julia Sabaschus. Sie »folgt konsequent der Erkenntnis des Autors [Max Frisch], dass der Weg in den Untergang von purem Irrsinn und grauenhafter Komik begleitet wird«. Schauspieler »Ulrich Kielhorn und Victoria Voss als Eheleute Biedermann exerzieren den Aberwitz mit bizarren Verrenkungen höchst virtuos«, schreibt die Augsburger Allgemeine anerkennend. Das Fazit: »Das alles ist mit viel schwarzem Humor vorzüglich gemacht. Sehenswert. Bei der Premiere gab es einen riesen Beifall«.

Kulturkanal – 16.10.2017
»großes Regietalent und Können«
Regisseurin Mona-Julia Sabaschus bringt mit »Biedermann und die Brandstifter« einen »grandiosen Parforceritt aus Ängsten und grotesk hilflosem Nicht-wahrhaben-wollen der offensichtlichen Gefahr« auf die Bühne, aus »wenigen vorhandenen Bühnenelementen entwickelt […] Sabaschus starke Bilder«. Ihr gelingt es, »einen Fingerzeig auf die Angst vor Terroristen, Nationalisten und sonstige Brandstifter« zu vermeiden, sie »setzt stattdessen einen Schleudergang in Szene, der die beschaulich-selbstgefällige Wohlfühlzone der Biedermanns zu einem äußeren und inneren Inferno demontiert«, und das alles »mit sich grotesk steigernder Tragikomik«. Hier habe die Regie »ein genau ausgearbeitetes, klares Konzept umgesetzt«. Der Kulturkanal lobt die »sehr komischen Entspannungsübungen« von Victoria Voss und ihr »großartig[es]« Spiel, als sich Frau Biedermann bemüht, den Brandstifter am Morgen vor die Tür zu setzen. Ulrich Kielhorn »trifft [als Biedermann] dabei messerscharf die feinen Nuancen aus komischer Selbstüberschätzung und grotesk verzweifelter Panik«, heißt es weiter. Dafür erntet das Team nach der Premiere »Jubel«.