v.l.n.r.: Andreas Eichhorn, Julia Pickl, Enrico Spohn, Marc Schöttner / © Jochen Klenk

Terror

Ferdinand von Schirach

Kann man Menschenleben gegeneinander aufrechnen?
Das Publikum sitzt zu Gericht. Angeklagt:  Lars Koch, ein Major, Eurofighter Pilot der Luftwaffe.
Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten hat Lars Koch ein von Terroristen entführtes Linienflugzeug  mit 164 Zivilisten abgeschossen, um zu verhindern, dass dieses in die Allianz Arena stürzt, in der sich zu diesem Zeitpunkt 70.000 Menschen befinden.
Ist er ein Held oder ein Verbrecher? Klar ist, er hat gegen die Verfassung verstoßen und sein Fall muss verhandelt werden und das Publikum ist aufgefordert, im Landesgericht Ingolstadt darüber zu urteilen.
»Terror«  ist das erste Theaterstück des Bestsellerautors Ferdinand von Schirach und  wurde 2015 direkt nach seinem Erscheinen, zu einem der meist gespielten Theaterstücke des Jahres. Es konfrontiert uns mit einem der ältesten und grundlegendsten philosophischen Dilemmata, das aber spätestens seit »9/11« aktueller kaum sein könnte. Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten? Kann und darf man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Und machen wir uns schwach und angreifbar für Terroristen, wenn wir uns weigern, diese Frage zu beantworten oder vielmehr noch der Verfassung folgen und genau dies nicht tun? Ist es in der Praxis überhaupt möglich, nach Prinzipien zu handeln?
Peter Kümmel schreibt in der Zeit: »In einem feierlichen Moment denkt der Zuschauer: Es gibt kein richtiges Handeln, aber solange wir um die richtigen Begriffe für diese Not kämpfen, sind wir nicht verloren. ›Terror‹  ist ein Stück für eine Zeit ohne Helden.«

Regie: 
Annalena Maas
Kostümbild: 
Elena Friesen
Theatervermittlung: 
Kathrin Lehmann
Premiere am ,
Landgericht Ingolstadt, Auf der Schanz 37, Ingolstadt
Dauer: 120 Minuten, mit Pause
Anja Witzke, Donaukurier – 22.05.2017
»So muss Theater sein.«

Begeistert berichtet der Donaukurier von der am Ingolstädter Landgericht stattfinden Premiere des »spannende[n] Gedankensiel[s]« ›Terror‹. »Regisseurin Annalena Maas nimmt es in Sachen Authentizität sehr genau. (…) [D]er Auftritt von Staatsanwalt und Verteidiger, das Anziehen der Roben (Kostüme: Elena Friesen), das Blättern in den Akten, die Abläufe im Gerichtssaal – all das ist sehr genau der Realität abgeschaut. Und weil Maas den Text gestrafft hat und ihre Schauspieler mit der gleichen Klugheit führt, fühlt man sich oft genug in eine reale und höchst brisante Gerichtsverhandlung versetzt.«
Auch die Schauspieler werden besonders gelobt, denn »[i]mmer wieder blitzt bei ihnen das Menschliche hinter ihren Rollen auf. Victoria Voss gibt eine sehr zugewandte, geduldige souveräne Vorsitzende Richterin ab. (…) Eine perfekte Besetzung. Enrico Spohn als Verteidiger und Péter Polgár als Staatsanwalt: raffinierte Rivalen im Kampf um die bessere Performance, die dramatisch-rhetorischen Volten, die geschickteren juristischen Kapriolen. Dazu Marc Schöttner als Angeklagter Lars Koch. (…) Sehr ernst, sehr diszipliniert, auch in seinen Brüchen höchst spannend. Mira Fajfer als Nebenklägerin (…) gibt dem Stück zusätzlich emotionale Tiefe. Und Michael Amelung als Zeuge Lauterbach (…): Befehlsempfänger und Biederbürger par exellence.« Am Ende sieht der Donaukurier den gemeinsamen Diskurs am wichtigsten. »Wie wollen wir leben in Zeiten des Terrors? Und wie verändert er unsere Moral, unser Denken, unser Handeln? Ein Stück, das vor allem Fragen aufwirft. So muss Theater sein. Großer Applaus!«

Kulturkanal, Isabella Kreim – 22.05.2017
»sensationell anders«

Begeistert berichtet des Kulturkanal über die Premiere von »Terror«, das durch »de[n] authentische[n] Schauplatz im Landgericht« »sensationell anders« ist. »Die junge Regisseurin Annalena Maas hat die Vorgabe des Originalschauplatzes einer Gerichtsverhandlung bestmöglich angenommen, indem sie konsequent auf alle theatralen Zutaten verzichtet hat. (…) Dieser Verzicht auf alle Theatralik mit dem Fokus auf der Klarheit der Argumentation ist eine große Stärke dieser spannenden Aufführung.« Die Argumente, die Autor »Schirach Verteidiger und Staatsanwalt als den Vertretern der beiden Positionen ziemlich gleichwertig (…) in den Mund gelegt« hat, ist »in dieser Aufführung wohltuend auf das Wesentliche gekürzt.«
Am Ende »wurde weiter diskutiert nach dem Applaus, es wird weiter diskutiert in der Stadt. Es wird diskutiert sogar bei denen, die keine Karten für die Aufführung bekommen haben. Denn es geht um mehr als einen konstruierten Einzelfall, wie Autor und Jurist Ferdinand von Schirach in einem Artikel im Spiegel Schrieb, der im Programmzettel abgedruckt ist: ›Es sind nicht die Terroristen, die unsere Demokratie zerstören. Nur wir selbst können unsere Werte ernsthaft gefährden. ...Und das geht schnell. Wir müssen den Fanatikern das entgegensetzten, was sie am meisten hassen: unsere Toleranz, unser Menschenbild, unsere Freiheit und unser Recht.‹«