v.l.n.r.: Teresa Trauth, Victoria Voss, Manuela Brugger, Kathrin Becker, Chris Nonnast, Mira Fajfer, Yael Ehrenkönig / © Jochen Klenk

In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich (DSE)

von Rayhana

Deutsch von Elisabeth Schwagerle

Lachen und Rauchen verboten! Wenn Frauen über Männer reden, nehmen sie bekanntlich kein Blatt vor den Mund – in demokratischen Gesellschaften jedenfalls. In dem Stück der Autorin Rayhana ist das »Reden« über Männer jedoch lebensgefährlich.Neun arabische Frauen aller Generationen treffen sich deshalb in einem Hamam in Algier. Das Badehaus dient ihnen als Schutzraum. Dort lästern, lachen, tratschen sie, brechen ungeniert mit Tabus, streiten über Politik und Religion, reden über ihr Sexleben, ihre Ehen, über Männer. Und sie rauchen heimlich, weil eine Frau nicht rauchen darf. »(…) selbst für so etwas Unbedeutendes wie eine Zigarette wurden und werden Frauen beleidigt, sogar geschlagen«, so die Autorin in einem Interview.Vor dem Hintergrund der patriarchalischen,scheinheiligen und gewalttätigen Kultur ihrer Männer enthüllen sich in dieser Tragikomödie nach und nach die verschiedenen Schicksale neun arabischer Frauen.

Elfriede Jelinek schreibt über das Stück: »(…) Wie ein Fächer Karten blättert sich in diesem Stück die Vielfalt der arabischen Frau auf, die Fundamentalistin, die Abgebrühte, die Heiratswütige, die Emigrantin, die Zynische, die Bildungshungrige etc. Auch wenn man die Verhältnisse nicht kennt, weiß man sofort: Es ist wahr, was hier verhandelt wird. Und (was sehr selten passiert!) man lernt etwas. Und wäre es nur, dass das, was diese Männer ihren Frauen nehmen, den Männern selbst genommen wird. Sie machen sich selbst arm. Bloß wissen sie es nicht. Ein wunderbares Stück, das einem diese Dinge erfahrbar macht.« (Elfriede Jelinek an Ute Nyssen am 31.10.2013)

Regie: 
Brit Bartkowiak
Bühne: 
Nikolaus Frinke
Kostüm: 
Carolin Schogs
Musikalische Leitung: 
Joe Masi
Dramaturgie: 
Gabriele Rebholz
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 105 Minuten
Trailer »In meinem Alter ... « (DSE); Video/Schnitte: Stefano Di Buduo
v.l.n.r.: Teresa Trauth, Victoria Voss, Manuela Brugger, Kathrin Becker, Chris Nonnast, Mira Fajfer, Yael Ehrenkönig / © Jochen Klenk Manuela Brugger / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Yael Ehrenkönig, Mira Fajfer / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Teresa Trauth, Chris Nonnast, Manuela Brugger, Victoria Voss, Mira Fajfer, Yael Ehrenkönig / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Yael Ehrenkönig, Manuela Brugger, Sandra Schreiber, Teresa Trauth, Chris Nonnast / © Jochen Klenk Sandra Schreiber / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Teresa Trauth, Chris Nonnast, Victoria Voss, Kathrin Becker, Mira Fajfer / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Yael Ehrenkönig, Victoria Voss, Mira Fajfer / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Yael Ehrenkönig, Manuela Brugger, Chris Nonnast, Teresa Trauth / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Chris Nonnast, Manuela Brugger, Yael Ehrenkönig, Victoria Voss, Mira Fajfer / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Kathrin Becker, Mira Fajfer, Yael Ehrenkönig / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Mira Fajfer, Yael Ehrenkönig / © Jochen Klenk Victoria Voss / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Manuela Brugger, Mara Amrita / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Teresa Trauth, Mira Fajfer, Chris Nonnast / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Victoria Voss, Chris Nonnast, Teresa Trauth, Manuela Brugger, Kathrin Becker / © Jochen Klenk v.l.n.r.: Victoria Voss, Chris Nonnast, Manuela Brugger, Teresa Trauth / © Jochen Klenk Mira Fajfer / © Jochen Klenk Ensemble / © Stefano Di Buduo
Sabine Leucht, Theater der Zeit – 01.06.2016
» ... stockt einem der Atem.«

»Neun Gestalten in Burkas drehen sich sehr langsam zum Publikum um. (...) Mit diesem Bild beginnt Brit Bartkowiaks Inszenierung (...) Davon ausgehend fächert sie wirkungsvoll die Individualität auf, die die algerische Autorin Rayhana den neun Frauen in ihrem 2010 in Paris uraufgeführten Stück mitgegeben hat. (...)
Im Badehaus, das im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt aus fünf Holzbänken unter aufgehängten Hamam-Tüchern besteht, gießen die Frauen einander Wasser über die Köpfe und die nackten Beine. Auch die naive Liebessehnsucht der jungen Samia wird entblößt, der Lebenshunger der frisch geschiedenen Nadia, die glückliche Geilheit Kaltoums und die Daueraffäre der braven Louise mit ihrem Schwager. In Ingolstadt treten sie alle nacheinander durch eine Tür – von Licht und Musik umrahmt wie Prinzessinnen – und entledigen sich mit einer für die jeweilige Figur charakteristischen Bewegung ihrer schwarzen Kluft. Die Tücher darunter sind so bunt wie die Geschichten der Frauen, die sie hier ohne Verfremdungs- oder Ironieschnörkel erzählen. (...) wenn Chris Nonnast als Louise die zuckersüß dekorierte Ehefalle beschreibt, in die sie als zehnjährige gelockt wurde, stockt einem der Atem. Und Aandra Schreiber ist als junge Gotteskriegerin Zaya so sanft und kühl zugleich, dass beide Schleifen der doppelten Wendung, die sie am Ende durchmacht, plausibel erscheinen. (...)
Diese Komödie mit tragischem Grund ist klassisches Schauspielfutter. Dass sich trotz überschwänglichem Lobs unter anderem von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek erst jetzt ihre deutschsprachige Erstaufführung erlebt, verwundert, ist aber nach diesem Abend auch nicht ganz unverständlich. Denn obwohl die Autorin in Interviews stets betont, dass es ihr um Männerherrschaft überall auf der Welt gehe (und  uch die vielen blonden Mähnen in Ingolstadt den Interpretationsspielraum weit halten.), ist es doch die Angst vor dem muslimischen Mann, die bleibt. Die Bedrohung durch ihn hat zwar kein Gesicht, am Ende aber liegt eine Tote auf der Bühne und die Ahnung liegt in der Luft, dass sie nicht die letzte ist.«

Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 17.05.2016
»Theatercoup in der Provinz«

Es sei ein »politisch brisantes Stück über Frauen im Islam«, so Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung. »2014 erhielt das nicht zuletzt von Elfriede Jelinek hochgelobte Stück (…) den renommierten Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis. Doch an eine deutschsprachige Erstaufführung wagte sich niemand. (…) Überflüssig zu sagen, dass es Not täte, die hiesigen Debatten um die Rolle der Frau im Islam nicht der islamfeindlichen AfD zu überlassen, sondern kompetenten Stimmen.« Zudem betont die Süddeutsche Zeitung, gäbe es »nicht viele reine Frauenstücke in der Theatergeschichte. Allein deshalb sollten sich darauf alle Häuser stürzen«.
Rayhana habe eine »vorzüglich gebaute Tragikomödie geschrieben. »Immer wieder dränge ein »boulevardesker Dialog-Ping-Pong, Klatsch und Tratsch all die schweren Themen von Zwangsverheiratung über Gewalt in der Ehe bis zum Ehrenmord für einen Moment in den Hintergrund und sorge(…) für durchaus gewollte Lacher. Schließlich, so könnte man Rayhanas Absicht interpretieren, fürchten alle kleinen und großen Despoten dieser Welt nichts mehr als Spott, Ironie und Gelächter!« Darüber hinaus wird »Brit Bartkowiaks minimalistische, von den Darstellerinnen mit viel Körpereinsatz umgesetzte Inszenierung« gelobt.
Zudem verweist die Süddeutsche Zeitung auf das am 5. Juni stattfindende Podiumsgespräch u. a. mit der Autorin und der Verlegerin Ute Nyssen. »Bis dahin sollte man sich unbedingt im Kleinen Haus Brit Bartkowiaks Inszenierung von ›In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich anschauen‹.«

Anja Witzke, Donaukurier – 16.05.2016
»Jubel für die Deutschsprachige Erstaufführung ›In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich‹ am Stadttheater Ingolstadt – und ein starkes Frauenteam«

»Alles Private ist politisch«, schreibt der Donaukurier über das Stück der algerischen Autorin Rayhana. Journalistin Anja Witzke betont: »Die Autorin selbst schreibt unter Pseudonym. In ihrem Heimatland wurde sie von Islamisten mit dem Tode bedroht, in Paris entging sie nur knapp einem Brandanschlag auf offener Straße. Allein das ein Indiz dafür, welch subversive Sprengkraft dem Stück innewohnt, wie virulent die Themen sind, die es verhandelt. Denn aus der Perspektive der neun Frauen werden Gesellschaftssystem, männliche Gewalt und die Macht der Religion kritisiert. Trotz der existenziellen Themen hat Rayhana dabei so etwas wie eine Komödie geschrieben. Doch Leichtigkeit und wahnwitzige Dialoge werden mit archaischer Wucht durchbrochen, die Wirklichkeit des Terrors ist stets präsent.«
Besonders gelobt wird die »fabelhafte Schauspielertruppe«: »Allein wie Manuela Brugger als Masseuse Fatima (…), in ihrem Hamam wirkt, ist umwerfend (…), aber  alle Schauspielerinnen agieren in ihren Rollen so facettenreich, so kämpferisch, so sinnlich, mit solcher Tiefe und Lebendigkeit, dass in der Summe ein vielfältiges, vielstimmiges, farbenprächtiges Bild der heutigen algerischen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne, Hoffnung und Ohnmacht, Liebe und Schmerz entsteht.«
Und weiter heißt es: »Regisseurin Brit Bartkowiak schafft eine perfekte Atmosphäre, (…) setzt die waghalsige Komik mit größter Präzision und Virtuosität um und verleiht jeder Figur ein individuelles Profil – (...)«
Fazit: Die deutschsprachige Erstaufführung in Ingolstadt ist »nicht nur ein kluger, berührender Beitrag zur aktuellen politisch-gesellschaftlichen Situation, sondern auch reinstes theatrales Vergnügen. (...) Unbedingt anschauen!«

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