Jenny Jannowitz. Oder: Der Engel des Todes

von Michel Decar

Wahnsinniger Alltag. Als Karlo Kollmar aus einem tiefen Schlaf erwacht, stellt er fest, dass er den ganzen Winter verschlafen hat. In der Zwischenzeit ist so einiges in seinem Leben durcheinander geraten, seine Freundin wechselt ständig den Namen, sein Chef ist plötzlich mit seiner Mutter zusammen und die Möbel fangen an zu reden. Eigentlich stehen Karlo alle Möglichkeiten offen, und trotzdem hat er das deutliche Gefühl, keine Wahl zu haben und ständig etwas zu verpassen – da begegnet ihm Jenny Jannowitz …

Michel Decar sagt in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur, dass Theater immer kraftvoll sein muss, im besten Fall immer Angriff sein sollte und auf etwas zielen. Der Bogen müsse gespannt sein. Er möchte Pfeile schießen gegen unfassbar viele Dinge, die ihn aufregen. Die unfassbar vielen Ungerechtigkeiten, die einem selber widerfahren, aber die auch weltweit existieren und von denen wir wissen. »Das Internet ist so präsent«, sagt er weiter, »wir können uns über alles informieren, was in jedem Land dieser Erde stattfindet. Wir haben diese Macht der Information und wir nutzen sie aber nicht.« Jenny Jannowitz ist ein schwindelerregendes Stück und zielt ab auf alltäglichen Wahnsinn der modernen Welt, geht an gegen das Gefühl, dass das Leben an uns vorbei rast. 2014 erhielt es den Kleist-Förderpreis. In der Jury-Begründung heißt es: Decars Stück spiegele »aus der Perspektive einer aus der Zeit gefallenen Figur den alltäglichen Arbeits- und Lebensrhythmus wider. Mit dramatischen Mitteln und originellen szenischen Einfällen spielt er virtuos mit den Geschwindigkeiten der erzählten Zeit, mit wechselnden Identitäten und sich verändernden Welten.«

Regie: 
Alexander Nerlich
Ausstattung: 
Wolfgang Menardi
Musik: 
Malte Preuss
Choreografie: 
Alice Gartenschläger
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 100 Minuten
Anja Witzke, Donaukurier – 06.12.2015
» ... Spiel für alle Sinne.«

Der Donaukurier lobt den Neu-Zugang im Ensemble »Marc Schöttner spielt Karlo berührend hilflos.« und zeit sich vor allem von der Inszenierung der Titelrolle »Jenny Jannowitz« begeistert: »Regisseur Nerlich bringt – was für ein Clou! – die titelgebende Jenny Jannowitz als weibliches Spiegelbild Karlos ins Spiel. Die wunderbare Carolin Schär ist als Jenny eine zarte Kopie Karlos. Gleiche zerrupfte Frisur, gleiche Brille, bisweilen gleiche Kleidung, gleiche Gesten. Dabei aber voller Witz und Empathie und flirrender Leichtigkeit.«
Lob erfährt auch  Alice Gartenschläger, die »für die hoch emotionalen Begegnungen der beiden verstörend schöne Choreografien ersonnen (hat), die viel mehr ausdrücken, als es Sprache je vermag.«
Fazit: »Es ist ein Spiel für alle Sinne. Tiefgründig und komisch. Mit einer so präzise wie konzentriert agierenden Schauspielercrew (...), die immer wieder kleine Highlights zu setzen vermag. Dafür gibt es nach 100 Minuten begeisterten Applaus. Diese ›Jenny Jannowitz‹ muss man gesehen haben!«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 07.12.2015
»Der pure Wahn!«

Friedrich Kraft stellt fest, dass »Ein derart abgründig verrätseltes, kafkaesk anmutendes Schauspiel (...) die Regie vor eine große Herausforderung (stellt).« und äußert sich erfreut, dass »Alexander Nerlich, der sich bereits in der vergangenen Spielzeit mit der Inszenierung von ›Grillenparz‹ hervorgetan hat, (...) die Aufgabe hervorragend (bewältigt). Er beschreibt die Inszenierg: »Im hallenartigen Bühnenraum, bestückt mit mobilem Büromobiliar (Ausstattung: Wolfgang Menardi), erzeugt (Nerlich) düstere, bizarre Bilder mit Musik in gleicher Stimmung (Malte Preuß). Bedrohlich zeichnen sich Schattenrisse ab, gespenstisch schleichen Figuren durch Tapetentüren, quälen sich aus der Ritze unter der Sofalehne hervor, verschwinden im Kühlschrank oder taumeln in exzentrischen Choreografien (Alice Gartenschläger). Der pure Wahn!«
Das finale Lob gilt allerdings dem Ensemble: »Über eine Stunde und vierzig Minuten ist fantastisches Theater zu erleben mit einem exzellenten Darsteller-Sextett: vorneweg Marc Schöttner in der Hauptrolle sowie Carolin Schär, Ralf Lichtenberg, Victoria Voss, Sandra Schreiber und Jan Gebauer.«