Die Perlmutterfarbe

von Christoph Nußbaumeder nach dem Roman von Anna Maria Jokl

Produktion des Jugendspielclubs II des Stadttheaters

Denn wer den Zweifel liebt hat schon verloren, es kann nicht gut sein, wenn man abweicht von der Norm. Nur wer ein Glatzkopf ist bleibt ungeschoren, und nur wer mitmarschiert, marschiert nach vorn! (Konstantin Wecker) »ELDSA« tönt es hasserfüllt durch das Klassenzimmer der A-Klasse einer Schule irgendwo irgendwann vermutlich hier in Deutschland – aber es könnte auch überall sonst sein. »ELDSA«, das steht für »Es lebe die stolze A«. Denn die B´s, die Schüler der Parallelklasse, das sind die Anderen, der Abschaum, die Outgroup, die, denen man nicht trauen kann, denn: »Das hat man im Gefühl«. Wie Alexander, selber einer aus der A, dessen bester Freund Maulwurf gerade eine bahnbrechende Erfindung gemacht hat: Die »Perlmutterfarbe«. Pech nur, dass sie ausgerechnet Alexander unbeabsichtigt verschüttet hat! Das muss vertuscht werden und der neue A-Klässler, der charismatische Gruber, kommt Alexander da gerade Recht: Er schürt den bereits vorhandenen Konflikt zwischen A- und B-Klasse, wohlwissend, dass Alexander ein Geheimnis hat, das ihn leicht manipulierbar macht. Grubers Ziel ist nicht nur die Machtergreifung in der A, sondern durchaus nicht weniger als der »Endsieg« über die B. Und so dauert es auch nicht lange, bis nicht nur die »stolze A leben soll«, sondern das eigentliche Ziel unverhohlen hinausgegröhlt wird »Nieder mit der B! Nieder!Nieder! Nieder!«. Der aufgeregte Kampf, der sich um die Aufklärung diverser »Verbrechen« (es sind u.a. einigen Schülern Gebrauchsgegenstände abhanden gekommen) dreht, lässt unterschiedliche Fronten entstehen: Freunde werden zu Feinden, Unschuldige zu Schuldigen, Loyale zu Abtrünnigen, Zweifler zu Verrätern. All die hässlichen Mechanismen, die genau da einsetzen, wo Wert und Identität des Einzelnen eine Frage der Gruppenzugehörigkeit ist und wo die Stimme der Vernunft zu leise, zu schwach oder zu unentschieden ist, um sich gegen die Wucht kochender Emotionen, die auf Gruppenzwang und Zugehörigkeitsstolz basieren, durchzusetzen. Selbst der Schutz der eigenen Gruppe erweist sich als äußerst fragil, denn bald steht jeder unter dem Verdacht des Hochverrats: »Schlimmer als ein B ist nur noch eines: Ein A, der zur B hält«. Basierend auf dem Roman der 1933 ins Exil vertriebenen Jüdin Anna Maria Jokl, erschienen 1948, der eine unmissverständliche Parabel über Hitlers Machtergreifung ist, ist Christoph Nußbaumeders Theateradaption auch heute noch eine zeitlose Warnung vor Opportunismus, Verführbarkeit und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die oft schon im Kleinen beginnt (hier z.B. in einer Schule) und deren Bildung von Ingroups - und vor allem von Outgroups – im worst case verheerende Folgen haben kann. Ob die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit nach den unzähligen spannenden Wendungen gewinnen wird oder nicht, sei an dieser Stelle nicht verraten, dafür aber das alte, immer wieder gültige Brecht-Zitat mit auf den Weg gegeben: »Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/den Vorhang zu und alle Fragen offen«.
Ausstattung: 
Christina Huener
Premiere am ,
Kleines Haus