Rio Reiser - König von Deutschland

Eine musikalische Biografie von Heiner Kondschak

Berlin 1970: Voll Begeisterung beschließen vier junge Männer, gemeinsam Musik zu machen und ihr Leben dem Widerstand gegen das bestehende Gesellschaftssystem zu verschreiben. Die Musik dient ihnen dabei als Sprachrohr. Es ist der Beginn der Band »Ton Steine Scherben«.

Heiner Kondschaks musikalischer Abend begleitet die Band vom überraschenden Durchbruch 1970 nach ihrem Festival-Auftritt neben Jimmy Hendrix, über den finanziellen Ruin und den Wegzug aus Berlin bis hin zur Auflösung der Band 1985. Rio Reiser, der Frontmann der Band, verabschiedet sich von seinen Idealen und startet mit einer Solokarriere nochmals richtig durch – wird zum gefeierten »König von Deutschland«.
Das Stück erzählt die Geschichte der »Scherben«, von ihren Konzerten, dem Leben in der Kommune, den Konflikten innerhalb der Band und der Vermischung von Leben und Kunst, von Musik und dem unerbittlichen Kampf für Utopien. Es entwirft zudem ein Stimmungsbild der damaligen Bundesrepublik und wird damit zu einem Stück westdeutscher Geschichte. Lieder wie »Keine Macht für Niemand« und »Macht kaputt, was euch kaputt macht« stehen für die Ideale und den Kampfgeist einer Band, die über Jahrzehnte Einfluss auf zahllose Musiker genommen hat.

In »Rio Reiser – König von Deutschland« werden der Sänger und seine Band wieder lebendig – im Zentrum steht dabei die Musik, die live von Schauspielern gespielt und gesungen wird. Nach »Dylan – The Times They Are A-Changin’« kommt damit eine neue musikalische Biografie auf den Spielplan des Stadttheaters.

 

Regie und Musikalische Leitung: 
Heiner Kondschak
Ausstattung: 
Ilona Lenk
Premiere am ,
Freilichtbühne im Turm Baur
Dauer: 180 Minuten, mit Pause
Christian Muggenthaler, Nürnberger Nachrichten – 01.07.2015
»Gibt es für sowas einen Extrapreis?«

»Es ist ein Theaterabend, der immer mehr zum Rockkonzert wird: In einer Freiluftveranstaltung wird an einen grandiosen Texter und Sänger erinnert – mit überzeugenden Mitteln.

Zu Beginn steht romantisch ein Halbmond im Juniabend über den Gemäuern des Turm Baur, in dem wie jedes Jahr die Freiluftveranstaltung des Stadttheaters Ingolstadt stattfindet. Heuer widmet sich die Sommersause einem Mann, der zuletzt trotz großen inneren Widerstands und einer radikalen Grundhaltung, die keinesfalls nur Gestus war, ins Herz der Popkultur vorgedrungen ist, und zwar dorthin, wo der Pop keine Rebellion mehr, sondern nur noch Geschäft ist. Jetzt erzählt Regisseur und Bandleader Heiner Kondschak in einer bewegenden und überzeugenden ›musikalischen Biografie‹ von Rio Reiser, dem ›König von Deutschland‹, seinen Anarcho-Jahren mit der Rockgruppe ›Ton, Steine, Scherben‹, seinen späteren Charts-Erfolgen als Solist und seinem frühen Tod.

Womit Reiser dann auch im Theater und in der klassischen Hochkultur angekommen ist. Skepsis ist angebracht: Geht das? Kann man den revolutionsaffinen, anarchistischen Hintergrund eines Mannes, der trotz schwerer Krankheitweiterkonzertierte, weil er etwas zu sagen hatte, darstellen, ohne ihn zum pittoresken Ornament zu degradieren? Und tatsächlich beginnt das Stück auf einer Bühne (Ausstattung: Ilona Lenk), die mit zusammengewürfeltem Mobiliar und überall herumstehenden Alkoholika-Flaschen und Kaffeetassen an die Wohngemeinschafts-Realität der 70er erinnert, eher wie ein Puppenräderwerk aus dem Märchenland. Doch dann überwölbt zunehmend das krisenhafte Dasein der Scherben-Musiker die historisierende Dekoration. Der brachial ausgenutzte Wille zur Solidarität, der platzende Revolutionstraum, die Wirklichkeit zwischen durchgeknallter RAF und sich putzig dauerstreitenden sektiererischen K-Gruppen, der Ausbruch ins Grüne, in einen Bauernhof im Norden: Zunehmend dringt die existenzielle Krise der Musiker in Kondschaks Erzählung hinein – die übrigens ganz nebenbei beweist, dass viele der Scherben- Lieder an Aktualität wenig eingebüßt haben. ›Wir auch‹, wirft Reiser jenen DDR-Bürgern nach der Wende entgegen, die konstatieren, nur belogen und betrogen worden zu sein.

An solche Sachen erinnert Kondschak. Und er macht dies vor allem mit den Mitteln von Reisers Songs, die permanent zwischen die Spielszenen eingestreut werden. Die sind wundervoll neu und voll Herzblut arrangiert, werden druck- und eindrucksvoll dargeboten von einer Mischung aus musizierenden Schauspielern und Berufsmusikern, gehen direkt in Bauch und Rückenmark. Was für ein toller Texter Reiser doch war, wird einem da wieder bewusst. Zunehmend spült einen die Kraft dieser Songs hinein in einen Zustand der Beseeltheit, weg vom Märchenpark, hinein ins Rockkonzert, zu dem der Theaterabend immer mehr wird.

Famose Einzelszenen gibt es viele. Etwa Jakob Dinckelackers kokettes Schlagzeugsolo. Oder Ulrich Kielhorns bizarre Rock’n’Roll-Nummer als Gitarrenzertrümmerer. Singend, swingend, bezwingend sind auch die Multiinstrumentalistin Teresa Trauth und Sandra Schreiber als Bandbegleiterinnen Angie und Britta. Im Mittelpunkt aber steht Matthias Zajgier als Rio Reiser. Das ist ganz der Abend eines charismatischen, talentierten jungen Schauspielers, der nicht nur die melancholische Grundhaltung des Sängers blitzsauber hinbekommt, sondern auch seine Singstimme, seinen Ton, sein Timbre. Gibt es für sowas einen Extrapreis? Zuletzt, nach dem Tod des Titelhelden, gibt’s ›Bye Bye Junimond‹. Das Publikum rast. Und der Mond am Himmel ist verschwunden.«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 27.06.2015
» ... alles eine wahre Pracht ... «

»(...) Heiner Kondschaks musikalische Biografie ›Rio Reiser - König von Deutschland‹, (...), hat nun  das Stadttheater Ingolstadt für die Freilicht-Saison im Turm Baur gewählt. (...)

Die Nostalgie-Show ist im Halbrund des Klenze-Festungsbaus (Ausstattung: Ilona Lenk) geschickt eingerichtet: ein illuminierter Musik-Schuppen, davor eine mit Teppichen ausgelegte breite Spielfläche, auf dem Boheme-Mobiliar unordentlich herumsteht samt vielen leeren Flaschen. (...)

Kondschaks hoch professionelle Band spielt fantastisch auf, mal lyrisch, mal fetzig und dröhnend, samt virtuosen solistischen Einlagen etwa des Schlagzeugers oder des Bandleaders. Musikalisch alles eine wahre Pracht, an die Herzen der alten Reiser-Fans rührend.

Bei den chorischen Partien zahlt sich wieder einmal aus, dass das Ingolstädter Schauspielhaus über ein gesanglich enorm begabtes Ensemble verfügt. In der Titelrolle liefert Matthias Zajgier eine Riesenoartie, singt und agiert über zweieinhalb Stunden bravourös. Köstlich am rande wie Ulrich Kielhorn virtuos einen Hobby-Rocksänger mit Luftgitarre parodiert. Nach der Premiere wollte der Jubel des Publikums schier kein Ende nehmen.«

Michael Zirnstein, Süddeutsche Zeitung – 30.06.2015
»Lustvoll umarrangierte Songs«

»Wäre das Stück eine Messe, wäre dies das Glaubensbekenntnis: ›Hoch die internationale Solidarität!‹ skandieren die Aktivisten-Darsteller und wiegeln fuchtelnd die Zuschauer auf. Die einen lächeln verlegen, den anderen geht die Arbeiterparole leicht und laut über die Lippen. Der hitzige Moment dieser ›musikalischen Biografie‹ des Stadttheaters Ingolstadt zeigt, dass › Rio Reiser - König von Deutschland‹ für jeden etwas anderes sein kann: Ü50- Revue über eine zeit- und ortsferne Subkultur. Oder emotionale Frischzellenkur für den eigenen Klassenkampf. Diesen Widerspruch trugen Reiser und seine Agitrock-Band Ton Steine Scherben schon in sich. (...)Es ist dann Kommunen-König Reiser selbst -tapfer gespielt von Matthias Zajgier-, der die Demo-Szene im freilicht Turm Bauer durch einen Sponti-Witz auflockert: ›Ein Hoch auf die internationale Schokolade!‹ (...)
Die Konzertpassagen sind dann auch der Herzschlag des Abends. Regisseur, Reiser-Zeitgenosse und Keyboarder Heiner Kondschak treibt die 14 berauscht musizierenden Darsteller in lustvoll umarrangierte Songs: ›Halt dich an deiner Liebe fest‹ als Soft-Punk, ›Land in Sicht‹ im Gänsehaut-A-Cappella-Punkchor, ›König von Deutschland‹ als Hofschranzen-Spieluhr um den in einen Flokati gewandeten Reiser-Kaiser, der ›für die Plattenfirmen auf den Strich‹ geht.  Dass ausgerechnet Rios Leiden zwar erzählt, aber nie ansteckend werden (...) liegt am Original. Das konnte, wie Blixa Bargeld im Nachruf schrieb, eine Liebesbeziehung zum Publikum aufbauen. Das vermag keine Revue.«