Sommersalon

von Coline Serreau

Deutsch von Marie Besson

Zeitfenster öffnen sich. – Ein Sommersalon ist der Ort, an dem sich im Laufe eines Jahrhunderts immer wieder drei verschiedene Gesangsquartette zum Proben versammeln. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert stehen Atia und Margot sowie Sacha und Daniel vor der Qual der Wahl, ob sie miteinander oder ohne einander leben wollen. Einhundert Jahre früher prägt nicht die freie Entscheidung, sondern das Korsett der Konven­tionen die Harmonie der Sänger. Louise liebt ­Henri, der in Mathilde vernarrt ist, die wiederum unterdrückt ihre Gefühle für Gustave. In jeder Epoche kommt es zwischen den zwei Frauen und den zwei Männern zu Liebe und Eifersucht, Zank und Friedensküssen, zu Abschied und Wieder­sehen. Und wenn Differenzen, komische Missverständnisse und Marotten die vier Sänger auch mal auf getrennte Wege führen, so bringt sie der gemeinsame Gesang doch immer wieder zusammen. Nur einmal scheint das Quartett für immer zerstört: David, der Bass, ist Jude und wird an die Gestapo verraten und deportiert. Er überlebt den Holocaust und wagt mit seiner Rückkehr in das Quartett den ersten Schritt zur Versöhnung.
Coline Serreau entführt auf eine theatralisch ­musikalische Zeitreise und verbindet mit Witz und Poesie drei tragikomische Geschichten aus drei Generationen, die obwohl sie unterschied­licher nicht sein könnten, doch eines miteinander verbindet: die Leidenschaft zur Musik. In »Les Echos« hieß es anlässlich der Uraufführung: »man lacht, man weint ein wenig, man hat Lust zu singen. Ein ungewöhnlicher Abend und ein wunderschöner.«

»Musik begleitet dieses Stück, alte und zeitgenössische Werke werden frei gemischt, – um die Worte abzulösen, wenn sie das Unsagbare nicht mehr auszudrücken vermögen, und um uns den wahren Gemütsbewegungen anzunähern, die uns im Innersten treffen.«
Coline Serreau

Regie & Musikalische Leitung: 
Patrick Schimanski
Kostüme: 
Charlotte Labenz
Dramaturgie: 
Paul Voigt
Premiere am ,
Studio im Herzogskasten
Dauer: 120 Minuten, mit Pause
Dr. Isabella Kreim, Kulturkanal – 13.10.2014
» ... großartig singende und spielende Darsteller ...«

»Die dritte Premiere des Stadttheaters Ingolstadt in dieser Spielzeit setzt wiederum einen neuen Akzent. Nach der Komödie ›Ein Mann, zwei Chefs‹ im Großen Haus und dem zeitgenössischen Schauerdrama ›Grillenparz‹  ist  ›Sommersalon‹ im Studio im Herzogskasten ein feinsinniges Divertimento  über die Gefühlslagen eines Quartetts in unterschiedlichen historischen  Konstellationen. Ein Gesangsquartett  probt  in drei Zeitepochen Musikstücke von der Renaissance bis zum Gospel, streitet sich, verliebt sich, trennt sich und findet doch wieder im Singen zusammen.
2 Männer und 2 Frauen spielen also 12 Figuren und zwar in 9 ineinander verschränkten Episoden, in der Gegenwart, im 19. Jahrhundert und in der Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich.  Die  Handlungsfäden  werden wiederaufgenommen und weitergesponnen, Liebende trennen sich, nicht Verliebte finden zueinander, es gibt komische Momente und Psychodramen, musikalische  Glücksmomente, vor allem aber zwischenmenschliche Krisen. Das ist die Struktur, die die erfolgreiche französische Komödienspezialistin Coline Serreau ihrem Theaterstück ›Sommersalon‹ gegeben hat.

Der Genuss dieser Aufführung  liegt darin, wie wunderschön und stilsicher dieses Schauspielerquartett die schwierigsten vierstimmigen Sätze des Renaissancekomponisten Jannequin, von Bach, Johannes Brahms bis Arnold Schönberg, groovige Spirituals oder Ensembles aus Mozart-  und Rossiniopern singt. Vor allem die beiden Soprane Denise Matthey und Renate Knollmann klingen sichtlich an klassischem Gesang geschult, aber auch Enrico Spohn und Thomas Schrimm ergänzen das Quartett exakt und klangschön.
Der Zauber dieses Theaterabends aber besteht darin, wie liebevoll und delikat Regisseur  Patrick Schimanski und die Darsteller 3 unterschiedliche Zeitepochen lebendig werden lassen und  12 zeittypische Charaktere ausgearbeitet haben.
Liebe, Eifersucht, Rivalität, Aversionen, Leidenschaft,  Frust und Trennung – die zwischenmenschlichen Probleme in einer Zweckgemeinschaft aus zwei Männern und zwei  Frauen mögen sehr ähnlich sein. Aber der  Umgang damit, wie die Menschen Rivalitäten austragen, sich auf die Nerven gehen, ihre Liebe bekunden oder still vor sich hin leiden,ob flapsig oder sentimental, dezent oder offensiv, der Sprachstil  und die kommunikativen  Attitüden der Liebeserklärung oder  der Trennungsansage  sind im Laufe eines Jahrhunderts einem starken Wandel und Zeitgeschmack unterworfen - wie die Kleidermode und die Musik.

Renate Knollmann verwandelt sich von der umtriebigen Aktionistin von heute, in die elegische Biedermeierdame und in die lebenstüchtig-verständnisvolle,  aber unglückliche Frau im Umfeld der Nazi-Besatzung. Großartig  wie Thomas Schrimm als der  durch plump gegrumelte  Kalauer provozierende  Gemütsmensch-Bass von heute als Salonlöwe des 19. Jahrhunderts seine Liebe und seine Bauchschmerzen im zartesten Falsett säuselt. Und wie er als Jude im besetzten Frankreich die Dezenz des Ja-nicht-Auffallens  verinnerlicht hat, selbst im Flirt und im durchaus komischen Vorspielen seiner Diplomaten-Worthülsen . Ergreifend  geradlinig und zurückhaltend berichtet er schließlich von seiner Deportation nach Dachau.
Ist das wirklich dasselbe Gesicht dieser Figuren von Denise Matthey? Diese missmutig- resolute junge Lesbe von heute, die gezierte Salondame  im 19. Jahrhundert und das verschlossen traurige junge Mädchen, das ihre große Liebe im Holocaust umgekommen glaubt?
Und Enrico Spohn, der steife Gockel aus dem 19. Jahrhundert wird mit Sartre-Brille verblüffend authentisch zu einem blutleeren jungen Intellektuellen der 1940er Jahre und  erbärmlichen Kleingeist, als seine Verlobte sich ausgerechnet einem älteren Juden zuwendet.
Vor allem Renate Knollmann und Enrico Spohn wissen durchaus auch, wie man komödiantische Pointen setzt.
Ergänzt wird das Quartett durch einen musikalische Schutzengel an Klavier, Harmonium und Heimorgel, die  darstellerisch  dezent mitspielende Ekaterina Isachenko.

Regisseur Patrick Schimanski ist auch Komponist und Musiker. Er hat ein feines Gespür für Zwischentöne und stilistische Feinheiten, für unterschiedliche Tempi und Stimmungslagen und hat einen feinsinnigen Weg gefunden, die Atmosphäre unterschiedlicher historischer Konstellationen zu verdichten. Nicht mit der Behauptung der Authentizität wie in vielen Historienfilmen, sondern mit liebevoller Einfühlung und vor allem einer Prise komödiantischen Augenzwinkerns.
Ein bisschen parfümierte biedermeierliche Sentimentalität dort, ein bisschen flapsige Ruppigkeit heute und selbst in der Nazizeit neben dem Psychodrama ein Quäntchen Missverständnis-Komik, die in diesem Fall allerdings bereits von Coline Serreau angelegt ist. (...)

Sogar aus  den vielen  Kostümwechsel bei einem Dutzend Zeitsprüngen zwischen den Szenen sind Inzenierungshighlights geworden. Ausstatterin Charlotte Labenz hat Kostüme mit allen Accessoires wie Perlenketten, Einstecktuch, Bluse mit Lederjacke entworfen, die durch einen -  beim ersten mal witzig ryhthmisch aufgerissenen -  Klettverschluss im Rücken schnell und auch manchmal mithilfe der Bühnenpartner angezogen werden können. Und  es ist ein besonderer Reiz, wie variantenreich diese Übergänge umgesetzt sind. So singen die Darsteller noch von der vorausgegangen Szene ein Gospel, während sie  in die Biedermeierkleider schlüpfen oder vom Rivalen  der folgenden Szene in die enge Jacke der 1940er Jahren gezwängt werden.

Eine wunderschöne, feinnervige Regiearbeit und großartig singende und spielende Darsteller machen ›Sommersalon‹ zu einer Aufführung, die so gut fürs Gemüt ist wie der Soul und die Musik von Bach, Mozart, Rossini oder Johannes  Brahms.«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 13.10.2014
» ... reiner Genuss ... «

 »Dass die musikalische Zeitreise der französischen Schauspielerin, Filmemacherin und Autorin Coline Serreau (Jahrgang 1947) auf den Spielplan des Stadttheaters gefunden hat, dafür könnte es eine einleuchtende Begründung geben: Das 1998 in Paris uraufgeführte Stück ›Sommersalon‹ bietet gesanglich begabten Schauspielerinnen und Schauspielern, über die das Ingolstädter Ensemble reichlich verfügt, eine vorzügliche Möglichkeit zur Demonstration ihrer Kunstfertigkeit.

(...) Und dies ist das eigentliche Ereignis der Aufführung: Renate Knollmann, Denise Matthey, Enrico Spohn und Thomas Schrimm singen geradezu perfekt, ein reiner Genuss, ganz erstaunlich – Verdienst nicht zuletzt der höchst professionellen Einstudierung durch Ekaterina Isachenko, die auch mit Charme an drei Tasteninstrumenten agiert, gelegentlich unterstützt von der Flötistin Verena Wagner. Patrick Schimanski zeichnet für die geglückte musikalische Einrichtung und die eher belanglose Regie verantwortlich. Charlotte Labenz hat attraktive zeitbezogene Kostüme gestaltet, die amüsanterweise auf offener Bühne gewechselt werden.

Das brillante Vokalensemble wurde nach der Premiere mit riesigem Beifall gefeiert.«